Carmen Bärtschi, Zürich, vormals in Bremgarten und Wohlen.
Vom Sinn des Schmerzes
«Das Leben ist zu schön für Schmerzen.» Der alte Slogan einer deutschen Schmerzmittelmarke ...
Carmen Bärtschi, Zürich, vormals in Bremgarten und Wohlen.
Vom Sinn des Schmerzes
«Das Leben ist zu schön für Schmerzen.» Der alte Slogan einer deutschen Schmerzmittelmarke drückt aus, was die meisten denken: Schmerzen sollen schnell weg. Und weiter im Kontext. Laut Descartes stört Schmerz nur den Geist beim Denken. Der Körper soll gefälligst ruhig sein. Diese mechanistische Betrachtung führte zur Entwicklung unserer modernen Schmerzmittel und führte dazu, dass Pharmafirmen den Kampf gegen Schmerzen aufnahmen. Die Opioidkrise in den USA zeigt die Auswirkungen dieser Maxime. Die Suche nach völliger Schmerzfreiheit endete in der Sucht.
Schmerzakzeptanz ist somit auch kulturell geprägt. Es gibt Stämme im Amazonas, die Schmerzen zelebrieren und stolz als Narben zur Schau tragen. Insbesondere in Initiationsriten werden Jünglinge an ihre Schmerzgrenze gebracht. In unserer hedonistischen Gesellschaft ist dies verpönt. Gut ist, was gut tut. Bei mir in der therapeutischen Praxis sehe ich auch eine Tendenz, emotionale Schmerzen zu vermeiden. Wir bleiben oft lieber in unserer Komfortzone; scheuen Konflikte und schmerzhafte Emotionen. Nicht gefühlter Schmerz führt jedoch meistens zu Leid. Dem gegenüber steht die Schmerzlust, die nicht nur in sadomasochistischen Praktiken zum Ausdruck kommt, sondern auch im Sport. Dieser selbst gewählte Schmerz sei, laut Arnold Schwarzenegger, wie ein Orgasmus. Körpereigene Opioide werden ausgeschüttet.
Auch beim Tätowieren wird der Schmerz umgewertet in etwas Positives. Man fühlt sich lebendig und stark. Manchmal sogar verbunden. Denn idealerweise bekommt man nach emotionalen oder körperlichen Schmerzerfahrungen Trost und Zuwendung von anderen. Das Bindungshormon Oxytocin wird ausgeschüttet. Wir spüren, dass wir mit dem Schmerz nicht alleine sind und diesen gemeinsam ertragen können. Wer jedoch nicht verletzt werden möchte, bleibt am Schluss unberührt da. Unverletzt zwar, jedoch auch alleine. Wachstum geschieht bekanntlich an der Grenze. Grenzerfahrungen können uns stärker und resilienter machen. Vielleicht brauchen wir daher nicht einfach Schmerzfreiheit, sondern einen anderen Umgang damit. Indem wir diesen als Teil unseres körperlichen Daseins akzeptieren, leiden wir längerfristig gesehen vielleicht auch weniger.