Spannende Zeitreise
13.05.2022 WohlenOrtsführung zum Thema Beizen
«Weisch no?»: Dieser Ausdruck war an dem von der Volkshochschule organisierten Gang durch Wohlen zum Thema Beizen oft zu hören. Für viele der Teilnehmenden war es eine Reise in die eigene Jugend oder Kindheit. Dies aus dem ...
Ortsführung zum Thema Beizen
«Weisch no?»: Dieser Ausdruck war an dem von der Volkshochschule organisierten Gang durch Wohlen zum Thema Beizen oft zu hören. Für viele der Teilnehmenden war es eine Reise in die eigene Jugend oder Kindheit. Dies aus dem einfachen Grund, dass ein Grossteil der präsentierten Lokale nicht mehr existiert. Oder wenn, dann in ganz anderer Form.
Frohsinn, Federal, Bahnhofbuffet, Schneggen, Rigiblick, Chäber oder Krebs: Die Liste der verschwundenen Beizen ist lang. Doch zum Glück wissen die beiden Dorfhistoriker Heini Stäger und Daniel Güntert noch viel von ihnen zu erzählen. Und damit bleiben sie in Erinnerung. --chh
Nur das Bier fehlte
Die Volkshochschule lud zu einem ganz besonderen Rundgang durch Wohlen
Die Führungen von Heini Stäger und Daniel Güntert sind beliebt. Doch diesmal war das Interesse noch grösser als sonst. Das lag wohl am Thema. Die beiden pensionierten Lehrer führten die Teilnehmenden in die Geschichte der Wohler Beizen ein. Der noch bestehenden. Und der schon lange verschwundenen.
Chregi Hansen
Über 32 Wohler Beizen werde er an diesem Abend sprechen, kündigte Heini Stäger zu Beginn des Rundgangs an. «Nicht bei allen werden wir heute vorbeikommen. Und vor allem werden wir nicht überall einkehren», fügte er an. Letzteres wäre auch schwierig geworden. Denn ein Grossteil der Lokale existiert nur noch in der Erinnerung.
Etwa der legendäre «Krebs», wo die Tour startete. Etwas ratlos standen die Jüngeren vor dem BBZ Freiamt und überlegten, wo sich denn hier wohl früher ein Restaurant befand. Spuren gibt es keine mehr – heute befinden sich hier die Abzweigung zur Bleichi und ein Spielplatz. Die Beiz war nicht nur bei den Steingässlern sehr beliebt, denn hier stand vermutlich der erste Fernseher im Dorf. In einem über 100 Jahre alten Inserat wies der Wirt darauf hin, dass er im gleichen Gebäude auch noch eine Velowerkstatt führe. «Früher war das Führen einer Beiz oft ein Nebenbetrieb, daneben besassen die Inhaber einen Laden, einen Coiffeursalon oder auch andere Geschäfte», erklärte der Dorfhistoriker.
Das mit dem Patent nahm man nicht so ernst
Speziell im 19.Jahrhundert gab es im Dorf eine Vielzahl an Beizen. Zwar nur vier offizielle mit Patent, die auch Essen und Alkohol anboten. Und daneben unzählige kleinere ohne Alkoholausschank. «Wenn man die torkelnden Gäste auf dem Heimweg sah, haben es wohl nicht alle so ernst genommen mit den Auflagen», lachte Stäger. 1803 zählte Wohlen 1368Einwohner und 261Haushaltungen, aber 25 Lokale. «Allein in der Steingasse gab es deren acht», wusste Stäger zu berichten. Im 20. Jahrhundert war die Gemeinde dann bekannt für ihre vielen Cafés: Siegrist, Rex, City, Chly-Paris, Nord und etliche mehr. Bis auf das Café Bank sind quasi alle verschwunden. Weiter ging es zur «Frohen Aussicht», welche viele irrtümlich für die älteste Beiz Wohlens halten. Stäger klärt auf: Es handle sich zwar um das älteste Gebäude, in welchem sich ein Restaurant befindet. Dieses wurde aber erst 1871 eröffnet. Als ältestes noch bestehendes Lokal gilt daher das «Rössli», in welchem seit 1738 gewirtet wird und das sich seit mehreren Generationen im Besitz der Familie Wohler befindet.
Warum Wohlen gleich zwei Schützenbeizen hatte
Das «Rössli» hiess übrigens nicht immer so, ursprünglich befand sich hier die «Linde», benannt nach dem mächtigen Baum direkt daneben. Als dieser gefällt wurde für den Bau des Schulhauses, benannte sich das Lokal erst in «Tanne», später in «Rössli» um. Und hatte der «Krebs» den ersten Fernseher des Dorfes, so war hier das erste Telefon. Das war praktisch für den Gemeindeschreiber, denn im benachbarten Gemeindehaus gab es keines, sodass die Verwaltung nur via Restaurant erreichbar war. «Die Serviertochter musste jeweils über die Strasse eilen und den Schreiber ans Telefon holen», so Stäger. «Manche sagen, er habe Anrufe organisiert, damit er Grund hatte für einen Beizenbesuch.»
Solche Anekdoten wusste der pensionierte Bezlehrer viele zu erzählen. So erfuhren die Teilnehmenden, wie das Restaurant «Gotthard» zu seinem Namen kam und warum es in Wohlen zeitweise eine «Schützenstube» und einen «Schützenhof» gab. Letzteres hat mit der Verlegung der Schiessanlage zu tun, die sich früher in der Obermatte befand. Nach dem Umzug an den heutigen Ort suchten die Schützen nach einem näher gelegenen Lokal. Und der Name «Gotthard» hat mit dem nahen Tunnel unter den BDB-Gleisen zu tun, der fast gleichzeitig wie der Gotthard-Tunnel gebaut wurde. Noch heute hängt im Lokal eine grosse Kopie des berühmten Bildes der Gotthard-Postkutsche.
Die Ausführungen des Ortsführers weckten bei den älteren Teilnehmenden so manche Erinnerung. Vor allem an die nicht mehr existierenden Lokale wie etwa den «Rigiblick» und den «Frohsinn», der im Volksmund nur der «Wütende Esel» genannt wurde. Oder an die kulinarischen Köstlichkeiten, die einst im «Salmen» serviert wurden. Dabei war dieses Haus gar nicht als Restaurant geplant, hier befand sich die erste zentrale Milchsammelstelle. Unvergessen bleibt auch der «Chäber», der ja eigentlich Restaurant Weber hiess. Oder das Gasthaus zum Löwen, untergebracht im wunderschönen Lüthy-Haus. Heute steht da die Bauruine eines Kinos. Spannend aber auch die Geschichte des «Federal». Das Restaurant hiess früher «Bünzbrücke», doch Anfang des 20. Jahrhunderts wollte der Gemeinderat die Zahl der Lokale reduzieren und liess die Beiz schliessen. Dagegen wehrten sich die Inhaber bis vor Bundesgericht – mit Erfolg. Als Dank an das «tribunal fédéral» wurde die Beiz dann umbenannt.
Lieber ein Casino als einen Saal
Überhaupt haben viele Lokale immer mal wieder den Namen gewechselt. Etwa das «Feldschlösschen» beim Bahnhof, das früher «Bellevue» hiess. «Man stelle sich das vor. Ein Bellevue in Wohlen. Was gab es da wohl Schönes zu sehen? Vermutlich war es der freie Blick auf Villmergen», scherzte Stäger. Mehrfach umbenannt wurde auch das Café Dubler, das später zum «Freiämterstübli» wurde und heute ein Pub ist. Und wo früher der «Schneggen» stand, ist heute das Kebapistan. Ob man lieber Schnecken esse oder Kebab, das müsse jeder selber entscheiden.
Für viele neu war sicher auch die Information, dass Wohlen schon 1838 eine Badeanstalt besass mit Dampf und Duschbädern. Als Kurbad taugte das Quellwasser aber weniger, sodass man mit ihm später an gleicher Stelle Bier braute, bevor es 1915 für Trinkwasser als unbrauchbar erklärt wurde. Heute steht hier immer noch eine Wirtschaft, die «Flora». Im Weiteren erwähnte Heini Stäger noch den «Spielhof», der bereits 1423 erwähnt wird und der einst da stand, wo sich später das alte Gemeindehaus befand. Und er erklärte, warum der Anbau an den «Bären» Casino heisst und nicht einfach Saal. «Weil die Wohler sich für etwas Besseres hielten. Ein simpler Saal war ihnen zu wenig.» Der «Bären» wiederum befand sich übrigens nicht immer an diesem Ort, sondern war erst im Nachbarhaus einquartiert, wo sich heute das «eifach» befindet.
Man hätte Heini Stäger an diesem Abend noch lange zuhören können. Und es war spürbar – mit vielen dieser Lokale verbanden ihn auch eigene Erinnerungen. Doch die Zeit war viel zu schnell vorbei. Und nach all den Beizengeschichten zog es die meisten der Teilnehmenden doch noch in eine – denn dafür fehlte auf der Tour selber die Zeit. Beim nächsten Mal sollte unbedingt ein Bierhalt eingebaut werden. Am besten zu den Preisen von 1917 – da kostete eine Stange noch 25Rappen. Prost.




