Anfangs mit Mulis statt Helis
12.11.2019 WohlenErnst Kohler, CEO der Rega, ermöglichte am Notter-Apéro einen Blick hinter die Kulissen
Rund die Hälfte der Schweizer ist Gönner der Schweizerischen Rettungsflugwacht, kurz Rega. Vor den Gästen des Notter-Apéros schaute deren Chef auf die ...
Ernst Kohler, CEO der Rega, ermöglichte am Notter-Apéro einen Blick hinter die Kulissen
Rund die Hälfte der Schweizer ist Gönner der Schweizerischen Rettungsflugwacht, kurz Rega. Vor den Gästen des Notter-Apéros schaute deren Chef auf die Geschichte der Stiftung zurück. Und sorgte mit seinen Zahlen für ganz viel Staunen.
Chregi Hansen
Mitinhaber und Verwaltungsrat Kurt Notter sprach bei der Vorstellung des Gastes von der Rega als «einfacher Versicherung». Ernst Kohler, seit 2006 CEO der Rettungsflugwacht, wehrte sich gegen den Begriff. «Wenn wir eine Versicherung wären, dann würden wir ganz anderen Bestimmungen unterliegen. Und müssten vermutlich Mehrwertsteuer zahlen», erklärte er. Bei einem jährlichen Umsatz von über 150 Millionen Franken fällt das durchaus ins Gewicht.
Diesem Irrtum erliegt aber nicht nur der Gastgeber des Abends. Ganz viele Schweizer reden davon, dass sie bei der Rega versichert seien. Sind sie aber nicht. Das Unternehmen ist rechtlich gesehen eine gemeinnützige Stiftung. Ihre «Kunden» sind Gönner. Gönner sorgen mit ihren jährlichen Beiträgen dafür, dass der Betrieb aufrechterhalten werden kann. Aber als Gönner hat man den zusätzlichen Vorteil, dass die Rega die von ihr verursachten Kosten übernimmt, wenn keine Versicherung dafür aufkommt. Was dem Begriff der Versicherung dann doch sehr nahe kommt.
Nicht in den Bergen aktiv
Ein weiterer Irrtum ist der Glaube, dass die Rega hauptsächlich dann zum Einsatz kommt, wenn es um die Bergung von Alpinisten oder den Transport von verunfallten Skifahrern geht. Von den rund 17 000 Einsätzen pro Jahr (alle 32 Minuten einer) betreffen etwas mehr als 800 Bergsteiger und 1600 Wintersportler. Die allergrösste Zahl der Flüge, rund ein Viertel, machen hingegen die Krankentransporte aus. Egal, ob vom Hof eines Bauern ins Spital, ein Frühgeborenes über den Julier oder mit einem eigenen Jet von Neuseeland in die Heimat – die Rega ist da, wenn sie gebraucht wird.
Dieser zweite Irrtum ist wohl auf den Namen und die Geschichte der Rettungsflugwacht zurückzuführen. Tatsächlich liegen die Ursprünge der heutigen Organisation in den Bergen. Ab den 40er-Jahren wurde die Rettung verunfallter Bergsteiger besser organisiert. «Damals natürlich noch nicht mit Helikoptern, sondern mit Maultieren», erklärt Kohler. Die Initialzündung zur Gründung der Rega legten – eigentlich ungewollt – zwei Schweizer Militärpiloten, die 1946 nach einem Absturz eines Passagierflugzeugs auf dem Gauligletscher landeten, um die Verunglückten zu retten. Eine Rettungsaktion, die weltweit für Aufsehen sorgte. «Als Berner Oberländer und Bergführer kenne ich diesen Gletscher. Was die beiden da geleistet haben, ist beeindruckend», sagt der CEO der Rega.
Ersten Helikopter mit Münzgeld finanziert
Die eigentliche Gründung erfolgte 1952, nur vier Jahre später war die Rettungsflugwacht fast schon pleite. «Das erste und das letzte Mal in der Geschichte», wie Kohler betont. Eine mit dem Schweizerischen Konsumverein aufgegleiste Spendenaktion war die Rettung, Kunden konnten nach dem Einkauf das Wechselgeld in ein Kässeli werfen. «Unser erster Helikopter wurde buchstäblich mit Münz bezahlt», lacht Kohler.
Zuvor hatte der Bundesrat eine finanzielle Unterstützung abgelehnt – bis heute erhält die Rega keinerlei Subventionen und finanziert sich zu einem grossen Teil aus Gönnerbeiträgen und Spenden. Und das habe Vorteile, wie Kohler betont. «Wir können vieles selber bestimmen und im Gegensatz zu vielen anderen Playern im Gesundheitswesen geht es uns nicht um das Geld. Bei uns steht der Patient im Vordergrund», betonte er. «Wir retten Menschen, auch wenn sie nicht versichert sind.»
Teure Flotte
Um weltweit und rund um die Uhr bereit zu sein, unterhält die Rega eine grosse und aufwendige Infrastruktur und beschäftigt rund 400 Mitarbeiter, unter anderem 69 Piloten und 42 Mechaniker. Und die von ihr benutzten Helikopter sind meist teure Spezialanfertigungen. Einer ihrer Helikopter kostet 10 Millionen Franken, die von ihr benutzten Jets gar 40 Millionen. «Das geht ganz schön ins Geld, wenn wir unsere Flotte erneuern.» Auch die Zahl der Basen ist hoch, an 12 Standorten stehen die Helikopter bereit.
Im Referat wird deutlich, wie stolz der Chef auf «seine» Rega ist. Und wie einzigartig diese Gesellschaft dasteht. «Unser Konzept mit der Gönnerschaft wollten schon viele andere Länder kopieren, aber alle anderen sind gescheitert», berichtet Kohler. Ihre hohe Zahl von Basen, die moderne Ausrüstung für Nachtflüge und die weltweiten Einsätze heben die Rega von allen anderen Rettungsgesellschaften ab. «Die Solidarität der Schweizer mit der Rega ist ungebrochen hoch», berichtet der CEO. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Gönner und liegt mittlerweile bei 3,5 Millionen Personen.
Im Aargau nach einer Lösung suchen
Zuletzt äusserte sich Ernst Kohler auch noch zur Situation im Aargau. Hier wird inzwischen meist die Alpine Air Ambulance (AAA) aufgeboten, wenn es um eine Flugrettung geht. Das verunsichert viele Rega-Gönner. Kohler sieht die Situation differenziert. «Für den Aargau bringt das neue Angebot einen klaren Mehrwert, und das Unternehmen macht einen guten Job», zollt er der Konkurrenz Respekt. Schade sei aber, dass man die Einsätze nicht durch die Rega koordinieren lasse, so wie dies beispielsweise in Genf der Fall ist.
Tatsächlich ist es momentan so, dass eine Rettung durch die AAA nicht durch die Gönnerschaft bei der Rega gedeckt ist. «Wir sind aber im Gespräch mit dem Aargau und arbeiten an einer Lösung», meinte Kohler zum Schluss. Leider blieben die Briefe an das Gesundheitsdepartement zuletzt stets unbeantwortet. Gut möglich aber, dass sich das nach den Wahlen vom 24. November ändert.
Digitalisierung als Thema
Geschäftsführer Ralph Notter nutzte den Apéro, um die eingeladenen Kunden und Partner über Neuigkeiten aus dem Unternehmen zu informieren. So verstärkt seit Kurzem Mario Simmen die Geschäftsleitung, er hat innerhalb der Notter-Gruppe den Bereich Tief- und Strassenbau unter sich.
Neben dem anspruchsvollen Tagesgeschäft ist die Führung vor allem mit der Digitalisierung in der Baubranche konfrontiert. Und dabei speziell mit dem Thema Building Information Modeling, kurz BIM genannt. Darunter versteht man die vernetzte Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mithilfe von Software. «Wir wollen in diesem Bereich nicht unbedingt zu den Pionieren gehören, aber wir wollen bereit sein, wenn unsere Kunden das verlangen», sagt Notter dazu. Darum habe man eine Digital-Strategie erarbeitet und mache jetzt erste Erfahrungen. «Wir investieren aber nur in Bereiche, in denen wir einen Mehrwert für uns und unsere Kunden sehen.»
Notter glaubt nicht, dass BIM im Hochbau schon bald Standard wird. Anders sieht es im Tiefbau aus, da hat der Kanton schon angekündigt, dass er in Zukunft bei der Vergabe von Aufträgen auf diese Methode setzen will. Schon in Kürze will das Baudepartement drei entsprechende Pilotprojekte ausschreiben. «Wir würden sehr gerne eine Rolle spielen, wenn es dann konkret um die Vergabe der Projekte geht», sagte Notter in Richtung der Kantonsvertreter. --chh