Am berühmten seidenen Faden
24.12.2021 MuriEwald Businger erkrankte schwer an Corona und erzählt von seinem Weg zurück ins Leben
Über acht Wochen auf der Intensivstation. Sieben Wochen unter Beatmung im künstlichen Koma. Fünf Monate dauerte es, bis Ewald Businger nach Spitalund ...
Ewald Businger erkrankte schwer an Corona und erzählt von seinem Weg zurück ins Leben
Über acht Wochen auf der Intensivstation. Sieben Wochen unter Beatmung im künstlichen Koma. Fünf Monate dauerte es, bis Ewald Businger nach Spitalund Reha-Aufenthalten wieder nach Hause konnte. Businger litt unter dem Coronavirus. Noch heute fällt ihm das Atmen ohne Beatmungsgerät schwer.
Annemarie Keusch
Nur zwei Mal. In zwei Situationen im zweitstündigen Gespräch versagt seine Stimme. Ewald Businger hat Tränen in den Augen. Aber es sind nicht Momente, in denen er seinen Krankheitsverlauf schildert oder in denen er sagt, dass er noch immer fast rund um die Uhr auf ein Beatmungsgerät angewiesen ist. Es sind Situationen, in denen Businger von anderen erzählt. Etwa von seinen drei erwachsenen Söhnen, die sich während seiner Abwesenheit um sein Haus, seinen Garten kümmerten. Oder von seinen Freunden, die ihm als leidenschaftlichen Musiker Songs aufnahmen und an seinem Geburtstag abspielten. «Ich lag im Koma, mitbekommen habe ich nichts. Aber ich war unglaublich gerührt, als ich später davon hörte.» Wie wichtig Freunde und Familie sind, sei ihm aufs Neue wieder sehr bewusst geworden.
Ewald Businger lebt seit 20Jahren in Muri, sagt über sich, er sei ein wenig ein «Heimweh-Boswiler». Er lächelt, als er im Bachmatten-Quartier die Haustür öffnet. Businger trägt einen kleinen Rucksack, unter der Nase führt ein Schlauch hindurch. Das kleine Beatmungsgerät im Rucksack pumpt unentwegt. Einige Treppen führen ins Wohnzimmer. Businger ist schnell ausser Atem, wechselt zum grösseren Beatmungsgerät. «Das grosse führt immer Luft zu, das kleine führt nur beim Atemzug impulsartig Luft zu. Bei Anstrengung reicht das nicht», sagt er. Wobei Anstrengung ein individuell definierter Begriff ist. Für Businger ist schneller etwas anstrengend. Das Gerät gibt dauernd Geräusche von sich. Stören diese nicht? «Ich höre sie nicht mehr.»
Lungenspitz mit Pilz und Bakterien befallen
Ewald Businger lebt alleine, seine Partnerin kommt an den Wochenenden und einmal unter der Woche zu Besuch, hilft ihm. Unterstützung bieten auch seine Söhne, ebenso eine Haushaltshilfe. «Es geht, irgendwie», sagt er. Den Haushalt im Griff zu haben, sei wie eine Art Training. Und Training, das braucht Ewald Businger. Bei 60 bis 70 Prozent sind seine Muskeln wieder, auch die Lungenleistung kann er stetig steigern. «Ich bin so oft wie möglich im Fitness», sagt er. Täglich seien es mehrere Stunden. Ausdauer, Kraft, Pilates in der Gruppe. Auch an der frischen Luft spaziere er oft. «Wenn es kalt und nass ist, ist das weniger ideal.» Ewald Businger hadert nicht. Er könne zu Hause sein, sei nicht gross eingeschränkt. «Einzig die Hobbys sind noch nicht möglich. Posaune spielen, Tennis, Tanzen.» Zumindest musikalisch fand er schon in der Reha in Bellikon eine Alternative. «Ich schaffte mir einen Kontrabass an.»
Ewald Businger spricht von einem Schock, wenn er an den 14. Juni zurückdenkt. Es war der Tag, an dem er nach sieben Wochen aus dem Koma erwachte. «Real denken konnte ich nicht. Ich hatte Ängste, Panik, Verfolgungswahn. Sagte Dinge, für die ich mich heute schämen würde.» Businger stand unter starkem Einfluss von Medikamenten. «Ich wusste gar nicht, was passiert war, wo ich war», sagt er. Dass das Coronavirus einen Zytokinsturm verursachte, der eine lebensgefährliche Entgleisung des Immunsystems verursachte, wurde ihm erst später gesagt. Dass seine Lunge als Folge darauf mit Pilz und Bakterien befallen war, die Lungenspitze gar zu faulen begann und operativ entfernt werden musste. «Es kam einfach alles zusammen», sagt Businger. An diesem 14.Juni wusste er das noch nicht, aber er ahnte, dass der Weg zurück steinig und schwer sein würde. «Ich konnte nicht sprechen.» Ein Luftröhrenschnitt verunmöglichte es. Also wurde Businger dahingehend instruiert, dass er sich via Knopfdruck bemerkbar machen könne. «Ich war nicht in der Lage, den Knopf zu drücken. Meine Muskeln waren derart zurückgebildet.» 20 Kilogramm Gewicht hatte er verloren.
Energie blieb lange aus
Ewald Businger war kerngesund, stand mitten im Leben, war beruflich ausgelastet, verbrachte seine freie Zeit mit seinen Freunden in der «Schlemmerband», auf dem Tennisplatz oder auf dem Tanzparkett. Sobald es möglich war, meldete sich Businger für die Impfung gegen das Coronavirus an. Einen Termin hatte er noch nicht, als mit einem positiven Test am 9.April vieles anders wurde. «Nein, Angst hatte ich nicht», blickt Businger zurück. Er sei schlecht aufgestanden, habe sich nicht gut gefühlt und darum einen Selbsttest gemacht. Ein PCR-Test mit demselben Resultat folgte. Businger blieb einige Tage zu Hause. «Sehr schlecht ging es mir nie.» Trotzdem ging er ins Spital Muri, um sicherzugehen, dass alles gut sei. Wenige Tage später lag er auf der Intensivstation, immer wieder setzt seine Erinnerung aus. Am 24. April wurde er intubiert und ins künstliche Koma versetzt. Am 7. Mai wurde er im Koma auf die Intensivstation nach Aarau verlegt.
Kurz nach dem Aufwachen aus dem Koma folgte die Verlegung in die Reha Bellikon und dort erlebte er die dunklen Stunden. Er war ein Vollpf legefall geworden. «Nichts ging. Und es wurde immer schlechter», fasst Businger zusammen. Schon kurzes Sitzen war für ihn eine grosse Anstrengung, Energie floss im Körper keine. «Ob ich Zweifel hatte, dass es je wieder gut kommt? In dieser Phase schon», gesteht er. Seit dem Tag in der Reha, an dem die Energie wieder zu fliessen begann, er erste kleine Übungen angehen konnte, waren diese Zweifel weg.
Schlimme Zeit für das Umfeld
Auch heute antwortet Ewald Businger mit «gut», wenn man ihn fragt, wie es ihm gehe. Und er meint es ernst. Er lacht viel, auch mal über ein Bild, das ihn völlig abgemagert in einem Spitalbett zeigt. «Ich habe in der Rehaklinik in Bellikon andere Schicksale gesehen. Da bin ich mit meinem mehr als zufrieden», sagt er. Angst zu sterben, das habe er nie gehabt. «Ich fürchtete mich eher davor, nicht sterben zu können, vor mich hin vegetieren zu müssen, wie viele andere», gesteht er. Businger steckte sich immer neue Ziele, auf den Rollstuhl verzichten zu können, ohne Rollator gehen zu können. «Immer war ich nicht zu hundert Prozent überzeugt, dass ich es schaffe, aber daran geglaubt habe ich meistens.»
Businger will nicht von einem schweren Schicksal oder schlimmen Zeiten sprechen. «In gewissen Phasen war es für mein Umfeld schwieriger als für mich.» Gerade die Zeit, in der er im Koma lag, sei für seine Partnerin, seine Söhne und seine Schwestern nur schwer erträglich gewesen. «Mehrmals wurden sie von Spital und Ärzten damit konfrontiert, Abschied nehmen zu müssen.» Er könne sich nur vorstellen, wie kräftezehrend das gewesen sein müsse. Aber auch er selber sagt: «Ich weiss nicht, warum ich überlebt habe.»
Vor dem Fernseher gehts ohne Beatmungsgerät
Viele Gedanken, darüber, was war und was hätte sein können, macht sich Ewald Businger nicht. Über acht Monate sind seit dem ersten positiven Schnelltest vergangen. Hilfe vom Beatmungsgerät braucht Businger noch immer täglich. «Seit wenigen Wochen kann ich darauf verzichten, wenn ich alleine und entspannt zum Beispiel fernsehe», sagt er. Nur schon das Sprechen geht nicht ohne. «Ich vergiesse keine Träne, sollte das für den Rest meines Lebens so sein», sagt er bestimmt. Auch wenn sich das Gewebe der Lunge erneuert habe, sei nicht klar, ob dieses Gewebe genug sauerstoffdurchlässig sei. «Wie es auch immer kommt, ich mache das Beste daraus.» Dennoch ist Businger überzeugt, dass es ihm bis im Frühling besser geht. «Ich habe einen Tennismatch abgemacht mit einem 85-Jährigen», sagt er und grinst.
«Ich habe Glück im Pech gehabt»
Verändert haben ihn die acht Monate nicht, sagt Ewald Businger. «Ich war schon immer pragmatisch, ein Realist. Ich habe Glück im Pech gehabt.» Sein Leben nun anders führen, das macht er nicht. «Ich habe keine Liste mit Dingen, die ich noch erleben will. Ich habe solche Sachen immer sofort gemacht.» Aber Businger hat Träume und Ziele. «Ich will die Muskeln wieder auf hundert Prozent aufbauen, die Lunge auf 80 Prozent», sagt er. Harte Arbeit, das sei der Weg zum Ziel. Mit harter Arbeit kämpfte er sich aus dem Spitalbett, via Rollstuhl und Rollator zurück nach Hause, zurück ins Leben. «Es lohnt sich.»


