Schiessen unter dem Segen Gottes
25.01.2022 BremgartenDas Sebastiansschiessen ist ein Jahreshighlight der Bremgarter Schützengesellschaft
Jedes Jahr am dritten Samstag im Januar treffen sich die Vereinsmitglieder der Schützengesellschaft zum traditionellen Sebastiansschiessen. Der Tag ist exemplarisch dafür, ...
Das Sebastiansschiessen ist ein Jahreshighlight der Bremgarter Schützengesellschaft
Jedes Jahr am dritten Samstag im Januar treffen sich die Vereinsmitglieder der Schützengesellschaft zum traditionellen Sebastiansschiessen. Der Tag ist exemplarisch dafür, wofür der Schiesssport steht und weshalb er sich auch heute noch grosser Beliebtheit erfreut.
Marco Huwyler
«Ah ja, schiessen müssen wir ja auch noch», lacht die junge Frau, als sie daran erinnert wird, dass es mittlerweile schon 15 Uhr ist. Und obwohl sie es zweifellos scherzhaft meint, zeigt die Aussage beispielhaft, dass an diesem Samstag für die meisten das sportliche Kräftemessen nicht der alleinige Daseinsgrund ist.
Die besagte Schützin ist Teil einer Jassrunde an einem der drei grossen länglichen Stammtische in der heimeligen Schützenstube auf dem Bremgarter Kasernenareal. Im Hintergrund läuft das Skirennen von Kitzbühel. Serviert wird Spatz mit Spätzle, Wein, Bier, Prosecco und Kaffee. Fröhliches Stimmengewirr erfüllt seit Stunden den Raum. Wer an der Reihe war und seinen Stich geschossen hat, kommt danach wieder – je nach Resultat prahlerisch oder etwas kleinlaut.
«Natürlich geht es bei uns um mehr als einfach nur Schiessen», sagt Ueli Christen und ist stolz, darauf zeigen zu dürfen, dass «wir nicht nur die lästigen Chlöpfer sind, als die uns manche wahrnehmen.» Der 76-Jährige ist seit 1972 Mitglied der Bremgarter Schützengesellschaft. Seit 2007 präsidiert er den Verein. Wie ihm geht es den meisten hier – wer einmal dabei ist, bleibt es auch – bis ins hohe Alter. «Das ist auch das Schöne an unserem Sport», sagt Christen. «Das Älterwerden ist kein Hinderungsgrund.» So entsteht über die Jahre hinweg eine verschworene Gemeinschaft und Kameradschaft. Jeder kennt jeden in allen Facetten. Man schätzt sich. «Zudem leisten wir auch einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis zwischen Alt und Jung», meint Christen. Denn von noch nicht volljährigen Jungschützen bis zu Alois Koller, der sich auch mit 96 Jahren noch im beachtlichen Mittelfeld klassiert – der Schiesssport in Bremgarten vereint Generationen.
Reformation und Tradition
Obwohl der Altersdurchschnitt über fünfzig liegt, ist die Anzahl Mitglieder der Schützengesellschaft seit Jahrzehnten konstant. Gerade in der Pistolensektion gab es in den letzten Jahren auch aufgrund der Verschärfung des Waffengesetzes einen Zulauf, der den leichten Rückgang bei der Gewehrsektion mehr als kompensierte. Momentan liegt die Mitgliederzahl bei rund 120 Schützinnen und Schützen. Damit ist der Verein nach wie vor einer der grössten Bremgartens. Auf dem Status quo ausruhen möchte sich Christen dennoch nicht. «Es ist mir ein Anliegen, dass wir noch vermehrt junge Menschen begeistern können.» Ein neues Konzept, das die Attraktivität der Gesellschaft auch neben dem Schiessen aufzeigen soll, ist deshalb in Arbeit und soll bis 2023 umgesetzt werden.
Gleich zwei Pfarrer
Trotz derlei Reformationsprojekten ist es aber vor allem die Tradition, die für eine Schützengesellschaft charakteristisch ist und die stets betont wird. So ist auch das Bremgarter Sebastiansschiessen ein Anlass, der Jahr für Jahr gleich abläuft und der seinen Ursprung vor mehreren Hundert Jahren hat. Im Jahr 1680 wurde im Reussstädtli die Sebastian-Bruderschaft gegründet. Zweck damals war es, beschützt von der Kirche und dem Namenspatron, Bremgarten mit Schusswaffen gegen Feinde zu verteidigen. Später ging aus dieser Bruderschaft 1807 die Schützengesellschaft hervor. Mit dem Sebastiansschiessen, das in Bremgarten seit 1964 jährlich abgehalten wird, gedenkt man dieser Ursprünge. Noch heute findet daher vorgängig stets ein Gottesdienst in der Stadtkirche statt. Darin wird für «guten Schuss» gebetet, dem Schutzpatron – dem heiligen Sebastian – gehuldigt und an die gefallenen Mitstreiter erinnert. Wobei die Mitstreiter heutzutage natürlich nicht mehr auf den Schlachtfeldern, sondern vielmehr in den Altersheimen fallen – der schönen Tradition der Ehrerweisung tut dies selbstredend keinen Abbruch. Geleitet wird der Gottesdienst von gleich zwei Priestern. Gemeinsam führen der katholische Pfarrer Andreas Bossmeyer und sein reformiertes Pendant Ruedi Bertschi durch die Messe. Beide sind danach auch im Schützenhaus zu Gast. «Ich war früher selber bei den Jungschützen», lächelt Bertschi. «Das erinnert mich daher ein wenig an meine Jugendzeit.» Als es zu den Schützenständen geht, verabschieden sich die beiden Würdenträger allerdings wieder. Schiessende Geistliche wären wohl doch zu viel des Guten gewesen – ihr Segen muss reichen.
Ausgemistet von Tellenbach
Dieser wurde zuvor auch der Sebastiansfigur der Schützengesellschaft erteilt, die zur Feier des Tages einen Ehrenplatz am runden Tisch erhält. Das rund 50 Zentimeter grosse vergoldete Abbild des Schutzheiligen der Schützen ist seit über 100 Jahren im Besitz der Schützengesellschaft und diente ursprünglich einmal als Vereinskasse. «Wir haben sie schätzen lassen – sie ist rund 20 000 Franken wert», erzählt Alfred Bossard, der Aktuar des Vereins. «Ursprünglich stammt sie wohl aus einer deutschen Kirche und wurde dort gestohlen.»
Wie sie danach nach Bremgarten und in den Besitz der hiesigen Schützen kam, ist nicht überliefert. Was man weiss, ist, dass sie über mehrere Jahrzehnte im Büro des Stadtammanns stand. «Weil es früher üblich war, dass der Stadtrat auch den Präsidenten des Schützenvereins stellte», berichtet Bossard.
Mit Beginn der Ära Tellenbach verschwand sie jedoch von dort. «Sie hat ihm wohl nicht so gefallen», lacht Christen, der deshalb darum bat, die Figur wieder der Schützengesellschaft zu übergeben, und damit Gehör fand. «Es wäre ja schade gewesen, wenn sie in irgendeiner Schublade vor sich hingemodert hätte und in Vergessenheit geraten wäre.» So ziert Sebastian heute stattdessen die Vitrine der Schützenstube und wird alljährlich hervorgeholt. Manch ein Anwesender berührt sie vor dem Schiessen kurz, auf dass sie ihm beim heutigen Stich Glück bringen möge. Diejenigen, die noch keinen der begehrten Teller ihr Eigen nennen, die am Sebastiansschiessen jeweils vergeben werden, hoffen besonders auf ein gutes Händchen. Die Glücklichen in diesem Jahr heissen am Ende des Tages Urs Heiniger (Gewehr) und Clemens Mullis (Pistole). Allem gesunden sportlichen Ehrgeiz und Wettstreit zum Trotz ist dies jedoch letztlich sekundär. Wichtiger ist es allen Beteiligten, wieder einmal die Gewissheit erlangt zu haben, dass ihr Sport lebt und der Daseinszweck ihrer Gemeinschaft weit über das Wetteifern nach Punkten hinausgeht.
Sebastiansschiessen 2022, Resultate (Top 6) – Pistole: 1. Clemens Mullis 144 Punkte (Gewinner Zinnteller), 2. Rolf Küng 142, 3. Heinz Huggel 142, 4. Werner Leuppi 140, 5. Silvio Beyli 139, 6. Dominik Grenacher 139; Gewehr: 1. René Zubler 87, 2. Heinz Schertenleib 86, 3. Roger Martin 86, 4. Peter Glaus 85, 5. Nadia Gratwohl 85, 6. Urs Heiniger 84 (Zinnteller).




