Engel in der Not
05.11.2019 Wohlen«Tischlein deck dich» feierte 5-Jahr-Jubiläum zusammen mit den Sponsoren
Wer ein Jubiläum feiert, wird im Normalfall beschenkt. Das Team von «Tischlein deck dich» kehrte den Spiess um.
Chregi ...
«Tischlein deck dich» feierte 5-Jahr-Jubiläum zusammen mit den Sponsoren
Wer ein Jubiläum feiert, wird im Normalfall beschenkt. Das Team von «Tischlein deck dich» kehrte den Spiess um.
Chregi Hansen
Zum Beispiel Frau Meier (alle Namen geändert), welche mit 57 Jahren die Kündigung erhält – nach 20 Jahren tadelloser Leistung. Weil die «Jugos» billiger sind, wie der Chef es wenig diplomatisch ausdrückt. Und die keine Chance hat, eine neue Stelle zu finden, weil ihre MS-Erkrankung sich immer stärker bemerkbar macht. Dass sie finanziell über die Runden kommt, verdankt sie auch der Abgabestelle von «Tischlein deck dich».
Oder Nora, eine junge Senegalesin, welche nach der Lehre keine Stelle gefunden hat. Sie bezieht nicht nur Lebensmittel in der Bleichi, sie klärt ihre Landsfrauen auch auf, was alles zu einer gesunden Ernährung gehört. Oder Frau Müller, alleinerziehende Mutter, eine typische Working Poor. Trotz nur kleinem Verdienst reicht es zum Leben, ohne Sozialhilfe. Vom Steueramt darauf angesprochen, wie sie das schafft, verweist sie auf «Tischlein deck dich».
Das sind nur drei von vielen Menschen, die sich dank der Abgabestelle in Wohlen für einen symbolischen Franken mit Lebensmitteln eindecken können. Möglich machen dies ein Team von 22 Freiwilligen sowie verschiedene Sponsoren. «Ihr seid nicht einfach eine normale Abgabestelle, ihr seid ein Leuchtturm, eine Inspiration für viele», sagt denn auch Alex Stähli, Geschäftsführer von «Tischlein deck dich» Schweiz.
Und was macht das so gelobte Team zum Jubiläum? Es lädt die Sponsoren aus der Region zu einem kleinen, aber feinen Nachtessen ein. Und stellt sich dazu selber in die Küche, schnippelt Salat, backt Kuchen. «Wir verzichten bewusst auf ein grosses Fest, denn wir wollen die vorhandenen Mittel für unsere Kunden verwenden», sagt Leiterin Brigitta Hubeli dazu. Für Menschen wie Frau Meier, Frau Müller und Nora. Denn diese haben die Unterstützung nötig.
Ganz viel Freude schenken
Die Wohler Abgabestelle von «Tischlein deck dich» konnte den 5. Geburtstag feiern
200 Personen profi tieren jede Woche vom Angebot. Bis jetzt hat das Wohler Team 109 Tonnen Waren im Wert von rund 700 000 Franken verteilt. «Hier wird im Kleinen demonstriert, wie die Menschheit im Grossen funktionieren sollte», sagt Geschäftsführer Alex Stähli.
Chregi Hansen
Gefeiert wurde in den alten, eher nüchternen Räumen der Bleichi. Da also, wo jeden Mittwochmorgen die Abgabestelle von Neuem eingerichtet wird. «Das läuft wie am Schnürchen, weil im Team jeder weiss, was er zu tun hat. Und alle mit anpacken», freut sich Brigitta Hubeli, die Leiterin von «Tischlein deck dich» Wohlen.
An diesem Tag aber erhalten nicht die sozial Benachteiligten ihre Lebensmittel, an diesem Abend wird den Sponsoren gedankt. Jene Freiämter Familien und Betriebe, welche die Standard-Lebensmittel der Organisation selber durch weitere Waren aufwerten. Sei es frisches Gemüse, frisches Brot, Getränke, Stricksachen oder auch einfach «nur» Geld. «Dieses zusätzliche Angebot wird sehr geschätzt», weiss Hubeli.
Ein Lächeln als Lohn
Was sie aber nicht sagt: Damit das Wohler «Tischlein deck dich» diese speziell gefragten Waren abgeben kann, dafür ist ein grosser Einsatz nötig. Dazu müssen Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Dazu braucht es immer wieder neue Anfragen. Vor allem aber ist immer ein grosser Effort nötig, wenn es beispielsweise darum geht, Karotten vom Feld zu ernten und im eigenen Auto nach Wohlen zu transportieren. Arbeit, welche die Freiwilligen gerne leisten. Und die ihnen auch Befriedigung gibt. «Wenn man die Freude in den Augen der Bezüger sieht, später auf der Strasse lächelnd von ihnen gegrüsst wird, so ist das der schönste Lohn», sagt beispielsweise Romy Strebel.
Aber auch das ist typisch für die Wohler Abgabestelle. Statt sich zum Jubiläum selber auf die Schulter zu klopfen, verwöhnen die Mitarbeiter lieber die Sponsoren. Mit einem gemütlichen Abend in der Bleichi sagen sie Danke für alle Spenden. Brigitta Hubeli spricht denn auch von einem Super-Team, auf welches sie zählen kann. «Alle denken mit, darum funktioniert es so hervorragend», sagt sie. Und dass man es gut miteinander hat, zeigt auch die Tatsache, dass viele von Anfang an dabei sind. Und dass gleich fünf Ehepaare sich gemeinsam engagieren.
Gelebte Solidarität
Dass nicht nur den Sponsoren, sondern auch dem Team gedankt wurde, dafür sorgte Alex Stähli, Geschäftsführer von «Tischlein deck dich» Schweiz. Er erinnert sich noch an seinen ersten Besuch in Wohlen, als ihm Brigitta Hubeli einen möglichen Raum zeigte. Und er ihr schon nach zwei Minuten sagen musste, dass die Lokalität nicht geeignet ist. «Hier in der Bleichi sind die Voraussetzungen hingegen optimal», sagt Stähli.
Und er lobt das Team. Alle leisten ihren Einsatz freiwillig. «Es wird oft die Frage gestellt: Ist der Mensch gut? Oder ist er ein Egoist? Ihr beweist, dass man gemeinsam etwas bewegen kann», so Stähli. Denn ohne die Freiwilligen vor Ort kann seine Organisation nichts bewegen. «Im Prinzip sind wir nur ein grosses Logistikunternehmen. Wir bewahren Lebensmittel vor der Vernichtung und bringen sie da hin, wo sie noch Verwendung finden», erklärt der Geschäftsleiter.
Und die Zahlen sind eindrücklich: So verteilt das Hilfswerk pro Jahr über 4000 Tonnen Lebensmittel, an den 132 Abgabestellen profitieren mehr als 19 000 Personen davon. Das Angebot reicht von Getränken über Gemüse, Früchte, Konserven, Süssigkeiten, Brot bis hin zu Milch- und Tiefkühlprodukten. Und im Fall von Wohlen gehören auch viele weitere, gespendete Lebensmittel dazu. Dafür sorgen viele Sponsoren, die sich mit «Tischlein deck dich» solidarisieren. Und die darum gemeinsam auf das kleine Jubiläum anstiessen.
Fas Fest war ein Moment des Durchatmens. Ab dieser Woche aber gilt die Konzentration wieder jenen, welche die geleistete Hilfe nötig haben. Und die an der Wohler Abgabestelle ein wenig Wärme in ihrem nicht so einfachen Leben erhalten.



