Zum Lachen zurückgefunden
10.11.2020 WohlenDie Kulturbeiz im Chappelehof schloss am Samstag ihre Türen für immer
Als sie im August das Ende verkündeten, flossen die Tränen. Die letzten Wochen aber haben die drei Wirtinnen wieder mit der Welt ...
Die Kulturbeiz im Chappelehof schloss am Samstag ihre Türen für immer
Als sie im August das Ende verkündeten, flossen die Tränen. Die letzten Wochen aber haben die drei Wirtinnen wieder mit der Welt versöhnt.
Chregi Hansen
Die grosse Abschiedsfeier blieb ihnen verwehrt. Statt in Partystimmung am Festival Dreiraumkultur das Ende der Kulti zu feiern, luden die drei Wirtinnen Freunde, Wegbegleiter und Stammgäste am Samstagnachmittag zu einem letzten Apéro in den Biergarten. Das hatte auch Vorteile. Denn so blieb genug Zeit und Musse, mit den vielen Besuchern ein paar persönliche Worte zu wechseln.
Umgekehrt nutzten viele Gäste die Gelegenheit, sich beim Kulti-Team mit einem Geschenk persönlich für den grossen Einsatz in den letzten 14 Jahren zu bedanken. «Die Wertschätzung, die wir heute erfahren, die tut einfach gut», sagt denn auch Käth Galizia, die seit 13 Jahren die Gäste in der Kulturbeiz mit ihren Kochkünsten immer wieder aufs Neue überrascht und begeistert.
Und das finden auch ihre beiden Kolleginnen. «Es war richtig, das Ende so lange im Voraus anzukündigen», erklärt Liz Kuhn, die schon seit 10 Jahren zum Team gehört. «Uns einfach wegzuschleichen, das ist nicht unsere Art.» In den letzten Wochen brummte die Beiz richtig, waren fast an jedem Abend alle Tische besetzt. Und trotzdem sei der Entscheid zum Aufhören nach wie vor richtig, findet Corinne Manimanakis, die erst vor zwei Jahren zum Team stiess. «Wir müssen uns nichts vormachen. Es lief zuletzt so gut, weil viele noch ein letztes Mal vorbeikommen wollten», ist sie überzeugt. Immerhin: Dank den tollen letzten Wochen können die drei Frauen mit einem Lachen im Gesicht abtreten. «Die tollen Rückmeldungen zeigen, dass wir nicht alles falsch gemacht haben», freuen sie sich.
Ohne Gäste ist es lang weilig
Die Kulturbeiz schliesst nach 14 Jahren ihre Türen für immer
Dass ein Restaurant seinen Betrieb einstellt, ist nichts Besonderes. Schon gar nicht in diesen Zeiten. Aber die Kulti war immer mehr als nur eine Beiz. Immerhin ist sie auch Wohler Kulturpreisträgerin. Darum schmerzt der Abschied schon.
Chregi Hansen
Die Liste der Kulturpreisträger ist lang. Und prominent besetzt. Man stösst auf bekannte Namen wie Heidi Widmer, Herb Miller, Adrian Meyer oder Egon Lackner. Auf den Circus Monti oder den Verein Sternensaal. Auf die beiden Lokalhistoriker Heini Stäger und Daniel Güntert. Oder auch auf die Musikerfamilie Dettwyler.
Auf der Liste befindet sich nur ein einziges Restaurant: die Kulturbeiz im Chappelehof. Zwar erhielt auch der «Chäber» 2014 verdientermassen die Auszeichnung. Diese ging aber an Irma Koch persönlich und nicht an das Lokal. Zwei Jahre später wurde hingegen explizit die Kulti mit dem Preis geehrt. Anlass war die Feier zum 10-Jahr-Jubiläum. Und den Ausschlag gab die Tatsache, dass an diesem Ort einfach alles Platz hat. Kulturelles wie Lesungen, Theater und Konzerte, kulinarische Höhepunkte, Versammlungen, Lottoabende, Hochzeitsfeste, Fussballspiele und auch Politdiskussionen.
Ins Zweifeln gekommen
Damals strahlten alle Gäste im Saal. Und Käth Galizia erklärte sogar, sie möchte am liebsten bis zur Pensionierung hier arbeiten. Vier Jahre später ist die gute Stimmung verflogen. Im August gaben die drei Wirtinnen Käth Galizia, Liz Kuhn und Corinne Manimanakis bekannt, dass sie das Lokal per 8. November schliessen werden. Der grosse Druck in der Gastronomie – nicht zuletzt, aber nicht nur wegen der Coronamassnahmen – hat das Trio ermüdet. «Es macht keinen Spass zu arbeiten, wenn keine Gäste kommen. Und diese Situation hatten wir im Sommer öfters. Da kommt man schon ins Zweifeln und überlegt, ob man wirklich alles falsch macht», berichtet Käth Galizia.
Dass dies nicht der Fall ist, merkte sie schnell. Nach dem Entscheid zur Schliessung erlebten die drei Frauen eine riesige Welle der Solidarität. Viele wollten das Lokal finanziell unterstützen, und plötzlich war die Beiz wieder jeden Abend voll. Am angekündigten Ende wollten die drei aber nicht mehr rütteln. «Die letzten Wochen waren wunderbar und haben für vieles entschädigt», sagt Corinne Manimanakis. «Aber auf Dauer wäre es wohl nicht so weitergelaufen. Viele der Gäste kamen nur vorbei, weil es eben die letzte Chance war.»
Reich beschenkt
Und auch für Liz Kuhn stimmt der Moment zum Aufhören. «Es war gut, haben wir das Ende frühzeitig kommuniziert. So konnten wir uns auf den Moment vorbereiten und können uns jetzt mit einem Lächeln verabschieden», sagt sie, während sie von den Besuchern Blumen, Weinflaschen oder «Merci»-Packungen entgegennimmt. Nach der traurigen Stimmung im August dominiert jetzt wieder Fröhlichkeit. Dies nicht zuletzt, weil inzwischen für fast alle Mitarbeiter und Helfer eine Lösung gefunden wurde. «Das macht es uns einfacher», geben die drei Wirtinnen zu.
Und wie geht es mit ihnen selber weiter? «Wir wissen es nicht. Wir gönnen uns erst einmal eine Pause», sagt Manimanakis. Die drei Frauen werden jetzt in aller Ruhe das Lokal räumen, einen Flohmarkt für das Inventar durchführen und dann die Beiz dem Verein St. Leonhard übergeben. Parallel dazu führen sie den Mahlzeitendienst weiter, den sie im Sommer vom Restaurant Rössli übernommen haben. Weitere Pläne gibt es noch nicht. «Wir wurden oft gefragt, in welcher Beiz man uns in Zukunft wieder antrifft. Das zeigt uns, dass wir vieles richtig gemacht haben», sagt Galizia. Doch vorerst wollen die drei Abstand gewinnen. «Irgendwann zieht es mich sicher in die Küche zurück. Wann und wo, das weiss ich nicht», fügt Galizia an.
Zwischenlösung denkbar
Somit geht nach etwas mehr als 12 Jahren ein ganz besonderes Experiment zu Ende, verliert Wohlen einen Ort der Begegnung, der Kultur und des feinen Essens. Das bedauern viele. Umgekehrt sind diese 16 Jahre viel mehr als ursprünglich gedacht. Die Kulturbeiz war bei ihrer Eröffnung im August 2006 nur als Zwischenlösung gedacht. Damals war geplant, dass die Integra nach dem Weggang der früheren Wirtin das Lokal führt. Weil sich die Umsetzung des Projekts in die Länge zog, übernahmen Res Matter und Christian Döbeli das Lokal. Eigentlich nur als Übergang, bis die Verträge mit der Integra unter Dach und Fach waren. Das Projekt scheiterte, die Kulti blieb. Bis letzten Samstag. Dann folgte das Ende.
Wie es mit den leeren Räumen weitergeht, ist noch offen. Das vorliegende Sanierungsprogramm geht davon aus, dass im Chappelehof weiterhin ein Gastronomieangebot besteht. «Die aktuellen Reaktionen bestätigen dies klar. Ohne Gastronomie funktioniert ein Begegnungszentrum mit Saal und Sitzungszimmern nicht», sagt Präsident Paul Huwiler. Eine Zwischennutzung bis zum Neustart nach der Sanierung sei nicht ausgeschlossen. Allerdings müsse das Angebot zum Chappelehof passen. Die Schliessung der Kulti empfindet er als «schmerzlichen Verlust». Nicht nur der Verein, sondern auch die vielen Kundinnen und Kunden. «Die Kulturbeiz war ein Glücksfall, der einfach perfekt zum Chappelehof gepasst hat. Sie ist schwer aus unserer Gemeinde wegzudenken und hat neben ihrer ausgezeichneten Küche eine wichtige Aufgabe als kulturelle Drehscheibe erfüllt. Für viele ist ein Stück Zuhause verloren gegangen», so Huwiler.
Bis zuletzt pflichtbewusst
In den vergangenen 14 Jahren hatte die Kulturbeiz manche Krise zu überstehen. Musste mehrfach das Konzept anpassen. Und auch der letzte Tag verlief anders als geplant. Eigentlich sollte das Festival Dreiraumkultur den passenden Rahmen für die Abschiedsfete liefern. Nach dessen Absage luden die Wirtinnen zu einem kleinen Apéro am Nachmittag. Mehr Zeit bleib ihnen nicht – denn für den Abend waren alle Tische wieder ausgebucht. So, wie es zuletzt immer der Fall war. «So macht es Spass», meint Käth Galizia, bevor sie sich verabschiedet. Sie muss die Menüs des Abends vorbereiten. Denn auch am allerletzten Tag ist für sie eben nur das Beste gut genug.



