Grosse Liebe und zwei Kulturen
24.12.2021 WohlenDie spezielle Familiengeschichte der Corsiglias: Wie der Schulpflegepräsident von Vater und Grossvater profitierte
Der junge und eingewanderte Italiener heiratet die Tochter des Vizeammanns. Das war Dorfgespräch. Aus dieser für damalige Zeiten ...
Die spezielle Familiengeschichte der Corsiglias: Wie der Schulpflegepräsident von Vater und Grossvater profitierte
Der junge und eingewanderte Italiener heiratet die Tochter des Vizeammanns. Das war Dorfgespräch. Aus dieser für damalige Zeiten ungewöhnlichen Liebe hat sich einiges entwickelt: tolle Integrationsarbeit und Schulpflegepräsident Franco Corsiglia.
Daniel Marti
Corsiglia. Italienischer Name. Italienische Wurzeln. Diesen Namen gibt es in Wohlen nur zweimal. Vittorio Corsiglia und sein Sohn Franco Corsiglia, der scheidende Schulpf legepräsident. Aber da ist doch weit mehr als nur die Einreise von Vittorio Corsiglia 1956 in die Schweiz. Nach Wohlen. Genau, die Geschichte hat sich bis heute gehalten. Eben dieser Corsiglia lachte sich ausgerechnet die hübsche Tochter von Gemeinderat und Vizeammann Hans Roth an. Diese Madeleine Roth hätten viele angesehene Wohler Familien sehr gerne zur Schwiegertochter gehabt. Und dann war es dieser Italiener, der so viel Charme hatte und das Herz von Fräulein Roth eroberte.
Ein Trio für die Allgemeinheit
Diese Liebesgeschichte hatte ihren Anfang nicht etwa in Wohlen. Sondern im Welschland. In Crans Montana. Beide arbeiteten 1957 im gleichen Hotel. Aber zu Hause in der Bäckerei Roth mit angegliedertem Tea Room wurde die Liebe zum grossen Dorfgespräch: Die hübsche Madeleine und der junge Mann aus Italien, geboren 1935. Ausgerechnet! Und aus der Liebe ging Franco Corsiglia (Jahrgang 1959) hervor.
Drei Männer, Roth und zweimal Corsiglia. Alle drei verbinden viele Parallelen: ein bisschen Politik, ein wenig Fussball. Vor allem jedoch der unermüdliche Einsatz für die Allgemeinheit. Bäckermeister Hans Roth war von 1942 bis 1969 als Gemeinderat gewählt, die letzten vier Jahre davon war er Vizeammann. Er war auch Präsident des Motocross Wohlen, des FC Wohlen, des Aargauer Bäckermeisterverbandes. Er war zudem Organisator und OK-Präsident der 3. Freiämter Ausstellung in Wohlen.
Auch Vittorio Corsiglia leistete viel für die Allgemeinheit, aber vor allem rund um die ersten Italiener in Wohlen. Aufbauarbeit, damit das Acli und dessen Begegnungsstätte überhaupt entstehen konnten. Sowie enorme Vorbereitung für den Kinderhort Peter Dreifuss. Vittorio Corsiglia ist so etwas wie der Vorgänger von Seelsorger Don Silvano, einfach kein Geistlicher, aber einer mit Herz für seine Landsleute, die in Wohlen nach Orientierung suchten.
Er hat den italienischen Fussball nach Wohlen gebracht
Zudem hat Vittorio Corsiglia auch die Lieblingssportart der Südländer in Wohlen organisiert, er war 1964 Gründer und erster Präsident der Fussballmannschaft Olympia. Fussball, die Leidenschaft der Italiener, schlug in Wohlen voll ein. Auf der altehrwürdigen Paul-Walser-Stiftung war eine Zeit lang jedes Spiel ein Fussballfest mit mehreren Hundert Zuschauern. Integration hiess schon damals das Zauberwort. «Mein Vater war in Wohlen einer der ersten Italiener», blickt Franco Corsiglia zurück, der von Vater und Grossvater so viel profitierte.
Fast 30 Jahre Gemeinderat, über 30 Jahre Olympia Wohlen, 20 Jahre Schulpflege. Total über 80 Jahre hat das Trio der Allgemeinheit gedient. Und Franco Corsiglia hat natürlich die Familienstory immer wieder erzählt bekommen. In der Schulzeit merkte er dann schnell, was es hiess, Ausländer zu sein. Da habe es halt mal eins «auf die Fresse gegeben», sagt er und schmunzelt.
Brestenberg, Tessin, Bären, Schönau, Mepo AG
Die Liebe von Vittorio und Madeleine Corsiglia hielt ein Leben lang. Der Start war zwar schwierig. Bis sich der junge Italiener einen Stellenwert erarbeitet hatte, dafür benötigte es einen längeren Prozess. Er wollte ja mehr sein als «nur» der Schwiegersohn des Gemeinderates oder des Vizeammanns. Am 1. Mai 1957 trat er eine Stelle im Hotel Brestenberg in Seengen an, nicht für lange. Vom September 1957 bis Oktober 1961 führte das junge Ehepaar im Tessin eine Pension. Aber Wohlen blieb der Lebensmittelpunkt, darum auch die Heimkehr. Es folgte von 1962 bis 1966 eine Stelle im Service im «Bären», dann führten sie die Kantine der Firma Notter und von 1972 bis Mai 1973 die «Schönau».
Dann erlernte Vittorio Corsiglia das Chromstahlschleifen. Erst geschäftete er in einem Kuhstall, dann führte er die Mepo AG, Metallschleiferei und Poliererei, am Sorenbühlweg, die er dann im Jahr 2007 verkaufte – als er sich pensionieren liess.
Vittorio Corsiglia hatte vor allem am Anfang seiner Zeit in Wohlen stets das Gefühl, dass er «das Doppelte leisten musste, um würdig zu sein, die Tochter des Gemeinderates und Vizeammanns heiraten zu dürfen». Und das tat er auch.
Diese Einstellung hat auch den heutigen Schulpflegepräsidenten geprägt, auch vom Grossvater hat er vieles mitbekommen. «Beim Grossvater ist es immer um die Politik gegangen. Mein Vater hat sich dagegen immer für die Italiener in Wohlen eingesetzt.» Eine Art Migrationsexperte eben. «Und bei uns zu Hause wurde mehr über Fussball diskutiert.» Aber von Hans Roth, von «Gaschi», wie er im Volksmund genannt wurde, hat Franco Corsiglia vieles gelernt. «Er sagte stets: Freunde hast du in der Politik nur so lange, bis du abtrittst. Danach bist du schnell vergessen.» Dies sei ihm geblieben, so Franco Corsiglia. «Wenn du dich für die Allgemeinheit einsetzt, dann mache es nur so lange, wie es Spass macht», so ein weiterer Ratschlag.
Vor den Nachkriegswirren geflüchtet
Zurück zu Vittorio Corsiglia. Er ist vor über sechs Jahrzehnten gekommen, um in Wohlen zu bleiben. Die erste Station war jedoch England, die Kanalinsel Jersey. Sprachaufenthalt. Es zog ihn in die Ferne, weg vom krieggezeichneten Italien. Er hatte als Jugendlicher den Zweiten Weltkrieg miterlebt, mitangesehen, wie die Deutschen in Italien vieles zerstört haben. Und er wollte in Bella Italia deshalb keinen Militärdienst leisten. In der Nähe von Pavia, 30Kilometer von Mailand entfernt, ist er aufgewachsen. Dorthin zieht es die Familie noch ab und zu, aber nur für Ferien. «Wenn wir in Chiasso über die Grenze fahren, reden wir italienisch», so Franco Corsiglia, «aber in Italien angekommen, sind wir dann trotzdem die Schweizer. Aber die eigenen Wurzeln kann man ja nicht ausreissen.»
Einen Ratschlag von seinem Vater beherzigte er immer, dieser wiederholt stets: «Wenn du in einem anderen Land lebst, dann musst du die Sprache beherrschen und die dortige Kultur leben. Spaghetti darfst aber trotzdem essen.» Daran haben sich die Corsiglias immer gehalten. Und darum sind sie auch keine typische Multikulti-Familie. Man hat sich stets angepasst. «Und wenn die Italiener früher den schönen Frauen nachgepfiffen haben, war das ja nicht so schlimm.» So viel Lebensfreude musste immer sein.
Schweizer oder Italiener. Die Corsiglias sind beides. Im Jahr 1978 liessen sie sich einbürgern, verloren dadurch damals die italienische Staatsbürgerschaft. 1994 kam diese dann dank der EU wieder hinzu. Heute sind sie beide Doppelbürger. Und oft sei das gar nicht so schlecht, wenn man den Pass vorlegen könne. «Schau, ich bin auch Ausländer», sagt dann Franco Corsiglia, wenn er beispielsweise als Schulpf legemitglied ausländischen Mitbürgern die hiesigen Regeln erklären musste.
Retter des Verkehrsvereins als eine Art Sprungbrett
Vor dem Einstieg in die Schulpflege gab es noch einen Wendepunkt. Der Verkehrsverein Wohlen stand in den 90er-Jahren vor der Auflösung. Den kann man doch nicht einfach sterben lassen, dachte sich Franco Corsiglia. Mit diesem Satz war sein Weg vorgezeichnet: Corsiglia wurde Präsident. Organisierte ein paar Aktionen, verdoppelte die Anzahl der Sterne für die Weihnachtsbeleuchtung und musste dann vier Jahre später die Hoffnungen doch begraben: Der Verkehrsverein Wohlen war Geschichte. Und für Franco Corsiglia eine Art Sprungbrett. Eine Kandidatur für den Einwohnerrat war schon aufgegleist, als er für den Einsitz in der Schulpflege angefragt wurde. Genau, das ist es, dachte er sich.
Und Franco Corsiglia weiss heute noch, warum er auf Anhieb gewählt wurde: «Mein Vater hatte einen grossen Anteil. Alle im Dorf wussten, was er für die Italiener geleistet hat. Ganz Wohlen wusste, das ist ein Guter.» Das Gedankengut von Vater und Grossvater nahm er dann mit in die Schulpflege. Von Hans Roth – eine Persönlichkeit mit Appenzellerhumor – war es die Parteizugehörigkeit bei der FDP. «Ich habe mich ein Leben lang immer mit zwei Kulturen beschäftigt», sagt der 62-jährige Franco Corsiglia, «das habe ich auch in die Schulpflege getragen.»
Visionen und Dankbarkeit
Vom Grossvater hat er auch gelernt, dass Visionen wichtig sind. Hans Roth habe schon als Vizeammann in den 60ern gesagt: «Wohlen braucht eine Südumfahrung.» Was für eine Weitsicht. «Manchmal braucht es für Visionen einfach viel Zeit.» Die Südumfahrung ist heute noch aktuell.
Auch bei der Schlussbetrachtung bleibt Corsiglia bei «Gaschi» Roth. Am Schluss müsse die Dankbarkeit bleiben, hat dieser stets gesagt. «Dankbarkeit, dass ich etwas bewegen durfte. Es bleibt die Genugtuung zu wissen, etwas Positives hinterlassen zu können.» Das gilt für die Ära von Franco Corsiglia und die 20Jahre als Schulpflegemitglied, 16 Jahre davon als Schulpflegepräsident.
Es bleibt auch die Genugtuung, dass er internen Auseinandersetzungen im Jahr 2006 standgehalten hat. Er ist fünfmal in die Schulpflege gewählt worden. «Das zeigt, dass unsere Arbeit in der Schulpflege nicht falsch gewesen sein kann. Und alle Teams haben immer funktioniert.» Und was nimmt er mit? Franco Corsiglia, noch bis Ende Dezember Schulpflegepräsident: «Wir haben stets konsensbedacht gearbeitet. Es ist etwas Tragendes entstanden.» Dazu hat auch die beeindruckende Historie der Familien Corsiglia und Roth beigetragen.




