Gewaltsmärsche durch die Schweiz
18.08.2020 KüntenJoseph Meier-Gschwend schaut auf 100 Lebensjahre zurück
Am 25. Juli feierte der Künter Joseph Meier-Gschwend seinen 100. Geburtstag. Lebhaft erinnert er sich an seine Kindheit, den Krieg und an verschiedene Ereignisse in seinem Leben ...
Joseph Meier-Gschwend schaut auf 100 Lebensjahre zurück
Am 25. Juli feierte der Künter Joseph Meier-Gschwend seinen 100. Geburtstag. Lebhaft erinnert er sich an seine Kindheit, den Krieg und an verschiedene Ereignisse in seinem Leben zurück.
Roger Wetli
«Ich bin der Erste, der hier 100 Jahre alt geworden ist», erklärt Joseph Meier-Gschwend mit einem gewissen Stolz an seinem aktuellen Wohnort im Tertianum Lenzburg. «Vor Kurzem musste ich in einem Lebensmittelladen meine Identitätskarte zeigen, damit sie mir mein Alter geglaubt haben.» Joseph Meier wirkt im Gespräch noch sehr fit und wach. Für das Gehen gibt ihm ein Rollator Sicherheit. Er schätzt hier die vielen abwechslungsreichen Wege, auf denen er spazieren kann. «Ab und zu stehe ich in der Nähe des Bahnhofs Lenzburg und betrachte die Schnellzüge, die in hohem Tempo vorbeiiitzen.» Es störe ihn dabei nicht, dass er selber etwas langsam geworden ist. «Man muss sich seinem Körper anpassen.»
«Autos gab es praktisch noch keine»
Aufgewachsen ist Joseph Meier-Gschwend in Künten, wohin er nach verschiedenen Stationen in den Jahren als Erwachsener auch wieder zurückkam und dort zusammen mit seiner Ehefrau seine drei Kinder grosszog. «Mein Vater war Landwirt und musste sich mit 40 Jahren eine eigene Existenz aufbauen. Da gab es immer viel zu tun.» Neun Kinder hatten seine Eltern. Er selber wurde als Fünfter geboren. «Heute bin ich der letzte Überlebende», erklärt er.
Bildhaft erzählt Joseph Meier-Gschwend, wie es war, wenn man damals krank wurde. «Man musste fünf Kilometer nach Bremgarten zu Doktor Hauser laufen. Wenn man schon mal da war, gab es einen Gang zum Metzger in der Unterstadt, wo wir Würste, Landjäger und anderes Fleisch kauften.» Die Strassen seien nass und dreckig gewesen. Wenn mal ein Postauto vorbeifuhr, habe es gespritzt. «Autos gab es praktisch noch keine.»
Er hätte gerne die Bezirksschule in Bremgarten besucht, durfte aber nicht. «Mein Lehrer in Künten meinte dann, dass so wenigstens einer in der Klasse sei, der gut rechnen könne.»
Bester Schütze von 130 Soldaten
Mit knapp 20 Jahren rückte er am 7. Juli 1940 in die Rekrutenschule ein. Mitten im Krieg. «Beim Endschiessen im November war es bitterkalt. Nach ein, zwei Fehlschüssen hatten sie mich bereits abgeschrieben. Dann steigerte ich mich und wurde als Bester von 130 Schützen gelobt und ausgezeichnet.» Nach der Ausbildung verbrachten die Rekruten einen zweiwöchigen Urlaub zu Hause. Dann fing der Aktivdienst an. «Wir wurden einem Zug der Kompanie I/46 (Freiämter) angehängt, der durchgehend 13 Monate im Aktivdienst war. Eingerückt sind wir in Aarau, von wo aus wir ins Baselland gelaufen sind.» Der Winter 1940/1941 sei sehr kalt gewesen. Um nicht zu frieren, hätten sie sich Zeitungen um den Bauch gebunden.
Biskuits aus dem Fenster geworfen
«Angst vor dem Feind hatten wir nicht. Wir dachten, dass wir rechtzeitig informiert werden, wenn die Deutschen kommen.» Diese Haltung verstärkte sich noch, als er in die Innerschweiz versetzt wurde. «Wenn es zum ersten Mal klöpft, sind wir weit weg.» Für den langen Marsch wurde seine Einheit mit einem 40-, 50- und einem 60-Kilometer-Lauf hochtrainiert. Der Weg vom Baselland in die Innerschweiz hat sich stark in Joseph Meier-Gschwends Gedächtnis eingebrannt. «Wir liefen in 4er-Reihen jeweils 50 Minuten und hatten dann 10 Minuten Pause. Im solothurnischen Trimbach sind wir an der Biskuit-Fabrik Wernli vorbeigekommen. Sie haben uns Biskuits aus den Fenstern zugeworfen.»
Um 5 Uhr morgens seien sie im luzernischen Ettiswil angekommen. «Wohin die Reise aber führen würde, wussten wir nicht.» Der Marsch ging weiter über Luzern und Küssnacht nach Einsiedeln. «Als wir dort eingetroffen sind, hat alles wehgetan. Dort sind wir dann einige Wochen geblieben.» Joseph Meier-Gschwend musste die Dörfer erkunden und Bericht erstatten. Über das Weltgeschehen erfuhr der Künter über vier Kompaniekameraden, die beim «Freischütz», «Wohler Anzeiger», «Bremgarter Bezirks-Anzeiger» und «Reussboten» arbeiteten. «Das war ein grosser Vorteil für mich», erklärt er. Nach einer gewissen Zeit wurde seine Kompanie erneut versetzt. Diesmal ging es nach Wassen. «Als wir dabei einer Kompanie aus Zürich begegneten, wunderten wir uns, wieso die so gezittert haben. Wir wussten nicht, dass wir sie ablösen und bald auch ans Ende unserer Kräfte gelangen würden.»
Maschinen am Reissbrett entwickelt
Während des Kriegs arbeitete Joseph Meier-Gschwend in der Birchmeier AG in Künten. «Man war aber jeweils nur einen Monat im Geschäft und dann wieder für drei Monate im Dienst.» Er war in der Werkstatt tätig, wollte aber lieber ins Büro. Später fand er eine Stelle im technischen Dienst in einer Maschinenfabrik in Biel.
Nach dem Frieden von 1945 setzte er sein Studium im Technikum in Zürich fort und zog dadurch wieder nach Künten. Er arbeitete als technischer Zeichner in Zürich und erlangte das Diplom als Maschineningenieur. In den darauffolgenden Jahren hat er verschiedene Maschinen mitentwickelt, unter anderem eine Automation für Giessereimaschinen für «+GF+» sowie eine Maschine für Philipp Morris, die vollautomatisch Kunststoff-Zigarettenpackungen herstellt. Zudem war er an der Revision der Generatoren in den französischen Atomkraftwerken der Electricité de France beteiligt. 1964 machte er sich selbstständig und führte diverse Aufträge für die BBC aus. Auch als in der BBC bereits die ersten CAD-Systeme im Einsatz waren, wurden die komplizierteren Pläne von Joseph Meier- Gschwend noch von Hand am Reissbrett erstellt, wenn die Software an den Anschlag kam. Er arbeitete bis im Alter von 76 Jahren. «Dann bekam ich keine Aufträge mehr», bedauert er.
Selbstständige Töchter
Joseph Meier-Gschwend ist stolz darauf, dass seine drei Töchter selbstständige Personen geworden sind, und freut sich, dass sie trotz ihren hohen Arbeitsbelastungen Zeit haben, mit ihm zu telefonieren oder ihn zu besuchen. Dass sie alles Organisatorische erledigen, ist für ihn eine grosse Entlastung. Gerne besucht er mit ihnen ab und zu noch das 1967 erbaute Haus in Künten, wo er zusammen mit seiner im Mai 2019 verstorbenen Ehefrau gelebt und auch gearbeitet hatte.



