«Die Vernunft hat gesiegt»
16.01.2026 BremgartenSeit Anfang Januar wird der Müll der Bremgarter Unterstadt wieder abgeholt
Ein im Nachhinein umstrittener Volksentscheid während Corona entpuppte sich in Bremgarten zur schier unendlichen Abfallgeschichte. Nun hat diese vorerst ein Ende gefunden. Ein Happy End ...
Seit Anfang Januar wird der Müll der Bremgarter Unterstadt wieder abgeholt
Ein im Nachhinein umstrittener Volksentscheid während Corona entpuppte sich in Bremgarten zur schier unendlichen Abfallgeschichte. Nun hat diese vorerst ein Ende gefunden. Ein Happy End aus Sicht der kämpferischen Anwohner.
Marco Huwyler
Der Berchtoldstag war für Maria König ein Freudentag. Und zwar nicht obwohl sie morgens um 7 von Lärm vor ihrer Haustür geweckt wurde – sondern gerade deswegen. «Ich war richtig glücklich. Ich habe aus dem Fenster geschaut, wie die Säcke eingeladen wurden, und dabei gelächelt.»
Königs Freude ist nachvollziehbar. Denn solcherlei war in der Unterstadt schon sehr lange nicht mehr geschehen. «Jahrelang haben wir für diesen Moment gekämpft», sagt sie, während ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen eifrig nickend zustimmen. «Klar gab es Momente der Resignation, doch wir haben uns immer wieder aufgerafft und uns gesagt: Nein, das wollen wir so nicht hinnehmen.» Immer wieder wurde man beim Stadtrat vorstellig, immer wieder blitzte man ab. Doch die Hartnäckigkeit sollte sich letztlich doch noch lohnen.
Systemwechsel während Corona
Rückblick – im Juni 2020 wird die Bevölkerung in Bremgarten an die Urne gerufen, weil der Stadtrat im Zuge der Sanierung der Strassen und Gassen in der Unterstadt ein neues Abfallsystem lancieren möchte: Unterflurcontainer (UFC) an drei Standorten, wo Müll rund um die Uhr entsorgt werden kann. Sie sollten die wöchentliche Müll- und Grüngutabfuhr in der Unterstadt ersetzen. Das Volk stimmt dem Vorhaben zu. «Dass darüber gleich ganz Bremgarten befand und die direkt Betroffenen im Vorfeld nicht befragt wurden, hat uns schon damals gestört», sagt Reto Jäger, der bei der widerspenstigen Anwohnergruppe in den letzten Jahren oftmals als Ansprechpartner fungierte. Doch zu Beginn regt sich keine Opposition gegen den Entscheid. Das gemeinschaftliche Leben ist durch Corona damals quasi lahmgelegt. «Ausserdem hatten wir mit dem Kornhausplatz einen Sammelstandort in der Nähe. Damit konnten wir leben», sagt Franziska Schmid
– auch sie eine derjenigen, die sich später immer wieder exponieren sollten.
Die Lösung eines Problems verursacht das nächste
Doch dann, nach Inbetriebnahme der UFC Anfang 2021, zeigt sich rasch, dass das neue System Probleme macht. Anwohner des Kornhausplatzes stören sich an den Gerüchen, welche die UFC verursachen. Ausserdem monieren sie, dass man sie um einen möglichen schönen Begegnungsort in der Unterstadt beraubte. Die Stadt nimmt das Problem zwar ernst und untersucht die Geruchsemissionen aufwendig. Doch die Massnahmen fruchten nicht. Der Gestank bleibt. Und so beschliesst man im Rathaus den Standort wieder aufzuheben bzw. dafür den bereits bestehenden beim Friedhof auszubauen. Für die Kämpfer für einen abfallbefreiten Kornhausplatz ein Erfolg. Andere sind mit der neuen Situation weniger glücklich. «Erst damit begannen unsere grossen Probleme mit dem neuen Abfallregime», erklärt Kathrin Schäpper.
Die Distanzen werden zu weit
Mit der Kornhaussammelstelle geht nämlich der zentralste Abfallstandort verloren. Für viele Menschen in der Unterstadt verlängern sich die Gehdistanzen, um ihren Müll zu entsorgen. Die Stadt kann ihr Versprechen, wonach der maximale Weg für alle 150 Meter betragen soll, bei Weitem nicht mehr einhalten. Mehr als mühsam für viele. «Für Betagte und Menschen mit Einschränkungen – wie mich – war das eine Katastrophe», sagt Rea Raselli. Daher formiert sich Widerstand. Eine Anwohnergruppe erhebt Einsprache und fordert eine Rückkehr zum alten System – welches in der Oberstadt ohnehin weiterhin betrieben wird. Doch intensiver Schriftverkehr, Gespräche im Rathaus und Wortmeldungen an Gemeindeversammlungen führen zu keinerlei Änderungen. Der Alltag ist derweil für viele der Betroffenen beschwerlicher. «Die Abfallentsorgung wurde plötzlich zur Mammutaufgabe, die geplant werden musste und ungemein viel Zeit in Anspruch nahm», berichtet Raselli.
Dritter Standort geplant und wieder verworfen
Im März 2023 gipfelt der Widerstand der Anwohnergruppe schliesslich in einer Unterschriftensammlung. Man geht von Haus zu Haus und erfährt Unterstützung. 134 Unterschriften von Bewohnern der Unterstadt werden als Petition im Rathaus eingereicht. Der Stadtrat gibt sich zwar grundsätzlich gesprächsbereit – allerdings will er am neuen System festhalten und nicht zur Abholung des Abfalls zurückkehren. Stattdessen soll ein neuer, dritter Standort gesucht werden. Doch die Suche erweist sich als schwierig. Nach vielen Gesprächen und Evaluierungen schreibt die Stadt schliesslich einen Standort beim Augraben aus. Doch damit ist eigentlich niemand glücklich. Für viele verkürzt er die Wege nur unwesentlich – und die potenziellen Anwohner fürchten die Geruchsemissionen. Zahlreiche Einsprachen sind die Folge. Die Stadt hat ein Einsehen und sistiert von sich aus das Baugesuch. Stattdessen lanciert man eine grossflächige Online-Umfrage in der ganzen Altstadt. Ein Wendepunkt in der scheinbar unendlichen Geschichte.
Umfrage als Gamechanger
«Von diesem Moment an wusste ich, dass wir gute Chancen haben, dass das Rathaus doch noch ein Einsehen hat», erzählt Jäger. «Mir war klar, dass das Ergebnis der Umfrage für uns positiv ausfallen würde.» Denn dass sie nicht nur eine lautstarke Minderheit sind, wie vom Stadtrat vermutet, sondern die unzufriedene Stimme der Unterstadt, davon war die Gruppe schon länger überzeugt. «Spätestens als wir für unsere Petition so viel Zuspruch erfahren hatten», sagt König. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde die Online-Umfrage schliesslich durchgeführt. Nicht ohne Schwierigkeiten notabene. «In dieser Geschichte lief eigentlich nie etwas reibungslos», lacht Schäpper, wenn sie daran zurückdenkt. Anwohner der Oberstadt erhielten Zugang zu den Fragen, welche für die Unterstadt vorgesehen gewesen wären und umgekehrt.
Wichtige Hinweise fehlen oder werden erst während dem Prozess ergänzt. «Alles höchst unglücklich. Falls das Ergebnis nicht so eindeutig gewesen wäre, hätte man Fragen zur Validität stellen müssen», findet Schmid. Doch glücklicherweise – für die unterstädtische Anwohnergruppe – ist das Resultat unmissverständlich.
180-Grad-Wende
In der Bremgarter Oberstadt – wo der Abfall konventionell eingesammelt wird – erreicht die Zufriedenheit mit dem Entsorgungssystem 73 von 100 möglichen Punkten. In der Unterstadt sind es nur 48. Total 153 Antworten gingen bei der Stadt ein, relativ gleichmässig über beide Stadtteile verteilt. Dem Stadtrat reicht dies letztlich aus, um einzulenken und eine 180-Grad-Wende einzuschlagen. Auch in der Unterstadt wird seit diesem Jahr wieder Müll- und Grüngut vor den Haustüren eingesammelt. Zum ersten Mal seit fast fünf Jahren wieder.
Plötzlich geht es schnell
«Wir sind ungemein froh und auch ein wenig verblüfft», sagt Jäger. Vor allem dass es nach der Umfrage im Sommer plötzlich so schnell und ohne weiteres Federlesen ging, hat ihn überrascht. «Denn schliesslich war zuvor jahrelang alles kompliziert.» Gegenüber der Stadt bleibt von der Anwohnergruppe ein zwiespältiges Gefühl zurück. «Einerseits sind wir sehr froh, dass man stets gesprächsbereit war und schlussendlich das Einsehen hatte», sagt Schäpper. «Andererseits ist man im ganzen Prozess auch oft belehrend und von oben herab aufgetreten.» Groll bleibt aber keinesfalls – vielmehr grosse Freude darüber, dass man mit Solidarität, Ausdauer und Überzeugung gemeinsam etwas bewirken kann in Bremgarten.
Feier nach Happy End
Als den Anwohnern der Stadtratsbeschluss im November mitgeteilt wird, feiert man dies spontan zusammen. «Wir haben gleich eine Flasche aufgemacht und ein kleines Fest veranstaltet», lächelt Schmid. Die Erleichterung ist gross, dass der Widerstand aufhören kann und die scheinbar unendliche Unterstädter Altstadtgeschichte doch noch ein Ende findet. Ein Happy End. «Aus dem Ganzen hat man nun hoffentlich die richtigen Lehren gezogen», sagt Raselli. «Damit beim nächsten Mal von Anfang an jene miteinbezogen werden, die es betrifft.» Und das Abschlussfazit ist ein Positives. «Es ist schön, dass die Vernunft letztlich die Sturheit besiegte.»

