Fabrik hat Betrieb eingestellt
19.07.2022 HägglingenDas Hägglinger Freilichtspiel «Roduner & Co.» kann eine erfolgreiche Bilanz ziehen
Auf der Bühne wird die Firma gerettet. Im echten Leben ist hingegen nach 19 bejubelten Vorführungen Schluss.
Chregi ...
Das Hägglinger Freilichtspiel «Roduner & Co.» kann eine erfolgreiche Bilanz ziehen
Auf der Bühne wird die Firma gerettet. Im echten Leben ist hingegen nach 19 bejubelten Vorführungen Schluss.
Chregi Hansen
Rund drei Jahre wurde an der neuen Produktion in Hägglingen gefeilt, etwas mehr als einen Monat wurde das Stück gezeigt, nun ist das Freilichtspiel bereits wieder Geschichte. Die Dernière ist vorüber, und an einer internen Abschlussparty haben die Beteiligten nochmals auf die tolle Zeit angestossen. Die Erinnerungen werden aber noch lange nachhallen. «Roduner & Co.» war in allen Belangen ein Erfolg. Das beweisen auch die Zuschauerzahlen, die Belegung lag bei über 85 Prozent.
Die Abschlussparty hat sich die Theatertruppe mehr als verdient. Später ist noch ein gemeinsamer Kinobesuch geplant. Gezeigt wird an diesem Abend das eigene Stück. «Wir haben eine Aufführung professionell und in bester Kinoqualität filmen lassen», erklärt Produktionsleiter Pius Schöpfer. Möglich macht dies ein Beitrag der Markus Kaufmann Stiftung. «Markus hätte sicherlich grosse Freude an diesem Stück gehabt», ist Schöpfer überzeugt. Der Film wie auch das Fotobuch, welches ebenfalls durch die Stiftung finanziert und an alle Beteiligten abgegeben wurde, sorgen dafür, dass diese Aufführung des Vereins Tellspiele Hägglingen unvergessen bleibt. Auch wenn in der Firma Roduner die Lichter ausgehen.
Wehmut und Stolz
Produktionsleiter Pius Schöpfer zieht nach dem Ende von «Roduner & Co.» Bilanz
Er selber hat das Stück rund 30 Mal gesehen. Und hat sich nie nur eine Sekunde gelangweilt. Pius Schöpfer hat dem Freilichttheater in Hägglingen wie schon bei früheren Stücken als Produktionsleiter den Stempel aufgedrückt. Und zieht nach dem Ende der Vorführungen eine positive Bilanz.
Chregi Hansen
Er fühle einfach eine unglaubliche Freude, dass alles so gut geklappt hat, sagt Pius Schöpfer drei Wochen nach der Dernière und einige Tage nach der Abschlussparty der ganzen Theatertruppe. Und dass es während der ganzen Zeit keine Zwischenfälle gab. Gleichzeitig verspürt der Produktionsleiter ein wenig Wehmut, ist doch nun alles vorbei.
«So lange haben wir an diesem Projekt gearbeitet. Das sind ja nicht nur die Aufführungen, die sind nur das Dessert. Aber die ganzen Vorbereitungen haben enorm viel Zeit beansprucht. In diesen Monaten sind wir zu einer grossen Familie geworden», sagt er. Eine Familie, die jetzt wieder auseinandergeht. Wann man sich zum nächsten Mal trifft, ist völlig offen.
Niemand weiss, wann es ein nächstes Mal gibt
«Hägglingen hat keinen fixen Rhythmus wie andere Theatervereine in der Region», erklärt Schöpfer. Seit 1951 gab es gerade Mal acht Produktionen. Zwar gibt es den Verein Tellspiele Hägglingen, doch dieser ist zwischen den Produktionen nicht sehr aktiv. «Es gibt die GV und den Sommerplausch. Und einmal im Jahr besucht man zusammen die Produktion einer anderen Theatergruppe», lacht Schöpfer, der im Verein als Kassier amtet. Darum kann niemand sagen, wann in Hägglingen das nächste Mal Theater gespielt wird. «Irgendwann hat wieder jemand eine Idee und trommelt ein paar Leute zusammen», schaut Schöpfer voraus.
Das Stück schreibt schwarze Zahlen
Eines aber steht jetzt schon fest: Er selber ist dann nicht mehr dabei. 20 Jahre hat er sich im Verein engagiert, dreimal hatte der Unternehmensberater die Produktionsleitung inne, nun sei genug. Er hat hautnah die grossen Erfolge von «Emmetfeld» und «Roduner» erlebt, aber auch das nicht so erfolgreiche «Apollonia Tell». Und in jede dieser Produktionen Hunderte von Stunden ehrenamtliche Arbeit gesteckt. «Der Aufwand ist enorm. Manchmal frage ich mich selber, wie ich das alles neben meinem Beruf und früher neben dem Gemeinderatsamt unter einen Hut gebracht habe», lacht er. Aber er habe es gern getan. «Es ist ein schönes Gefühl, wenn man anderen Menschen eine Freude machen kann. Und wenn man einmal vom Theatervirus infiziert ist, kriegt man es nicht wieder los.»
Er ist stolz, dass er mit einer solch gelungenen Produktion abtreten kann. «Roduner & Co.», das diesjährige Freilichtspiel in Hägglingen, war tatsächlich ein Grosserfolg. Die Zuschauerauslastung betrug über 85 Prozent, das Stück wird, das steht jetzt schon fest, schwarze Zahlen schreiben. Dies auch, weil es schon im Vorfeld gelungen ist, grosse Geldgeber zu finden. «Diese wissen, wozu wir in Hägglingen fähig sind. Dazu kommt der Name Adi Meyer als Regisseur. Dieser Name steht für hohe Qualität der Stücke», meint Schöpfer. Auch er selber ist begeistert von der Arbeit des Wohler Theatermachers. «Als wir mit der Produktion anfingen, hatte er die ganze Inszenierung praktisch bis ins Detail im Kopf», schwärmt Schöpfer. Das mache es viel einfacher, alle Beteiligten zu motivieren, denn sie wissen, worauf sie sich einlassen.
Den Faktor Lärm unterschätzt
Er selber kennt den Inhalt des Stückes wohl auswendig. Gut 30 Mal hat er es in voller Länge gesehen. Für ihn eine Selbstverständlichkeit. «Als Chef geht man voraus. Und ist vor Ort, um allfällige Probleme zu lösen», sagt er. Wobei es davon nicht viele gab. Einzig die Lärmbelastung für die Umgebung habe man unterschätzt. «Lärm ist tückisch, man weiss nie genau, wohin er sich ausbreitet. Bei der letzten Produktion «Emmetfeld» war dies kein Thea, da haben wir im Wald gespielt. Jetzt aber im Dorf. Es gab denn auch einige wenige Reklamationen. Mit diesen Anwohnern haben wir dann den Kontakt gesucht. Dem Aspekt des Lärms müsste man bei einer weiteren Produktion sicher mehr Rechnung tragen», ist sich Schöpfer bewusst.
Als Team funktioniert
Die vielen Abende als Zuschauer im Publikum empfand er nicht als belastend oder gar langweilig. «Ganz ehrlich, ich habe bei jeder Aufführung wieder etwas Neues entdeckt. Und es ist faszinierend, die Nebenfiguren abseits der Handlung genauer zu beobachten», lacht er. Genauso wichtig war ihm aber auch der Kontakt zu den Zuschauern und Sponsoren. «Wir konnten von allen Seiten ganz viel Lob entgegennehmen. Das tut gut nach all dem Aufwand, den wir betrieben haben.» Selber ist er auch voll des Lobes. Besonders für die Hägglinger Vereine und Einwohner. «Wir fühlen uns mit dem Dorf eng verbunden. Und können umgekehrt auf das Dorf zählen. Wir erhielten von ganz vielen Seiten Unterstützung», so Schöpfer.
Er könne mit einem guten Gefühl gehen, betont der Produktionsleiter nochmals. Für ihn war es stets wichtig, dass es im Team funktioniert. Und das hat er geschafft. Es sind oft die kleinen Dinge, die zählen. So war es Schöpfer stets ein Anliegen, dass immer alle gut informiert sind über den aktuellen Stand. Auch kleine Zeichen der Wertschätzung waren ihm wichtig. So erhielten alle Beteiligten an der Abschlussparty einen Fotoband der Produktion. Zudem wurde das Stück gefilmt, und das in Kinoqualität. «Irgendwann werden wir ein Kino mieten und den Film gemeinsam anschauen», schaut Schöpfer voraus. Er findet das wichtig, «denn die Schauspieler selber haben ja nie das ganze Stück gesehen.» Ganz im Gegensatz zu ihm, der es wohl am besten kennt.
Tell vorläufig kein Thema
Pius Schöpfer würde sich freuen, wenn es irgendwann wieder ein Theater in Hägglingen gibt. Er sei auch durchaus bereit, neue Kräfte an seinem Know-how teilhaben zu lassen. Aber Verantwortung übernehmen will er keine mehr. «Jetzt sind neue Kräfte gefragt», macht er deutlich. Tipps kann er genügend geben. So sei es wichtig, sich von Anfang an Gedanken über den Spielort zu machen. «Dann kann man das Stück darauf anpassen.» Auch der richtige Umgang mit den Geldgebern werde oft unterschätzt, «diese muss man frühzeitig mit ins Boot holen.» Klar ist für ihn auch, dass man bereit sein muss, für die künstlerische Leitung genug zu bezahlen. «Ihre Arbeit ist letztlich entscheidend für den Erfolg. Ihnen muss man Sorge tragen.» Letztlich brauche es aber vor allem Menschen, die Freude haben, etwas auf die Beine zu stellen, und die das Theatervirus in sich tragen. Dass dies in den kommenden Jahren in Hägglingen der Fall ist, davon ist Pius Schöpfer überzeugt.
Genau so ist er überzeugt, dass es keine Rückkehr zu den früheren Tell-Aufführungen, von denen der Verein den Namen hat, geben wird. Damit erreiche man das Publikum heute nicht mehr. Gleichzeitig kommt ihm dazu eine lustige Anekdote in den Sinn. «An einem Abend hatten wie eine ältere Besucherin zu Gast. Sie hat mir ganz stolz erzählt, wie sie vor vielen Jahren mit ihrer Schulklasse eine Tell-Aufführung in Hägglingen besucht hat. Sie konnte sich noch an ganz vieles erinnern. Ich bin ja gespannt, ob in ein paar Jahrzehnten noch irgendjemand von der Roduner-Produktion schwärmt», erzählt er schmunzelnd. Zumindest als Film bleibt das Stück weiter in Erinnerung. Auch in vielen Jahren noch.



