Planlos ins Glück
07.01.2020 WohlenDie Wohlerin Sindy Meier und der Bremgarter André Koller leben seit einem Jahr im Van
Sie kündigten Job und Wohnung und machten sich auf in die weite Welt. In seinem selbst umgebauten Mercedes-Sprinter ist das Freiämter Paar schon seit über einem Jahr ...
Die Wohlerin Sindy Meier und der Bremgarter André Koller leben seit einem Jahr im Van
Sie kündigten Job und Wohnung und machten sich auf in die weite Welt. In seinem selbst umgebauten Mercedes-Sprinter ist das Freiämter Paar schon seit über einem Jahr unterwegs. Das Van-Leben gefällt den beiden so sehr, dass ein Ende nicht in Sicht ist.
Stefan Sprenger
«Der Plan ist, keinen Plan zu haben», sagt André Koller (35). «Keine Termine zu haben, führt zu riesiger Entspanntheit», meint Sindy Meier (34). Das Freiämter Paar machte sich im November 2018 auf die Reise. Ziel war es, sich Zeit zu lassen und miteinander das Leben zu geniessen. «Ein ausgedehntes Sabbatical im Van», nennen es die beiden lachend. Geografisch war ihr Ziel die Küste Senegals. Dort wollten sie surfen. Doch die Spontanität brachte ihre Reisepläne durcheinander.
Angefangen hat alles auf ihrer gemeinsamen Neuseelandreise. Dort wurden sie vom «Van-Life» angefixt. Und sie wollten mehr. Sie kauften einen Mercedes-Sprinter – einen normalen Lieferwagen – und bauten diesen in monatelanger Arbeit zu einem «fahrbaren Zuhause» um. Die Familien des Liebespaars haben tatkräftig geholfen. Darunter auch Rolf Meier, der Vater von Sindy Meier. Er ist der Chef des bekannten Betriebs Pneu Meier AG in Wohlen.
Raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer
Sindy Meier aus Wohlen kündigte ihren Job als Hochbautechnikerin bei einer Firma in Sins. André Koller aus
Bremgarten beendete seinen Job als Junior-Projektleiter bei der Robatech AG in Muri. «Zu kündigen fiel mir nicht einfach. Ich mochte meine Arbeit und das Geschäft sehr. Doch wenn wir das durchziehen wollten, mussten wir unsere Komfortzone verlassen», erzählt Koller. Das Paar kündigte zudem seine gemeinsame Wohnung in Zufikon.
Die beiden haben ihr geregeltes Leben im Freiamt eingetauscht gegen eine abenteuerliche Reise in einem Van. Nach über 21 000 Kilometern
und elf Ländern sind sie nun in Lagos, Portugal. Ihre Reise soll eigentlich auf unbestimmte Zeit weitergehen, doch ihr geliebter Van ging in diesen Tagen kaputt.
Auf dem Parkplatz zu Hause
Sindy Meier (Wohlen) und André Koller (Bremgarten) reisen im Van durch die Welt
Dem System entfliehen, frei sein, hingehen, wo man will. Sindy Meier und André Koller leben ihren Traum und sind seit 14 Monaten im Van unterwegs. Im Sommer kamen sie kurz nach Hause ins Freiamt. Einerseits, um Familie und Freunde wiederzusehen, andererseits wegen des letzten Zamba Loca und dem «Fäscht i de Marktgass».
Stefan Sprenger
An Weihnachten haben sie ihr zu Hause verloren. «Die Drosselkappe unseres Vans ging kaputt, der Motor kriegte keine Luft, wir konnten nicht mehr fahren», sagt Sindy Meier. Das Freiämter Paar war gerade in Lagos, Portugal. Ihr umgebauter Mercedes-Sprinter, ihr Zuhause, es musste abgeschleppt und repariert werden. «Wir durften bei Bekannten im Van sein.» Und nur nach einem Tag hatten sie ihr geliebtes Fahrzeug wieder. Weihnachten war gerettet.
Die Wohlerin Sindy Meier (34) und der Bremgarter André Koller (35) lebten zuletzt gemeinsam in Zufikon. Sie sind seit November 2018 unterwegs in ihrem Van. 21 Mal haben sie eine Landesgrenze überfahren, über 20 000 Kilometer zurückgelegt und elf Länder besucht. Frankreich, Spanien, Belgien, Luxemburg, Schweiz, Deutschland, Portugal, Irland, England, Marroko und die West-Sahara. An ihr eigentliches Ziel, die Küste Senegals, haben sie es noch nicht geschafft.
Tagelang auf einer Fähre unterwegs
Das Jahr 2019 war für das Freiämter Paar aufregend und gemütlich zugleich. In Afrika erlebten sie viel Militärpräsenz und zahlreiche Kontrollen. Sie reisten tagelang auf einer Fähre, als sie nach Grossbritannien reisten, und verbrachten zahlreiche Stunden mit anderen Menschen, die im Van herumreisen. «Trotz Sprachbarrieren haben wir uns mit den Menschen, egal ob Einheimische oder Touristen, immer gut verstanden. Wir lernen fremde Kulturen kennen und leben friedlich mit Leuten aus aller Welt», erzählt André Koller. Die Leute, die im Camper-Van herumreisen, sind wie eine kleine Familie.
Mit ihrem Van haben sie an 140 verschiedenen Plätzen geschlafen. Der Parkplatz ist ihr zu Hause. Dies ist vorzugsweise an einem wunderschönen Ort, wenn möglich direkt am Strand. «Mit dem Meeresrauschen einzuschlafen», ist ein erklärtes Ziel jeden Tag. Oft geht das. «Nur ganz selten sind wir auf den Plätzen nicht willkommen», erzählt Koller. Gefährliche Situationen haben sie noch nie erlebt.
«Das Beste, was wir machen konnten»
Der Alltag ist nicht immer einfach. Die beiden Freiämter leben sparsam, müssen jeweils viel organisieren. Das Teuerste am Van-Leben sei der Treibstoff. Das Mühsamste auf dem «ausgedehnten Sabbatical» ist jeweils der Müll, der in der Natur herumliegt und die beiden nervt. «Da erlebt man einige Überraschungen», sagen sie. Geduscht wird immer im Freien mit wenig Wasser. Sindy Meier sagt: «Wir kochen jeweils regional und frisch und waren bislang nur zweimal auswärts in einem Restaurant essen.»
Die zwei Weltenbummler kündigten 2018 ihre Jobs. Sindy Meier aus Wohlen arbeitete als Hochbautechnikerin bei einer Firma in Sins und André Koller aus Bremgarten beendete seinen Job als Junior-Projektleiter bei der Robatech AG in Muri. Und sie starteten in ein neues Leben. Sie bereuen ihren Entscheid nicht – im Gegenteil. «Es ist das Beste, was wir machen konnten. Wir haben uns einen Traum verwirklicht.»
Den Touristenströmen aus dem Weg gehen
Im Sommer wurde es ihnen allerdings zu eng auf den Strassen und den Campingplätzen. «Wir flüchteten vor den Touristen.» Die Preise in der Sommerferienzeit stiegen zudem extrem an. Spannend: Dann, wenn alle anderen in die Ferien fahren, machten sich Meier und Koller auf den Weg nach Hause in die Schweiz. Für fünf Wochen kamen sie zurück ins Freiamt. Sie konnten Freunde und Familie besuchen. Und sie wollten auch zwei Grossanlässe in der Region nicht verpassen. «Das letzte Zamba Loca in Wohlen wollten wir uns nicht entgehen lassen. Dort haben wir viel erlebt und kennen viele Leute.» Und auch am «Fäscht i de Marktgass» in Bremgarten waren sie dabei.
Im September – wenn die «normalen» Menschen wieder zurück aus den Ferien waren – machte sich das Van-Liebespaar wieder auf in die weite Welt. Lange waren sie in Galizien (Spanien) und sind nun in Lagos, Portugal. Bald geht es nach Afrika, dem warmen Wetter entgegen.
Rückkehr unbekannt
Wie lange wollen die beiden das «Van-Life» noch durchziehen? «Im Sommer kommen wir retour. Vielleicht. Wir machen es eben, so lange es uns Spass macht. Wir finden es wunderbar, dass wir weg vom Alltagsstress sind und einfach mal Zeit haben, um zu uns selbst zu finden und neue Leute kennenzulernen», sagt das Paar. Die Rückkehr ist also unbestimmt. Und das ist auch gut so. Der Plan ist, keinen Plan zu haben. Und doch bleibt ihr Ziel die Küste Senegals. Dort will André Koller surfen gehen. «Dort soll es wie im Paradies sein», sagt er.



