Mit Leidenschaft mitgestalten
07.10.2022 WohlenWohlen: Thomas Leitch setzte sich 25 Jahre im Grossen Rat für die Menschen ein – er zieht Bilanz
Für ihn war das Polit-Leben stets eine Herzensangelegenheit. Thomas Leitch durfte im Grossen Rat 25Jahre lang die Geschicke im Aargau ...
Wohlen: Thomas Leitch setzte sich 25 Jahre im Grossen Rat für die Menschen ein – er zieht Bilanz
Für ihn war das Polit-Leben stets eine Herzensangelegenheit. Thomas Leitch durfte im Grossen Rat 25Jahre lang die Geschicke im Aargau mitsteuern.
Daniel Marti
Die Bildung liegt ihm am Herzen. Dafür setzt er sich stetig ein. Dafür politisiert er mit Leidenschaft und Engagement. Gleiches gilt für die Kultur. Und für ein harmonisches Zusammenleben aller Aargauerinnen und Aargauer. 25Jahre lang trat Thomas Leitch für seine Werte ein im Grossen Rat. Ein Vierteljahrhundert lang – rekordverdächtig für aktuelle Freiämter Verhältnisse.
Es sei eine Lebensschule mit ständiger Fortbildung gewesen, sagt er. Und die lange Zeit war stets hochinteressant. Weil er eben mitgestalten konnte. Nur zweimal ist seine lange Karriere im Grossen Rat auf des Messers Schneide gestanden. In seiner persönlich zweiten Amtsperiode hatten SVP und FDP zusammen die Mehrheit im Parlament. «Da ging es nur noch um Machtentscheide», blickt der Sozialdemokrat zurück. Ideen von der Mitte bis links waren chancenlos. In dieser Phase hat er sich nicht erträumt, so lange in Aarau zu bleiben. «Vieles hat sich dann ausbalanciert», sagt Leitch, der faire Auseinandersetzungen mag und immer eine gewisse Harmonie anstrebt. Im Jahr 2011 drohte der nächste «Abgang». Da wurde der Wohler beinahe in den Nationalrat gewählt. Yvonne Feri schnappte ihm mit einem hauchdünnen Vorsprung von 262Stimmen den vierten SP-Sitz weg. Aarau statt Bundesbern hiess es damals. Umso stärker setzte er sich danach im Grossen Rat ein – für die Menschen im Aargau und im heimischen Freiamt im Speziellen.
Bildungs-Experte und vieles mehr
Thomas Leitch-Frey war ein Vierteljahrhundert lang eine bewährte Kraft im Grossen Rat – eine Bilanz
Thomas Leitch, der Treue. 25Jahre lang war der Wohler im Grossen Rat tätig. Die Balance im Parlament war ihm immer wichtig. Und er machte sich als Bildungs-Experte einen Namen, aber nicht nur. Seine Polit-Karriere ist mit etlichen Highlights versehen.
Daniel Marti
Es ist eine lange politische Reise. 25Jahre, ein Vierteljahrhundert, fast ein ganzes Polit-Leben. Stets im Dienste der Bevölkerung und des Kantons Aargau. Thomas Leitch war eine feste Grösse, eine allseits akzeptierte Persönlichkeit. Nicht nur bei seiner SP. Auch weit ins bürgerliche Lager hinein gibt es Bindungen, die über die politische Laufbahn hinaus weiter halten. Thomas Leitch trat Mitte Jahr zurück, liess die Ära im Grossen Rat zurück. Im Parlament wurde er mit Standing Ovations verabschiedet. Alle Fraktionen machten da mit. Das zeigt, dass seine Präsenz, sein Wissen, seine Erfahrung geschätzt wurden.
«Für mich war diese Zeit eine unglaubliche Fortbildung», bilanziert der 60-Jährige. Viele Veränderungen und Auseinandersetzungen inklusive. Es wurde gerungen um verschiedene Meinungen, «und die eigene Haltung konnte ich stets einbringen». Die lange Zeit im Grossen Rat sei für ihn beeindruckend gewesen und eine gute Lebensschule.
Gedanken an einen Ausstieg hatte er nur einmal. In seiner persönlich zweiten Amtsperiode war die Situation recht schwierig. Der Rat zählte noch 200 Mitglieder. SVP und FDP verfügten über die Mehrheit. «Da ging es oft nicht mehr um die Sache, sondern nur um Macht. Da brauchte es eine dicke Haut.» Und Leitch dachte damals nie daran, dass er dem Kantonsparlament 25 Jahre lang die Treue halten könnte. Er tat es. Und bereut gar nichts.
«Wie ein Federer-Moment»
In diesen 25 Jahren veränderte sich die Politik «unglaublich stark», wie er festhält. Die Veränderungen waren wesentlich. A nfänglich waren E-Mails ein Fremdwort, Digitalisierung ebenfalls. Dann kam WoV, die wirkungsorientierte Verwaltungsführung. Am Anfang sei er dieser kritisch gegenübergestanden, er befürchtete einen gewissen Demokratieverlust. Dieser trat nicht ein. «Heute hat der Kanton Aargau dafür eine der schlanksten Verwaltungen aller Kantone, was aber nicht immer nur von Vorteil ist.»
Auch die Geschwindigkeit nahm mit der Zeit stetig zu. «Heute muss man immer sofort auf alles eine Antwort bereithaben. Darum sind auch alle bemüht, sofort reagieren zu können.» Diesen Druck findet er allerdings nicht gut, weil er manchmal zu unausgegorenen Schnellschüssen führt. Der Einstieg ins Kantonsparlament war für Thomas Leitch nicht so schwierig. Als Co-Präsident der SP Aargau habe er gleich zu Beginn gewusst, wie das läuft in Aarau. «Ich kam nicht als der pure Anfänger», erinnert er sich. Und zu seinem Ausstieg bilanziert er: «Jede und jeder ist ersetzbar. Auch nach 25 Jahren.» Das Vierteljahrhundert im Grossen Rat sei für ihn eine «abgerundete Sache. Alle Anliegen, die ich einbringen wollte, wurden behandelt oder werden weitergeführt.» Das sei erfreulich.
Wie auch sein Abgang. «Der war sehr emotional», kommt er auf die Standing Ovations des gesamten Rates zurück. Und er nennt einen überraschenden Vergleich: «Für mich war es wie ein Federer-Moment, was die Emotionen betrifft.» Auch der Abschied des besten Schweizer Tennisspielers war sehr bewegend. «Und über die Wertschätzung bei meinem Abschied freute ich mich sehr.»
Wissen mit der Politik vereint
In den über zwei Jahrzehnten entwickelte sich Thomas Leitch vor allem zum Bildungs-Experten. Er möchte allerdings nicht auf diese eine Bezeichnung reduziert werden. «Ich konnte berufliches Wissen mit der Politik verbinden», sagt er, «aber beispielsweise auch als ehemaliges Schulpflegemitglied oder als Schulleitungsmitglied kann man ein Experte sein.»
Noch ein Phänomen, das für den Bildungs-Experten spricht: In all den Jahren war der Wohler Mitglied der Bildungskommission. Am Anfang lag sein Fokus schon auf der Volksschule, danach aber auch auf der Komplexität der Bildung samt Fachhochschulen und Berufsbildung. Und diese grosse Erfahrung habe dazu geführt, «dass man mir zugehört und mich respektiert hat». Auch der politische Gegner vom rechten Rand. Von dort kommt allerdings der Vorwurf, dass die Bildung zu oft von linken Politikkreisen geprägt sei. Dagegen wehrt sich der Bildungs-Experte. Dieser Vorwurf sei störend, «weil er unterstellt, dass damit andere Meinungen unterdrückt werden. Nur mit kontroversen Meinungen gibt es aber faire und konstruktive Auseinandersetzungen. Lehrer ist halt ein sozialer Beruf. Und Bildungsthemen werden deshalb oft von Mitte-Links besetzt.»
Thomas Leitch hat in Aarau vor allem im Bildungsbereich ganz unterschiedliche Epochen erlebt – unter den Freiämter CVP-Regierungsräten Peter Wertli, Rainer Huber und unter dem SVP-Magistraten Alex Hürzeler. Seine Einschätzung dazu: «Rainer Huber war sehr innovativ, aber er wollte wohl zu viel. Mit der wegweisenden Reform Bildungskleeblatt, die ich sehr unterstützt habe, waren viele überfordert. Alex Hürzeler führte aber einiges davon fort, und er macht nicht immer SVP-Politik. Je länger er im Amt ist, desto sicherer wurde er.»
Zudem habe Hürzeler die überfällige Strukturreform beim Stimmvolk souverän durchgebracht. «Aber die Probleme der Oberstufe, also die Realschule, und die Tagesstrukturen sind noch nicht gelöst», kritisiert er.
Und der Lehrermangel ist auch ein ewiges (ungelöstes) Thema. Aktuell erst recht. «Ein Patentrezept gibt es nicht», betont der Seklehrer. «Man hat im Aargau aber zu lange geschlafen und zu lange gezögert mit der passenden Ausbildung und der Verbesserung der Rahmenbedingungen.» Es sei immer wieder knapp aufgegangen mit der Besetzung der offenen Stellen, so Leitch weiter, «aber die Lehrerlöhne wurden einfach zu spät angehoben». Und deshalb war der Kanton Aargau im Konkurrenzkampf mit anderen Kantonen einfach am kürzeren Hebel. «Bald gehen viele Lehrkräfte in Pension», warnt er, «und dann gibt es erst recht zu wenige Lehrerinnen und Lehrer.» Es brauche deshalb eine offensive Ausbildungskampagne für Mittelschülerinnen und Quereinsteiger.
Kommissionspräsident ein Highlight
Thomas Leitch präsidierte von 2013 bis 2016 die Kommission Bildung, Kultur und Sport. Er nennt dies «eine schöne Erfahrung und ein Highlight. Da konnte ich noch stärker mitgestalten, die vier Jahre waren bereichernd.» In seiner letzten Legislatur gründete er zudem die interfraktionelle Kulturgruppe. Mit diversen Besuchen kultureller Anlässe verschafften sich rund 40 Parlamentarierinnen und Parlamentarier von rechts bis links auf diese Weise einen Zugang zur Kultur. «Dieser Austausch ausserhalb des politischen Geschehens war immer Gold wert.» Die Kulturgruppe gibt es übrigens immer noch. Ein zweites grosses Highlight gab es zu Beginn der aktuellen Legislaturperiode: Diese durfte Thomas Leitch als Alterspräsident und Dienstältester eröffnen.
Der knapp verpasste Sprung in den Nationalrat
Beinahe wäre die lange und erfolgreiche Grossratskarriere allerdings abgekürzt worden. Denn im Jahr 2011 pochte Thomas Leitch an die Nationalratstür in Bundesbern. Das Aargauer Volk wähle ihn auf der SP-Liste auf die fünfte Stelle. Erster Ersatzplatz, Kronprinz. Vor ihm waren Pascale Bruderer, Max Chopard und Cédric Wermuth klar gewählt. Yvonne Feri schaffte es auf den vierten Platz. Sie hatte nur 262Stimmen Vorsprung auf Leitch. «Nationalrat», blickt er zurück, «das hätte ich sehr gerne gemacht, aber es hat nicht sollen sein.» In den vier folgenden Jahren gab es keine Chance, nachzurücken. Und für einen neuerlichen Anlauf Richtung Bern war der Wohler dann nicht mehr bereit. Umso mehr bewirkte er im Grossen Rat? «Kann gut sein.» Jedenfalls waren Energie und Enthusiasmus für das Kantonsparlament stets vorhanden.
Und nun: Thomas Leitch ohne Politik. Eigentlich nicht denkbar. «Ich werde ein politischer Mensch bleiben», fügt der Sekundarlehrer sofort an. Und natürlich werde er es vermissen, wenn er nicht mehr mitgestalten kann. Aber seine Tage sind ausgefüllt. Mit einem Pensum von 74 Prozent als Klassenlehrer an der Kreisschule Mutschellen, zudem ist er ICT-Verantwortlicher der Schule.
Der Sozialdemokrat wird zumindest weiter beobachten, wo es Verbesserungen und A nregungen braucht. Ukraine-Krieg, Umwelt und Energiekrise beschäftigen ihn. Er war beispielsweise einer der Ersten in Wohlen, die auf Solarenergie auf ihrem Dach umstellten. Das war im Jahr 2008. «Mit Überzeugung», betont er. Und wie ist die aktuelle Energiekrise zu lösen? «Investieren, investieren, investieren in erneuerbare Energien und Gebäudedämmung», sagt er. Im Kanton Aargau gehe die Gesetzgebung in die richtige Richtung, stellt der Alt-Grossrat fest. «Vor allem bei öffentlichen Bauten muss man auf Solarenergie umsteigen.»
Idealer Zeitpunkt
Also doch ein wenig weiter politisieren? Nein. «Jetzt war ein guter Zeitpunkt für den Rücktritt.» Kommt hinzu, dass mit dem Bremgarter Stefan Dietrich der Co-Präsident der SP Aargau nachrutschen konnte. «Das freut mich für ihn.»
Ein Anliegen liegt ihm doch noch am Herzen. Die Integration der Ukraine-Flüchtlinge in die Schule sei nicht vollständig geregelt, erklärt er. Die Kinder aus der Ukraine müssen auch den Online-Unterricht ihrer Schule zu Hause verfolgen. «Dadurch sind diese Schülerinnen und Schüler in der Klasse hier nicht ideal integriert. Und das führt unweigerlich zu Problemen. Denn die Politik fordert zu Recht eine gute Integration. Deshalb braucht es eine Regelung, die auch den Übertritt in die Berufsbildung für diese jungen Menschen garantiert.» Also doch: Bildungs-Experte bleibt Bildungs-Experte.
Die Sensibilität verstärkt
Hat Thomas Leitch alle seine Ziele erreicht?
Über sechs Legislaturperioden im Kantonsparlament. In dieser Zeit gab es viele Ziele. Alle hat Thomas Leitch nicht mehr im Kopf. Aber sein Hauptanliegen konnte er umsetzen. «Ich konnte die Sensibilität der bürgerlichen Seite in Bildungsfragen verstärken und teilweise schauten sogar Mehrheiten heraus.» Damit habe er ein grosses persönliches Ziel erreicht. Auch konnten die Beiträge an die Kultur etwa im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum gesteigert werden.
Die Verhinderung der Privatisierung der Kantonalbank sei ein weiterer grosser Erfolg, so Leitch. Diese sei erst im März 2020 wieder verhindert worden. Eine Privatisierung der AKB komme einer «Verscherbelung des Tafelsilbers gleich. Die AKB ist eine florierende Bank, die in den letzten 20 Jahren dem Kanton Aargau 1,5 Milliarden Franken eingebracht hat.»
Dass vor sieben Jahren ein wesentliches Sparpaket vom Stimmvolk abgelehnt wurde, wertete er ebenfalls als Erfolg. «Denn eine Befürwortung hätte zu schmerzlichen Kürzungen im Bildungsbereich geführt.»
Gewiss, es gab auch nicht erreichte Ziele. Beispielsweise sei die Abschaffung der Intensivförderung für Lehrkräfte eine Fehlentscheidung. Oder die Oberstufen-Reform und die Tagesschule «haben wir nicht hingebracht. Das bedauere ich. Irgendwann wird das kommen. Es braucht halt Zeit.» --dm



