Zu zweit los, zu dritt zurück

Di, 12. Okt. 2021
Arbeit für Kost und Logis. Mit «Workaway»-Projekten kam das Paar unterwegs über die Runden. Hier Manuela Brunner bei der Olivenernte im italienischen Perugia.

Ein Paar auf Einjahreswanderung

Die Wohlerin Manuela Brunner und ihr Partner Reto Müller waren über ein Jahr unterwegs. Mit Rucksack und Zelt. Ihr Ziel war, nie zu fliegen. Trotzdem hat sie die Reise bis auf die Kanarischen Inseln geführt.

Reto Müller und Manuela Brunner haben sich einen Traum erfüllt. Im Juni 2020 brachen sie zu einer Reise auf. Weder Ziel noch Dauer haben sie festgelegt. Ihr Weg führte sie über das Bündnerland nach Slowenien, Italien, das spanische Festland und die Kanarischen Inseln.

Mitgenommen haben sie von ihrer Reise viele Erlebnisse und viele Erkenntnisse. «Ich konnte in dieser Zeit einfacher klare Entscheidungen für mich treffen als vorher», erzählt Reto Müller. Eine ganz besondere Entscheidung fiel das Paar auch auf dieser Reise. Während sie zu zweit aufgebrochen sind, kamen sie zu dritt zurück. Manuela Brunner wurde auf der Reise schwanger. Unterwegs wurde den beiden bewusst, dass sie Kinder möchten. Das Kind kam nach der Rückkehr auf die Welt. --jl


Die Reise ihres Lebens

Die Wohlerin Manuela Brunner und ihr Partner Reto Müller waren ein Jahr mit Rucksack und Zelt unterwegs

Ihr Ziel war, nie zu fliegen. Im Sommer 2020 brachen die Wohlerin Manuela Brunner und ihr Partner Reto Müller im Aargau zu einer Reise auf. Sie wussten nicht, wohin ihr Weg sie führen würde. Gelandet sind sie zuletzt auf den Kanarischen Inseln – nach einem Trip, der ihr Leben verändern sollte.

Josip Lasic

Die Wohnungstür schliessen, den Schlüssel drehen und losmarschieren, so weit einen die Beine tragen. Einfach so spontan verreisen und die Arbeit, die Verpflichtungen und den Alltagstrott hinter sich lassen ist ein Traum vieler Menschen.

Die Wohlerin Manuela Brunner und ihr Partner Reto Müller haben diesen Schritt gewagt. «Wir hoffen, dass wir andere Menschen, die einen ähnlichen Traum haben wie wir, mit unserer Geschichte motivieren können», sagt die Freiämterin. Ein Jahr war das Paar unterwegs. Losmarschiert aus ihrer Wohnung mit Rucksack und Zelt führte sie ihr Weg über das Bündnerland, Slowenien und Italien bis auf die Kanarischen Inseln. «Ohne Flugzeug, ohne Plan, trotz Corona. Es war wunderschön», erzählt die 35-Jährige.

Die beiden wollten den Alltagsdruck hinter sich lassen. «Wir haben keine Erleuchtung gesucht oder so etwas Ähnliches. Es ist nicht so, dass wir vorher schlecht gelebt haben. Aber wir sehen gewisse Dinge nach der Reise mit anderen Augen», erklärt die Wohlerin. «Wir waren beispielsweise absolut minimalistisch unterwegs. In so einen Rucksack passt nicht viel mehr hinein als wenige Kleider, unser Gaskocher, Zelt und Schlafsack. Trotzdem hat es uns nie an etwas gefehlt», sagt sie. Reto Müller: «Wir hatten vorher schon nicht besonders viele Dinge. Aber nach der Rückkehr von der Reise war mein Eindruck trotzdem, dass wir zu viele Sachen besitzen.»

Der Pandemie getrotzt

Seit vier Jahren sind die Wohlerin und Reto Müller, der ursprünglich aus Oberkulm stammt, ein Paar. Kennengelernt haben sie sich im spanischen Sevilla bei einem Sprachaufenthalt. Reisen ist eine grosse Leidenschaft der beiden. Bald war der Wunsch da, eine grössere gemeinsame Reise zu unternehmen.

2020 soll ihr Jahr werden. Ausgerechnet 2020, das Jahr, in dem durch die Pandemie zahlreiche Pläne auf der Welt zunichtegemacht wurden. Das Paar liess sich davon nicht abschrecken. Ihr Glück war, dass die Schwester von Reto Müller ein Hotel im graubündischen Avers führte. «Wir dachten, dass es ein guter Versuch wäre, erst mal dorthin zu wandern», sagt der 42-Jährige. «Es war immer noch in der Schweiz. Wäre etwas schiefgegangen, waren wir in einer bekannten Umgebung. Und falls sich in Bezug auf Corona etwas geändert hätte, wäre die Option da gewesen, in der Schweiz zu bleiben.»

Arbeitsstellen gekündigt und losgewandert

Alles hinter sich zu lassen, war mit viel Unsicherheit verbunden. Reto Müller, der als Innenarchitekt arbeitet, hatte vor der Reise ein sehr gutes Stellenangebot. «Das hat mich schon ins Grübeln gebracht», sagt er. Brunner: «Wir kamen zum Schluss, dass uns nichts Schlimmes passieren kann. In der Schweiz können wir jederzeit wieder Arbeit finden», sagt die Wohlerin. «Und niemand weiss, was einen erwartet. Wir leben jetzt und wir leben nur einmal. Also wollten wir uns unseren Traum erfüllen und haben unsere Stellen gekündigt.»

Drei Wochen dauert die Wanderung bis nach Avers. Dort arbeitet das Paar einen Monat lang im Hotel von Reto Müllers Schwester mit. Danach setzen sie ihren Weg in Richtung Ausland fort. Über die Alpen und das Südtirol geht es in Richtung Slowenien. Mittlerweile setzt der Herbst ein. Es wird kälter. Zu kalt, um zu zelten. Brunner und Müller melden sich bei der Plattform «Workaway» an. Dort bieten Menschen, die Hilfe bei diversen Arbeiten benötigen, Kost und Logis als Gegenleistung an. «Den ersten Arbeitseinsatz hatten wir auf einem Bauernhof in Slowenien», erzählt Müller.

Die Kanarischen Inseln als Ziel

Zu dieser Zeit wird die Reise eines der wenigen Male von der Pandemie beeinflusst. Die Grenze zwischen Italien und Slowenien droht geschlossen zu werden. Deshalb brechen sie in Richtung Italien auf. Mittlerweile haben sie eine Idee, wohin der Weg gehen könnte. «Wir wollten den Winter auf den Kanarischen Inseln verbringen. Dort haben wir Bekannte», erzählt Brunner.

Das gestaltet sich schwieriger als ursprünglich gedacht. Sie finden keine Fähren auf die Kanaren. Eine Segelregatta in Triest bringt sie auf die Idee, auf die Inseln zu segeln. Reto Müller findet im Internet die Plattform «Hand gegen Koje». Das Prinzip ist das gleiche wie bei «Workaway». Müller: «Du arbeitest auf einem Segelschiff mit und erhältst dafür einen Platz in einer Koje.»

Sevilla statt Segeltrip

Mit der Fähre geht es nach Barcelona. Danach nach Vinaros und von dort aus mit dem Segelschiff auf einen Probeturn nach Ibiza. Der Segeltrip wird zur Herausforderung. Der Winter setzt ein. Stürme, Kälte, Seekrankheit. Das Paar entscheidet sich dagegen, auf die Kanaren zu segeln. Stattdessen geht es mit der Fähre nach Valencia und mit dem Zug weiter nach Sevilla. An den Ort, wo sich Manuela Brunner und Reto Müller kennengelernt haben. Und von dort dann weiter mit der Fähre auf die Kanaren, wo das Paar fünf Monate bleibt.

Es war eine Traumschwangerschaft

Seit Juli dieses Jahres sind die beiden wieder in der Schweiz. Besonders schön: Aus dem Paar wurde während der Reise ein Trio. Seit dem 27. September sind sie und Reto Müller stolze Eltern eines Sohnes. Ohne die Schwangerschaft wären sie vielleicht jetzt noch unterwegs.

In ihrer Reise eingeschränkt fühlten sich die zwei durch die Schwangerschaft allerdings nicht. Im Gegenteil. «Wir haben erst auf dieser Reise wirklich gemerkt, dass wir Kinder wollen», erzählt Brunner. «Vorher haben wir viel gearbeitet. Da fragt man sich, ob man am Abend noch genug Energie hat, um für ein Kind zu sorgen. Während der Reise haben wir gemerkt, dass man den Alltag auch anders gestalten kann und dass wir gemeinsam vieles meistern können. Es war eine Traumschwangerschaft.»

Die grösste Lebenserfahrung

Manuela Brunner arbeitete nach der Rückkehr wieder in der Administration der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo sie bereits vor der Reise tätig war. Müller ist wieder als Innenarchitekt beschäftigt. Nach der Reise starteten beide mit einem reduzierten Pensum. «Zurückzukehren ist fast schwieriger, als loszuziehen», sagt Müller lachend. «Ich habe unterwegs gemerkt, dass ich sehr freiheitsliebend bin. Wir haben auch festgestellt, dass uns Materielles nicht wichtig ist. Es ist herausfordernd, aber spannend, die Erfahrungen dieser Reise in den Alltag zu integrieren.»

Genau deshalb würden die beiden so eine Reise jedem weiterempfehlen. «Es fällt einem immer ein Grund ein, wieso man es nicht riskieren soll», sagt Brunner. «Wir haben aber beispielsweise unterwegs ein Schweizer Paar getroffen, das mit zwei Kindern unterwegs war. Auch ein Jahr lang. Es ist immer möglich. Wir würden dieses Erlebnis nicht missen wollen. Es ist die grösste Lebenserfahrung, die wir je gemacht haben.»

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