In Afrika Spuren hinterlassen
24.12.2019 WohlenKünstler Pirmin Breu berichtet von seinem mehrwöchigen Atelieraufenthalt in Ghana
Er hat schon viele Gegenden der Welt bereist und in sehr vielen Ländern gelebt und gearbeitet. Doch die Zeit in Afrika war für ihn eine ganz neue Erfahrung. Mit einigen ...
Künstler Pirmin Breu berichtet von seinem mehrwöchigen Atelieraufenthalt in Ghana
Er hat schon viele Gegenden der Welt bereist und in sehr vielen Ländern gelebt und gearbeitet. Doch die Zeit in Afrika war für ihn eine ganz neue Erfahrung. Mit einigen negativen, aber auch vielen positiven Erlebnissen. «Ich bin noch immer daran, all das zu verarbeiten», sagt Pirmin Breu.
Chregi Hansen
«Heute weiss ich ganz genau, wie sich ein Asylbewerber in der Schweiz fühlen muss», sagt Pirmin Breu. Acht Wochen lang lebte er als fast einziger Weisser in einem eher ärmlichen Quartier der Millionenstadt Kumasi. Wo er auch hinging, fiel er wegen seiner Hautfarbe auf. «Immer beäugt zu werden, das ist nicht angenehm», sagt der Freiämter Künstler.
Breu ist einer, der viel von der Welt kennt. Er hat bereits in den USA, in Mexiko, in Südamerika und Asien gelebt und gearbeitet. «Es war aber schon seit Jugendjahren mein Wunsch, auch einmal nach Afrika zu reisen», berichtet er. Die Einladung an ein Street-Art-Festival in Accra, der Hauptstadt Ghanas, verbunden mit einem mehrwöchigen Atelieraufenthalt in Kumasi, hat es ihm ermöglicht, diesen Wunsch zu erfüllen. «Es ist ein fantastisches Land. Aber völlig anders als alles, was ich bisher kannte. In dieser Zeit kam ich mehr als einmal an meine Grenzen», sagt er heute.
Grosse Offenheit erfahren
Er sei, gab er zu, sehr blauäugig in dieses Abenteuer gestartet. Welche Gefahren etwa durch Krankheiten lauern, erfuhr er erst, als er für das Visum eine Impfung gegen Gelbfieber benötigte. «Da wurde mir bewusst, dass hier offenbar vieles anders ist», sagt er. Einfach so hinfliegen und sich überraschen lassen, das war plötzlich keine gute Idee mehr. Er fand via Internet Kontakt zum ghanaischen Musiker John Kofi Donkor, der heute in Sins lebt. Dieser versorgte ihn mit vielen Informationen und organisierte ihm auch für die ersten Tage eine Wohngelegenheit. Durch ihn lernt Breu erstmals die Offenheit dieses Landes kennen. «Er kannte mich nicht und liess mich in seinem Haus wohnen. Die Menschen in Ghana sind sehr sozial, schauen aufeinander. Anstand und Respekt werden gepflegt. Und ich hatte das Gefühl, dass die Freundlichkeit mir gegenüber nicht gespielt war, sondern man mir mit offenen Herzen begegnet ist.»
In Kumasi lebte Breu mit acht anderen Künstlern aus verschiedenen Nationen unter einem Dach, der Wohler teilte sein Zimmer mit einem einheimischen Künstler. Die Verhältnisse waren sehr einfach. Fliessendes Wasser gab es keines. Supermärkte oder Restaurants fehlten in diesem Teil der Metropole ebenfalls. Auch das Besorgen von Material war mit viel Aufwand verbunden. Für den Einkauf von Holz zum Schnitzen von Figuren benötigte er schon mal einen Tag. «Läden gibt es kaum. Dafür grosse Märkte, auf denen es zuging wie in einem Ameisenhaufen.»
Eigene Kollektion gestalten
Besonders angetan haben es ihm die vielen bunten Stoffe, die überall angeboten wurden. «Sie sind einfach wunderbar», schwärmt Breu. Er hat viele dieser Stoffe gekauft und ganz viele Kleider nach seinen Ideen und mit seinen Motiven nähen lassen. Eine Auswahl davon hat er nun nach Hause genommen. «Da eröffnet sich etwas Neues für mich. Es wäre schön, wenn sich daraus allenfalls eine Kollektion und ein Geschäft entwickeln lässt, von dem auch meine Freunde in Ghana profitieren», sagt er.
Für den Künstler war der Aufenthalt in Kumasi spannend. Zu Beginn war es schwierig, Wände zu finden, die er besprayen durfte. Je mehr er mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt kam, desto mehr Aufträge bekam er. «Es entstanden viele Kooperationen mit anderen Künstlern, das war sehr bereichernd.» Er durfte etwa während der Nationalfeier der Schweizer Botschaft in Ghana ein grosses Wandbild live sprayen, in einer Schule Graffiti-Unterricht geben, diverse Wände und Eingangstore gestalten. Am Schluss seiner Zeit wollte fast jeder Nachbar noch einen Breu auf seiner Hauswand.
Sprayen bis zum Umfallen
Höhepunkt war dann die Eröffnung des Chale Wote Street Art Festival in Accra. Dort sollte der Freiämter Graffiti-Künstler den Eingangsbereich gestalten. Eine Woche vorher reiste er in die Hauptstadt. «Ich dachte, die Zeit reicht locker. Aber ich hatte mich getäuscht. Allein das Auftreiben der nötigen Materialien brauchte Tage», erzählt er. Dazu war die Strasse zum Ausstellungsort nicht rechtzeitig abgesperrt, sodass Breu das Projekt schon scheitern sah. «Da kam der Schweizer in mir durch. Die Ghanaer reagierten auf so etwas gelassener.»
Pünktlich zum Festivalstart (gemessen an Ghana-Zeit, Verspätungen sind hier normal) standen die langen Plastikwände bereit. Helfer positionierten die Besucher hinter diesem Plastik, und Pirmin Breu sprayte ihre Silhouetten. «Die hatten riesige Freude an dem Projekt. Es entstand ein spannender Mix von 4-jährigen Kids über Velofahrer mit Fahrrad bis zu erwachsenen Personen, die gerne posierten. Ich machte insgesamt drei Runden um die ganze Installation und sprayte weit über 200 Personen während rund drei Stunden in grosser Hitze», erzählt der Künstler. Danach war er so erschöpft, dass er das Festival selber erst am nächsten Tag besuchte. Mit 68 nationalen und internationalen Künstlern und 20 000 Besuchern handelt es sich um eines der grössten Kunstfestivals Afrikas.
Längst ist Breu wieder zurück in der Schweiz. Die Zeit in Ghana sei anstrengend gewesen, vor allem die Hitze und der dauernde Lärm machten ihm zu schaffen. Und er erfuhr auch viel über die Geschichte dieses Staates, über die frühere Sklaverei oder Berge von Elektroschrott, die in Accra das Gebiet vergiften. «Einmal wollte eine Frau mir ihr Kind mitgeben, weil wir es doch in der Schweiz so viel besser haben.»
Erfahrungen weitergeben
Umgekehrt hatte der Wohler viele wunderbare Begegnungen. «Wir reden immer von Afrika. Aber es gibt nicht das Afrika, jedes Land und jede Region ist wieder anders», so seine Erfahrung. In Ghana seien die Menschen meist entspannt und zufrieden, obwohl sie nur wenig besitzen. Zudem würden hier Christen und Muslime friedlich nebeneinander leben. «In jedem Quartier hat es mehrere Kirchen und Moscheen.»
Nach dieser spannenden Zeit ist es Breu ein Anliegen, afrikanischen Künstlern einen Aufenthalt in der Schweiz zu ermöglichen – was aber gar nicht so einfach ist. Zudem möchte er seine Erfahrungen in Vorträgen und in einer Ausstellung weitergeben. Er hat auch bereits eine Einladung ans nächste Festival in Accra erhalten. Und seine vielen Graffiti werden in Ghana noch lang zu sehen sein. Auch wenn nicht alles einfach toll war, mit mehr Abstand dominieren die schönen Momente. «Diese Menschen haben mir ihr Herz geöffnet, dafür bin ich ihnen dankbar», sagt der Künstler heute.





