Erleichterung und Hoffnung
11.08.2020 WohlenCircus Monti: Johannes Muntwyler schaut trotz Tour-Absage mit Zuversicht in die Zukunft
Er zieht aus der Tour-Absage auch Positives. Mehr Freizeit, mehr Familie, weniger Stress. Er sei stets optimistisch, sagt Johannes Muntwyler.
Daniel ...
Circus Monti: Johannes Muntwyler schaut trotz Tour-Absage mit Zuversicht in die Zukunft
Er zieht aus der Tour-Absage auch Positives. Mehr Freizeit, mehr Familie, weniger Stress. Er sei stets optimistisch, sagt Johannes Muntwyler.
Daniel Marti
Neue Inszenierung, neugierige Gäste, herausgeputzter Festort auf dem Merkur-Areal. Und der Zirkusdirektor am Eingang. Ein wenig aufgeregt und angespannt. So wäre es gewesen am vergangenen Freitag, 7. August. Premiere Circus Monti, ein nationales und lokales Ereignis. Das Artistenensemble hätte das Publikum zu begeistern gewusst und es von den Sitzen gerissen. Aber nichts ist passiert, die Tournee des Circus Monti musste Ende Mai abgesagt werden.
Zirkusdirektor Johannes Muntwyler ist trotzdem auf den Platz des Tourstarts gekommen. Und mit der nötigen Distanz ist er nun «absolut überzeugt» davon, dass die Tour-Absage der einzig richtige Entscheid war. Vorstellungen wären jetzt nicht verantwortbar.
Die Erleichterung ist also grösser als der Schmerz über die abgesagte Tour. Deshalb vermisst der Zirkusdirektor zurzeit weder das Zirkuszelt noch die Manege. Vielleicht wird ihm in den nächsten Tagen der Tourbetrieb fehlen, das hingegen gibt er gerne zu. «An jedem von unseren Standorten gibt es Traditionen, und die werden fehlen», sagt der Zirkusdirektor. Beispielsweise früher in Adelboden sei es der typische Berggeschmack oder in Basel das Abendessen mit Freunden gewesen.
Und noch etwas hat Johannes Muntwyler angesprochen: Der Circus Monti macht keine einfache Zeit durch, «aber das Unternehmen ist nicht gefährdet». Und hofft auf die Tour 2021.
Auch eine Phase zum Geniessen
Circus Monti: Zirkusdirektor Johannes Muntwyler spricht am Tag der geplanten Premiere über die nicht einfache Situation
Am vergangenen Freitag die Premiere in Wohlen, jetzt bereits in Basel. Das wäre der normale Start gewesen. Anstatt die Tournee zu eröffnen, ist der Circus Monti jedoch zur grossen Pause gezwungen. Johannes Muntwyler gibt Einblick in seine Monti-Welt. Die Zeit ist schwierig. Das Wichtigste: Der Circus Monti wird überleben, plant Variété und Tour 2021.
Daniel Marti
Ein Blumenmeer in der Manege, ausverkauftes Haus, ganz viel Applaus, die Musik spielt. Und danach noch ein feines Fest. Das alles gehört in der Regel zur Premiere des Circus Monti. Tolle Stunden auf dem Merkur-Areal. Mitten in Wohlen. Das wäre am vergangenen Freitag, 7. August, gewesen. Premiere Circus Monti. Und heuer? Dort, wo sonst das Zirkuszelt steht, sind Autos parkiert. Und grüne Wiese, nichts von Zirkus-Atmosphäre. Corona hat alles verunmöglicht.
Trotzdem hat diese Zeitung mit Zirkusdirektor Johannes Muntwyler einen Termin. Er fährt mit dem Fahrrad heran. Locker, entspannt, auch ausgeruht. Kein Premieren-Stress. Man sitzt unter einen der wenigen Bäume, geniesst den Schatten. Tolles Wetter für eine Premiere. Eigentlich. Die Hitze hätte den Zirkus-Leuten und dem Publikum nicht viel ausgemacht, seit letztem Jahr können die Montis das Zelt kühlen. «Heute wäre alles super gewesen», sagt Johannes Muntwyler. Aber ohne zu hadern.
Stets auf 180
Premierentag. Was läuft da ab? «Das kommt immer darauf an, wie die Tage zuvor verlaufen sind.» Im Normalfall gibt es eine Feedbackrunde, ein oder zwei Stunden im Büro, vielleicht noch Geschenke organisieren. Meistens sei er ein wenig spät dran. Letztlich sei der Verlauf auch an diesem Tag ganz normal. Und abends so ab 19 Uhr? Am Eingang die Gäste begrüssen. «Und ich bin dann stets auf 180 und aufgeregt. Erst nach der Premiere bin ich dann wieder entspannter.» Und wie oft war er nach der ersten Aufführung der Saison nicht entspannt? Zwei- oder dreimal sei das der Fall gewesen, «aber das merkt man natürlich schon vorher». Aber grosse Unsicherheiten habe es nur selten gegeben in der langen Zeit des Circus Monti. Schliesslich hat er in den Jahrzehnten ein gutes Gefühl entwickelt und immer gewusst, woran man ist mit dem neuen Programm.
Eben heuer ist alles anders. Der Circus Monti kann seit seiner Gründung erstmals nicht auf Tournee gehen. Die letzten Tage habe er ein paar Mal daran gedacht, gibt Muntwyler zu. Jetzt wäre der Zeltaufbau, jetzt die Proben, jetzt die Premiere. Das habe ihn beschäftigt. «Aber einen Stich ins Herz hat es mir nicht gegeben, als ich in den letzten Tagen jeweils am Merkur-Areal vorbeigefahren bin.» Beim Circus Monti hat man die Situation akzeptiert. Auch mit Wehmut.
Das Unternehmen ist nicht gefährdet
Ende Mai folgte schweren Herzens die Absage der Tour. Der richtige Entscheid? «Ja, absolut.» Der Zirkusdirektor ist «felsenfest überzeugt» davon, dass nur dieser Weg der richtige ist. «Gerade jetzt, wo die Coronafallzahlen wieder in die falsche Richtung gehen.» Damals, Ende Mai, sei man in einer schwierigen Situation gesteckt. Kurz nach der Absage fiel die Zahl der Corona-Infizierten auf 20. «Haben wir voreilig gehandelt?» Diese Frage schoss ihm oft durch den Kopf. Heute ist er froh, dass richtig entschieden wurde. «Ich hätte mich auf die Premiere gefreut, aber ich bin froh, tun wir uns das nicht an.» Was wäre mit den Artisten, was mit dem Publikum? «Vorstellungen wären jetzt nicht verantwortbar gewesen.»
Und der finanzielle Aspekt? Da gibt es nicht viel zu berichten. Null Einnahmen seit Februar. Kurzarbeit. «Aber», gibt er Entwarnung, «die Firma, der Betrieb ist nicht gefährdet.» Dies auch dank weitsichtiger Philosophie. Der Circus Monti lebte nie über den Verhältnissen, nie auf Risiko. Es wurde nur das investiert, was sich das Unternehmen auch leisten konnte.
Das Problem der Welt wäre nicht gelöst …
Nun gilt es auch das Positive aus der Situation zu nehmen. Seit 1979 ist Johannes Muntwyler stets mit der Familie im Zirkus unterwegs, erst im Zirkus Olympia, ab 1985 im eigenen Circus Monti. «Das war eine intensive Zeit», blickt er zurück. «Viele nehmen doch bereits nach 20 Jahren Berufsleben eine Auszeit.» Das will er nicht, aber die jetzige Phase ist auch eine «Art Entschleunigung und eine Phase zum Geniessen». Mehr Freizeit, mehr Familie, mehr Kontakte, mehr Radfahren «und mehr Wohnen im schönen Wohlen». Und zwischendurch abschalten, denn der Kulturbranche geht es nicht gut.
Johannes Muntwyler pflegt den Kontakt zur Eventbranche, wie er sagt. Wie die anderen mit der Situation umgehen, interessiert ihn. «Es gibt viele Unternehmen oder Kulturschaffende, die an die Grenzen kommen und ums Überleben kämpfen.» Und für ihn ist klar: «Die Kultur leidet in diesem Land.» Von den grossen Medienhäusern sei das Thema kaum aufgegriffen worden. Und die Zirkusbranche als solche sei wohl noch an keiner grossen Medienkonferenz erwähnt worden.
Gewiss sei Corona ein Dauerthema. «Da gibt es fast so viele Experten wie Menschen», sagt er dazu. Darum mag er darüber auch nicht gross fachsimpeln. «Aber es ist beunruhigend, dass sich das Virus so schnell über die ganze Welt ausbreiten konnte. Was ist, wenn sich eine noch aggressivere Krankheit so schnell verbreitet? Das gibt mir zu denken.» Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann könnte man diesen ja Corona widmen. «Aber das Problem der Welt wäre damit noch nicht gelöst», betont er. «Es müsste irgendwann ein Umdenken stattfinden, damit allen Menschen ein lebenswertes Leben ermöglicht wird. Das aber ist wohl sehr unrealistisch.»
Den Generationenwechsel angehen
Für den Circus Monti wünscht er sich natürlich bald wieder eine gute, eine normale Zukunft. Er hofft, «dass wir bald wieder unbeschwert auf Tour gehen können. Dass wir den Zirkus, die Artisten, das Publikum geniessen können.» Und dann gilt es den Generationenwechsel anzugehen. In einem Monat wird Johannes Muntwyler 56 Jahre alt. «Wenn ich 60 bin, müssen oder sollen meine drei Söhne bestimmen, wie der Betrieb weitergeht.» Das sei sein persönlicher Wunsch, die Signale müssen jetzt bald spürbar sein. Mit 60 möchte der heutige Zirkusdirektor so viel beitragen, wie es für seine Söhne stimmt. Vielleicht sei er dann nur noch Berater, blickt er voraus. Gut möglich, denn seine drei Söhne sind jetzt schon wichtige Eckpfeiler im Circus Monti.
Ja, auf dem Merkur-Areal, auf dem Premieren-Platz, unter dem schattigen Baum, dort philosophiert Johannes Muntwyler sehr gerne über die Zukunft. Mit der Hoffnung verbunden, dass der Circus Monti von seinen Montis künftig weitergeführt wird. Momentan blickt er allerdings konkret ein paar Monate voraus. Er hofft sehr, dass Montis Variété in der Vorweihnachtszeit im Winterquartier stattfinden kann. «Wenn es verantwortbar ist, machen wir das.» Die Planung läuft bereits. Und 160 Gäste sollen dann jeweils verwöhnt werden. Die Vorfreude ist riesig.
Mit Zuversicht an die Premiere 2021
Und natürlich. Es gibt viele Gedanken an das Jahr 2021. Es werde in der Öffentlichkeit nicht gross darüber geredet, dabei geht es ganz schnell, sagt er. Johannes Muntwyler blickt hoffnungsvoll ins nächste Jahr. «Ich bin stets optimistisch. In irgendeiner Form geht es immer weiter.» Die Tour 2020 ist einfach um ein Jahr verschoben. Für Konzept und Regie der 36. Monti-Inszenierung zeichnet Marie-Josée Gauthier verantwortlich – das ist so geblieben, trotz Verschiebung. «Regie und Konzept sind top. Es wurden schon sehr viele Überlegungen in dieses Programm investiert.» Sogar die gleichen Artisten stehen bis auf eine Ausnahme bereit.
Zuversicht und Hoffnung will der Zirkusdirektor mitnehmen und vorleben. Und im August 2021 zusammen mit dem Publikum die rauschende Premiere wieder erleben. Dann, am 6. August, möchte Johannes Muntwyler nicht mit dem Fahrrad auf dem Merkur-Areal vorfahren, sondern mit Zirkuszelt, Artisten und Wohnwagen. Und den grossen Applaus des Publikums in der Manege geniessen. «Trotzdem», sagt er noch beim Abschied, «wir können auch nächstes Jahr wieder in den Schatten des grossen Baumes sitzen und philosophieren.» Sehr gerne.



