Graben in der Grube
12.08.2022 Region UnterfreiamtIn einer Woche feiert «Grabenstorf» Premiere
Es ist ein Projekt, das es in dieser Form noch nicht gab. In Sarmenstorf wurde über den Sommer eine Theaterarena gebaut. Allerdings nicht auf der grünen Wiese, sondern quasi in ihr drin. Ein grosses Loch mitten im ...
In einer Woche feiert «Grabenstorf» Premiere
Es ist ein Projekt, das es in dieser Form noch nicht gab. In Sarmenstorf wurde über den Sommer eine Theaterarena gebaut. Allerdings nicht auf der grünen Wiese, sondern quasi in ihr drin. Ein grosses Loch mitten im Zentrum bietet am Seitenrand Platz für die Tribüne, während die Schauspieler und Schauspielerinnen auf dem Boden der Grube spielen. Im Stück selber wird weiterhin fleissig gegraben, der Name ist also Programm. Was als Spinnerei begann, feiert bald schon Premiere. --chh
«Im positiven Sinn gestört»
Am kommenden Freitag findet in Sarmenstorf die Premiere des Theaters «Grabenstorf» statt
Mitten im Dorf ist auf der grünen Wiese in einer grossen Grube eine beeindruckende Theaterarena entstanden. Seit Wochen wird intensiv geprobt. Ab dem 19. August wird hier in der Erde ein Stück über eine geheimnisvolle Erde aufgeführt. «Wir sind auf Kurs», berichtet Regisseurin Eva Mann.
Chregi Hansen
Eigentlich wollte Produktionsleiter und Bühnenbildner Stefan Hegi am letzten Freitag die Monti-Premiere besuchen. Er war schon in Wohlen, als ihn der Hilferuf aus Sarmenstorf erreichte. Die heftigen Niederschläge führten dazu, dass Wasser in die Grube floss.
«Wir hatten zwar rundherum einen Sickergraben gezogen, der war aber wohl zu wenig tief», lacht Hegi. Statt zu proben, nahmen die Schauspieler die Schaufeln in die Hand und kämpften gegen das Wasser. «Es war eindrücklich zu sehen, wie alle mit anpackten. Einige waren danach ‹pflotschnass›. Ich bin überzeugt: Die Situation hat das Team noch mehr zusammengeschweisst», sieht Regisseurin Eva Mann durchaus auch Positives. Und ausser dem Schrecken sei ja nichts passiert, die provisorische Theaterbühne in der Erde ist intakt geblieben. Und der Graben rundherum wurde jetzt vertieft.
Team ist top motiviert
Mit solch unliebsamen Situationen muss man eben rechnen, wenn man auf die komische Idee kommt, ein Theater in einem Loch spielen zu wollen. «Grabenstorf» handelt nicht nur vom Graben, das Stück von Jörg Meier spielt auch in einer Grube. «Als ich das erste Mal von der Idee gehört habe, dachte ich: Wow, die graben wirklich ein Loch – das ist gut», erinnert sich Eva Mann. Zuvor kannte sie den Sarmenstorfer Theaterverein ad hoc gar nicht. Heute weiss sie, dass es sich um eine ganz spezielle Gruppe handelt. «Die sind schon ein wenig gestört, aber im positiven Sinn», so die erfahrene Theatermacherin.
Sie ist begeistert vom Engagement und der Leidenschaft der Beteiligten. «In Sarmenstorf wird nicht regelmässig Theater gespielt. Aber die Schauspieler und Schauspielerinnen lernen sehr schnell und nehmen auf, was ich ihnen sage, und setzen es um», freut sich Mann. Umgekehrt schwärmen die Sarmenstorfer von der Regisseurin. «Sie gesteht uns gewisse Freiheiten zu, wir können uns einbringen. Gleichzeitig gibt sie viele wertvolle Inputs», sagt Hans Melliger, der als Produktionsleiter und Schauspieler eine Doppelfunktion hat.
Aus dem Dorf, für die Region
18 Personen spielen im Stück mit, praktisch alle aus dem Dorf. Das Gleiche gilt für die fünfköpfige Band. Es ist ein Stück aus Sarmenstorf, gespielt in Sarmenstorf, aber nicht nur für Sarmenstorfer. «Wir sind zwar grösstenteils Amateure, aber wir haben hohe Ansprüche», macht Melliger deutlich. Die früheren Produktionen des Vereins («De Chlostermetzger» 2006 und «Sachsenmatt» 2010) haben schon eine breite Öffentlichkeit begeistert. Nun hoffen alle, dass das neue Stück «Grabenstorf» an diese Erfolge anknüpfen kann.
Schon jetzt ist aber klar, dass es das spektakulärste Projekt ist. Das hat mit dem Aufführungsort zu tun. Denn gespielt wird wie gesagt in einer Grube. Mitten im Dorf wurde dafür ein grosses Loch gegraben. Es ist umrahmt von einem Gerüst und geschützt mit einem Wellblechdach. Die Tribüne führt hinunter zum Grubenboden, wo sich die «Bühne» befindet. Weitere Schauplätze befinden sich am Grubenrand und auf einem Container. Das Ganze ist sehr minimalistisch eingerichtet, es gibt nur wenige Requisiten, mehrheitlich bilden Erde und Steine die Kulisse. Der Aushub im Hintergrund ist zudem ein wunderbares visuelles Element. «Dieses Stück ist im wahrsten Sinne des Wortes geerdet», betont Stefan Hegi, der die Arena konzipiert hat. Und wegen des grossen Aufwands diesmal selber nicht mitspielen kann.
«Das Ganze war ein Wagnis», betonen auch Melliger und Mann. Niemand wusste beispielsweise, wie das mit dem Schall funktioniert hier im Loch. «Ja, die Erde schluckt den Schall. Aber es ist weniger schlimm als befürchtet», berichtet die Regisseurin. Auf Headsets kann daher verzichtet werden. Trotzdem müssen sich die Schauspieler umstellen. «Normalerweise ist die Bühne oben und sitzt das Publikum unten. Hier sind die Zuschauer oben, da muss man ganz anders auftreten», erklärt Eva Mann. Es sind solche Details, an denen jetzt gefeilt wird. Geprobt wird inzwischen täglich, wobei nicht immer alle mit von der Partie sind. «Die meisten arbeiten zu 100 Prozent. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Und die Energie muss nicht nur bis zur Premiere, sondern bis zur Dernière halten», sagt die Regisseurin. Es soll doch bis zum Schluss Spass machen. «Das ist kein Sprint, sondern ein Marathon», macht Mann deutlich.
Ungewohnte Probleme
Das Spielen in der Grube bringt ungewohnte Probleme mit sich. So gibt es keinen eigentlichen Bühnenboden, dieser ist übersät mit Steinen, was das Gehen nicht immer einfach macht. Aber das lässt sich wunderbar ins Stück einbauen. Archaisch sei die ganze Umgebung, sagen die Macher. Und speziell auch die Geschichte. Sie handelt von der Wundererde, die in der Grube mitten im Dorf zu finden ist. Die Nachfrage danach ist gross, die Grube wird immer tiefer. Doch unerwartet gibt die Grube eine alte Geschichte frei, die mit der heutigen zu tun hat und alles verändert. Doch mehr soll nicht verraten werden.
Das Interesse steigt Tag für Tag
Seit das Loch ausgehoben und die Theaterbühne eingerichtet ist, steigt das Interesse im Dorf. «Es kommen täglich Passanten vorbei und schauen, was hier passiert», berichtet Hegi. Die Vorfreude steigt – der Vorverkauf ist bereits angelaufen. «Wir möchten während eines Monats das Zentrum beleben. Nicht nur mit unseren Aufführungen, daneben gibt es eine Festbeiz und eine Bar. Wir hoffen auf ganz viele wunderbare Abende», schaut Hans Melliger voraus. Das Theater ad hoc wird alles daran setzen, dass dies auch der Fall ist. Und nach der Dernière das grosse Loch brav wieder zuschütten.
Der Kampf mit den Steinen
«Irgendwie ist es schon eine Spinnerei. So etwas gab es wohl noch nie», muss auch Stefan Hegi eingestehen. Und entfernt nun doch ein paar Steine vom «Bühnen»-Boden. Wobei ihm bewusst ist, dass es sich um eine Sisyphusarbeit handelt. «Für jeden Stein, den ich entferne, rollen später wieder zwei in die Grube runter», so seine Erfahrung. Es ist eben eine Arena, die lebt. Und die gerade darum ein wunderbarer Ort für ein tolles Theaterstück ist.
Freilichttheater «Grabenstorf»: 19. August bis 23. September. Vorverkauf online via www.grabenstorf.ch oder im Volg Sarmenstorf. Tickets sind jeweils auch an der Abendkasse erhältlich.



