«Das ist wie Heimat»
20.12.2019 WohlenUrs Steiner, der neue Geschäftsführer KESD Bezirk Bremgarten, wünscht sich Stabilität
Seit eineinhalb Monaten ist er der neue Geschäftsführer. Auf dem Weg dorthin gab es einige Hürden. Nun will Urs Steiner, der in Wohlen aufgewachsen ist, ...
Urs Steiner, der neue Geschäftsführer KESD Bezirk Bremgarten, wünscht sich Stabilität
Seit eineinhalb Monaten ist er der neue Geschäftsführer. Auf dem Weg dorthin gab es einige Hürden. Nun will Urs Steiner, der in Wohlen aufgewachsen ist, vor allem in Ruhe arbeiten können und den Dienst voranbringen. Und der Schutz der Schwachen steht immer im Mittelpunkt.
Daniel Marti
«Meine Schwäche ist die Ungeduld», sagt Urs Steiner, «die ist aber gleichzeitig auch meine Stärke.» Er sitzt völlig entspannt im Hauptsitz des Kindes- und Erwachsenenschutzdienst des Bezirks Bremgarten (KESD). Er philosophiert über seine Art zu führen. Und dass er gerne mit Menschen zusammenarbeitet. Er spricht auch offen über die vergangenen dreizehn Monate, die den KESD des Bezirks Bremgarten oft in die Schlagzeilen brachte (siehe Artikel unten). Dabei wurde auch über seine Person sowie über seine Stellung und Einstellung diskutiert. Oft und emotional.
Wohlen, Sarmenstorf, Zürich, Menziken
Nur, wer ist überhaupt dieser Urs Steiner, der früher Teamleiter war und nun Geschäftsführer ist? Sicher eine interessante Persönlichkeit. Er ist eine Fachkraft mit einem ungewöhnlichen Werdegang. Mit einer vielfältigen Biografie. Und er ist ein Rückkehrer nach Wohlen. In Wohlen ist er aufgewachsen, in Sarmenstorf hat er die Lehre als Schreiner absolviert. Dann führte ihn der Berufsweg nach Zürich. Und am 1. November im Jahr 2016 trat er als Teamleiter und Beistand dem damals relativ neuen Kindes- und Erwachsenenschutzdienst des Bezirks Bremgarten bei. «Wohlen hat mich angesprochen, das ist wie Heimat», erklärt er.
Seinen beruflichen Rucksack füllte er sich mit der Weiterbildung zur Heimleitung, mit Stationen im Wohnheim im Park (die heutige Integra), mit der Anstellung in einem Altersheim in Zürich. Und lange Jahre war er bei der Arbeitsintegration der Stadt Zürich angestellt, dort hat er auch das Grundstudium gestartet, welches mit dem Abschluss MAS Recht für die Soziale Arbeit auf Hochschulstufe endete. Die polyvalente Beistandschaft entsprach seinen Fähigkeiten. Nach 16 Jahren bei der Stadt Zürich, letztlich als Stellvertreter der Stellenleiterin, erfolgte der Wechsel ins Freiamt.
Das Team funktioniert
Bei jeder seiner Tätigkeiten ist es ihm wichtig, Lösungen zu suchen. «Das finde ich spannend. Egal, auf welcher Ebene.» Er wolle nicht immer «nur» führen, er möchte nahe bei den Menschen sein, mit ihnen etwas bewegen. Als Beistand könne man nicht nur auf den Tisch klopfen, «da muss ich auch Wissen vermitteln und einfordern».
Und vom Teamleiter zum Geschäftsführer ist der Sprung nicht dermassen gross. Einzig die Verantwortung über die Finanzen ist dazugekommen. «Das Team funktioniert», darf er feststellen. Am 1. November war sein offizieller Start als neuer Geschäftsführer. Irgendwie sei der Beginn von gemischten Gefühlen begleitet gewesen. «Und mit einer Hypothek.» Er meint damit den von der Gemeinde Villmergen angekündigten Ausstieg auf Ende 2021.
Sonst sei er mit Ruhe und Stabilität in die neue Ära gestartet, und mit viel Arbeit. Das schafft Ablenkung, denn im vergangenen September ist sein Partner verstorben. Nach 21 Jahren Beziehung, das sei sehr einschneidend. Trotzdem zu Hause in Menziken, wo er seit 25 Jahren wohnt, geniesst Urs Steiner sein grosses Haus, den Garten, den Freundeskreis. Und immer wieder viel Kulturelles und extrem viel Musik begleiten das Leben des 53-Jährigen.
Vorweihnachtsstress hat seine negativen Auswirkungen
Der Kindes- und Erwachsenenschutzdienst ist eine komplexe Angelegenheit. Er garantiert dort Schutz, wo dieser nötig ist. «Wir müssen so viel Unterstützung geben, wie eine Person braucht, damit sie selbstbestimmt leben kann», umschreibt Steiner die wichtigste Aufgabe. Dieser Schutz kann sehr unterschiedlich sein, vom einzelnen Gespräch bis hin zu gravierenden Entscheidungen.
In Zukunft will er den Kinderschutz und den Erwachsenenschutz trennen. Beide Bereiche sind heute fast gleich gross, und künftig werden im Erwachsenenschutz neun Beistände und im Kinderschutz sieben Beistände tätig sein.
«Gerade jetzt herrscht ein erhöhter Druck», sagt Steiner und meint damit den Vorweihnachtsstress der Gesellschaft. «Alle Übergänge führen bei uns zu einer höheren Belastung.» Gemeint sind Trennung und Scheidung von Eltern, Schulende, Ausbildung, ein Verlust, Vorferienstress oder eben Weihnachten. Das alles kann Druck und Ungewissheit auslösen bei den Menschen. Vor Weihnachten kamen pro Woche sechs Fälle neu hinzu.
Ist denn die Belastung des Dienstes ein Abbild der Gesellschaft? Für die Erkennung eines Trends fehlt dem Steiner-Team die Zeit. Aber beispielsweise den fehlenden Wohnraum in attraktiven Zentren, die Wohnungssuche, der Egoismus der Gesellschaft oder die Entsolidarisierung in den Familien bekommt der Kinder- und Erwachsenenschutzdienst zu spüren. Dann werde ein Teil der Verantwortung an den Profidienst delegiert.
Eine erfreuliche Tendenz kann Steiner trotz allem nennen: Die Fallzahlen bei den Kindern sind am Zurückgehen. Urs Steiner kennt die Gründe: Das Schulystem mit Schulsozialarbeit sei breiter geworden und «die professionelle Hilfe ist näher an die Menschen gerückt». Bei jungen Menschen, so Steiner, brauche es halt oft eine «Art Schuhlöffel». Da kommt dann der KESD zum Zug. Die Fallzahlen bei den Erwachsenen ziehen dagegen wieder leicht an.
Ideale Grösse – aktuell 924 Fälle
Der Kindes- und Erwachsenenschutzdienst des Bezirks Bremgarten ist ein grosses Gebilde mit 17 Gemeinden. Im kantonalen und nationalen Vergleich steht der Dienst des Bezirks Bremgarten recht gut da. «In kurzer Zeit konnten wir einiges bewegen.» Dies vor allem dank dem Bezirksgericht Bremgarten, das in der Regel rasch Entscheidungen fällt.
Bei der Bildung des Kindes- und Erwachsenenschutzdienstes wurde die Grösse des Einzugsgebiets definiert. Eine Bevölkerungszahl von rund 75 000 bis 100 000 wurde als ideal bezeichnet. An der unteren Grenze liegt tatsächlich der KESD Bezirk Bremgarten. Zurzeit werden 924 aktive Fälle betreut von Mitarbeitern in 23 Vollzeitstellen. «Von einer gewissen Grösse an ist man flexibel.»
Auch die unterschiedlichen Grössen der einzelnen Verbandsgemeinden stellen für den Dienst kein Problem dar. «Die Solidarität unter den Gemeinden funktioniert», betont Steiner. Bei kleineren Gemeinden sitzt schnell einmal ein Gemeinderatsmitglied zusammen mit einem Beistand am Tisch. Bei grösseren Gemeinden greife die Professionalisierung. Beides hat Vor- und Nachteile.
Mehr Transparenz – weniger Angst
Noch ist der Kindes- und Erwachsenenschutzdienst Bezirk Bremgarten recht jung. Und die Ablösung vom alten System der Vormundschaft sei «ein langer Prozess mit Auseinandersetzungen», glaubt der neue Geschäftsführer. Und ja, er hätte es gerne gesehen, dass sich alle Gemeinden des Bezirks Bremgarten beim KESD angeschlossen hätten. «Aber wir werden sicherlich zu einer Einheit», prophezeit er. Dafür braucht es jedoch Zeit.
Zuerst möchte Urs Steiner neue Strukturen aufbauen, vor allem die Trennung von Kinder- und Erwachsenenschutz vorantreiben. «Sodass wir in fünf, sechs Jahren eine grosse Stabilität haben.» Dann werden sich wichtige Wissensträger im Mitarbeiterstab in die Pension verabschieden. Alles brauche seine Zeit, sagt er noch und nennt konkrete Ziele, die er angehen möchte. Er will den Betrieb transparenter machen, also die Transparenz nach aussen erhöhen. «Und die Menschen sollen die Angst vor dem KESD verlieren.» Angst bringe nur Widerstände hervor. «Wir sind für die Leute da und wir wollen unsere Unterstützung zur Verfügung stellen.» Vor allem den schwächeren Mitmenschen, die Schutz nötig haben.
«Anspruchsvoll fürs ganze Team»
Urs Steiner zu den turbulenten Zeiten
In den vergangenen 13 Monaten ist viel passiert rund um den Kindesund Erwachsenenschutzdienst des Bezirks Bremgarten (KESD). Dabei drehten sich etliche Fragen auch um Urs Steiner, er war interimistischer Geschäftsführer und ist seit dem 1. November nun offizieller Geschäftsführer. Wie hat er die turbulente Zeit erlebt? Diese reichte von der Trennung vom ehemaligen Geschäftsführer Ignaz Heim bis zum Widerstand innerhalb des Gemeindeverbandes gegen eine interne Lösung.
«Das war anspruchsvoll fürs ganze Team», blickt er zurück. Bei so einer Trennung seien eigentlich nicht alle Einzelheiten für die Öffentlichkeit bestimmt. Aber es war legitim, dass etliche Fragen gestellt wurden. Und irgendwie sei es logisch, dass er als Person mit in die Öffentlichkeit rutschte. Als Teamleiter war Urs Steiner schon vor der Trennung vom ehemaligen Geschäftsführer für alle Beistände verantwortlich. So wurde er Bindeglied oder eben Verbindungsmann zum Verbandspräsidenten Arsène Perroud. Alles Politische habe der Vorstand kritisch, präzis und korrekt abgehandelt, erklärt er. Auch der Widerstand von drei Gemeinden gegen eine interne Lösung für die KESD-Geschäftsführung ist für Steiner nachvollziehbar. Dieses Vorgehen sei zudem ein Abbild des gesamten KESD. Die Gemeinden haben mit dem neuen Dienst ihre Autonomie verloren, früher konnten sich die Gemeinden bei der Vormundschaft einbringen. Das sei nun anders, «aber ich respektiere es, wenn sich die Gemeindevertreter einbringen. Da ist Feuer drin, das ist positiv.»
Dass nun die turbulente Zeit definitiv beendet ist, hat natürlich nur Vorteile. «Das vergangene Jahr war streng, intensiv und lang», sagt er. Eine kritische Betrachtung gibt es weiterhin. Aber nun könne er wieder ruhig arbeiten. Und der Dienst sei stabil. Und ja doch, Urs Steiner fühlt sich wohl in seiner Rolle als KESD-Geschäftsführer. --dm