Nicht nur auf die Noten achten
01.10.2021 WohlenDie 7. Berufsinfotage Berufe Wohlen+ waren ein voller Erfolg
387 Schüler und Schülerinnen, 75 beteiligte Unternehmen, 1800 Besichtigungen. Trotz Pandemie wurden Rekordzahlen vermeldet.
Chregi Hansen
Der Wohler ...
Die 7. Berufsinfotage Berufe Wohlen+ waren ein voller Erfolg
387 Schüler und Schülerinnen, 75 beteiligte Unternehmen, 1800 Besichtigungen. Trotz Pandemie wurden Rekordzahlen vermeldet.
Chregi Hansen
Der Wohler Journalist und Autor Jörg Meier brachte es auf den Punkt. «Früher gab es keine Berufswahl an der Schule. Da hat der Vater die Lehre organisiert bei einem Onkel oder einem Kollegen im Turnverein», sagte er am Abschlussapéro für die beteiligten Unternehmen.
Heute gibt es Hunderte anerkannte Berufsausbildungen. Die Jungen haben die Qual der Wahl. Und sie haben gleichzeitig immer höhere Hürden zu überwinden. So verlangen etliche Firmen bereits für eine Schnupperlehre ein perfektes Bewerbungsdossier. Eine Entwicklung, die Schulleiterin Franziska Walti mit Sorge betrachtet. Auch Marc Kilchenmann, Leiter Gastronomie in der Integra, rief dazu auf, bei Bewerbungen nicht nur auf Noten und Diplome zu achten, sondern das persönliche Gespräch und das Bauchgefühl mit einzubeziehen. Werber Denis Lück wiederum ist sowieso der Meinung, dass in Zukunft vor allem die Kreativität gefragt ist, und zwar in allen Bereichen und Berufen. Und erzählte seine eigene Geschichte und wie er sich mit einem abstrusen Professorentitel eine Stelle geangelt hat.
Das zum 7. Mal durchgeführte Projekt Berufe Wohlen+ bringt all das zum Tragen. Die Betriebe stellen sich auf kreative Art vor. Und Jugendliche und Firmen kommen sich persönlich näher. Was aber bleibt, ist die Qual der Wahl.
Kreativität als Schulfach?
Interessante Referate am Abschlussapéro von Berufe Wohlen+
Das hat Tradition. Zwei Tage lang erhalten Schülerinnen und Schüler Einblicke in ganz verschiedene Berufe. Am Ende des zweiten Tages sind alle beteiligten Unternehmen zu einem gemeinsamen Abschluss geladen. Dabei bekamen sie viel Spannendes zu hören.
Chregi Hansen
Er war der Star des Abends. Dennis Lück, der in Wohlen lebende Werber des Jahres, konnte am Sonntag einen weiteren grossen Triumph feiern. Er war Hauptverantwortlicher der Kampagne der deutschen SPD im Wahlkampf. Und damit mitverantwortlich, dass die serbelnde Partei zu neuer Grösse zurückfand.
«In meinem Beruf geht es immer um Probleme und Lösungsfindungen», erklärte er. Als Beispiel nannte er seine eigene Bewerbung an einer Universität. Weil er keinen akademischen Titel hatte, konnte er die Stelle nicht erhalten. Dank Spenden an eine amerikanische Kirche kam er erst zu einem Doktortitel (für paranormale Psychologie) und später zu einer Ehrenprofessur für Exorzismus. Und reichte die Diplome prompt bei einer weiteren Bewerbung ein. «Erst schüttelten alle den Kopf. Aber dann mussten sie eingestehen, dass das äusserst kreativ war. Und schliesslich suchten sie doch genau einen Experten für Kreativität.»
Mit genau so viel Witz und Einfallsreichtum geht Lück auch an seine Arbeit als Werber. Egal, ob es um eine Weihnachtskarte von BMW oder die Kampagne der SPD geht – Ziel sei es immer, aufzufallen und die Menschen gleichzeitig zu überraschen und zu berühren. «So etwas erreicht man nur mit Kreativität», sagt er. Und er ist überzeugt, dass dies nicht einfach ein Talent ist, sondern gelernt werden kann. Darum plädiert er für ein entsprechendes Schulfach, denn Kreativität sei nicht nur in der Werbung, sondern in allen Berufen gefragt. «Es ist die wichtigste Fähigkeit in der Zukunft», ist der Wohler überzeugt.
Zu Träumen wagen
Autor Jörg Meier wiederum gab zu, dass er eigentlich aus Zufall Journalist geworden ist. Berufswahl im eigentlichen Sinn gab es zu seiner Zeit nicht an der Schule. Zudem sei heute alles viel komplizierter. «Früher gab es einfach den Automech. Heute gibt es rund ums Auto 25 verschiedene Berufe», hat er herausgefunden. Für junge Menschen sei es nicht einfach, den passenden Beruf zu finden. «Denn jeder Entscheid für eine Ausbildung ist eine Absage an ganz viele andere Möglichkeiten» Er selber wäre gerne Forscher geworden, gestand er, hatte aber das Gefühl, die Welt sei schon fertig erforscht. Ein Irrtum, wie Meier heute erkennen muss. «Man sollte sich nicht zu früh von seinen Träumen verabschieden», lautet darum sein Ratschlag.
Jeder hat eine Chance verdient
Als Leiter der Gastronomie in der Integra hat Marc Kilchenmann immer wieder mit Bewerbungen zu tun. Aus Erfahrung weiss er darum, dass Noten und Diplome nicht alles sind. Und er rief die anwesenden Unternehmer auf, auch vermeintlich Schwächeren eine Chance zu geben. Wichtig sei doch, dass jemand seinen Beruf stolz und mit Freude ausübe. Gleichzeitig betonte er, dass die Schweizer Berufslehre noch immer ein Erfolgsmodell sei. «Mit einer absolvierten Lehre stehen einem nachher alle Türen offen», ist er überzeugt. Aber man müsse dem Handwerk Sorge tragen. «Mit Technik lässt sich nicht alles ersetzen.»
Gleich drei konkrete Anliegen hat Schulleiterin Franziska Walti an die anwesenden Lehrbetriebe. Zum einen werden Lehrstellen heute immer früher ausgeschrieben, dann sei bei sehr vielen Jugendlichen die Berufswahl noch nicht abgeschlossen. «Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen», gestand Walti. Genauso wie die Tatsache, dass oft schon für Schnupperlehren perfekte Dossiers verlangt werden. Das sei besonders für schwä- chere Schüler und Schülerinnen ein riesiges Problem. Und sie rief dazu auf, der schulischen Bewertung in Selbst- und Sozialkompetenz nicht zu hohe Beachtung zu schenken. «Die ist zwar im Zeugnis vermerkt, sie dient aber in erster Linie als Standortbestimmung und zur Festlegung der weiteren Entwicklungsschritte. Es handelt sich keinesfalls um eine Charakterstudie», machte die Schulleiterin deutlich.
Wichtige Schnittstelle
Viel wichtiger sei doch der persönliche Kontakt und der eigene Eindruck. Und genau dazu verhelfe das Projekt Berufe Wohlen+. In diesem Sinne bedankte sich Franziska Walti bei den vielen Betrieben, welche den Schülerinnen und Schülern der Region einen Einblick in die Berufswelt ermöglichen. «Gleichzeitig ermöglicht es das Projekt, dass sich Volksschule und Arbeitswelt näherkommen. Und das ist gut, denn an dieser Schnittstelle sehe ich durchaus noch Luft nach oben», so die Schulleiterin.



