Die Existenzangst geht um
09.04.2021 WohlenStippvisite bei den Fitnesscentern in Wohlen: Die aktuelle Lage ist von Ungewissheit geprägt
Geschlossene Studios, leere Kassen, viel behördlicher Widerstand. Die Betreiber von Fitnesscentern müssen grosse Probleme meistern.
Daniel ...
Stippvisite bei den Fitnesscentern in Wohlen: Die aktuelle Lage ist von Ungewissheit geprägt
Geschlossene Studios, leere Kassen, viel behördlicher Widerstand. Die Betreiber von Fitnesscentern müssen grosse Probleme meistern.
Daniel Marti
Da kommen auch die gesundheitsbewussten Inhaber der Fitnesscenter nicht an. Auch gut trainierte Muskeln nützen nichts gegen die Mühlen der Bürokratie und der Politik. Die Betreiber der Fitnesscenter sind die Opfer der Coronamassnahmen. Nach der Schliessung folgt der Kampf um die finanzielle Entschädigung, Auch der ist sehr hart.
Der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter Verband erstellte eine Übersicht zu den kantonalen Umsetzungen der Härtefallregelungen. Das ernüchternde Resultat: Nur vier Deutschschweizer Kantone setzen die Verordnung des Bundes um. «Alle anderen haben Lösungen getroffen, die für die Unternehmen sehr nachteilig sind und keine echte Hilfe bieten», schreibt der Verband. Auch der Kanton Aargau schneidet dabei schlecht ab und erfüllt die Entschädigungskriterien des Bundes bei Weitem nicht. Darunter leiden die Fitnesscenter. Auch in Wohlen. Mittlerweile hat der Überlebenskampf eingesetzt.
Die Betreiber und Inhaber der Studios verstehen die Welt nicht mehr. Mit ihren Fitnesscentern tragen sie bei, dass die Bevölkerung auf die Gesundheit achtet, eben fit ist. Auch Schutzkonzepte wurden erarbeitet. Dann wird ihnen von den Politvertretern die Schliessung befohlen. Aber die finanzielle Entschädigung reicht nirgends hin. Logische Folge: Unzufriedenheit, Ungewissheit, Existenzängste. Drei Fitnesscenter in Wohlen und Anglikon – «Acropolis Fitness & Wellness», «American Gym» und «Fitlife Training» – hadern mit ihrem Schicksal. Das neue Studio «basefit. ch» hat die Eröffnung verschoben.
Die ganze Situation ist schier unerträglich. «Eine Katastrophe» sagt Peter Hänggi von «Fitlife Training» treffend.
Kraftakt für Fitnesscenter
Umfrage bei Wohler Fitnesscentern, die wegen Corona nach wie vor geschlossen sind
Neben der Gastronomie leidet auch die Fitnessbranche enorm unter den Corona-Schutzmassnahmen. Die Fitnesscenter sind nach wie vor geschlossen. Wie gehen die Betreiber damit um? Diese Zeitung hat sich bei vier Studios umgehört.
Josip Lasic
In Wohlen sind zahlreiche Fitnessstudios beheimatet. Trainieren kann man aktuell in keinem davon. Zu Beginn des zweiten Lockdowns im vergangenen Dezember mussten sie wie die Gastronomie und zahlreiche andere Geschäfte schliessen.
Bisher wurde die Fitnessbranche bei keinem der Öffnungsschritte berücksichtigt. Die aktuellsten Massnahmen des Bundes zur Bekämpfung des Coronavirus gelten seit dem 22. März. Auch da heisst es, dass Sportanlagen und Freizeitbetriebe, die drinnen sind, geschlossen bleiben müssen.
Ungewissheit ist da
Das traditionsreichste Fitnesscenter in Wohlen ist das «Acropolis Fitness & Wellness». Inhaber Patrick Iten stört die Ungewissheit. «Wir wissen nicht, wie lange wir geschlossen bleiben müssen.»
Dem Fitnesscoach fehlt das Verständnis dafür. «Es wurden Kontrollen durchgeführt. In der Schweiz gibt es Tausende von Fitnesscentern. Es konnten weniger als 500 Infektionen auf alle Fitnesscenter insgesamt zurückgeführt werden», sagt Iten. «Wir sind ja ein Gesundheitsanbieter. Die Leute kommen zu uns, um etwas gegen ihre Rückenschmerzen oder Herzkreislaufprobleme zu tun. Kraft und Ausdauertraining stärken die Gesundheit.»
Dankbar für treue Kundschaft
Wie gross der Verlust für das «Acropolis» ist, kann Iten noch nicht definitiv einschätzen. «Je länger wir geschlossen haben, desto grösser die Verluste. Wir haben zum Glück viele treue Kunden, die ihre Beiträge trotzdem zahlen. Das können sich aber nicht alle leisten. Wir bieten auch Vergütungen an, um den Bedürfnissen der Kunden gerecht werden zu können.»
Die Instruktoren sind alle auf Kurzarbeit. Patrick Iten als Inhaber hat darauf keinen Anspruch. Er erhält vom RAV Entschädigungsleistungen. Die Situation ist finanziell nicht einfach. Insbesondere weil die Kantone individuell entscheiden können, wie sie die vom Bund versprochenen Direkthilfen auszahlen. «Die einzigen Kantone, die die vollen Beiträge auszahlen, sind Zürich und Bern. Das ist Wettbewerbsverfälschung. Der Bund hat 20 Prozent vom Jahresumsatz versprochen.» Iten möchte vom Regierungsrat gern wissen, wieso der Kanton Aargau nur 30 Prozent davon auszahlt. Abgesehen davon klagt der Verband der Schweizer Fitnesscenter gegen den Bund und fordert Schadensersatz für die Umsatzverluste. Ob das dem «Acropolis» etwas bringen wird, ist noch unklar.
Online-Kurse und Physiotherapie
Untätig sind Iten und sein Team nicht. Seit Januar werden in Zusammenarbeit mit den K-Group Studios Onlinekurse über «Zoom» angeboten.
Anbieten kann das «Acropolis» auch Physiotherapie. Momentan nur einmal pro Woche. «Seit letzter Woche ist das ‹Acropolis› eine zertifizierte Institution der Physiotherapie. Damit wollen wir durchstarten, wenn wir wieder öffnen können.» Vorerst müsse man sich um das «Acropolis» keine Sorgen machen, sagt Iten. Aber: «Die Reserven reichen nicht ewig.»
«Aufgeben ist keine Option»
Seit 2018 führt Celal Karakaya das «American Gym» in Anglikon. Auch sein Fitnesscenter leidet unter dem zweiten Lockdown. «Im vergangenen Frühling konnte ich noch einen Härtefallkredit beantragen. Jetzt wurde das Gesuch dazu abgelehnt», erklärt der 32-Jährige. «Und den Kredit muss ich zurückzahlen. Unterdessen laufen die Fixkosten wie die Miete weiter. Mitglieder verlängern ihre Abos nicht, solange das Gym geschlossen ist. Es ist nicht einfach.» Der Vorteil von Karakaya ist, dass er keine Angestellten im American Gym hat. Ein weiterer Vorteil für den in Seon wohnhaften Studiobetreiber: er führt das Fitnesscenter nebenberuflich. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er anderweitig mit einer Vollzeitstelle. Der Nachteil: «Aktuell stecke ich sehr viel von meinem eigenen Ersparten in das Fitnesscenter, um es am Leben zu erhalten.»
Angst vor einem Konkurs hat er nicht. «Aufgeben ist keine Option. Ich werde alles unternehmen, um so etwas zu verhindern. »
Umbauarbeiten, während das Center geschlossen ist
Auch Celal Karakaya kann die Massnahmen des Bundes nicht verstehen. Er hatte nach dem ersten Lockdown ein Schutzkonzept. Dieses ging sogar weiter, als vom Bund verlangt. «Beim Trainieren war keine Maskenpflicht vorgesehen. Ich habe im ‹American Gym› eine eingeführt. Lieber auf Nummer sicher gehen. Aber wir sehen ja jetzt, dass die Zahlen der Infektionen steigen, obwohl die Fitnesscenter zu haben. An uns scheint es nicht zu liegen.»
Während das «American Gym» geschlossen ist, nimmt der Inhaber einige Umbauarbeiten vor. Dazu wurden einige neue Geräte angeschafft. «Die Kunden sollen nicht zurückkommen und den Eindruck haben, dass in der ganzen Zeit nichts gegangen ist. Ich will das Gym möglichst attraktiv gestalten.»
Nicht weit entfernt vom «American Gym» befindet sich in Anglikon ein weiteres Fitnessstudio. Das «Fitlife Training». Dieses ist ebenfalls geschlossen (siehe Artikel unten).
Eröffnung von «basefit.ch» verschoben
An der Villmergerstrasse befindet sich seit Anfang Jahr mit einem Center von «basefit.ch» ein weiteres Fitnessstudio. Eröffnen konnte es noch nicht. «basefit.ch» ist eine Fitnesscenter-Kette mit 40 Studios in der Deutschschweiz. Wohlen soll Nummer 41 werden. Geplant war die Eröffnung auf den 4. Januar. Mitten im Lockdown. Nachdem die bisherigen Öffnungsschritte die Fitnessbranche nicht berücksichtigt haben, heisst es auf der Homepage von «basefit.ch» zur Eröffnung des Studios in Wohlen: «Leider müssen wir die Neueröffnung des basefit.ch-Clubs in Wohlen erneut verschieben. Das nächstmögliche Datum ist noch nicht bekannt. Der Bundesrat entscheidet voraussichtlich am 14. April 2021 über das weitere Vorgehen.»
Das Fitnessangebot in Wohlen wäre theoretisch sehr gross. Nutzen kann es aktuell niemand. Die grösste Kraft benötigen aktuell die Betreiber der Center. Damit sie die Zeit überstehen, bis sie wieder öffnen dürfen.



