Leben im Bifang
02.02.2021 WohlenZu Besuch bei zwei Bewohnerinnen
Natürlich ist Corona auch im Wohn- und Pflegezentrum ein Dauerthema. Doch die Bewohner fühlen sich in guten Händen.
Der erste Lockdown im Frühling hat viele erschreckt. Die kürzlich erfolgte ...
Zu Besuch bei zwei Bewohnerinnen
Natürlich ist Corona auch im Wohn- und Pflegezentrum ein Dauerthema. Doch die Bewohner fühlen sich in guten Händen.
Der erste Lockdown im Frühling hat viele erschreckt. Die kürzlich erfolgte Verschärfung nehmen die Bewohner und Bewohnerinnen gelassener. Das Bifang in Wohlen hat sich gut auf die Situation eingestellt. Und versucht, möglichst viel Normalität zu ermöglichen. Doch wie lebt es sich in Coronazeiten im Altersheim? Zwei Bewohnerinnen luden zum Gespräch und erzählten von ihrem Alltag und ihren Eindrücken. --chh
Mitleid mit den Jungen
Trotz Corona: Die Bewohner und Bewohnerinnen fühlen sich im Bifang wohl und sicher
Corona ist vor allem für die ältere Bevölkerung eine grosse Gefahr. Und nirgends leben so viele ältere Menschen unter einem Dach wie in einem Altersund Piegeheim. Diese gelten darum als besonders gefährdet. Doch wie lebt es sich an einem solchen Ort? Der «Wohler Anzeiger» hat nachgefragt.
Chregi Hansen
«Corona-Ausbruch im Pflegeheim Wendelin in Basel.» «13 Bewohner bei Corona-Ausbruch in Altenheim gestorben.» «Sorge vor Ansteckung – Coronapandemie weckt Ängste vor dem Eintritt ins Altersheim.» «Die Coronalotterie im Altersheim.» Diese und viele weitere Schlagzeilen dominieren die Berichterstattung. Weil das Virus vor allem für ältere Menschen tödliche Folgen haben kann, gelten Alters- und Pflegeheime als besonders gefährdete und gefährliche Orte.
Davon ist beim Besuch im Bifang nichts zu spüren. Zwar werden beim Eintritt die Personalien erfasst, die Temperatur gemessen und muss der Besucher eine Maske tragen, aber ansonsten geht das Leben im Wohnund Pflegezentrum seinen gewohnten Gang. In der Cafeteria sitzen einige wenige zusammen, andere sind bei der Turnstunde, die Vorleserin ist im Haus unterwegs, und aus der Küche duftet es schon wunderbar. «Wir versuchen, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten», sagt Geschäftsleiter Marcel Lanz.
Die Angst ist dem Respekt gewichen
Natürlich geht es nicht ohne Einschränkungen – so sind die Besuchszeiten auf den Nachmittag beschränkt und ist die Cafeteria für die Öffentlichkeit geschlossen. Aber die Bewohner dürfen das Haus beispielsweise immer noch verlassen. «Wir raten zwar derzeit davon ab, in die Migros zum Einkaufen zu gehen. Aber gegen einen Spaziergang an der Bünz spricht doch nichts», sagt Lanz.
Und wie erleben die Bewohner und Bewohnerinnen selber die Situation? Louise Aschwanden erinnert sich noch gut, wie das Ganze im letzten Frühling losging. «Meine Tochter wollte mir etwas bringen, durfte aber nicht mehr zu mir hoch. Sie musste alles unten abgeben, wir konnten uns nur auf Distanz verabschieden», berichtet sie. Es war die Zeit, in der die Angst gross war. «Wir hörten immer von den vielen Ansteckungen, die Aktivitäten waren eingestellt, Besuche waren nicht mehr möglich», erinnert sich die 89-Jährige.
Und wie ist es heute? Aschwanden fühlt sich wohl im Bifang. «Ich habe Respekt vor dem Virus, aber keine Angst», sagt sie. Und lobt die Leitung und das Personal des Hauses. «Sie informieren uns regelmässig und tun alles, damit wir uns wohlfühlen.» Sie ist froh, dass sie als Bewohnerin keine Maske tragen muss und auch die meisten Aktivitäten inzwischen wieder aufgenommen wurden. Nur das gemeinsame Singen ist noch immer verboten. «Das war für mich immer ein Aufsteller. Und jetzt durften wir nicht einmal an der Weihnachtsfeier ‹Stille Nacht› singen, nur summen, stellen Sie sich das vor», erzählt sie. Dabei huscht aber ein Lächeln über das Gesicht. «Natürlich sind wir eingeschränkt. Aber mir tun die Jungen leid. Für sie ist es doch besonders schlimm. Die wollen jetzt etwas erleben, rausgehen. Freunde treffen.»
Louise Aschwanden ist seit drei Jahren im Bifang. Zuvor lebte sie 62 Jahre in der gleichen Wohnung am Büelweg in Wohlen. «Wir sind damals eingezogen, da waren die Bauarbeiten noch gar nicht ganz abgeschlossen», erzählt sie mit einem Strahlen im Gesicht. Nach einem Beinbruch entschloss sie sich zum Umzug ins Wohn- und Pflegezentrum. Sie geniesst das Leben, fühlt sich gut aufgehoben. Und mag nicht jammern über die Einschränkungen. «Wir sitzen alle im gleichen Boot», sagt sie. «Und wir sind ja nicht eingesperrt, dürfen nach draussen. Aber man spürt, dass viele eher vorsichtig sind im Umgang mit anderen.»
Schutzinsel schaffen
Für Geschäftsleiter Marcel Lanz sind die nötigen Massnahmen ein Dauerthema. Ganz ohne gehe es leider nicht. «Es gibt Skeptiker, die sprechen vom Einsperren. Man kann es auch anders sehen und von einer schützenden Insel sprechen», sagt er. Eines sei aber klar: Komplett abriegeln wie letzten Frühling wolle er das Haus nach Möglichkeit nicht mehr. Damals sei die Verunsicherung eben gross gewesen, schaut er zurück. Auch bei den Mitarbeitenden. Heute wisse man mehr. «Wir müssen nicht nur für die Gesundheit der Bewohner sorgen, sondern auch für die Seele», sagt er.
Im Bifang das Glück gefunden
Und das gelingt, wie das Beispiel von Bertha Weiss beweist. Die 78-Jährige lebte bei Ausbruch der Pandemie noch in einem anderen Heim, wo sie sich völlig unglücklich fühlte. «Wir waren komplett eingeschlossen, hatten kaum Informationen. Alles war verboten. Ich durfte nicht einmal mehr meinen Mann sehen, der auf einem anderen Stockwerk wohnte», erzählt die gebürtige Ostschweizerin, die viele Jahre in Büttikon wohnte. Im Juni kam sie dann ins Bifang. «Ich dachte, ich bin im Paradies angekommen», lacht sie.
Inzwischen konnte auch der Mann nach Wohlen umziehen. «Wir geniessen es hier. Und das Personal tut alles, damit es uns gut geht», sagt sie. Sie lobt vor allem Geschäftsleiter Marcel Lanz. «Er ist sehr präsent, fragt nach, wie es uns geht. Informiert uns regelmässig», berichtet Weiss. Vor Corona habe sie selber keine Angst. Bertha Weiss hat viele Jahre im Pflegebereich gearbeitet, sowohl im Spital wie auch in Heimen. «Einige der Angestellten kenne ich noch von früher. Sie machen einen tollen Job.»
Für sie ist es besonders wichtig, dass sie weiterhin nach draussen kann. Sie geniesst es, mal der Bünz entlang nach Waltenschwil zu spazieren. Oder auf der Dachterrasse die Sonne zu geniessen. Sie freut sich über die Möglichkeit, Besuch zu empfangen, oder über die vielen Aktivitäten. «Ich habe hier mit dem Malen angefangen, das hilft mir sehr», erklärt sie. Auch der wöchentliche Jass ist ihr wichtig. Sie fühlt sich nicht sehr eingeschränkt. «Natürlich beschäftigt mich das Thema. Aber mehr, was das für die Jungen bedeutet. Für sie ist es noch viel schwieriger», ist sie überzeugt. Es fehle an möglichen Aktivitäten und Treffpunkten. «Dann kommt es eben zu mehr Vandalenakten», stellt Weiss fest.
Die Bewohner und Bewohnerinnen im Bifang können hingegen aus vielen Aktivitäten auswählen. «Uns ist es wichtig, dass etwas läuft. Es brauchte zwar Anpassungen, aber mit kreativen Lösungen ist vieles möglich», erklärt Evelyne Sommer vom Aktivierungsteam. Als wichtige Massnahme wurde bei vielen Aktivitäten die Gruppengrösse reduziert. Dafür wurden neue Räume geschaffen für andere Angebote. «Wir wollen möglichst viel Abwechslung in den Alltag bringen, pflegen auch die Traditionen und Feste», erzählt Sommer. So gibt es Lottoabende, kleine Konzerte, Vorlesestunden und vieles mehr, es wurde auch Weihnachten zusammen gefeiert. Ganz zur Freude von Bertha Weiss. «Wir leben doch jetzt, wir können nicht alles auf später verschieben», sagt sie. Und nein, trotz Einschränkungen fühle sie sich nicht eingesperrt, im Gegenteil, «ich bin frei».
Die Impfung nimmt viel Last von den Schultern
Das hört Marcel Lanz gerne. «Wir wollen unseren Bewohnern und Bewohnerinnen so viel ermöglichen, wie möglich ist», sagt er. Und bisher funktioniert dies gut. «Wir hatten bis jetzt keinen einzigen Coronafall. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jemand seine schützende Hand über dieses Haus hält», sagt der Geschäftsleiter letzte Woche. Trotz der Schwierigkeiten habe die Situation auch positive Effekte. «Ich stelle fest, dass sich ein richtiges Wirgefühl entwickelt hat im Haus. Das Personal tut alles, um die Situation zu meistern, wir haben kaum Ausfälle. Alle ziehen gemeinsam am Strick», freut er sich.
Auch die Bewohner und ihre Angehörigen würden ihren Anteil leisten zum Meistern der Situation. Die Einschränkung der Besuchszeiten werde gut akzeptiert. Hingegen bedauert er, dass die Cafeteria geschlossen ist und so das Leben draussen weniger ins Haus schwappt. «Es war schön, wenn Leute zum Mittagessen hierherkamen», sagt Lanz und hofft, dass dies bald wieder möglich ist. Gleichzeitig freut er sich, dass im Bifang bald der Impfstart erfolgt. Fast alle Bewohner und ein Grossteil des Personals haben sich dafür angemeldet. «Es geht um einen Akt der Solidarität», findet Marcel Lanz, der mit gutem Beispiel vorangeht. «Wenn dann die zweite Impfrunde vorbei ist, fällt auch eine Last von meinen Schultern», gibt der Geschäftsleiter zu.






