Weit weg von gesunder Steuerkraft
08.06.2022 WohlenAntwort zur Anfrage betreffend Steuerstruktur der Gemeinde Wohlen: Gemeinderat liefert interessante Zahlen
Gute Steuerzahler sind gefragt – dies führt auch zu einem Konkurrenzkampf unter den Gemeinden. Bei diesem Kampf geht Wohlen praktisch nie als Sieger hervor. ...
Antwort zur Anfrage betreffend Steuerstruktur der Gemeinde Wohlen: Gemeinderat liefert interessante Zahlen
Gute Steuerzahler sind gefragt – dies führt auch zu einem Konkurrenzkampf unter den Gemeinden. Bei diesem Kampf geht Wohlen praktisch nie als Sieger hervor. Die einkommensschwachen Steuerpflichtigen sind in der grossen Mehrheit. Gerade mal 410 Personen schaffen es in Wohlen in die zwei oberen Kategorien der guten Steuerzahler.
Daniel Marti
«Der Normsteuerertrag pro Kopf ist im Vergleich zur Wirtschaftsregion Unteres Bünztal durchschnittlich. Im Vergleich zum Bezirks- und Kantonsmittel aber unterdurchschnittlich.» Diese Erkenntnis – geäussert vom Gemeinderat – ist nicht neu, sondern seit Jahren ein Fakt. Wohlens aktuelle Steuerkraft pro Kopf ist mit knapp 2400 Franken nicht nur zu niedrig, sondern fast gegen 500 Franken tiefer als im Bezirk Bremgarten (2880 Franken), und im Kanton Aargau (2848 Franken).
Trotzdem wollte es Thomas Hoffmann genau wissen. Der Ursprung für Hoffmanns Anfrage war eine Feststellung von Thomas Laube. Der Chef des Steueramtes Wohlen erklärte an einer Einwohnerratssitzung im vergangenen Oktober, dass ein überproportionaler Zuzug von Personen mit einem eher tiefen steuerbaren Einkommen zu verzeichnen sei. Diese Vorlage nützte der damalige Einwohnerrat Thomas Hoffmann (FDP) für einen Vorstoss und er stellte fünf Fragen zur Steuerstruktur der Gemeinde Wohlen.
Ein Trio als Bestverdienende
Die Frage, wer denn der beste Steuerzahler in Wohlen ist, kann natürlich mit der Analyse des Gemeinderates nicht beantwortet werden. Aber wie viele gutverdienende Personen in Wohlen ortsansässig sind, das kann der Gemeinderat preisgeben. Reine Zahlen sind hinsichtlich des Datenschutzes unproblematisch. Im Jahr 2020 gab es in Wohlen drei Personen, die ein steuerbares Einkommen von über 600 000 Franken ausgewiesen haben (im Jahr zuvor waren es noch acht, noch ein Jahr zuvor erneut drei). Zwölf Personen wiesen ein steuerbares Einkommen von 400 000 bis 600 000 Franken aus (im Jahr 2019 waren es 14). In die Kategorie 200 000 bis 400 000 Franken entfielen 132 Personen (im Jahr 2019 waren es 123). Zwischen 100 000 und 200 000 Franken waren es 1047 Personen (im Jahr 2019 waren es 1052).
Die grösste Kategorie stellte im Jahr 2020 die Gruppe mit einem steuerbaren Einkommen von 20 000 bis 50 000 Franken dar, es waren 2869 Personen. Die zweitgrösste Gruppe war diejenige mit einem steuerbaren Einkommen bis zu 10 000 Franken, nämlich 1850 Personen. Dagegen nur 477 Personen wurden in die Kategorie 10 000 bis 20 000 Franken eingereiht (siehe auch Tabelle unten).
410 Personen zahlen 26 Prozent des Steuerertrages
Die drei Personen mit dem höchsten Einkommen in Wohlen machen insgesamt 0,03 Prozent aller Steuerzahlenden aus, jene der zweithöchsten Kategorie (also 12 Personen) sind 0,12 Prozent aller Steuerzahlenden. Eine weitere Tabelle ist hoch interessant (siehe ebenfalls Kasten). 410 Steuerpflichtige zahlen jeweils zwischen 10 000 und 300 000 Franken, gesamthaft bezahlten diese 410 Personen im Jahr 2020 total 7,12 Millionen Franken Steuern oder 26 Prozent des gesamten Steueraufkommens der Gemeinde. 1160 Personen zahlen zwischen 5000 und 10 000 Franken Steuern und gesamthaft 7,89 Millionen Franken, was 28 Prozent entspricht. Praktisch gleich viel (7,99 Millionen) bezahlen 2267 Steuerpflichtige mit einer Abgabe zwischen jeweils 2500 und 5000 Franken.
Was ein guter Steuerzahler ist, das wird in der Antwort des Gemeinderates nicht definiert. In den beiden höchsten Kategorien aus (5000 bis 10 000 sowie 100 000 bis 300 000) sind in Wohlen total 1570 Personen vertreten. Es wäre wohl wertvoll gewesen, wenn der Gemeinderat in seiner Analyse die Gruppe mit den zweithöchsten Abgaben (5000 bis 10 000 Franken) genauer aufgeschlüsselt hätte. Hier sind insgesamt 1160 Personen eingeordnet.
Die Hoffnung auf mehr Attraktivität
Welche Massnahmen ergriffen werden, um die Steuerstruktur der Gemeinde Wohlen zu verbessern, wollte der Anfragesteller noch wissen. Da nennt der Gemeinderat die eher üblichen Fakten, gleichzeitig verteilt er keinen grenzenlosen Optimismus. Mit dem Ausbau der Infrastruktur wie Schulanlagen, Verkehr, Sport, Kultur und Freizeit wurden «in den letzten Jahrzehnten einige Meilensteine gesetzt, um die Gemeinde attraktiv zu halten». Diesen Prozess gelte es aufrechtzuerhalten, «sodass sich weiterhin gute Steuerzahlende in Wohlen niederlassen werden».
Wesentlich sei zudem die Ansiedlung von «wertschöpfungsintensiven Unternehmen». Der Wirtschaftsstandort Wohlen-Villmergen ist im kantonalen Richtplan als wirtschaftlicher Entwicklungsschwerpunkt definiert, auch diesen gilt es weiterzuentwickeln.
Massnahmen in wichtigen Teilen nicht spürbar
Ein wichtiges Mittel sei dabei die Raumplanung. Die Handlungsfähigkeit der Gemeinde sei in den letzten Jahren jedoch eingeschränkt worden. «In der Vergangenheit versuchte der Gemeinderat durch weitere Einzonungen von Gewerbeland, die Ansiedlung neuer Unternehmen und Arbeitsplätze zu begünstigen», so der Gemeinderat. Diese Vorhaben wurden vom Grossen Rat nicht bewilligt. Eine Anmerkung erspart sich hier der Gemeinderat: Selbst SVP-Grossratsmitglieder aus Wohlen verweigerten damals diesen Einzonungen die Zustimmung.
Ein weiterer negativer Punkt sind die baulich vernachlässigten Wohnliegenschaften, die zu eher günstigen Mietwohnungen führen. «Diese sind für eher einkommensschwache Steuerpf lichtige interessant.» Auch dies führt zur gemeinderätlichen Folgerung: «Aufgrund der hohen und immer noch wachsenden Anzahl einkommensschwacher Steuerpf lichtiger sind die in der Vergangenheit, Gegenwart und auch künftig getroffenen Massnahmen in diesem äusserst wichtigen Teilbereich der Finanzpolitik nicht spürbar.»
Ohne Finanzausgleich wäre es sehr düster
Die Frage drängt sich letztlich förmlich auf: Wie wird eine gesunde Steuerkraft für Wohlen überhaupt formuliert? «Eine gesunde Steuerkraft wäre gegeben», schreibt der Gemeinderat, «wenn die Zahlungen aus dem Finanzausgleich entfallen würden und die Gemeinde ihre Aufgaben aus eigenen Mitteln bestreiten könnte.»
Davon ist Wohlen sehr weit entfernt, in den letzten fünf Jahren flossen knapp über 20 Millionen aus dem kantonalen Finanzausgleich nach Wohlen, davon stammen 12 Millionen Franken aus dem Steuerkraftausgleich, was etwa sechs Steuerfussprozent entspricht.
So gesehen ist der kantonale Finanzausgleich für Wohlen ein Segen. Oder ohne Finanz- und Lastenausgleich würden die Gegenwart und die Zukunft des Wohler Finanzhaushaltes sehr düster aussehen. Dies gilt eigentlich auch für die anstehenden hohen Investitionen.



