Nur temporär eine Galerie
15.10.2019 WohlenGemeinde Wohlen hat bezüglich der Bleichi noch keine Zukunftsvorstellungen
Seit der Werkhof ausgezogen ist, steht ein grosser Teil der Bleichi leer. Letzte Woche präsentierte die Kunstkommission die Idee, hier ein Kulturzentrum einzurichten. Vorerst wird aber wohl alles ...
Gemeinde Wohlen hat bezüglich der Bleichi noch keine Zukunftsvorstellungen
Seit der Werkhof ausgezogen ist, steht ein grosser Teil der Bleichi leer. Letzte Woche präsentierte die Kunstkommission die Idee, hier ein Kulturzentrum einzurichten. Vorerst wird aber wohl alles so bleiben, wie es ist.
Chregi Hansen
Am Freitag lädt die Kunstkommission zu einer weiteren Vernissage. Erstmals kann sie dafür die ehemaligen Räume des Bauamts in der Bleichi nutzen. Gerne würde die Kommission diesen Gebäudeteil auch in Zukunft für kulturelle Zwecke nutzen. Der letztes Jahr gegründete Verein für Kultur Wohlen ist ebenfalls auf der Suche nach alten Liegenschaften für eine Zwischennutzung. Und hält die Bleichi für ideal.
Doch was sagt die Gemeinde dazu? Der Gemeinderat hat noch keine konkreten Vorstellungen, was die Zukunft der Bleichi betrifft. «Bevor die Entscheide zu Neubau und Sanierung des Schulraums auf dem Haldeareal gefallen sind, werden keine weiteren Überlegungen diesbezüglich angestellt», heisst es auf Anfrage. Das Areal dient als Notszenario, falls das Projekt auf dem Haldeareal nicht realisiert werden kann oder wenn es zusätzliche Raumressourcen benötigt. Die ehemaligen Räume des Werkhofs und die Aussenflächen sind teilweise vermietet. Der Schopf wird im Rahmen des Neubaus Turnhalle Hofmatten abgebrochen.
Darüber hinaus hält der Gemeinderat eine Zwischennutzung durchaus für möglich, sofern damit nicht die Interessen der Gemeinde beeinträchtigt werden. Eigene Pläne bestehen derzeit keine – erst für das Jahr 2029 sind im Finanzplan Gelder für die Bleichi vorgesehen, 3,5 Millionen sind für Investitionen eingestellt. Gleichzeitig erinnert die Gemeinde daran, dass die Bleichi unter Ensembleschutz steht. Heisst: Der Charakter der Fabrikbauten der ehemaligen
Bleicherei ist zu bewahren.
Damit wird deutlich: Vorerst wird wohl nix mit einem Kulturzentrum im alten Bauamt. Erst braucht es Klarheit bezüglich des Schulraums. Ausstellungen wie die aktuelle von Nicolas Witschi sind zwar möglich, aber eben nur befristet. Nach der Ausstellung werden die vielen Räume also wieder geleert. Und verfallen erneut in einen Winterschlaf.
Bis ins Innerste vordringen
Der in Wohlen lebende Walliser Künstler Nicolas Witschi lädt zur Ausstellung in die Bleichi
Im ehemaligen Werkhof in der Bleichi zeigt der Künstler eine breite Auswahl seines Schaffens. Nicolas Witschi geht in seinen Arbeiten den Dingen auf den Grund, und das wortwörtlich.
Chregi Hansen
Wenn Nicolas Witschi in den Bergen unterwegs ist, hat er kaum Augen für das Panorama. Sein Interesse gilt den Steinen – sie sind das Ausgangsmaterial seiner Arbeiten. Denn für ihn ist klar: Steine sind nicht einfach seelenlose Mineralien, sie haben in sich Zeit und Geschichten gespeichert.
Und diesem Innenleben geht der gebürtige Walliser auf den Grund. Indem er die Steine mit Hammer und Mörser in ihre Einzelteile zerlegt – eine durchaus schweisstreibende Arbeit. Es ist dieser Prozess, dieser Übergang vom festen Material zum losen Pulver, der ihn interessiert. Das Enthüllen der Geheimnisse dieser Mineralien.
Vielseitig nutzbare Steine
Den so gewonnenen Staub trägt er – vermischt mit Kunstharz – in Dutzenden von Schichten auf, um neue Formen zu erschaffen. Nach der körperlichen Arbeit zuvor ist dies nun der geistige Prozess. «Dazwischen muss ich die Schichten immer wieder trocknen lassen, die Arbeit braucht also viel Zeit», erklärt er.
Bei der Betrachtung seiner Werke wird sofort klar: Stein ist nicht gleich Stein. «An meinen Objekten lässt sich der Ursprung der Gesteine ablesen», sagt Witschi, der als Zeichenlehrer an der Bezirksschule Wohlen arbeitet und seit Kurzem auch hier wohnt. Ein Stein ist bei ihm eben nicht einfach ein Stein. «So unbedeutend ein Stein sein mag, so ist er doch imstande, die Tür zu einer eigenen Welt aufzustossen», so der Künstler.
Zudem setzt er sich in seinen Arbeiten kaum Grenzen. Mal hängen dünne Platten von den Wänden, mal lässt er Bilder von hinten beleuchten, dann wieder verwendet er die gewonnenen Pigmente wie ein Maler und zeichnet Berglandschaften nach. Oder er klebt Steine auf Platten und schafft so flache Skulpturen.
Auf die erste Ausstellung in seiner neuen Heimat freut er sich. «Ich habe hier so viel Raum zur Verfügung, um eine so breite Palette meines Schaffens zu zeigen. Das ist fast schon eine Art Retrospektive», lacht der 30-Jährige, der aus Brig stammt und lange in Luzern gelebt und studiert hat. Sieben Räume stehen ihm in der Bleichi zur Verfügung, alle sieben hat er ganz individuell eingerichtet. Er lässt den Betrachter so teilhaben an seinem Arbeitsprozess. In einem Raum präsentiert er auch sein Ausgangsmaterial – kiloweise Steine, aufgelesen und nach Hause getragen von ganz verschiedenen Orten. Ganz nach dem Motto: Jeder Stein erzählt eine eigene Geschichte. «Schon rein die Farbenvielfalt ist erstaunlich», sagt der Künstler.
Jeder Raum erhält einen eigenen Charakter
Beeindruckt zeigt sich auch der Präsident der Kunstkommission. «Nicolas Witschi ist genau die Art von Künstler, die wir uns wünschen. Ein junger Mensch mit einer Verbindung zu Wohlen, der seinen eigenen Weg geht und der nicht nur seine Werke zeigen will, sondern der mit dem Ausstellungsraum arbeitet», sagt Hans Furter.
Er habe noch selten einen Künstler erlebt, der sich so intensiv mit der Umgebung beschäftigt, in welcher er nachher ausstellt. «Er nutzt die Räume nicht einfach, er bespielt sie. Und das in meisterhafter Art», lobt Furter. Tatsächlich bilden die alten Industrieräume einen wunderbaren Boden für Witschis Kunst. In jedem Raum, in jeder Nische und Ecke stösst man auf neue Objekte. Selbst der grosse Turm wurde als Ausstellungsort genutzt.
«Der Künstler hat nicht einfach seine Bilder gebracht, er hat auch die gesamte Einrichtung übernommen, bis hin zur Beleuchtung», schwärmt der Präsident der Kunstkommission.
Zurück von einem Atelieraufenthalt in Speyer
Dass neben Werken aus Steinen aus dem Wallis, aus Carrara oder der Pfalz auch solche aus Wohlen und Umgebung dabei sind, macht die Ausstellung noch attraktiver. Jede Region manifestiert sich durch die unterschiedlichen Farben und die Beschaffenheit des Gesteins. So nutzt er Steine aus dem Wallis, um dem Matterhorn nachzuspüren. Und mit Pigmenten aus Marmor zeichnet er die Steinbrüche in Carrara nach. Für Nicolas Witschi ist es bereits die zweite Ausstellung in kurzer Zeit. Diesen Sommer verbrachte er als Stipendiat des Künstlerhauses Speyer mehrere Wochen arbeitend in der Pfalz. Zum Abschluss zeigte er seine dort entstandenen Arbeiten in einer kleinen Werkschau. Ein Grossteil davon ist auch in Wohlen zu sehen.
Der Künstler freut sich darauf, erstmals in seiner neuen Heimat auszustellen, wo er seit Kurzem auch ein Atelier nutzen kann und ist gerne bereit, mehr über seine Herangehensweise und Ideen zu erzählen. Am besten bei einem Glas Walliser Wein.
Ausstellung Nicolas Witschi im ehemaligen Werkhof in der Bleich. Vernissage: Freitag, 18. Oktober, 20 Uhr. Laudatio: Silvia Henke, Professorin für Kulturtheorie, Hochschule Luzern. Musik: Markus Kühne, Saxofon. Die Ausstellung dauert bis zum 10. November.



