Ganz viel Nostalgie im Spiel
08.03.2022 WohlenMode Capitol schliesst im April seine Türen für immer
27 Jahre lang führte Beatrice Plaukovits ihr Modegeschäft im ehemaligen Kino. Nächsten Monat ist Schluss, endet eine Ära. Neu zieht ein Teeladen in das historische Gebäude, das ...
Mode Capitol schliesst im April seine Türen für immer
27 Jahre lang führte Beatrice Plaukovits ihr Modegeschäft im ehemaligen Kino. Nächsten Monat ist Schluss, endet eine Ära. Neu zieht ein Teeladen in das historische Gebäude, das Liegenschaftsbesitzer Walter Notter sehr am Herzen liegt.
Chregi Hansen
Es ist ein Ort mit viel Geschichte. Hier an der Bahnhofstrasse 3 befand sich einst das erste Kino der Gemeinde, das Capitol. In den 30er-Jahren eröffnet, macht es sich später vor allem einen Namen als Revolverküche, wurden hier doch viele Western gezeigt – mit Vorliebe aus italienischer Produktion. Die Gastarbeiter machten denn auch einen Grossteil der Besucher aus – noch heute begegnet Geschäftsführerin Beatrice Plaukovits vor dem Laden älteren Italienern, die von den früheren Zeiten schwärmen.
Nach seiner Schliessung wurde das Capitol zum Textilort. Erst zog das Wäschegeschäft Lady in das Lokal, Mitte der 90er-Jahre dann Mode Capitol. Kurz zuvor hatte Unternehmer Walter Notter die Liegenschaft erworben und sie nach und nach saniert. Dem Wohler war und ist es wichtig, den Charakter des Hauses zu erhalten, speziell den Eingangsbereich, der noch heute an die Kinozeit erinnert. «Da spielt ganz viel Nostalgie mit», gibt er lachend zu.
Notter lässt die jetzige Ladeninhaberin nur ungern ziehen. «Es ist toll, was sie aus diesem Ort gemacht hat», sagt er. «Sie hat dafür gesorgt, dass das Capitol ein Aushängeschild an der Bahnhofstrasse war.» Umgekehrt findet Plaukovits nur lobende Worte für ihren Vermieter. «Er hatte immer ein offenes Ohr für mich. Und als ich damals mein Geschäft wegen Corona schliessen musste, hat er mir schon am nächsten Tag die Miete erlassen», berichtet sie. Mit 70Jahren ist es für sie aber Zeit, etwas kürzerzutreten. Ende April gibt sie die Schlüssel ab – sehr zum Leid vieler Kundinnen, welche die Atmosphäre in diesem Laden stets geschätzt haben. So wie die Gastarbeiter damals ihr Kino.
Die Suche nach einem Nachfolgegeschäft gestaltete sich schwierig. Nicht, dass es an Anfragen mangelte. «Aber ich wollte einen Laden, der hierher passt, und nicht einfach noch einen Coiffeursalon», sagt Notter. Neu werden Eveline und Melanie Vock ihren Teeladen Jacaranda ins Capitol verlegen. Notter ist froh um diese Lösung. «Damit habe ich die Sicherheit, dass der besondere Charakter des Ortes erhalten bleibt», sagt er. Denn ihm geht es nicht nur um den Profit, ihm liegt das Gebäude selber am Herzen. Neben dem Ladengeschäft befinden sich hier auch das Lokal des Spanischen Clubs und sechs Mietwohnungen. Und nun also erhält die lange Geschichte des Capitol ein weiteres Kapitel.
Viel mehr als nur ein Kleiderladen
Nach fast 27Jahren schliesst Beatrice Plaukovits ihr Mode Capitol – der Abschied fällt vielen schwer
Die Bahnhofstrasse verliert ein weiteres Aushängeschild. Mode Capitol war eine feste Grösse im kleiner werdenden Angebot. Hier trafen sich die Kundinnen nicht nur zum Einkaufen, das Lokal war eine Art Treffpunkt. «Ich hätte nie gedacht, dass ich das so lange mache», meint die Inhaberin.
Chregi Hansen
Im Sommer kann Beatrice Plaukovits manchmal beobachten, wie ältere Italiener vor ihrem Geschäft stehen bleiben und sich lautstark über früher unterhalten. Über früher, als hier noch «ihr» Kino war. Das Wohler Capitol war bekannt für die vielen italienischsprachigen Filme, die gezeigt wurden. Der Eingangsbereich erinnert optisch noch heute an diese längst vergangenen Zeiten.
Heute ist das Capitol ein Modegeschäft. Allerdings nicht mehr lange. In Kürze wird die gebürtige Bünzerin ihren Laden schliessen. Wann genau, kann sie nicht sagen. «Es hängt davon ab, wie lange ich noch etwas zum Verkaufen habe», lacht sie. Und das Angebot leert sich schnell. Es «höhlele» schon in den Räumen, lacht die Inhaberin. Ganz viele ihrer langjährigen Kundinnen nutzen die letzte Möglichkeit für einen Einkauf. Und einen Schwatz. «In den vergangenen Wochen ist mir bewusst geworden, was ich hier aufgebaut habe. Es sind so viele tolle Beziehungen entstanden. Ganz viele Kundinnen kommen vorbei, bedanken sich bei mir für die letzten Jahre oder können es fast nicht glauben, dass es jetzt tatsächlich vorbei ist», erzählt Plaukovits gerührt.
Keine Mode ab der Stange
Der offizielle Abschiedsapéro ist bereits Geschichte. Spätestens Mitte April ist dann definitiv Schluss. Dann wird Plaukovits noch aufräumen und putzen, bevor sie den Schlüssel des Geschäfts endgültig abgibt. Damit endet eine Ära. Fast 27Jahre hat sie hier ihr Kleidergeschäft geführt. «Es war mir immer ein Anliegen, etwas besondere Mode zu verkaufen. In ein solch besonderes Haus passt keine Billigmarke», erklärt sie. Das Mode Capitol bot nicht Ware ab der Stange an, dafür hatte Plaukovits ein Faible und ein Auge für besondere Stücke, die sie jeweils nur in kleiner Anzahl eingekauft hat. «Ich war meinen Lieferanten und Labels treu, dadurch konnte ich ein Vertrauensverhältnis aufbauen», sagt sie.
Dass sie einst mit Erfolg ein Modegeschäft führen würde, das hätte sich die dreifache Mutter nie vorstellen können. «Eigentlich wollte ich damals eine Banklehre machen, das war aber nicht möglich», erzählt sie. So wurde sie eben Verkäuferin. Und hat lange in unmittelbarer Nachbarschaft zum Capitol gearbeitet: in der damaligen Metzgerei Knoblauch. Später folgten drei Jahre als Geschäftsführerin in einem anderen Modegeschäft, welches dann aber geschlossen wurde. «Das war ein Schlag für mich. Denn ich war nach der Scheidung gezwungen, mir eine eigene Existenz aufzubauen», schaut sie zurück. Zu dieser Zeit erfuhr sie, dass das Damenwäschegeschäft Lady L das Capitol verlässt und das Lokal frei wird. «Mein damaliger Partner gab mir ein Darlehen, damit ich hier mein eigenes Geschäft eröffnen konnte. Dass ich so lange bleibe, das hätte ich mir nie gedacht.»
Auch schwierige Zeiten erlebt
Von der Metzgerei Knoblauch in ein Modegeschäft, das war für Beatrice Plaukovits eine enorme Umstellung. «In der Metzgerei stand eine Theke zwischen mir und den Kunden. In einem Modegeschäft ist man in unmittelbarem Kontakt, daran musste ich mich erst gewöhnen», lacht sie. Zudem war sie nicht aus der Branche, musste vieles erst lernen. Und die Konkurrenz war wenig erfreut über einen weiteren Kleiderladen. «Viele haben mich anfangs belächelt. Aber ich bin meinen eigenen Weg gegangen», sagt sie. Und das mit Erfolg. Wobei es natürlich auch schwierige Zeiten gab. «Immer wenn die Menschen sparen müssen, dann tun sie das zuerst bei den Kleidern», hat sie erfahren. Trotzdem blieb sie ihrer Philosophie treu, setzte nicht auf Billigware («mit den grossen Ketten könnte ich eh nicht mithalten»), sondern auf ausgewählte Kollektionen. Und machte auch bei den allgegenwärtigen Rabattschlachten nicht mit. «Gute Ware hat eben ihren Preis», ist sie überzeugt.
Es dauerte einige Zeit, bis ihr Weg zum Erfolg führte. «Es brauchte rund zehn Jahre, erst dann war ich mir sicher: Das funktioniert.» Wer ein Modegeschäft eröffne, der brauche ein gewisses Grundkapital. Und ganz viel Durchhaltevermögen. Wohl mit ein Grund, dass sie keine Nachfolgerin gefunden hat für das Geschäft. «Ich hätte mich gefreut, wenn es jemand in meinem Sinn weitergeführt hätte. Nun werde ich es eben schliessen.» Den Entschluss dazu fällte sie vor zwei Jahren, mit dem Beginn von Corona. «Als ich den Laden für drei Monate schliessen musste, habe ich gemerkt, dass es noch anderes gibt im Leben», lacht sie. Und hat darum beschlossen, mit 70Jahren aufzuhören. Diesen 70. konnte sie vor wenigen Tagen feiern. «Es wird mir in Zukunft sicher nicht langweilig», ist sie überzeugt.
Ein Trio, das sich bestens verstand
Mit ihr hören auch die beiden langjährigen Mitarbeiterinnen auf. «Allein kann man ein solches Geschäft nicht führen. Schon gar nicht an dieser Lage, da muss man jeden Tag geöffnet haben», erklärt sie. Von Anfang an half Erika Meier mit, sie war quasi die rechte Hand. Später kam Karin Abt dazu. Plaukovits erinnert sich gut an deren Anstellung. «Karin war eine gute Kundin. Sie verbrachte viel Zeit im Geschäft, kannte sich bestens aus. Irgendwann begann sie, den Kundinnen von sich aus Tipps zu geben. Da frage ich mich, warum stelle ich sie nicht gleich ein?» Seither arbeitet Abt als Springerin und Ferienablösung im Mode Capitol. «Beide Anstellungen waren ein Glücksfall. Wir haben es wirklich gut miteinander.» Und alle drei haben jetzt das Pensionsalter erreicht oder schon längst überschritten. «Es ist schön, dass wir jetzt gemeinsam aufhören können.»
Entwicklung der Bahnhofstrasse bereitet Sorge
Beatrice Plaukovits schaut auf eine tolle Zeit zurück. Sie hat viel investiert in ihr Geschäft, hat beispielsweise eine besonders schöne Ladentheke organisiert. Zu vielen ihrer Kundinnen hat sie ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut. Sie hat ihnen nie den Eindruck vermittelt, dass sie bei einem Besuch unbedingt etwas kaufen müssen. «Ich fand es auch schön, wenn sie einfach zum Stöbern gekommen sind und wir gemeinsam einen Kaffee getrunken haben.» Was sie bedauert, ist der fehlende Passantenverkehr. «Die Bahnhofstrasse hat sich eher negativ entwickelt, der Branchenmix stimmt nicht mehr. Es gibt für die Leute wenig Anlass, hier zu flanieren und einzukaufen», bedauert sie. Sie wünscht sich, dass die Gemeinde die Initiative ergreift und die Strasse aufwertet. Nicht für sie. Aber für die wenigen verbliebenen kleinen Läden. «Es kann doch nicht sein, dass es hier nur noch Banken und Handyläden hat», meint sie zum Schluss, bevor sie die nächste Kundin begrüsst, die extra gekommen ist, um sich zu verabschieden. Allen anderen bleiben noch ein paar wenige Wochen zum Adieusagen. Dann ist das Mode Capitol genauso Geschichte wie das frühere Kino.



