Stumm, aber doch lautstark

Di, 23. Feb. 2021
Blick vom «Rednerpult» auf die Menschenmenge: Der Anlass wurde live auf verschiedenen Kanälen in die ganze Schweiz gestreamt. Bilder: Chregi Hansen / Stefan Sprenger

Die Kundgebung gegen die Coronamassnahmen zog viele Teilnehmer aus der ganzen Schweiz an

Erst marschierten sie wortlos durch das Dorf, dann riefen sie aktiv zum Widerstand auf. Die Kundgebung in Wohlen sorgte national für Aufsehen.

Chregi Hansen

Das Positive vorneweg: Der Anlass blieb friedlich. Das hat auch mit dem vorbildlichen Einsatz der Polizei zu tun, die den Demonstrationszug sicher durch das Dorf geleitete, aber darauf verzichtete, die angeordnete Maskenpflicht rigoros durchzusetzen. Und so eine unnötige Konfrontation vermied. Wobei sich die meisten der Teilnehmer auf dem Merkurareal sowieso in kleine Gruppen verteilten und so kein Gedränge entstand.

Dass so viele Menschen zu diesem Protestmarsch nach Wohlen kamen, mag manche überrascht haben. Konnte aber durchaus erwartet werden. Denn an jedem Anlass des Vereins «Stiller Protest» werden mehr Menschen gezählt. Das schöne Wetter und die zunehmende Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung haben nun dazu beigetragen, dass je nach Schätzung zwischen 1000 und 2500 Personen in Wohlen gegen die Coronamassnahmen demonstrierten.

Stumm war dabei nur der Marsch durch das Dorf. Bei den anschliessenden Reden wurde es zwischendurch auch lautstark. Da sprach eine Yoga-Lehrerin, deren Studio in Konkurs ging. Ein Unternehmer, dessen alter Familienbetrieb gefährdet ist und der keine Hilfsgelder erhält. Dem Bund wird vorgeworfen, Angst zu verbreiten, statt die Menschen ehrlich zu informieren. Infrage gestellt wird insbesondere die Maskenpflicht, an die sich nur ein Teil der Anwesenden hielt. Und: Der Umzug in Wohlen wird nicht der letzte sein. «Wir machen weiter», erklärte Organisatorin Simona am Schluss der Kundgebung. In zwei Wochen wird an einem anderen Ort marschiert – der Rest der Schweiz wird gespannt hinblicken.


Pfiffe für «Papa Berset»

Wohlen im Ausnahmezustand – die Kundgebung vom Samstag sorgte für nationale Aufregung

Bereits zum 5. Mal rief der privat initiierte Verein «Stiller Protest» zu einer Kundgebung gegen die Coronamassnahmen auf. Diesmal nach Wohlen. Ganz viele folgten dem Aufruf. In Wohlen selber wurde der Aufmarsch kritisch beäugt.

Chregi Hansen

Und dann liefen sie los. Gegen 2000 Personen machten sich um 14 Uhr auf den Weg durch Wohlen. Vornweg einige Hundert in weissen Schutzanzügen, ausgerüstet mit Transparenten. Und während sonst an Demos meist Parolen skandiert wurden, zogen die Teilnehmer stumm durch die Strassen. Was den Aufmarsch nur noch bedrückender machte.

Der Grossaufmarsch hatte fast alle überrascht. Doch die Polizei reagierte schnell. Sie liess die Menschen auf der Strasse marschieren und stoppte dafür stellenweise den Verkehr. «Aufgrund der grossen Teilnehmerzahl mussten Verkehrseinschränkungen hingenommen werden. Kantons- und Regionalpolizei haben gute Arbeit geleistet und haben verhältnismässig reagiert. Der unerwartet grosse Aufmarsch wurde ruhig und professionell bewältigt», erklärt Gemeindeammann Arsène Perroud, der die ganze Kundgebung zusammen mit Vizeammann Roland Vogt aus der Ferne verfolgte.

Riege der Auftretenden war bunt gemischt

Der ganze Anlass blieb friedlich und verlief in geordneten Bahnen, freut sich der Ammann. Wenig Verständnis hat er dafür, dass die Maskenpflicht von einigen Teilnehmenden nicht eingehalten wurde. «Dies erachtet der Gemeinderat aufgrund der klaren Vorgaben an die Veranstalter als nicht akzeptabel», sagt er. Gestört hat er sich zudem an vereinzelten Vergleichen mit dem Dritten Reich, was vollkommen deplatziert und inakzeptabel sei. Gleichzeitig reagiert er auf die Kritik, dass die Kundgebung überhaupt stattfinden durfte. «Politische Demonstrationen sind in der aktuellen Lage gestattet. Die Bewilligung ist auch zu erteilen, wenn die Behörden die Meinungen der Demonstrierenden nicht teilen und kein Verständnis für die Anliegen haben», sagt er.

Die Botschaften der Rednerinnen und Redner hat der Ammann gehört, fand sie aber teilweise befremdend. Tatsächlich war die Riege der Auftretenden bunt gemischt – und so auch die Ansprachen. Organisatorin Simona etwa sieht sich als Anwältin der Kinder und greift die Lehrer und Lehrerinnen an, welche die Kinder gegen die Eltern aufhetzen würden. Was zwei Teilnehmerinnen der Demo, welche selbst Lehrerinnen sind, dazu bewog, mit ihr das Gespräch zu suchen. Eine andere Rednerin rief die Menschen auf, sich zu umarmen. Eine Aussage, welche natürlich Wasser ist auf der Mühle der Kritiker dieser Bewegung.

Einstehen für seine Meinung 

Es gab aber auch andere Stimmen. Etwa die Besitzerin eines Yoga-Studios mit 16 Angestellten, die davon berichtete, wie sie die Situation erlebt. «Da werden Hilfspakete in Milliardenhöhe geschnürt, aber ich muss mich verschulden, weil ich die Miete nicht mehr zahlen kann», sagt sie. Inzwischen ist ihr Betrieb in Konkurs. Auch der Familienbetrieb des ehemaligen Zuger Kantonsrats Thomas Brändle ist gefährdet. «50 Jahre lang haben wir junge Menschen ausgebildet, haben unsere Steuern und Rechnungen bezahlt. Derzeit fülle ich in meiner Freizeit Formulare aus, habe aber noch keinen Franken Entschädigung erhalten», kritisiert er.

Hauptredner war der Wohler Kantonsschullehrer Markus Häni. Er hat sich schon im Vorfeld immer wieder kritisch über die Coronamassnahmen geäussert und dafür viel Kritik eingesteckt. Er sei schon etwas nervös, gibt er angesichts der vielen Menschen zu. Er habe nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, seine Meinung zu sagen, erklärte er danach auf der Bühne.

Häni berichtete, dass ihm im Vorfeld viel Hass entgegengeschlagen war. Doch davon lässt er sich nicht mundtot machen. Er kritisiert vor allem die Botschaften der Politiker und der Medien. «Hier wird Angst verbreitet, dabei hat der grosse Teil der Menschen keinen Grund, Angst zu haben», sagt er. Er verglich Bundesrat Alain Berset mit einem Papa, der dauernd seine Kinder massregelt. «Wer aber seine Kinder liebt, nimmt ihnen die Angst und macht ihnen nicht welche.» Er jedenfalls werde weiterhin gegen die Massnahmen demonstrieren, auch wenn er damit seinen Job riskiere. Und vielleicht gebe auch «Papa Berset» irgendwann zu, dass er falsch gehandelt habe, so Häni unter den Pfiffen der Zuhörer.

Werbung in eigener Sache

Der Anlass zog auch viele andere Politaktivisten an, welche fleissig Unterschriften für mehr oder weniger schräge Anliegen sammelten. Auf der Bühne wurde Werbung gemacht für zwei neue Berufsverbände für KMU und Mitarbeitende in Pflegeund Gesundheitsberufen. Ein Youtuber nutzte den Auftritt als Werbung für seinen eigenen Kanal, auf dem er nach eigenen Angaben als Einziger die Wahrheit verkündet. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf dem Platz waren bunt gemischt, wobei nur wenige Personen aus der Region vor Ort waren. Organisatorin Simona ist zufrieden. «Es ist schön zu sehen, wie die Bewegung wächst.»

In Wohlen selber nicht gross auf Interesse gestossen

Noch während der Kundgebung entlud sich über die sozialen Medien die Entrüstung. Viele fanden es unverantwortlich, dass hier demonstriert werde. Und das ohne Maske. Auch die Medien berichteten teilweise live aus Wohlen. Auf den Strassen selber stiessen der Marsch und die Ansprachen hingegen auf wenig Interesse. Kaum einer wusste, worum es geht. Immer wieder wurde gefragt, was denn hier los sei. Auf die Antwort, es sei eine Kundgebung gegen die Coronamassnahmen, zuckten die meisten nur die Schultern und gingen weiter. Und heim gingen nach den Ansprachen auch die Teilnehmer. Ruhig und friedlich. Und überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Dieser Überzeugung ist auch die Polizei beim Entscheid, keine Bussen wegen Widerhandlung gegen die Maskenpflicht zu verteilen. Dafür wäre ein grosses Aufgebot nötig gewesen, «dies wäre aber nur gerechtfertigt, wenn von den teilnehmenden Personen Gewaltbereitschaft ausgegangen wäre oder wenn die Stimmung umgeschlagen hätte. Diese blieb jedoch die ganze Zeit friedlich», erklärt Sprecher Bernhard Graser. Bloss willkürlich einzelne Personen zu büssen, hätte hingegen dem Grundsatz der Gleichbehandlung widersprochen.

 

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