Heimspiel nach 50 Jahren
23.11.2021 WaltenschwilSchwester Gaudentia zu Besuch in Waltenschwil
«Mit Gottvertrauen im Gepäck» heisst das Buch, das Helene Arnet über Schwester Gaudentia schrieb. Erschienen ist es vor einem Jahr. Nun wurde es in Gaudentias Heimat, in Waltenschwil, präsentiert. Immer wieder ...
Schwester Gaudentia zu Besuch in Waltenschwil
«Mit Gottvertrauen im Gepäck» heisst das Buch, das Helene Arnet über Schwester Gaudentia schrieb. Erschienen ist es vor einem Jahr. Nun wurde es in Gaudentias Heimat, in Waltenschwil, präsentiert. Immer wieder schweift ihr Blick durch die Bannegg-Halle. Ab und zu lächelt sie, bleibt an einem Gesicht hängen. «Viele Leute kenne ich nicht mehr», sagt sie. Es sind Gesichtszüge, die verraten, zu welcher Familie sie gehören.
Gegen 50 Jahre lebte und wirkte Schwester Gaudentia in Papua-Neuguinea. In ihrer Heimat erzählte sie verschiedene Anekdoten. --ake
Vom anderen Ende der Welt
Schwester Gaudentia und Schwester Lukas erzählen aus ihrem Leben in Papua-Neuguinea
Fast 50 Jahre lebten sie im südlichen Hochland Papua-Neuguineas: Schwester Gaudentia aus Waltenschwil und Schwester Lukas aus Gunzwil. In der Bannegg-Halle erzählten sie, was sie dort erlebten – vom Kampf gegen die Hexenverbrennung, von der Aufklärung zur Bekämpfung von Aids oder vom Leben der Einheimischen.
Annemarie Keusch
Die eineinhalb Stunden sind schnell vorbei. Die musikalischen Interventionen vom «Trio Trello» sorgen für Verschnaufpausen. Für die beiden Nonnen Gaudentia und Lukas, die aus Papua-Neuguinea erzählen. Aber auch für das Publikum, das die zum Teil unglaublich wirkenden Geschichten und Bilder ordnen kann. Vor über 50 Jahren gehörten die beiden zu den ersten weissen Frauen, die die Einwohner des südlichen Hochlands zu Gesicht bekamen. Schwester Lukas mehr in der kirchlichen Arbeit, Schwester Gaudentia in der medizinischen Versorgung und als Hebamme, erlebten sie so einiges.
Über die als Margrit Meier in Waltenschwil aufgewachsene Schwester Gaudentia schrieb Autorin Helene Arnet das Buch «Mit Gottvertrauen im Gepäck». An der Buchpräsentation, die wegen der letztjährigen pandemiebedingten Absage erst ein Jahr nach der Publikation des Buches stattfinden konnte, erzählten beide Frauen.
Keine Frau starb mehr bei der Geburt
«Ich habe die Bäuche gesehen und mich gefragt, was den Kindern fehlt», sagt Schwester Gaudentia, gefragt nach ihren ersten Erinnerungen nach der Landung in Mendi, der Hauptstadt des südlichen Hochlandes. Am 13. Oktober 1969 war dies. Auf dem Foto sind neben den Nonnen viele Kinder abgebildet. Ihre Oberkörper sind nackt, ihre Bäuche gross. Dass dies Schwester Gaudentias erste Gedanken waren, erstaunt nicht. Als ausgebildete Hebamme kam sie auf die Insel, um im Gesundheitswesen zu helfen. Wobei es eigentlich falsch ist, dem Gesundheitswesen zu sagen, was es damals in Det gab. Von Mendi nach Det, wo die Schwestern die ersten Jahre wirkten, gab es noch keine Strasse. Die Leute lebten und leben noch heute in Buschhäuschen, in einem die Frauen, in einem die Männer. Eine Krankenstation, geschweige ein Spital, gab es nicht.
Sofort fassten die Einheimischen nicht Vertrauen zu den ersten weissen Frauen, die sie zu Gesicht bekamen. «Es dauerte einen Monat, bis die erste Frau zu mir kam, um zu gebären», erinnert sich Schwester Gaudentia. Vorher gebaren die Frauen in kleinen Häuschen – «wir würden Hundehüttchen sagen» – ganz alleine. Die Sterblichkeit der Frauen und der Kinder war gross, die hygienischen Verhältnisse waren schwierig. Stolz sagt Gaudentia: «In 30 Jahren habe ich geholfen 5000 Kinder zu gebären. Keine Frau verstarb mehr bei der Geburt.» Gerade weil die Möglichkeiten und Hilfsmittel sehr beschränkt waren, sagt sie noch heute: «Es war oft ein Wunder.»
Namen der Verwandten
Über hunderte Leute sind es, die den Erzählungen der beiden Frauen gebannt folgen. Für Schwester Gaudentia ist es ein Heimspiel. Ihre Geschwister sind da, Nichten, Neffen, Grossnichten und -neffen. «Alle sind auch in Det und Umgebung vertreten», sagt sie schmunzelnd. «Auch die dortige Bevölkerung will ihren Kindern exotische Namen geben. So haben sie mich immer wieder nach Ideen gefragt. Und ich habe eben Namen meiner Verwandtschaft genannt.» Im Hintergrund zeigt ein Bild Schwester Gaudentia mit einem Kind auf dem Arm. «Das ist Lisbethli.»
Sie bauten ein Gesundheitswesen auf, das diesen Namen verdient. Sie kämpften gegen Hexenverbrennung, die im südlichen Hochland nach wie vor ein Thema ist. Sie sorgten für Bildung, gerade unter den Frauen. «Geschichte und Geografie war mir wichtig», sagt Schwester Lukas. Umgeben von tiefen Wäldern wussten die Völker oft nicht, was ein See oder das Meer ist. Sie brachte den Frauen das Nähen bei. Eine Bilum, eine traditionelle Tasche, trägt Schwester Lukas noch heute bei sich.
Unfreiwillige Rückkehr vor drei Jahren
Ein Schwerpunkt in der Arbeit von Schwester Gaudentia war der Kampf gegen die Ausbreitung von Aids. Ob sie mit den Einheimischen über Sex geredet habe? «Ja, ich musste», antwortet sie nüchtern. Die Aufklärung, der Umgang mit dem Kondom, das breite Testen und die Abgabe von Medikamenten. Schwester Gaudentia kannte keine Berührungsängste. «Wir arbeiteten oft mit Frauen und Paaren, die in den Dörfern viel Einfluss hatten», erzählt sie. Und fügt an, dass es in Papua-Neuguinea nicht so sei, dass ein Mann mit einer Frau verheiratet sei. «Je mehr Schweine ein Mann hat, desto mehr Frauen braucht er, um für diese zu sorgen», erklärt sie 2018 war es, als Schwester Gaudentia und Schwester Lukas in die Schweiz zurückkehrten, weil Schwester Gaudentia krank wurde. Noch sind zwei Baldegger-Schwester im südlichen Hochland tätig. «Die Krankenstation und die Aids-Stationen gibt es noch immer. Wir konnten sie an Einheimische übergeben», sagt Schwester Gaudentia. Der Stolz, oder vielmehr die Freude daran, weiter helfen zu können, ist in ihren Augen zu sehen.
Es sind viele Geschichten, die die beiden Schwestern an diesem Abend erzählen oder andeuten. Heute leben sie in Hertenstein. Ob sie Heimweh haben, wenn sie von der Zeit in Papua-Neuguinea erzählen und Bilder sehen? «Es ist die Realität, dass unser Alter es nicht mehr möglich macht, dort zu leben und so viel Verantwortung zu tragen», sagt Schwester Gaudentia. Die Antwort ist nüchtern, ihr Strahlen beim Betrachten von alten Bildern lässt anderes vermuten.



