Viel mehr als ein Friseur
09.10.2020 WohlenDer 80-jährige Vito Gasparrini ist seit über 50 Jahren Coiffeur in Wohlen
Er ist ein Mann wie aus einem liebevollen Gedicht. Wer Vito Gasparrini kennt, der wünscht sich mehr Menschen wie ihn.
Stefan Sprenger
Bald ...
Der 80-jährige Vito Gasparrini ist seit über 50 Jahren Coiffeur in Wohlen
Er ist ein Mann wie aus einem liebevollen Gedicht. Wer Vito Gasparrini kennt, der wünscht sich mehr Menschen wie ihn.
Stefan Sprenger
Bald 70 Jahre ist es her, dass Vito Gasparrini zum ersten Mal in einem Coiffeursalon als Laufbursche arbeitete. Das war in der Nachkriegszeit in Ancona, Italien. In der Schweiz sucht er sich ein besseres Leben und wander mit 18 Jahren dorthin aus.
Nach zehn Jahren in der Schweiz spült ihn das Leben 1968 ins Freiamt. Er eröffnet seinen eigenen Coiffeurladen an der Bahnhofstrasse 1. Und dort ist er bis heute geblieben.
Hier, in Wohlen, ändert sich sein ganzes Leben. 1969 lernt er seine Frau kennen, 1970 folgt die Heirat, 1973 die Tochter, 1975 das Eigenheim in Hägglingen, 1976 der Sohn. Wenn er aus seiner Vergangenheit erzählt klingt es wie ein schönes Märchen. «Mein Leben war und ist wunderbar», sagt er.
Im Gespräch mit dem 80-Jährigen (der locker zehn Jahre jünger aussieht) ist besonders etwas sehr eindrücklich: Sein liebevolles und angenehmes Wesen. Vito Gasparrini gehört zu der Sorte Menschen, mit denen man unglaublich gerne Zeit verbringt.
Vito Gasparri erzählt aus seinem Leben. Es wirkt auf den ersten Blick belanglos, doch es ist so spannend und aufregend wie eine Dauerwelle. Er erklärt, wieso er als Italiener seinen Sohn Dirk taufte, warum Wohlen für ihn eine grosse Patchworkfamilie ist und wie die «Beatles» die Haarmode beeinflussten. Vito Gasparrini ist viel mehr als ein Friseur.
Der Lieblings-Figaro
Eine Leben für die Haare: Vito Gasparrini ist seit fast 70 Jahren im Coiffeurbusiness – Ein Besuch bei ihm im Salon
1951 betritt er erstmals einen Coiffeursalon. Mit 80 Jahren arbeitet Vito Gasparrini immer noch als Friseur. «Solange ich meine Schuhe selber anziehen kann, wird das auch so bleiben.»
Stefan Sprenger
Wie wird man 80 Jahre alt und bleibt so fit? Vito Gasparrini antwortet sofort: «Gott sei Dank.» So einfach, so schön. Der Friseur betreibt seit 52 Jahren in Wohlen einen Salon. Er ist zufrieden mit dem Leben. Das muss er nicht sagen, das sieht und spürt man. Beim Treffen mit Gasparrini verlässt kein Wort seinen Mund, das nicht von Ehrlichkeit, Güte und Wohlwollen vollgeladen ist. «Mein Leben ist wunderbar. Mir fehlt es an nichts. Ich bin dankbar. Sehr dankbar.»
Kaum mehr Haare auf dem Kopf: «Der Service ist hervorragend»
Es ist Freitagnachmittag. Adrian Meyer betritt den Friseursalon. Höflich lächelnd begrüsst Gasparrini seinen Kunden. Trotz Corona-Abstand kommt er ihm entgegen – einfach mit seiner warmen Art. Wie ein Signore, ein Gentleman. «Bitte. Nehmen Sie Platz.» Gasparrini wirft sich seinen Coiffeur-Überzug um, zieht sich die Maske ins Gesicht und fragt: «Wie immer?» Ja. Wie immer. Adrian Meyer sitzt auf dem über 50-jährigen Friseurstuhl. Er ist sportlicher Leiter beim FC Wohlen und hat kaum mehr Haare auf dem Kopf. «Ich komme nur, um mir die Spitzen schneiden zu lassen», lacht er. «Ausserdem ist der Service einfach hervorragend. Gasparrini ist ein ganz feiner Mensch.»
So denken wohl all seine Kunden. Für viele ist er ihr Lieblings-Figaro. Auch wenn es für Gasparrini bedeutungslos ist, was im Internet abgeht: Aber er hat grandiose Google-Rezensionen. Fünf von fünf Sternen. Dort heisst es: «Freundlicher Friseur, gute Preise und schneidet Haare 1a», «Top-Coiffeur, der sein Handwerk noch versteht» oder «der Beste und liebevollste Coiffeur».
Ein Haarschnitt für 3.50 Franken
Seine Haar-Karriere beginnt 1951. Vito Gasparrini wächst mit zwei Geschwistern in der Nähe von Ancona, Italien, auf. Seine Jugend ist geprägt von der Nachkriegszeit. Die jüngeren Kinder gehen tagsüber zur Schule, die älteren am Abend. Viele Probleme prägen die Region, es gibt nur wenig Perspektive. Mit elf Jahren heuert Gasparrini in einem Coiffeurladen an und arbeitet als Laufbursche. Er verliebt sich in den Beruf. Mit 18 Jahren geht er in die Schweiz. Die Aussicht auf ein besseres Leben lockt. Wie damals üblich hilft ihm ein Vermittlungsbüro dabei. Seine erste Station: Pfäffikon, Schwyz. «Ich habe gleich das Fünffache verdient wie in Italien», erinnert er sich. Er bleibt zwei Jahre, geht dann nach Schaffhausen und Aarau, jeweils für vier Jahre, arbeitet immer in einem Coiffeursalon als Freiberufler oder Angestellter. Ohne Ausbildung, versteht sich.
Es gibt im Leben Entscheidungen, die wegweisend sind. Vito Gasparrini trifft so eine Entscheidung im Jahr 1968. Der Vorbesitzer des Lokals an der alten Bahnhofstrasse 1 ist ein Bekannter von ihm – und er will das Lokal verlassen. Gasparrini begutachtet den Salon und sagt sofort zu. Mietkosten: 260 Franken. Gasparrini lacht. «Damals kostete ein Haarschnitt 3.50 Franken. Oder 3.60 Franken. Ich weiss es nicht mehr genau.»
«Beatles» und «Rolling Stones» prägen die Köpfe
In Wohlen macht er die Meisterprüfung und baut sich eine Stammkundschaft auf. Vito Gasparrini erlebt alle Modetrends mit. In den 40er- und 50er-Jahren wollten die Menschen kurze und pflegeleichte Frisuren. In den 60er-Jahren, mit dem Aufkommen der «Beatles» wurden die Haare länger. Zehn Jahre später kamen die «Rolling Stones», «und die Haare wurden noch länger», sagt Gasparrini. «Ich musste weniger schneiden und mehr waschen und föhnen.»
Die Bartpf lege wird in den 80er-Jahren wichtiger. Und die Dauerwelle kommt auf. Bis 1992 frisiert er auch Frauen. Heute nicht mehr. Ausser seine Frau. Dauerwellen gibt es heute kaum mehr. «Meine Kunden haben sowieso zu wenig Haare dafür.» Heute wollen die Menschen wieder kurze und pflegeleichte Frisuren. Wie vor 60 Jahren. «Die Mode wiederholt sich», sagt der Haar-Figaro.
Der nächste Kunde betritt den Laden. Es ist wieder ein bekanntes Gesicht. Rolf Stadler, Chef der Wohler Leichtathleten, jahrelanger Rektor im Bünzmattschulhaus und Präsident der Schulleitungskonferenz. «Grüezi, Herr Stadler. Wie immer?» Ja. Wie immer. Gasparrini zeigt die Fähigkeit, die wohl jede Coiffeuse und jeder Coiffeur bestens beherrscht: Smalltalk. «Wie gehts, ist alles gut?», beginnt der Friseur den Schwatz. Und Stadler erzählt aus seinen Ferien, die coronabedingt etwas anders ausgesehen haben als geplant.
Über 100 000 Mal einem Kunden die Haare geschnitten
Gasparrini beginnt mit dem Haareschneiden. Ob Schere oder Rasierer, er ist schnell und exakt, der Ablauf seiner Hände ist eingespielt, so, als hätte er es schon Zehntausende Mal gemacht – und das hat er auch. Gasparrini rechnet vor, dass er seit 1968 jeden Monat 200 Kunden die Haare frisierte. 52 Jahre mal 12 Monate mal 200 Kunden, das ergibt total 124 800 Friseurtermine (ohne Abzüge seiner Ferientage). Und das alles auf demselben Stuhl in Wohlen. «Arbeit ist mein Hobby, meine Tagesordnung, wie eine Maschine. Ich brauche das.»
Zurück ins Jahr 1968, als Vito Gasparrini als 28-Jähriger seinen Friseurladen eröffnet. Er fühlt sich im Dorf sofort heimisch. Die Beschreibung des weisen Gasparrini über Wohlen bedarf keines weiteren Kommentars: «In Wohlen kennt man sich. Es herrscht eine tolerante Kultur von Menschen mit verschiedenen Nationen und Religionen. Alle leben friedlich miteinander. Das war vor 50 Jahren so und das ist bis heute so geblieben.» Er rundet seine Aussage treffend ab: «Wohlen ist wie eine grosse Patchworkfamilie. Aber auch in einer grossen Familie gibt es Leute, die man nicht so mag.» Wenn man mit ihm vor seinem Laden steht, grüsst ihn jeder freundlich. Vito Gasparrini, er ist eine Institution in Wohlen, man kennt ihn, man schätzt ihn.
Dirk mit dem gelben Fahrrad
Hier im Freiamt findet er auch seine grosse Liebe. Sportlerball in Hägglingen, Fasnacht, 1969. «Sie war verkleidet. Ich nicht.» Vito Gasparrini und die Hägglingerin Irene (geborene Fischer) verlieben sich. In wenigen Tagen – am 22. Oktober – feiern sie ihren 50. Hochzeitstag. Das Rezept für eine Liebe, die ein halbes Jahrhundert hält? «Respekt und Toleranz.» 1973 kommt Tochter Desirée zur Welt. 1975 zügelt die Familie nach Hägglingen. «Arbeit. Familie. Haus. Garten. Alles selber gemacht», lächelt er stolz.
1976 das nächste Glück. Sohn Dirk kommt zur Welt. Wieso gibt ein Italiener seinem Sohn einen althochdeutschen Namen? Gasparrinis Erklärung ist herzerwärmend. «Im Henggi-Block gleich neben meinem Coiffeurladen lebte in den 70er-Jahren ein kleiner Bub. Er hatte ein gelbes, lustiges Fahrrad und war superherzig. Ich habe dann gesagt, dass ich meinen Sohn einmal Dirk taufe.» Und genau so kam es.
Heute ist er achtfacher Grossvater. Tochter Desirée ist Lehrerin, Sohn Dirk ist Tauchinstruktor. Die Enkel sind zwischen 7 und 16 Jahre jung. Um näher bei den Kindern und Enkelkindern zu leben, zügelte Gasparrini mit seiner Frau 2015 nach Gränichen. «Auch schön. Aber eben nicht Wohlen.»
Trotzdem ist er jeden Wochentag in seinem Friseursalon im Rex-Gebäude. Und das mit 80 Jahren. Im Frühling war er so lange weg von seiner Arbeit wie nie zuvor. Wegen Corona durften Friseure nicht mehr arbeiten. «Ich war sieben Wochen zu Hause. Anfangs war es schön, danach mühsam. Das Schlimmste war, dass ich meine Enkelkinder nicht mehr umarmen durfte.» Das ist nun vorbei. «Zum Glück.»
Nach einer Viertelstunde ist Gasparrini fertig mit Rolf Stadler. «Prima, wie immer», meint dieser. Stadler ist ein Kunde, seit er ein kleiner Junge ist. «Ich war nie bei einem anderen Coiffeur – ausser im Militär», so der 64-Jährige. Und wieso? «Wenn man zufrieden ist, dann kommt man wieder. Gasparrini ist sehr zügig, unterhaltsam, ein umgänglicher und bodenständiger Mensch», meint Stadler. Gasparrini ist auch sein Lieblings-Figaro. Der Coiffeur wird verlegen. «Hör auf jetzt.»
Gasparrini meint, er müsse sparsam mit seinen Kräften sein. Früher sei er aktiver gewesen. Einen Grappa spüre er noch Tage später. Er habe aber ohnehin nie viel Alkohol getrunken. Aber geraucht hat er. Seit er 14 Jahre alt ist. Eine Schachtel Parisienne pro Tag. 12 Jahre lang hat er es mal bleiben lassen. «Jetzt höre ich nicht mehr auf.»
Was macht ihn glücklich? «Meine Enkelkinder, meine Familie und gutes Essen», sagt er sofort. «Von Sauerkraut bis Spaghetti. Ich esse zu viel», meint er und streichelt über sein Bäuchlein. «Mir fehlt es an nichts.»
Seine innere Zufriedenheit, seine Gutmütigkeit und seine tolerante Art sorgen dafür, dass man sich in seiner Nähe wohlfühlt. Gasparrini sieht nicht aus, als wäre er 80 Jahre alt, sondern eher 80 Jahre jung. Und dies vermutlich, weil er einfach glücklich durchs Leben geht. «Gott sei Dank», meint er. Doch für diesen Erfolg ist er selber verantwortlich. Vito Gasparrini verabschiedet sich. Der nächste Kunde ist schon im Laden. Von draussen hört man ihn noch sagen: «Wie immer?»



