Vom Stahl zum Industriepark
24.12.2019 WohlenVor 25 Jahren wurde das Stahlwerk der Ferrowohlen AG stillgelegt: Eine Zeitreise mit Alt-Regierungsrat Peter Wertli
Bei der Stilllegung des Stahlwerkes gingen viele Arbeitsplätze verloren. Nach einer ruhigen Phase scheiterte das gigantische Projekt Ferropolis. Danach ...
Vor 25 Jahren wurde das Stahlwerk der Ferrowohlen AG stillgelegt: Eine Zeitreise mit Alt-Regierungsrat Peter Wertli
Bei der Stilllegung des Stahlwerkes gingen viele Arbeitsplätze verloren. Nach einer ruhigen Phase scheiterte das gigantische Projekt Ferropolis. Danach wurde die neue Chance genutzt: Das riesige Areal erfuhr eine wesentliche Entwicklung und ist Heimat von etlichen Unternehmungen.
Daniel Marti
Die Stilllegung der Ferro bewegte im Jahr 1994 die Gemüter. Also vor 25 Jahren. Zeit, um zurückzuschauen. Beispielsweise mit Peter Wertli, ehemaliger Bremgarter Gerichtspräsident, Oberrichter und Regierungsrat. Er war ab 2003 für die Ferrowohlen AG in juristischen Fragen und Verfahrensbelangen tätig. Und ab Sommer 2004 bis Sommer 2015 nahm er Einsitz im Verwaltungsrat.
Die Stilllegung des Stahlwerkes hat Wertli bestens in Erinnerung. Er wohnte damals in Villmergen, heute in Wohlen. Aus Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern der Ferro weiss er, «dass die Stilllegung bei den meisten älteren Arbeitern und Angestellten eine grosse Enttäuschung und Verunsicherung auslöste».
Gut für die Umwelt, schlecht für die Zulieferer
Allerdings gänzlich überraschend sei der Schritt nicht gekommen. «Die Belegschaft war von rund 400 Mitarbeitenden in den besten Jahren sukzessive durch Abbau, Rationalisierung und Automatisierung auf zuletzt noch rund 140 reduziert worden.» Zudem hatte es Jahre vorher eine ähnliche Situation mit der Androhung der Schliessung gegeben. Überkapazität und Preiszerfall wurden damals als Gründe angegeben. «Die Hoffnung im Jahr 1994, dass der Betrieb zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden könnte, zerschlug sich bald.»
Nach der Schliessung blieb eine kleine Belegschaft von rund 15 Mitarbeitenden für den Unterhalt der Anlagen und des Areals. Diese Zahl reduzierte sich allmählich auf sieben Verbleibende.
Peter Wertli: «In der Bevölkerung war die Stimmung gemischt. Während die einen die Schliessung aus Umweltschutzgründen begrüssten, wurde dies von den andern mit Blick auf die Entlassungen und den Wegfall von bedeutsamen Zulieferungen wie Bahn, Strom und Gas bedauert.» Dann kehrte fast zehn Jahre lang Ruhe ein auf dem Areal – bis das riesige Projekt Ferropolis lanciert wurde.
Ferropolis: 600 Millionen Investitionen für 3000 Menschen
Im Jahr 2003 wurde Ferropolis der Öffentlichkeit vorgestellt. Zwecks Wiederbelegung des Areals. Wohnen und arbeiten für rund 3000 Menschen auf ein und demselben Areal. Dies verbunden mit dem Abbruch oder der Umnutzung der alten Hallenbauten und mit zweckgemässen Neubauten. Mit Kosten von rund 600 Millionen Franken. «Das war ein ausserordentlich visionäres, sehr innovatives, aber auch extrem ambitiöses Projekt», blickt Wertli zurück.
Der heute 76-jährige Alt-Regierungsrat war damals im Zusammenhang mit behördlichen Bewilligungen für die Demontage des Breitbandwalzwerkes nach dem Iran für Ferro tätig. Und ab Sommer 2004 als Mitglied des Verwaltungsrates. Mit Interesse hat er am spannenden Projekt Ferropolis mitgearbeitet. «Je konkreter allerdings die Pläne wurden, desto mehr Skepsis wurde in der Bevölkerung wie bei den Behörden erkennbar. Die grosse neue Siedlung zwischen Wohlen und Villmergen wurde vielerorts als Fremdkörper empfunden.»
«Fundamentaler Strategiewechsel»
Die Menschen befürchteten zusätzlichen Verkehr und vermehrte Soziallasten. Im Mitberichtsverfahren 2007 wurden erhebliche Bedenken geäussert und eine Kurskorrektur angemahnt. Ferropolis sei in der vorliegenden Form nicht beschlussfähig, so die Rückmeldung seitens der Gemeindebehörden. «Im Verwaltungsrat gewannen wir die Einsicht, dass dies politisch kaum machbar sei. Und das planerisch bereits weit fortgeschrittene Projekt wurde aufgegeben.»
Als Konsequenz folgte ein «fundamentaler Strategiewechsel» mit den bestehenden grossen Hallen samt Neubauten als vermietete Flächen für interessierte Unternehmen. Ab 2008 setzte die konkrete Planung und Realisierung von Sanierung und Bewirtschaftung ein. «Der Wechsel hat sich gelohnt, der entscheidende Schritt von der Industriebrache zum florierenden Industriepark mit Hunderten von Arbeitsplätzen war getan», so Wertli.
Digitec war der Start zum Wandel
Nur, was war entscheidend für den Strategiewechsel und die neue Entwicklung? Die Absicht, nach dem Verzicht auf Ferropolis die Industriebrache «wieder sinnvoll mit neuem Leben zu füllen, war im Verwaltungsrat in Absprache mit der Eigentümerschaft ausgeprägt vorhanden», so Wertli. Das rund 200 000 Quadratmeter grosse, kompakte Areal – es entspricht annähernd 30 Fussballfeldern – bot für die neue Zielsetzung günstige Voraussetzungen. Dazu kam die verkehrsmässig gute geografische Lage zwischen den grossen Siedlungsräumen und Ballungszentren. «Im dreiköpfigen Verwaltungsrat war ein starker Wille zum Aufbruch und zu innovativem Neubeginn vorhanden», betont Wertli heute.
Die Ansiedlung eines jungen, stetig stark wachsenden Unternehmens stellte eine wesentliche Weichenstellung dar. Digitec, so der Name der Firma. Die einwandfrei sanierte alte, 300 Meter lange Produktionshalle beflügelte laut Wertli ab 2008 den Wandel. Weitere namhafte Firmen mit entsprechend neuen Arbeitsplätzen kamen fortlaufend dazu, es wurden sogar zusätzliche Hallen erstellt und vermietet.
Aus dem Nichts entstand Neues
Peter Wertli war zusammen mit dem ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten Denis Kopitsis entscheidend an der positiven Entwicklung des Areals beteiligt. «Es sind sehr schö- ne, bereichernde Erinnerungen an meine Mitarbeit in der Ferro bis zu meinem altersbedingten Ausscheiden im Sommer 2015», blickt Wertli zurück. «Es war eine ausserordentlich spannende, bewegte und bewegende Zeit. Ich durfte an einer grundlegenden und erfolgreichen Entwicklung von einer Industriebrache zu einem Industriepark aktiv mitwirken.»
Faktisch aus dem Nichts sei etwas Neues aufgebaut worden. Wertli spricht von einem kleinen, eingespielten Team, «das überaus konstruktiv und vertrauensvoll zusammenarbeitete und auch freundschaftlich verbunden war». Peter Wertli blickt mit Freude und Dankbarkeit auf seine Zeit in der Ferrowohlen AG zurück. Die weitreichenden Entscheidungen waren laut Wertli geprägt von «Mut, kalkulierter Risikobereitschaft sowie von Unternehmergeist und Innovationswille. Das waren entscheidende Erfolgsfaktoren.»
Entstanden ist einer der grössten Industrieparks der Deutschschweiz. Es ist ein attraktiver Standort für Unternehmen, Lager- und Produktionshallen mit über 89 000 Quadratmeter stehen zur Verfügung. Und die Entwicklung des Areals ist weiterhin im Gang. Momentan sind zwei grosse Lagerhallen mit 250 000 Kubikmeter Rauminhalt im Bau.
Meilensteine
Die Geschichte der Ferro wurde durch wichtige Entscheidungen und Meilensteine geprägt:
Im Juni 1955 entschied sich die Gemeindeversammlung von Wohlen für die Ansiedlung der Firma Ferrowohlen AG auf dem Gemeindegebiet. Rund 90 Prozent der Stimmberechtigten waren anwesend.
1956 Erstellung der Schrotthalle. 1957 bis 1963 diverse Erweiterungen des Walzwerks.
1987 Erstellung des neuen Walzwerkes, das nie in Betrieb genommen wurde.
1990 Schliessungsentscheid der Ferrowohlen AG, es wurde jedoch trotzdem weitergearbeitet.
1994 Effektive Schliessung der Ferrowohlen AG. Das Werk schloss mit einer Jahresleistung von rund 150 000 Tonnen. Andere Schweizer Werke produzierten zu diesem Zeitpunkt doppelt so viel.




