Keine Berührungsängste
20.12.2019 WohlenClaudia und Norbert Hoffmann haben eine Reise auf der Seidenstrasse unternommen
Mit ihrem Camper sind die beiden Wohler durch 20 Länder gereist und haben viele fremde Länder besucht.
Chregi Hansen
Sie haben sich einen Traum erfüllt. Eine ...
Claudia und Norbert Hoffmann haben eine Reise auf der Seidenstrasse unternommen
Mit ihrem Camper sind die beiden Wohler durch 20 Länder gereist und haben viele fremde Länder besucht.
Chregi Hansen
Sie haben sich einen Traum erfüllt. Eine 24-wöchige Erlebnistour über Moskau und den Ural, durch sibirische Weiten bis zum Baikalsee, durch die Mongolei nach Peking und Xian, quer durch die Wüste Taklamakan und entlang der Hochgebirgspässe der Nordseite des Himalaja bis Kashgar. Auf der legendären Seidenstrasse durch Samarkand, Buchara, Chiwa durch die Karakumwüste bis Aschgabat, durch den Iran bis zum Persischen Golf und den wilden Kaukasus. Und zuletzt nach Venedig.
Gereist sind sie nicht im bequemen Bus oder im Zug. Und übernachtet haben sie nicht in komfortablen Hotels. Diese abenteuerliche Reise haben Claudia und Norbert Hoffmann mit ihrem Camper unternommen. Fast 40 000 Kilometer durch mehrheitlich unbekanntes Gebiet und fremde Kulturen. Doch das Leben im Wohnmobil hat auch Vorteile, ermöglicht es doch den engen Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. ««Wir im Westen haben bestimmte Vorstellungen über diese Länder im Osten. Nach dieser Reise muss ich vieles revidieren», sagt Claudia Hoffmann nach ihrer Rückkehr. Die beiden wissen sehr viel zu erzählen. Haben sehr viel fotografiert. Und lassen so andere an der Reise teilhaben.
Unterwegs auf den Spuren alter Händler
Norbert und Claudia Hoffmann haben mit ihrem Wohnmobil die Seidenstrasse abgefahren
39 045 Kilometer, 203 Tage, 20 Länder, drei Reifenpannen, mehr als 40 000 Fotos und gerade mal 12 Quadratmeter Wohnfläche. Die nackten Zahlen beweisen, dass dies keine gewöhnliche Reise war. «Vieles ist völlig anders, als wir im Westen uns das vorstellen», so das Fazit der beiden Wohler.
Chregi Hansen
Die Seidenstrasse – sie war einst der Lebensnerv des weltweiten Handels. Auf ihr wurden – der Name verrät es – vorzugsweise Seide, aber auch Gewürze und andere seltene Waren in den Westen transportiert, umgekehrt fanden Gold, Silber und vor allem Glas den Weg in den Osten. Doch nicht nur Handelswaren wurden auf diesem anforderungsreichen Weg durch Wüsten und über Berge ausgetauscht, sondern auch Wissen, Erfindungen und religiöse Ansichten.
Und die Seidenstrasse ist heute noch ein Abenteuer. Eines, dem sich Claudia und Norbert Hoffmann gestellt haben. Der Traum, diese Route abzufahren, keimte schon länger in ihnen. «Die Seidenstrasse führt zu einem grossen Teil durch Gegenden, die wir nur aus Büchern und Filmen kennen. Dabei liegt doch hier die Wiege unserer Kultur», erklärt Norbert Hoffmann. Zusammen mit Ehefrau Claudia machte er sich am 9. Mai auf den Weg, diese Gegenden zu entdecken.
Organisiert und doch mit vielen Freiheiten
Das deutsche Unternehmen SeaBridge organisiert jedes Jahr eine Tour entlang der Seidenstrasse. 34 Teilnehmer fuhren mit ihrem Camper, begleitet von einer Reiseleitung, zuerst von Riga nach China, zum eigentlichen Startpunkt der Seidenroute. Und von dort dann zurück Richtung Westen. «Diese Reise ganz alleine zu absolvieren, ist fast unmöglich», weiss Claudia Hoffmann. «Die Organisation der Visa, die verschiedenen Bewilligungen, die nötig sind, das Suchen nach den richtigen Stellplätzen – all das erfordert viel Wissen. Und durch China darf man mit dem eigenen Fahrzeug normalerweise gar nicht fahren, respektive es wird sehr teuer, da in China auf der ganzen Reise ein lokaler Guide mitgenommen und bezahlt werden muss.»
Der Vorteil dieser Art der Reise: Jeden Abend war ein Nachtlager organisiert, tagsüber konnten hingegen alle ihr eigenes Tempo anschlagen. «Wir haben uns meistens viel Zeit gelassen und möglichst viele Orte und Sehenswürdigkeiten besichtigt», berichten die beiden. Ein weiterer Vorteil: Bei jedem Grenzübertritt habe man ein Reisepaket erhalten mit einem Geldbetrag in der landestypischen Währung, SIM-Karten, allen nötigen Bewilligungen und weiteren wichtigen Infos. «Diese Reise war top organisiert. Wir waren erst skeptisch, ob eine solche Tour nach unserem Geschmack ist. Aber wir hatten dann doch viele Freiheiten», sagt Norbert Hoffmann.
Mehr als sechs Monate waren die beiden unterwegs. Kürzlich kehrten sie zurück. Mit vielen Eindrücken und Erinnerungen. «Wir im Westen haben bestimmte Vorstellungen über diese Länder im Osten. Nach dieser Reise muss ich vieles revidieren», sagt etwa Claudia Hoffmann. Das gilt insbesondere für den Iran. «Die Menschen sind trotz der politischen Situation sehr gastfreundlich und offen. Wegen der jahrelangen Sanktionen sind sie sehr erfindungsreich und in vielen Bereichen selbstständig. Und Fremden gegenüber tolerant», berichtet sie weiter. Und die Iraner hätten eine grosse Bitte an die beiden Schweizer gehabt. «Erzählt zu Hause, wie es wirklich bei uns ist.» Ein Wunsch, dem sie gerne nachkommen.
Der Google-Translator hilft
Beeindruckt sind sie aber auch von China. «Es ist enorm, wie sich das Land in den vergangenen Jahren modernisiert hat», sagt Norbert Hoffmann. Natürlich sei es weiterhin nicht möglich, frei zu reisen, waren die Strassen und die Übernachtungsmöglichkeiten klar festgelegt. Im ganzen Land sei aber ein grosser Optimismus spürbar. Wie in allen Ländern auf ihren Reisen kamen sie auch in China in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. «Unterhalten haben wir uns mit Händen und Füssen, mit ein wenig Englisch. Oder dann eben mit dem Google-Translator, das funktioniert erstaunlich gut», berichten sie.
Eine Herausforderung waren nicht nur die vielen fremden Sprachen, die fremden Sitten und Kulturen. Die erste anspruchsvolle Aufgabe wartete schon zu Hause auf sie. Denn was packt man alles ein, wenn man sich auf eine sechsmonatige Reise begibt? Wichtig war in erster Linie Ersatzmaterial für den Camper, falls etwas kaputtgeht. Dazu genug Wäsche, passend für jede Klimazone, von der Thermo-Unterwäsche bis zum T-Shirt. Weiter die nötigen Medikamente und ein Grundstock an Lebensmitteln. «Wobei wir gestaunt haben, auch in den fernsten Regionen erhält man fast überall die bekannten Markenprodukte. Da sieht man das Ergebnis der Globalisierung», berichtet Norbert Hoffmann. Einzig in China gibt es kaum Milch, Mehl und Butter. «Da wir gerne Brot essen, haben wir in der Mongolei genug Mehl gekauft und dann selber gebacken. Denn Reis zum Frühstück, das ist nicht unser Ding», lacht Claudia Hoffmann.
Kopftuch tragen? Kein Problem
Was auch nicht fehlen durfte: das Kopftuch. «Wer solche Länder bereist, der soll sich der Kultur anpassen», findet Claudia Hoffmann. Selbst als im Iran nachts die Polizei an die Campertür klopfte, hat sie schnell das Kopftuch angezogen. Kontrolliert wurden sie in diesen sechs Monaten mehr als genug. Auch die Zollübertritte waren mit längeren Wartezeiten verbunden. Dank den Tourenleitern waren sie stets informiert, worauf sie dabei achten müssen. Zum Beispiel darf kein Tropfen Alkohol in den Iran eingeführt werden. Ab und zu durchquerten sie auch Sperrzonen, in denen sie von Soldaten begleitet wurden. Und wo Fotografieren strengstens verboten war. Apropos Fotos: In Turkmenistan ist es untersagt, den Präsidenten abzulichten. Das bekam Norbert Hoffmann zu spüren, als er nur schon ein Plakat mit dem Staatsoberhaupt drauf knipsen wollte. «Da wurde sofort eingeschritten.» Das Foto hatte er da aber schon gemacht.
Die Tausenden von Kilometer auf zeitweise sehr schlecht ausgebauten Strassen, sie waren anstrengend. «Es war definitiv keine Erholungsreise», gibt Claudia Hoffmann zu. Im Gegenzug entdeckten sie magische Landschaften, unschätzbare Kulturgüter und kamen in Kontakt mit vielen Menschen. «Sie hatten Interesse an uns, wollten wissen, woher wir kommen. Und sie hatten eigentlich auch nie etwas dagegen, fotografiert zu werden, im Gegenteil», erklärt Norbert Hoffmann, der in diesem Duo den Job des Fotografen hatte. Umgekehrt wollten ganz viele unbedingt ein Selfie mit den beiden Schweizern machen. «An vielen dieser Orte kommen nur selten Ausländer vorbei», sagt Claudia Hoffmann, die mit einem täglichen Blog die Freunde und Verwandten zu Hause auf dem neusten Stand hielt.
Wer den beiden zuhört, spürt die Begeisterung für das Erlebte. Für die Weite Russlands, die Steppen in der Mongolei, die unbekannten «stan»- Länder Kirgistan, Usbekistan und Turkmenistan, die Menschen im Iran, das moderne China. Aber sie verschliessen auch nicht die Augen vor der Armut und den teilweise schwierigen politischen Situationen in den einzelnen Ländern. Gerade in Armenien sei eine grosse Traurigkeit im Land spürbar. Um ihre Sicherheit haben sie sich nie gefürchtet, trotz der vielen Nächte in einem Camper, den sie allerdings im Gebiet der Uiguren verlassen mussten. Hier wurden sie in Hotels einquartiert. Auch beim mehrtägigen Aufenthalt in Peking haben sie sich etwas mehr Komfort gegönnt.
Auf eigene Faust bis ans wirkliche Ende weitergefahren
Ansonsten haben sie die Einschränkungen durch das Leben im Camper nicht als Belastung empfunden. «Natürlich sitzt man eng aufeinander. Aber wir hatten immer etwas zu tun, jeder hatte seine Aufgabe», sagt Claudia Hoffmann. «Und wir konnten letztes Jahr bei einer Reise durch Marokko schon mal üben», fügt ihr Mann lachend an.
Die organisierte Reise endete im georgischen Batumi. Von hier aus erfolgte der Transport der Waren in früheren Zeiten meist per Schiff. «Für uns war darum klar, dass wir noch bis Venedig weiterfahren», sagt Norbert Hoffmann. Einen Monat nahm man sich Zeit, um via Türkei, Griechenland, Albanien, Montenegro, Kroatien und Slowenien das eigentliche Ende der Seidenstrasse zu erreichen. Kurz zuvor stand die Lagunenstadt unter Wasser. Umgekehrt hatten sie Albanien verlassen, bevor dort die Erde bebte. Auf ihrer ganzen Reise hatten sie Glück, ausser einem Sandsturm blieben sie vor Naturkatastrophen verschont. «Das ist in diesen Gegenden keine Selbstverständlichkeit», sind sie sich bewusst.
Am 28. November kehrten die beiden wieder zurück. Inzwischen haben sie sich wieder an das Leben in der Schweiz gewöhnt. «Vor allem die Waschmaschine ist ein Luxus, den ich wieder schätze. Vorher konnte ich nur alle zwei Wochen eine Handwäsche machen», lacht Claudia Hoffmann. Die Rückkehr erfolgte pünktlich zum Beginn der Adventszeit, welche sie mit ihrer Familie geniessen. Danach werden sich die beiden angefressenen Fasnächtler in die närrischen Tage stürzen. Doch eines ist klar: Die nächste Reise wird nicht lange auf sich warten lassen. Sie hätten noch viele Gegenden, welche sie reizen, erklären sie. Afrika zum Beispiel, oder auch Südamerika. «Unser Ziel ist es, einmal um die ganze Welt zu fahren», fügt Norbert Hoffmann an. Das grosse Abenteuer geht also bald schon weiter. «Es ist einfach schön, immer wieder Neues zu entdecken», so ihre Motivation.













