Ein Berufsleben für die Jugend
24.09.2021 Region UnterfreiamtHans Melliger aus Sarmenstorf geht Ende September als Jugendanwalt in Pension
Er ist Jugendanwalt aus Berufung. Aus Leidenschaft. Nach 33 Jahren und neun Monaten legt Hans Melliger alle Dossiers weg.
Daniel Marti
Bald hat er ...
Hans Melliger aus Sarmenstorf geht Ende September als Jugendanwalt in Pension
Er ist Jugendanwalt aus Berufung. Aus Leidenschaft. Nach 33 Jahren und neun Monaten legt Hans Melliger alle Dossiers weg.
Daniel Marti
Bald hat er so richtig Zeit. Für Familie, Haus, Garten und für die Kultur, die er als Theaterspieler und Beauftragter des Sternensaals Wohlen so unendlich mag. So sehr wie seinen Beruf. Hans Melliger betrat am 1. Janaur 1988 die Jugendanwaltschaft in Aarau. Diese Berufung hat ihn nicht mehr losgelassen. Er ist geblieben. Und Ende September geht er in den Ruhestand. Eine feine Leistung für den Kanton und dessen Jugend. Dabei erlebte er so ziemlich alles, auch schlimme Ereignisse oder Happy Ends. Es war ihm stets wichtig, dass alle jungen Menschen eine echte (zweite) Chance im Leben erhalten. Insgesamt gingen in seiner Ära rund 80 000 Falldossiers über seinen Tisch.
Der grosse Teil der Jugendstraftäter ist männlich. 85 Prozent. «Die jungen Männer agieren oft machomässig, auffälliger und werden dadurch eher erwischt», gibt Melliger Einblick in seinen Alltag, «Mädchen stellen sich oft besser und cleverer an im Umgang mit der Polizei und sie sind meistens zu Hause behüteter.» Das allerdings sei nur ein einfacher Erklärungsversuch, fügt er an. Ob männlich oder weiblich – Melliger hat immer versucht, Probleme zu lösen. Dass dies bald beendet ist, sei für ihn auch befreiend, sagt er.
Der Mann für 80 000 Fälle
Hans Melliger aus Sarmenstorf: Der Leiter der Jugendanwaltschaft geht Ende September in Pension
Was für eine Leistung. Hans Melliger war 33 Jahre und neun Monate Jugendanwalt. Nun geht er in Pension. In dieser Schaffensphase für den Aargau, für die Jugend sind rund 80 000 Falldossiers bei ihm und der Jugendanwaltschaft eingegangen. Und alle Menschen dahinter haben eine Chance erhalten – auch dank Hans Melliger.
Daniel Marti
«Schön ist es gewesen. Es war für mich ein Privileg, in diesem Bereich zu arbeiten.» Punkt. Vieles ist gesagt. So zieht einer Bilanz, der in seinem Metier, in seinem Beruf zur grossen Persönlichkeit geworden ist. Hans Melliger, Leiter der Jugendanwaltschaft, eine Kapazität. Einer, der vor bald 34 Jahren als 31-Jähriger zum Jugendanwalt gewählt worden ist. «Die meisten haben wohl gedacht, dass ein junger Sozialarbeiter daherkommt», erinnert er sich an den Anfang und kann dabei ein freundliches Lächeln nicht ganz verbergen.
Dieser junge Mann mit abgeschlossenem Studium der Rechtswissenschaften ist am 1. Januar 1988 bei der Jugendanwaltschaft eingestiegen – um zu bleiben. Um sehr lange zu bleiben. Es ist fast schon eine ewige Treue, die Hans Melliger vorgelebt hat.
Der schwierige Spagat zwischen Opfer und Täter
Melliger, der Sarmenstorfer. Fast ein halber Wohler. Sorry für die Bezeichnung. Die Bez in Wohlen, Handball gespielt in Wohlen, den Sternensaal und die Kultur mitgeprägt in Wohlen. «Ich bin Sarmenstorfer», betont er unmissverständlich. Und vor über 33 Jahren war er nicht nur angetan von seinem Wohnort, sondern er war sofort begeistert von seinem Job. «Als leidenschaftlicher Strafrechtler hatte ich immer mit vielen Jugendlichen zu tun.» Das freute ihn. Das sei Erfüllung genug.
Am kommenden Donnerstag, 30. September, geniesst er nun seinen letzten Arbeitstag. Dann geht der Jugendanwalt in den Ruhestand. Zufrieden und mit ganz vielen Erinnerungen. Erinnerungen an Happy Ends, aber auch an schlimme Taten und unauslöschbare Einschnitte im Leben von jungen Menschen.
Drei grosse Veränderungen erlebte Melliger während den letzten drei Jahrzehnten an vorderster Front: das neue Eidgenössische Jugendstrafrecht (2007), die einheitliche Schweizerische Jugendstrafprozessordnung (2011) und die Digitalisierung (ab 2005). Das alles brachte Erleichterung und flankierte seine Arbeit ideal. Und trotzdem überlagerte die öffentliche Meinung oft vieles. Denn der Spagat zwischen Opfer und jugendlichem Täter ist für die Öffentlichkeit herausfordernd. Und der Jugendanwalt ist diesem Kräftemessen ausgesetzt. «Als Jugendanwaltschaft sind wird für die Täter zuständig, nicht für die Opfer. Und das begreifen viele Menschen oftmals nicht.» Dann komme der Vorwurf auf, dass das Opfer vernachlässigt wird – die Aufgabe der Jugendanwaltschaft ist bei diesem Denken dann zweitrangig.
Die Jugend und die Wellenbewegungen
Das Jugendstrafrecht ist auf Schutz und Erziehung ausgelegt. Das ist der Grundauftrag. Schutz vor der Fehlentwicklung. Erziehung, um Täter wieder in die Gesellschaft integrieren zu können. «Vieles liegt bei uns in einer Hand, von der Verhaftung bis zum Gerichtsurteil und manchmal bis zum Lehrabschluss. Und das ist auch die Absicht des Gesetzgebers.»
Es sei daher die Aufgabe der Jugendanwaltschaft, «eine sehr gute Beziehung zu den Eltern und Jugendlichen aufzubauen». Bei den Delikten geht es um Drogen, ums Dealen, Diebstahl, Betrügereien, Mobbing, Verkehrsunfall, auch Gewalt und sexuelle Übergriffe bis hin zu Tötungsdelikten.
Ist denn die Jugend von heute krimineller oder braver als auch schon? «Da gibt es Wellenbewegungen», sagt Melliger. Vor Jahren haben die rebellischen Rockertypen Probleme gemacht, dann kamen das Internet und die Cyberkriminalität. «Wir sind eine 24-Stunden-Gesellschaft geworden, in der viel konsumiert wird und die mit Risikoverhalten im Ausgang verbunden ist. Kiffen, Alkoholmissbrauch, Unfälle, das sind dann die strafrechtlichen Begleiterscheinungen.»
Durchschnittlich kommt es im Jahr im Aargau zu rund 3000 Anzeigen im Jugendbereich. «Bei 80 Prozent kommt es nach dem Vorfall wieder gut.» Das sei eine recht gute Quote. Die anderen 20 Prozent werden als «Schwellentäter» bezeichnet. «Die sind risikoreich unterwegs.» Mit diesen Jugendtätern müsse man verhandeln, den richtigen Moment erwischen für einen Deal, der das zukünftige Verhalten korrigiert.
Die grosse Kunst
Von den 20 Prozent der «Schwellentäter» sind fünf Prozent Intensivtäter. Die Intensivtäter begehen rund 50 Prozent der Delikte eines Geburtenjahrgangs. «Die erreicht man nicht einmal mit schwersten Strafen», sagt Melliger. Da geht es dann darum, in die Tiefe vordringen zu können. «Dahinter können furchtbare Geschichten stecken, Kriege, Flucht, der Kampf ums nackte Überleben.»
Bei den extrem schwierigen Fällen gilt es das herauszufinden, wo sind die Risiko- und Schutzfaktoren bei dieser Person. «Hier kann man einhaken und den Jugendlichen fördern. Das allerdings herauszufinden», so der 65-Jährige, «ist die grosse Kunst.» Wird ein solcher Intensivtäter tatsächlich wieder auf den richtigen und anständigen Pfad gebracht, wertet das die Jugendanwaltschaft «als grossen Erfolg», auch für die Gesellschaft. Weil es künftig weniger Rückfälle und damit weniger Opfer und Geschädigte gibt.
Geschichten, die einen nicht mehr loslassen
Knapp 80 000 Falldossiers sind auf dem Tisch der Jugendanwaltschaft gelandet, seit Hans Melliger dort arbeitet. Alle drei, vier Jahre ereigneten sich im Aargau so schlimme Taten, dass sie auch den Jugendanwalt aus dem Freiamt nicht mehr losliessen. «Alles, was mit Todesfällen zu tun hat.» Das verfolgt auch ihn. Da sei es nützlich, dass sein Nachhauseweg von Aarau nach Sarmenstorf knapp 25Minuten dauert. So kann er die ganz schwierigen Ereignisse parkieren und nimmt sie nicht mit nach Hause. «Ich bin schon belastbar und zu Hause abgeschirmt.»
Aber selbst das hat in den vergangenen 34 Jahren nicht immer funktioniert. «Es gibt Geschichten, die einen einfach nicht mehr loslassen», gibt er zu. «Jeder muss letztlich aber selber wissen, was ihm bei der Bewältigung guttut und was nicht.»
Der Leiter der Jugendanwaltschaft betont auch, «dass wir uns nicht am Erfolg messen. Wir messen uns an den Versuchen, eine Person wieder in der Gesellschaft zu integrieren. Ob das gelingt oder nicht, liegt nicht immer an uns selber.» Es gebe jugendliche Straftäter, da scheine nach dem Volksmund Hopfen und Malz verloren zu sein. «Die Unbelehrbaren. Das gibt es.» Aber die Chance, es wenigstens zu probieren, müsse gegeben werden.
Unter fünf Regierungsräten gedient
Ob schweres oder leichtes Delikt – Hans Melliger verfolgt, was aus seiner «Kundschaft» wird. Gelungene und erfolgreiche Integration bedeutet dann gleichzeitig Freude bei der Jugendanwaltschaft. Melliger weiss, dass dies heikel ist. «Denn man muss auch wissen, dass das jeweilige Opfer ebenfalls in guten Händen ist.» Das System zwischen Massnahmen und Straftaten sei eben ein schwieriges, «und manchmal will es niemand begreifen». Rein das macht die Arbeit der Jugendanwaltschaft nicht leichter.
Jugendliche im Alter zwischen zehn und 18 fallen unter das Jugendstrafrecht. Und in diesem Alter muss das Leben noch Chancen bieten. Wie viele neue Chancen hat er persönlich ermöglicht? Er weiss es nicht, die Versuche sind ja massgebend. Zudem ist er als als Leiter der Jugendanwaltschaft Vorgesetzter von 30Personen. Zu 70Prozent sei er Abteilungsleiter, nur 30 Prozent seiner Arbeitszeit kann er den Fällen widmen.
Hans Melliger erlebte in seiner Ära auch manche politische Veränderungen. Er arbeitete unter fünf verschiedenen Regierungsräten. «Ich habe alle überstanden», schmunzelt er. Viktor Rickenbach, Silvio Bircher, Kurt Wernli, Urs Hofmann und zuletzt noch Dieter Egli. «Alle haben mir viel Freiraum gelassen, und ich habe stets Rückendeckung bekommen.» Das sei ihm immer entgegengekommen. Und entspricht seinem Naturell. «Zwischen Gesetz und Wirklichkeit ist die Gestaltungsfreiheit recht gross», sagt er dazu.
Grabenstorf, Begorra-Theater, Sternensaal
Ende September ist nun Schluss. Ruhestand. «Ich werde eine harte Grenze setzen», sagt er sofort. «Einfach für mich.» Er werde alles auf sich zukommen lassen. Vielleicht Berater? Abwarten. Haus, Garten, Familie. «Etwas unternehmen, noch mehr Kultur», schaut er vorwärts.
Gewiss doch, «es gibt auch Wehmut. Aber jetzt abhängen, das ist echt gut.» Denn der Schritt in den Ruhestand könne auch befreiend sein. «Ich habe als Jugendanwalt alles sehr gerne gemacht. Aber ab Oktober werde ich keine Probleme mehr lösen, das gibt ein gutes Gefühl», erklärt der Familienvater.
Für die Zukunft gibt es Pläne. «Sagen wir, Ideen, die gibt es immer.» Als erstes Projekt steht Grabenstorf an, das besondere Theaterstück in Sarmenstorf. Dort ist Hans Melliger zusammen mit Stefan Hegi die tragende Figur. Premiere ist am 19.August 2022.
Und vielleicht ein nächstes Begorra-Theaterstück? «Diese Chancen bestehen.» Oder noch mehr Kultur im Sternensaal, dort ist er von Anfang an dabei. «Der Sternensaal ist eine geniale Geschichte, da werde ich mich weiter engagieren», verspricht er. Oder Handball Wohlen. «Das ist einfach ein Anker mit tollen Freunden, und das bedeutet das halbe Leben.» Begorra-Theater, Sternensaal, Handball – alles ist in Wohlen zu Hause. «Nein, ich bin kein Wohler», behauptet er, «nochmals, ich bin Sarmenstorfer.» Und ein Jugendanwalt, der während 33Jahren und neun Monaten Grosses für den Aargau und seine Jugend geleistet hat.
Vier Bereiche
Jugendanwaltschaftliche Tätigkeit
Die Arbeit der Jugendanwaltschaft wird in vier Bereiche aufgeteilt. In der untersuchungsrichterlichen Tätigkeit arbeitet die Jugendanwaltschaft mit der Polizei zusammen. Sie stellt die notwendigen Zwangsmittel wie Hausdurchsuchungs- oder Haftbefehle aus. Der zweite Bereich umfasst die strafbefehlsrichterliche Tätigkeit. Jugendanwälte haben im Aargau eine grosse Eigenkompetenz und können in leichteren und mittleren Fällen ambulante Massnahmen, Freiheitsstrafen bis drei Monate oder vorsorgliche Massnahmen anordnen.
Der dritte Bereich beinhaltet die Anklagen vor dem Jugendgericht. In schweren Fällen, die nicht mehr in die Kompetenz der Jugendanwaltschaft fallen, erhebt sie vor Jugendgericht Anklage; hier nimmt die Jugendanwaltschaft die Funktion des Jugendstaatsanwalts ein.
Der letzte Bereich, der Vollzug, ist eher unbekannt. Sämtliche gefällte Urteile – die eigenen und diejenigen des Jugendgerichts – werden durch die Jugendanwaltschaft vollzogen. Sie entscheidet, wer in welche Institution, Anstalt oder Heim eingewiesen wird und wer während des Vollzugs wechseln darf oder versetzt wird. Dieses System hat den Vorteil, dass man näher an der betroffenen Person, am Umfeld, an der Familie und an den Bezugspersonen ist. --dm



