Stolz sein auf Naturparadies
21.01.2022 WohlenPatrick Schmid wünscht sich ein besseres Miteinander entlang der renaturierten Bünz
Beim Rückhaltebecken an der Bünz stossen viele unterschiedliche Interessen aufeinander. Naturexperte Patrick Schmid plädiert für mehr ...
Patrick Schmid wünscht sich ein besseres Miteinander entlang der renaturierten Bünz
Beim Rückhaltebecken an der Bünz stossen viele unterschiedliche Interessen aufeinander. Naturexperte Patrick Schmid plädiert für mehr Respekt.
Chregi Hansen
Patrick Schmid ist fast täglich an der Bünz unterwegs. Und macht immer wieder faszinierende Entdeckungen. «Ich treffe hier sogar auf Tierarten, welche ich bewusst nicht melde. Weil sonst Naturfotografen aus der halben Schweiz angereist kommen», lacht er. Eines sei jedoch offensichtlich. Die mit dem Bau des Hochwasserdammes verbundene Renaturierung der Bünz zwischen Wohlen und Waltenschwil hat die Biodiversität im und am Fluss massiv erhöht. Um 300 bis 500 Prozent, wie der Lehrer und Umweltfachmann schätzt.
Doch längst ist der Lebensraum zum Zankapfel geworden. Ob es um den Flurweg geht, den die Landwirte gerne für sich allein beansprucht hätten. Die fehlende Brücke über den Büelisackerkanal. Die Hündeler, welche die Tiere aufschrecken. Oder aktuell der Biber, der für Schäden an den Bäumen sorgt. Immer wieder wird gestritten und diskutiert, ob es zusätzliche Massnahmen braucht, ob der Druck der Erholungssuchenden zu gross wird und ob das Bünzufer nur noch für Flora und Fauna da ist und der Mensch verdrängt werden soll. Schmid, der auch im Einwohnerrat sitzt, stört sich an diesen Diskussionen. Er plädiert für ein Miteinander. «Mit etwas Rücksichtnahme und gegenseitigem Respekt haben alle Platz», sagt er. Und: Man solle doch stolz sein auf dieses Naturparadies.
Unterwegs im Naturparadies
Patrick Schmid wünscht sich ein Informationskonzept für die renaturierte Bünz
Erst der fehlende Steg, danach die störenden «Hündeler», jetzt die Schäden durch den Biber. Der Bünzabschnitt zwischen Wohlen und Waltenschwil kommt nicht zur Ruhe. «Es braucht Kompromisse von allen Seiten», findet Naturfachmann Patrick Schmid.
Chregi Hansen
«Ganz ehrlich, ich bin auch lieber auf dieser Seite unterwegs», gibt Patrick Schmid zu, während er auf dem Flurweg Richtung Waltenschwil spaziert. Von daher hat er Verständnis für all die Menschen, welche ebenfalls diese Bünzseite bevorzugen. Gleichzeitig sieht er aber auch die Probleme. Hunde, die im Landwirtschaftsland herumtollen. Oder Vögel und andere Tiere am Ufer erschrecken. «Es stossen hier an der Bünz ganz unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Wichtig wäre es, das gegenseitige Verständnis zu erhöhen.»
Patrick Schmid ist Lehrer, Wohler, Einwohnerrat, aber auch Exkursionsleiter für den Schweizer Vogelschutz, Mitarbeiter der Schweizer Vogelwarte und von Pro Natura. Und er ist fast täglich an der Bünz unterwegs, beobachtet und zählt Vögel und andere Tiere. Und er hat grosse Freude, was hier entstanden ist. Nicht nur zwischen Wohlen und Waltenschwil, auch weiter nördlich, zwischen Wohlen und Dottikon. «Hier ist in den letzten Jahren ein wunderbares Naturparadies entstanden. Ich treffe immer mehr Arten an, die höchst selten in der Schweiz vorkommen», erklärt er. So konnte er in den vergangenen Monaten über 100 verschiedene Vogelarten beobachten. Auch viele Zugvögel, die auf ihrer Reise hier haltmachen. «Man spricht immer vom wunderbaren Reusstal, aber das Bünztal hat extrem aufgeholt», so Schmids Fazit.
Letztlich geht es eben um den Hochwasserschutz
Gleichzeitig sei der Druck auf das Naturgebiet gross. Flora, Fauna, die Landwirtschaft und die Menschen kommen sich teilweise in die Quere. Und letztlich dienen die Renaturierung und das Rückhaltebecken vor allem auch dem Hochwasserschutz. Das gehe leider oft vergessen. «Die Dammkrone hinter dem Büelisackerkanal sollte beispielsweise nicht begangen werden, sonst könnte die oberste Schicht bei einem Hochwasser brechen», weiss Schmid zu berichten. Nicht nur die Fussgänger sind dadurch eingeschränkt, sondern auch der Naturschutz. «Die Wiese neben dem Büelisackerkanal wäre ein wunderbarer Rückzugsort für viele Tiere, wenn man darum eine Hecke pflanzen würde. Aber das ist leider nicht möglich», bedauert er.
Der Naturfachmann ärgert sich, dass so oft über diesen Bünzabschnitt gestritten wird. Er war Mitglied der viel kritisierten 14er-Kommission, welche Ende Jahr die viel zu teure Brücke vorgeschlagen hat. Ja, die war wirklich teuer, gibt Schmid zu, «aber es stiessen eben ganz viele Interessen aufeinander». Und letztlich handle es sich um ein Hochwasserschutzprojekt, das gehe in den Diskussionen zu oft vergessen. Was er mehr bedauert als das fehlende Brücklein, ist die Tatsache, dass auch das geplante Informationskonzept damit gestrichen wurde. «Mit Infotafeln kann man viel zur Aufklärung und zum Verständnis beitragen. Dann würde vermutlich auch der Biberfrass nicht zu solchem Ärger Anlass geben», ist er überzeugt.
Er hofft aber, dass sich ein solches Infokonzept trotzdem noch realisieren lässt, allenfalls auch in Zusammenarbeit mit der Schule. «Das müssen keine teuren Hochglanztafeln sein. Es geht darum, die Spaziergänger auf die Schönheiten aufmerksam zu machen und die Zusammenhänge zu erläutern», macht der Lehrer deutlich.
Beispielsweise könnte man deutlich machen, dass die Biodiversität nach der Renaturierung um gegen 300 bis 500 Prozent zugenommen hat. Egal ob Vögel, Insekten, Fische oder kleine Nager, alle fühlen sich hier wohl. Solange sie nicht dauernd gestört werden, beispielsweise durch frei laufende Hunde. Er würde darum eine Leinenpf licht begrüssen, umgekehrt sollte man hier einen Hundespielplatz bauen, auf dem sich die Vierbeiner austoben können. Kompromisse finden statt sich gegenseitig Vorwürfe machen, das ist sein Ansatz. Und auch hier gelte: Information kann helfen, Verständnis zu wecken. Und wer weiss, vielleicht könne auch eine Art Rangerdienst dazu beitragen. «Diese Idee ist vielleicht für die Bünz noch zu hoch gegriffen, aber sie funktioniert an anderen Orten sehr gut», weiss Schmid.
Biber nicht als Problem sehen
Die Dienste solcher Ranger wären gerade jetzt gefragt, regen sich doch viele über die Aktivitäten des Bibers auf. «Der Biber ist nicht das Problem. Er ist schon länger in und an der Bünz unterwegs», sagt Schmid. Das Problem sei, dass der Biber ein Tier sei, welches sich seinen Lebensraum aktiv gestaltet – so, wie es auch Menschen tun. «Das sind wir uns nicht mehr gewohnt.» Dass plötzlich alle alten, grossen Bäume verschwinden, glaubt der Naturfachmann nicht. «Der Biber bevorzugt junge, weiche Hölzer», weiss er. «Was er umlegt, wächst sehr schnell wieder nach.» Zudem gebe es auch hier wichtige Zusammenhänge zu erklären. «Wenn ein Biber zu oft gestört wird, sucht er sich wieder einen anderen Baum. Je mehr Leute also seine Arbeit anschauen wollen, desto mehr Stress verursachen sie.» Man solle doch Freude haben, dass das Tier sich wieder ansiedelt. «Von seiner Arbeit profitieren auch andere Arten», weiss der Experte.
Auch der Mensch hat hier Platz
Die Freude an der Natur wecken, das ist Patrick Schmid ein grosses Anliegen. «Hier wurde ein toller Lebensraum geschaffen. Ich habe hier schon Wasserrallen und Krickenten fotografiert. Wer Zeit hat und gute Augen, der kann wunderbare Entdeckungen machen. Und wird vielleicht sogar einen Eisvogel sehen, der hier an der Bünz überwintert», sagt er, der fast immer sein Fernglas griffbereit hat. Damit sich die Natur entwickeln kann, sei es nicht nötig, alles abzuriegeln und die Menschen zu verdrängen, mit ein wenig Rücksichtnahme haben hier alle Platz. Auch dazu könnten Infotafeln mithelfen. Darum hofft Schmid, dass die Idee nochmals aufgegriffen wird. Damit aus dem Gegeneinander schon bald ein Miteinander wird. Er jedenfalls setzt sich weiter dafür ein.
Weiterhin Führungen
Naturfachmann Patrick Schmid hat zusammen mit den Grünen im letzten Jahr die Reihe «Wohler Naturschätze im Fokus» lanciert. An verschiedenen Standorten in Wohlen zeigte er übers ganze Jahr verteilt den Wohler Naturreichtum mit seiner spannenden, aussergewöhnlichen, bezaubernden und vielleicht ganz unerwarteten Tierund Pflanzenwelt.
Das niederschwellige Angebot – es war keine Anmeldung nötig und die Teilnahme war kostenlos – soll auch in diesem Jahr fortgesetzt werden. Derzeit ist Schmid daran, die Termine festzulegen. Ausserhalb der Reihe lädt der Naturfachmann am Samstag, 29. Januar, 17 Uhr, zu einem öffentlichen Spaziergang an der Bünz, bei dem er auf die Schönheiten des Lebensraums aufmerksam macht. Treffpunkt ist das Hochwasserrückhaltebecken. Die Dauer der Führung beträgt rund eine Stunde.





