Grün wie die Hoffnung
26.05.2021 HägglingenKindergarten-Projekt in Senegal
Marielle Furter selber ist seit letztem Sommer zurück in Hägglingen. Eine Rückkehr in «ihr» Senegal ist derzeit nicht möglich. Doch dank ihrer Partner vor Ort läuft das Hilfsprojekt «kindergarden4senegal» ...
Kindergarten-Projekt in Senegal
Marielle Furter selber ist seit letztem Sommer zurück in Hägglingen. Eine Rückkehr in «ihr» Senegal ist derzeit nicht möglich. Doch dank ihrer Partner vor Ort läuft das Hilfsprojekt «kindergarden4senegal» weiter. Im April konnte ein neuer Klassenraum eingeweiht werden. Marielle Furter selber hat noch viele Pläne, wie es weitergehen kann. Sie nutzt die unfreiwillige Auszeit, um ihr Hilfsprojekt zu überdenken. --chh
Neue Wege gesucht
Marielle Furter und ihr Hilfsprojekt «kindergardens4senegal»
So lange am Stück war Marielle Furter schon lange nicht mehr in der Schweiz. Die Zwangspause wegen Corona nutzt sie, um weiteres Geld für ihre Kindergärten zu sammeln. Gleichzeitig macht sie sich Gedanken über die Zukunft des Projekts und denkt über die Gründung einer Privatschule nach.
Chregi Hansen
Geplant war es nicht. Seit August lebt Marielle Furter wieder im Freiamt. Und vorerst ist eine Rückkehr kaum möglich. «Senegal hat sehr strenge Massnahmen bezüglich Corona», weiss die gelernte Kindergärtnerin. Im letzten März machte das Land quasi komplett dicht. Und seither ist nichts mehr wie vorher.
Schon die Rückreise in die Schweiz im letzten Sommer musste Furter wegen des Lockdowns Woche um Woche verschieben. Und eigentlich wollte sie spätestens Ende 2020 wieder zurück in ihre neue Heimat in Afrika. «Eine Einreise wäre derzeit aber mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Und sie macht wenig Sinn, weil die Schulen ständig öffnen und wieder schliessen müssen», erzählt sie. Darum hat sie sich entschlossen, bis im Herbst hier zu bleiben und auf den Beginn des neuen Schuljahres nach Senegal zurückzukehren. «Ich nutze die Zeit, um mich um den Verein zu kümmern und Arbeit zu erledigen, die liegengeblieben ist», sagt sie. Und um Geld zu sammeln.
So hat sie letzten Winter mit Erfolg ein Lego-Projekt lanciert. An einem Stand konnten an verschiedenen Orten Steine für einen Lego-Kindergarten gekauft werden, damit mit dem Erlös ein weiteres Kindergarten-Projekt im Senegal finanziert werden kann. Dank einem Partner vor Ort liefen die letzten Bauarbeiten auch während ihrer Abwesenheit weiter. «Weil in der Coronazeit 2020 kein Unterricht und keine Kurse für die Lehrerinnen möglich waren, hat der Verein sich auf den Baubereich konzentriert, sodass mehrere Kindergartengebäude und Toiletten entstanden sind», erzählt die Freiämterin. Trotz den Schwierigkeiten konnten diesen Frühling alle Arbeiten des neusten Kindergartenprojekts ausgeführt werden. Der letzte Klassenraum wurde Ende April gestrichen und präsentiert sich jetzt im freundlichen grünen Kleid.
Eigene Ungeduld macht ihr zu schaffen
Die aufgezwungene Auszeit nutzt Marielle Furter, um über die Zukunft ihres Hilfswerks nachzudenken. Denn ganz zufrieden ist sie nicht, trotz dem Bau von inzwischen vier Kindergärten und mehreren sanitären Einrichtungen. Trotz der Schulung der Lehrpersonen und der Lieferung von Hilfsmitteln und Spielsachen für den Unterricht. Trotz Lob von vielen Seiten. Doch ihr geht das alles wenig schnell vorwärts. Noch immer werden die Kinder nur wenig gefördert.
«Es lastet zu viel Verantwortung auf unseren Schultern, die lokale Bevölkerung beteiligt sich zu wenig», musste sie feststellen. Nicht, weil es sie nicht interessiert. «Der wahre Grund liegt an ihrem fehlenden Wissen und auch darin, dass sie sich um existenzielle Probleme zu kümmern haben. Für sie stellt sich eher die Frage, wie sie etwas zu essen auf den Tisch bekommen und nicht, wie ihr Kind im ‹Chendsgi› ideal gefördert wird», hat Furter erkannt. Sie schätzen zwar die Unterstützung aus der Schweiz. Doch selber tragen sie wenig zum Gelingen bei.
Wirkungskreis erweitern
Dies gilt vor allem für die Stadt Sédhiou, in der Furter bisher hauptsächlich aktiv war. Ihr Partner vor Ort, Elhadji Dieme, besucht darum jetzt kleinere Dörfer in der Umgebung. «Dort ist das Interesse grösser und auch die Bereitschaft, sich aktiv zu beteiligen. Sie wären froh, einen Kindergarten im eigenen Ort zu haben», freut sich Furter. Dieses Interesse sei wichtig, um das Projekt fortzuführen. Auch macht sie sich Gedanken über den künftigen Standard der Kindergärten. «Es macht vermutlich mehr Sinn, einfacher zu bauen und dafür mehr Gebäude», sagt sie.
Es brauche in Zukunft ein Umdenken. Bei den Gebäuden. Aber auch beim Projekt als Ganzes. Grundsätzlich ist sie zwar stolz und zufrieden mit dem Erreichten. «Die Qualität unserer Kindergärten ist hoch, die Bauzeit gering, der Betrieb läuft ordentlich. Und wir erhalten viel Lob seitens Inspektoren, Bevölkerung und Lehrpersonen. Auch von anderen Organisationen», freut sich die Projektleiterin. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. «Wenn das Gebäude dann steht, wird dort unterrichtet wie in allen anderen Kindergärten. Eine echte Förderung findet nicht statt.» Für sie ist darum klar. Es braucht neue Wege, um ans Ziel zu gelangen.
Eine Privatschule würde viele Probleme lösen
Darum überlegt sie sich, allenfalls eine Privatschule zu gründen. Dort könnte sie unabhängig vom Staat pädagogisch wirken. Die Lehrpersonen einstellen, die sich wirklich um die Kinder kümmern. Doch ob ein kleiner Verein wie der ihre ein solch grosses Projekt stemmen kann, das sei fraglich, ist sie sich bewusst. «Ich habe die Auszeit nicht gewollt. Aber es tut gut, das Ganze mal mit etwas Distanz anzuschauen», sagt sie. Ihr ist klar: Im Süden Senegals, der ärmsten Region eines eh schon armen Landes, kann sie nicht die gleiche Erwartung an das Schulwesen haben wie hier in der Schweiz. «Aber eine etwas vielseitigere Förderung sollte es schon sein.» Darum die Idee einer Privatschule.
Freuen auf die Rückkehr
Das Nachdenken über das Projekt bedeute aber nicht, dass sie resigniere oder gar aufgebe. Im Gegenteil. Im Herbst will sie zurück und wieder aktiv vor Ort helfen. Bis dahin will sie weitere Spenden sammeln und dazu verschiedene Anlässe organisieren. So zum Beispiel einen afrikanischen Markt am 6. Juni in Wohlen. Auch Benefizkonzerte sind geplant und weitere Events. Zudem sucht sie den Kontakt zu Fachhochschulen, um allenfalls Volunteers für einen Einsatz vor Ort zu gewinnen. Aufgeben kommt für die Hägglingerin nicht infrage. «Wenn ich das Lachen der Kinder sehe und ihre strahlenden Augen, wenn ich einen der Kindergärten besuche, dann weiss ich, wofür ich das alles mache.» Und darum freut sie sich, nach der Regenzeit in ihre neue Heimat zurückzukehren. Mit neuen Erkenntnissen. Allenfalls neuen Zielen. Aber mit der gleich grossen Motivation wie bisher. «Meine momentane Enttäuschung oder Ernüchterung hat nicht zuletzt mit meiner Ungeduld zu tun. Ich muss meine Erwartungen herunterschrauben», hat sie erkannt.
Mehr Informationen im Internet unter www.kindergardens4senegal.org.



