Der nächste Schritt
05.05.2020 BremgartenAm Montag, 11. Mai, darf ein weiterer Teil der Bremgarter Altstadtgeschäfte und -restaurants wieder öffnen
Nach zwei Monaten Zwangsschliessung aufgrund der Coronaviruspandemie schauen Bremgarter Betreiber verhalten optimistisch in die ...
Am Montag, 11. Mai, darf ein weiterer Teil der Bremgarter Altstadtgeschäfte und -restaurants wieder öffnen
Nach zwei Monaten Zwangsschliessung aufgrund der Coronaviruspandemie schauen Bremgarter Betreiber verhalten optimistisch in die Zukunft.
André Widmer
Mit den Öffnungen von Coiffeur- und Nagelstudios vor einer Woche ist ein wenig mehr Leben in die Altstadt zurückgekehrt. Der 11. Mai ist nun ein weiterer Schritt bei den Lockerungen der Massnahmen.
Eines ist den Betreibern der Bremgarter Geschäfte, die nun der «Wiedereröffnung» entgegenfiebern, gemeinsam: Sie freuen sich, ihre Kundschaft wiederzusehen. «Wenn wir diese Krise überstehen, haben wir gewonnen», sagt René Waser von Sofia’s Raritäten an der Marktgasse. Für dieses Geschäft war der behördlich angeordnete Schnitt besonders hart, fand die Neueröffnung doch erst am 1. Dezember statt. Ein Grund für die Standortwahl Bremgarten: «Die vielen Märkte. Nun verpassen wir den Pfingstmarkt», erklärt Sofia Waser. Das Geschäft mit vielen hochwertigen, teilweise auch neuen Raritäten für Sammler wie Schilder, Figuren, Modelle, aber auch Zeitdokumenten oder Autogrammen hatte ein sehr gutes Weihnachtsgeschäft. Wie erlebte Sofia Waser die zwei Monate Zwangsschliessung? «Es war eintö- nig, denn ich will wieder arbeiten und will den Kontakt», verrät sie. Wasers sind verhalten optimistisch, was den Neustart angeht. René Waser erklärt: «Ich gehe nicht davon aus, dass wir überrannt werden.» So dürften sich auch nicht zu viele Leute gleichzeitig im Laden befinden, denn gewisse Kunden suchen das Geschäft gezielt auf.
Chance für kleinere Geschäfte
Rolf Meyer von Rolf Meyer Herrenmode geht davon aus, dass dies nicht die erste landesweite Krise ist, die es seit dem Bestand seines Geschäftes gab. Er führt das Modegeschäft in vierter Generation seit 1854 und es dürfte das älteste noch in der gleichen Familie befindliche in Bremgarten sein. Der Lockdown überraschte ihn nicht wirklich, die Anzeichen verdichteten sich nämlich. In den Tagen davor seien keine Kunden mehr gekommen. Während der Schliessung konnte Meyer telefonische Bestellungen per Postversand abwickeln. Als Einzelunternehmer ohne Mitarbeiter musste er jeweils nach den regulären Öffnungszeiten die Buchhaltung machen, jetzt hatte er tagsüber dafür Zeit. Trotz der Umsatzeinbussen ist die Existenz des Herrenmodegeschäftes nicht bedroht: «Spare in der Zeit, dann hast du in der Not», erklärt Rolf Meyer. Doch er verstehe Firmen, denen dies nicht gelang, so beispielsweise Neugründungen, und die nun externe finanzielle Hilfe in Anspruch nehmen müssten. Natürlich komme es auch bei ihm zu finanziellen Einbussen, ganz klar. «Ich bin optimistisch», sagt Meyer im Hinblick auf den 11. Mai und die Zeit danach. Er geht davon aus, dass die Kunden eher die kleineren Geschäfte aufsuchen würden, wo sich die Leute nicht derart in Massen aufhalten wie bei den Branchenriesen. Eine Chance für die Einzelhandelsgeschäfte, wo der Kunde schneller bedient werden kann. «Ich denke, die Kleineren haben einen Vorteil, wenn es wieder losgeht», so Rolf Meyer. «Ich freue mich darauf, die Kundschaft zu sehen.»
Rückstellungen sind weg
Biggi Winteler ist Inhaberin von heilstein-schmuck.ch an der Bärengasse. Und sie ist Präsidentin des Vereins Fachgeschäfte Altstadt Bremgarten (FAB). «Ich hoffe, dass alle gesund bleiben, Mitarbeiter und Kunden, und dass sie uns die Treue halten», blickt die Unternehmerin auf den 11. Mai und danach. Sie wünscht sich, alle wiederzusehen. Das Onlinegeschäft sei für sie und ihr Geschäft «ein echter Segen» gewesen, erklärt Biggi Winteler. Der Aufwand lohne sich. Doch: «Der persönliche Kontakt fehlt», sagt sie. Dafür waren die Telefonberatungen intensiver, die Kunden hätten diesen Service sehr geschätzt. Der Einkommensausfall war dennoch beträchtlich, sodass sie Kurzarbeit für ihre Mitarbeiterinnen anmelden musste und einen Betriebskredit beantragte. «Ich habe aber Glück, dass das Geschäft auf guten Füssen steht.» Für den 11. Mai wird auch sie Vorkehrungen treffen: Desinfektionsmittel, die Möglichkeit für Masken und eine Plexiglasscheibe bei der Kasse sind vorgesehen. Maximal zwei Kunden sollen gleichzeitig ins Geschäft kommen dürfen.
In der Funktion als FAB-Präsidentin stellt sie fest, dass bei vielen Altstadtgeschäften Existenzängste aufgekommen sind. Darum nun auch die Hoffnung, dass die Bevölkerung vermehrt lokal einkauft. Das ist wichtig: Viele Geschäftsinhaber hätten die Kurzarbeitsgelder leider noch nicht erhalten. «Das ist verständlich bei dieser Anfragemenge», zeigt sie Verständnis für die Behörden. Mit den Krediten hingegen habe es besser geklappt. Schliesslich sei das Risiko auch Bestandteil des unternehmerischen Daseins. «Aber es geht uns ungewollt und unverschuldet an die Existenz», sagt Biggi Winteler.
Happig und umsatzmindernd sind die Schutzmassnahmen im Gastgewerbei. So dürfen an einem Tisch maximal vier Gäste bedient werden und es muss zwei Meter Abstand zwischen den Tischen sein. Für das eher geräumige Restaurant Stadtkeller zwar umsetzbar, aber einschränkend. Gastwirt Thomas Schaufelbühl geht von noch rund 30 nutzbaren Plätzen aus. Umsatzstark sind bei ihm Freitag und Samstag. «Ich habe auch Angst, ob es noch reicht», sagt er. Er lässt verstehen, dass der Respekt vor der Wiedereröffnung gross ist. Zwar habe er Stammkunden, doch ob sich der Aufwand für seine anspruchsvolle und damit aufwendige Küche lohne, da ist er noch skeptisch. «Die Leute werden kommen, aber es ist fraglich, ob es genügend sein werden.» Die Wochen der Schliessung konnte Schaufelbühl mit Vorbereitungen im Bereich der Küchenzutaten nutzen, Wildkräuterund Bärlauchbutter produzieren oder Brennnesseln suchen. Finanziell konnte er als Mitbesitzer einen temporären Mieterlass ausbedingen, doch mit einem Erbvorbezug griff Schaufelbühl auch die eiserne Reserve an. Für Restaurants bedeuten auch die fehlenden Versammlungen und Sitzungen Einbussen. Und für den Stadtkeller, der sich eher im hinteren Teil der Altstadt befindet, wären auch Anlässe im Kellertheater und Märkte gut. «Die Märkte sind sehr wichtig, dann ist man ausgelastet und kann genug Personen einstellen und mit Gewinn rechnen.» Fehlen die Märkte, sei es tragisch. Nochmals Geld von den Reserven zu nehmen, so etwas sei nicht schön. Der Stadtkeller öffnet übrigens am 13. Mai wieder.




