Treffen zweier Unternehmer
01.10.2019 WohlenNeue Sonderausstellung im Strohmuseum
An der stimmungsvollen Vernissage wurden die Besucher am Sonntag in die Vergangenheit katapultiert, genauer gesagt ins Jahr 1939. Hier wurden sie Zeugen, wie der Wohler Strohindustrielle Johann Rudolf Isler den Schuhfabrikanten Iwan Bally ...
Neue Sonderausstellung im Strohmuseum
An der stimmungsvollen Vernissage wurden die Besucher am Sonntag in die Vergangenheit katapultiert, genauer gesagt ins Jahr 1939. Hier wurden sie Zeugen, wie der Wohler Strohindustrielle Johann Rudolf Isler den Schuhfabrikanten Iwan Bally empfängt. Und erfuhren, welche Sorgen die beiden Unternehmer damals plagten. Aber auch die Landi 1939 wurde dem Publikum nochmals in Erinnerung gerufen. --chh
Als Bally nach Wohlen kam
«Au revoir à Chly Paris»: Neue Sonderausstellung im Strohmuseum eröffnet
Wenn das kein gutes Omen ist: Bei strahlendem Sonnenschein und mit vielen Gästen konnte am Sonntag die neue Ausstellung eröffnet werden. Sie führt in eine Zeit, welche für die Wohler Strohindustrie und die Schweiz insgesamt weniger sonnig war.
Chregi Hansen
Es war ein Auftritt mit Stil. Genau in dem Moment, als die letzte Rede zu Ende war, fuhr Iwan Bally, seines Zeichens erfolgreicher Schuhfabrikant aus Schönenwerd, in einem alten Delahaye mit Jahrgang 1938 samt Chauffeur direkt vor der Villa vor, wo er bereits von Johann Rudolf Isler persönlich erwartet wurde. Der Wohler Unternehmer führte seinen Gast anschliessend durch seine Villa und demonstrierte ihm vor Ort, zu was die Strohindustrie fähig ist.
Wer weiss, vielleicht gab es diese Begegnung Ende der 30er-Jahre tatsächlich. Sicher ist, dass sich die Wege der beiden Unternehmer ab und zu gekreuzt haben. Unsicher ist, ob sie sich auch persönlich gekannt haben. Für die neue Sonderausstellung «Au revoir à Chly Paris» gehen die beiden Gastkuratoren Miriam Rorato und Fabian Furter einfach davon aus, dass die beiden befreundet waren. Und lassen sie in der Villa Isler über die aktuelle Lage diskutieren – nach der erfolgreichen Landi 1939 kämpfen beide Unternehmen wegen des Ausbruchs des Weltkrieges mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Wagnis eingegangen
In die Rollen von Isler und Bally schlüpfen die beiden Schauspieler Walter Küng und Peter Ender. Und sie tun dies einfach hervorragend. Und eben: stilgerecht. Live wird man die beiden in Zukunft einmal pro Monat erleben, wenn sie zu einer Führung einladen. Ihrem Gespräch im Kaminzimmer der Villa können aber alle Besucher folgen. Mit einer audiovisuellen Show laden die beiden Ausstellungsmacher zu einer Zeitreise ins Jahr 1939 ein. «Ein Hörspiel in den Mittelpunkt einer Ausstellung zu setzen, das ist ein gewisses Wagnis», weiss Miriam Rorato. Damit der Gang ins Kaminzimmer trotzdem zum ganzheitlichen Erlebnis wird, wurde das Kaminzimmer stilgerecht in die 30er-Jahre zurückversetzt. Während man also dem Dialog der beiden Unternehmer folgt, lassen sich ganz viele Details entdecken. «Treten Sie ein, lassen Sie sich nieder, schauen Sie alles in aller Ruhe an», so der Tipp von Rorato an die Gäste der Vernissage.
Den eigenen Grossvater neu entdeckt
Grosse Freude an der neuen Sonderausstellung hat Jacques Isler, der Präsident der Stiftung Freiämter Strohmuseum und Enkel von Johann Rudolf Isler. «Die neue Ausstellung war für mich die Gelegenheit, mich intensiver mit dem Leben und dem Wirken meines Grossvaters zu beschäftigen», erklärte er an der Vernissage. Er selber ist ihm nie begegnet, starb Johann Rudolf Isler – den Namen Johann hat er laut Jacques Isler nie benutzt – doch bereits im Alter von 58 Jahren.
Unternehmer mit vielen besonderen Fähigkeiten
Isler beschrieb seinen Grossvater als innovativen Geschäftsmann, der in den 20er-Jahren ein Büro in Paris eröffnete und so grossen Anteil am Erfolg des Unternehmens hatte. «Er konnte Trends voraussehen, hat immer wieder neue Muster kreiert, neue Materialien verwendet und hat viele Kontakte geknüpft. In Paris nannte man ihn Roi de la paille, also den Strohkönig», berichtete sein Enkel. In Wohlen allerdings hatte er keinen einfachen Stand, war er doch mit einer amerikanischen Sängerin verheiratet, die geschieden war und bereits zwei Kinder hatte. «Das kam im konservativen Freiamt natürlich nicht so gut an», weiss Isler.
Im Gegensatz zu Schuhfabrikant Iwan Bally, der auch Ständerat war, hat sich Johann Rudolf Isler nicht politisch betätigt. «Er litt unter den Spannungen, die es damals zwischen den Arbeitern und den sogenannten Strohbaronen gab», berichtete Isler. Dafür hat er sich im Hintergrund immer für die Bildung der Jugend eingesetzt. Ein Streit mit seinem Bruder August, der danach das Unternehmen verliess, sowie die grosse Verantwortung, die er nun als alleiniger Inhaber trug, machten ihm zusätzlich zu schaffen. Dies war wohl mit ein Grund für seinen frühen Tod.
«Mein Grossvater hatte ganz viele Fähigkeiten. Er besass ein Gespür für das Unternehmen, er war innovativ und weltgewandt, aber auch sehr sensibel. Ich freue mich, dass er nun im Zentrum dieser Ausstellung steht», schloss der Präsident des Stiftungsrates seine Ansprache.
Mehr Infos und die Daten der Spezialfüh- rungen findet man auf der Homepage des Strohmuseums: www.strohmuseum.ch.







