Immer alles im Blick
17.12.2019 WohlenAbgesehen von einem ganz kleinen Unterbruch hat Edith Abt-Meyer stets am gleichen Ort gelebt: hoch oben in der Wohler Hochwacht. Um sie herum hat sich viel verändert, sie selber ist immer geblieben. «Warum soll ich weg. Hier ist es doch am schönsten», sagt sie. Und hat einen ...
Abgesehen von einem ganz kleinen Unterbruch hat Edith Abt-Meyer stets am gleichen Ort gelebt: hoch oben in der Wohler Hochwacht. Um sie herum hat sich viel verändert, sie selber ist immer geblieben. «Warum soll ich weg. Hier ist es doch am schönsten», sagt sie. Und hat einen grossen Wunsch: An diesem Ort zu bleiben bis zu ihrem Tod.
Fast ganz Wohlen im Blick
Edith Abt lebt seit 90 Jahren an der Hochwachtstrasse – und weiss viel zu erzählen
Umzug? Was für viele Menschen heute eine Selbstverständlichkeit ist, war für Edith Abt-Meyer immer ein Graus. Darum blieb sie da, wo sie schon geboren wurde – in der Hochwacht. «Ich habe es doch schön hier, warum soll ich weg?», sagt sie selber.
Chregi Hansen
Wenn Edith Abt auf der Terrasse ihrer kleinen Wohnung sitzt, dann sieht sie rechts von sich ihr Geburtshaus. Und wenn sie um die Ecke linst, dann erblickt sie den Ort, wo sie später mit ihrem Vater und den Geschwistern und noch später mit ihrer eigenen Familie gelebt hat. Dort wohnt jetzt die Tochter – und über ihr leben die Enkel mit ihren Partnern. «Ich habe es gut hier, alle schauen zu mir», sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht.
90 Jahre alt wurde sie vor wenigen Tagen. «Das ist doch ein schönes Alter. Scheinbar bin ich brav gewesen», lacht sie und streichelt ihre Katze Mia. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, sind immer zusammen unterwegs. Wobei – grosse Sprünge macht die sechsfache Urgrossmutter nicht mehr. «Ich bin eben nicht mehr so zwäg», erklärt sie entschuldigend, während sie es sich auf dem Sofa bequem macht, die Katze direkt neben ihr. Aber das stört sie nicht. Denn am liebsten ist sie sowieso hier, in der Hochwacht. «Hier bin ich geboren, hier habe ich mein ganzes Leben lang gelebt, hier will ich später dann sterben», macht sie deutlich.
Ganze Familie umsorgt sie
Ein Auftrag auch an ihre Familie. Edith Abt will nicht in ein Altersheim oder in die Pflegi, sie will bis zuletzt hier bleiben, wo sie schon immer am liebsten war. «Da fast die ganze Familie in der Nachbarschaft lebt, geht das. Irgendjemand kann immer zu ihr schauen», sagt Tochter Judith Frey. Und «s Edithli», wie sie von vielen genannt wird, geniesst diese Fürsorge und die vielen Besuche. Sie hatte es nicht immer einfach in ihrem Leben, umso mehr schätzt sie es, jetzt nichts mehr tun zu müssen. «Ich hatte schöne Zeiten, aber auch andere», sagt sie selber.
Von Unglücken nicht verschont
Tatsächlich gab es diese anderen Zeiten. Ihre Mutter starb schon kurz nach ihrer Geburt noch im Wochenbett («Das ist doch traurig, oder?»). Ihren Bruder hat sie auch nie kennengelernt, er starb mit acht Jahren an einer Blutvergiftung. Keine einfache Sache für ihren Vater, den Bauunternehmer Hans Meyer, der jetzt alleine fünf Töchter grossziehen musste. Er war ein strenger Mann, «de Chef» hätten ihn alle genannt, erinnert sich die 90-Jährige. Erzogen wurde sie in erster Linie von ihrer älteren Schwester. Die Schule mochte sie nicht. «Einmal habe ich mich fest an eine Stange geklammert, weil ich nicht gehen wollte. So fest, dass mich mein Vater nicht weggebracht hat. Irgendwann musste er selber lachen», erzählt sie. Doch warum wollte sie nicht in die Schule? «Ich war einfach gerne daheim. Trotzdem war ich in jedem Zeugnis definitiv», erklärt sie stolz.
An die Kinder- und Jugendzeit hat sie aber auch schöne Erinnerungen. Damals lebten viele Kinder im Quartier, die sich alle gemeinsam zum Spielen trafen. Untereinander verstanden sie sich bestens, wollten aber mit den «Oberdörflern» nicht zu tun haben. Autos gab es fast keine, die Strasse war der Spielplatz. Und die Hochwachtstrasse der ideale Schlittelweg. «Mit genug Schwung kam man bis zum Café Widmer. Doch wenn man nicht aufpasste, knallte man schon mal in eine Hauswand.» Oft lief sie als Kind zu Fuss nach Dintikon, wo der Vater Obstbäume hatte, später wurden die Früchte zu Hause vermostet. Später fuhr sie mit dem Velo nach Beromünster an die Chilbi. Ihr Vater war zwar ein Bauunternehmer, aber Auto fahren konnte er nicht. «Es sass immer auf dem Nebensitz, mit der Pfeife im Mund», erinnert sich Edith Abt. Später war es ihr Mann, der ins Baugeschäft mit einstieg und die Fahrten übernahm.
«Chrampfen» in der Fabrik
Nach der Schule hätte sie gerne Krankenschwester gelernt, doch das liess die familiäre Situation nicht zu, «s Edithli» musste arbeiten gehen. «In die Fabrik», wie sie es nennt. Bei der Firma Bertschinger hat sie 20 Jahre an der Geflechtmaschine gestanden, und das im Akkordlohn. Mittags eilte sie jeweils nach Hause, um zu kochen und für die Kinder zu schauen. «Es war schon streng», gesteht sie. Manchmal war sie vom Hin und Her so kaputt, dass sie sich in der Firma erst ein paar Minuten ausruhen musste. Verständlich, schliesslich führt der Weg zu ihrem Haus immer steil nach oben. «Aber richtig steil wird es erst nach unserem Haus», fügt sie an.
Krankenschwester ist sie zwar nie geworden, später konnte sie aber als Pflegeaushilfe im Sunnezyt arbeiten. «Das hat mir immer gefallen.» Auch zwei Schwestern und ihre Tante hat sie später gepflegt – eine zügelte dafür extra vom Chappelehof zu Edith an die Hochwachtstrasse. Mit der Pflege aufgehört hat sie erst, als ihr Rücken nicht mehr mitmachte. «Ich bin nicht mehr die Jüngste», lacht sie.
Immer wieder gab es auch Rückschläge. So starben in der eigenen Baugrube in Dintikon zwei Arbeiter, bei einem der Unfälle war Edith Abt live dabei. Ein Bild, das sie nie mehr vergessen hat. Auch daran, wie das Elternhaus abgebrannt ist, erinnert sie sich noch gut. Und mit etwas Wehmut denkt sie an die vielen schönen Häuser, welche in Wohlen abgerissen wurden. «Das tut schon weh.» Überhaupt, in Wohlen werde viel zu viel gebaut. «Dabei ist das Dorf doch schön, so wie es ist.»
Nur kurze Zeit weg
Nur eines blieb gleich in diesen 90 Jahren – ihr Daheim. Sie mag zwar zwischendurch das Haus gewechselt haben, der Hochwacht aber blieb sie treu – mit einer Ausnahme. Für kurze Zeit lebten die Meyers in der Villa «Trautheim» an der Jurastrasse. In der «Fröhli-Villa», wie sie das Haus bezeichnet. Aus dieser Zeit stammt auch ihr Übername, «Villa-Meyeri» haben sie ihr manchmal gesagt, erzählt sie. Dort hätte es ihr auch gefallen – aber schon bald ging es zurück in die Hochwacht. «Hier ist der schönste Ort. Man sieht auf ganz Wohlen herab», sagt sie. Auch das Gemeindehaus hat sie fest im Blick. Auf einen Besuch eines Gemeinderates am 90. hat sie verzichtet. «Die hätten mir besser die Steuern erlassen», lacht sie.
Nein, weg wollte sie nie. «Ich hatte immer Heimweh, wenn ich ein paar Tage fort war», erzählt sie. Ein geplantes Haushaltlehrjahr brach sie bereits am zweiten Tag ab und reiste zurück in die Hochwacht. «Ich hatte nicht mal ausgepackt», meint sie und ein Grinsen geht übers Gesicht. Auch Ferien machte sie nur ganz selten. «Warum soll ich fort, ich habe hier doch alles, was ich brauche», sagt sie. Inzwischen sind fast alle früheren Bewohner des Quartiers gestorben oder weggezogen, Edith Abt aber ist immer geblieben. Und so soll es sein bis zu ihrem Tod. «Wer weiss, wie alt ich noch werde. Man muss es einfach nehmen, wie es kommt», meint sie zum Schluss. Und streichelt wieder sanft ihr Büsi. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Im Wissen, dass sie hier zu Hause ist.



