Moldawier aus Polen für Wohlen
11.10.2019 WohlenTransfercoup für Handball Wohlen. Weil die Personaldecke immer dünner wird und weil man sich frischen Wind durch seine Verpflichtung erhofft, wurde Wladyslaw Makowiejew verpflichtet. Der Moldawier, der in Polen lebte, war auf der Suche nach «etwas Neuem» in seinem Leben. In ...
Transfercoup für Handball Wohlen. Weil die Personaldecke immer dünner wird und weil man sich frischen Wind durch seine Verpflichtung erhofft, wurde Wladyslaw Makowiejew verpflichtet. Der Moldawier, der in Polen lebte, war auf der Suche nach «etwas Neuem» in seinem Leben. In Wohlen wurde er fündig. Er spielte zuletzt in der zweithöchsten Liga
Polens und will nun in Wohlen für Spektakel sorgen. --spr
«Wlady», der besondere Transfer
Wladyslaw Makowiejew spielt am Heimspiel am Samstag (17.45 Uhr) erstmals für Wohlen
Er kommt aus Polen, doch ist ein Moldawier: Wladyslaw Makowiejew, genannt «Wlady». Er soll Handball Wohlen unterstützen. Der Verein hat viele Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn zu verpflichten. Er scheint starke handballerische Fähigkeiten zu haben. Doch macht es Sinn, einen Ausländer in der 1. Liga zu engagieren?
Stefan Sprenger
Sascha Rudi ist sauer. Wohlens Kult-Goalie steht im Tor eines Vorbereitungsturniers vor wenigen Wochen. Wohlen spielt gegen Frick. Und die Freiämter kassieren reihenweise Tore vom Fricker Rückraumspieler Wladyslaw Makowiejew. Mit seinen verdeckten Würfen bringt er Goalie Rudi zum Verzweifeln. Da fällt «Wlady» den Wohlern erstmals auf.
Weg aus der Heimat, «um etwas Neues zu erleben»
Er zog im Juni los und verliess seine Heimat Polen. Seit seinem 4. Lebensjahr lebt er in Breslau, «nun wollte ich weg, etwas Neues erleben», sagt der 25-Jährige. Nachdem er seine Ausbildung zum Sportlehrer beendet hatte, war er bereit für ein Abenteuer. Weil er Basel kennt, wollte er in der Nähe Fuss fassen, einen Verein finden, einer Arbeit nachgehen. Wladyslaw Makowiejew landet in Frick beim 1.-Liga-Team. Sie besorgen ihm einen Job auf dem Bau. Er darf bei der Familie eines Spielers wohnen. Er macht die Vorbereitung mit. Auf der Baustelle zu arbeiten, ist aber nichts für ihn, er bricht ab. Frick hat nur wenig Erfahrung mit der Verpflichtung ausländischer Spieler und findet keinen geeigneteren Job für ihn.
Wohnung, Job, Unterricht
Das sieht in Wohlen etwas anders aus. Nach dem besagten Turnier, als «Wlady» im Spiel gegen Wohlen brillierte, kam (via TV Möhlin) der Kontakt zu Wohlen-Trainer Daniel Lehmann und dem früheren Sportchef Martin Kleiner zustande. «Wir hatten alles schon pfannenfertig bereit, da wir vor Kurzem einen anderen Spieler aus dem Ausland verpflichten wollten», sagt Kleiner, der (eigentlich) vor wenigen Monaten von allen Ämtern zurückgetreten ist, aber gerne aushilft, wenn man ihn braucht.
Und nun braucht es ihn. Martin Kleiner setzt viele Hebel in Bewegung, um Makowiejew zu verpflichten. Man lässt die Beziehungen spielen. In Aarau kriegt er eine Wohnung. «Wlady» spricht nur Englisch, deshalb sorgt man dafür, dass er Deutschunterricht kriegt. Und man besorgt ihm einen Job. Mit gütiger Mithilfe eines Sponsors. René Holenweger, Chef des «Marco Polo» in Wohlen und Bremgarten, verpflichtet ihn. Im Hotel Sonne in Bremgarten wird Makowiejew die Zimmer sauber machen. Und sobald sein Deutsch besser ist, gibt es Aufstiegsmöglichkeiten. «Martin Kleiner hat sich um alles gekümmert», sagt der Moldawier – und ist beeindruckt. Die Vereinskasse wird kaum belastet, er wird über seinen Job finanziert. «Es ist kein finanzielles Abenteuer», so Kleiner.
«Ich hatte Chancen auf die höchste Liga in Polen»
Wohnung, Job, Deutschunterricht, Transfer. Alles klappt innert einer Woche. Und das alles, damit er in Wohlen Handball spielt. Makowiejew muss ein starker Handballer sein. Der 1,91 m grosse und 85 kg schwere Spieler, der hauptsächlich auf der Halblinken und auf der Mitte-Position eingesetzt wird, spielte zuletzt in der zweithöchsten Liga Polens. «Ich hatte Chancen auf die höchste Liga, aber der Aufwand wurde mir zu gross und ich weiss nicht, ob mein Körper das mitgemacht hätte.»
Und nun ist er top motiviert. «Ich möchte dem Team helfen. Ich will ein Führungsspieler sein. Wenn ich auf dem Feld bin, dann gebe ich 100 Prozent und bin voll fokussiert», verspricht er auf Englisch. Am Samstag (17.45 Uhr) im Heimspiel gegen Emmen wird er erstmals für Wohlen auflaufen. Man darf gespannt sein, was er zu bieten hat.
Gute Erfahrungen gemacht mit Ausländern
Bleibt die Frage zu klären, warum Handball Wohlen in der 1. Liga einen solchen Aufwand betreibt, um einen ausländischen Spieler zu verpflichten. Kleiner bezeichnet es als «Investment». Denn es ist geplant, wenn alles klappt, dass Makowiejew mehr als eine Saison bleibt. Und er sich auch in der Juniorenarbeit einbringt, sobald sein Deutsch besser ist. «Zudem haben wir mit Ognjen Bachkovic vor fünf Jahren und Robert Konecnik vor zwei Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht mit ausländischen Spielern», so Kleiner. Es gebe dem Team und dem Verein neue Inputs und Aufschwung. Das können die Wohler dringend gebrauchen. Von fünf Spielen konnte man erst eines gewinnen.
Personalsorgen bei Wohlen
Der wichtigste Grund für den Transfer ist der Fakt, dass die Personaldecke bei Handball Wohlen immer dünner wird. Marco von Ballmoos (Handgelenk) und André Moser (Kreuzbandriss) fallen länger aus. Denis Horn (Wadenbein und Fuss), Roman Schibli (Kreuzbandriss) und Flavio Galliker (hinteres Kreuzband) sind erst auf dem Weg der Besserung und benötigen noch Zeit. Seit vergangener Woche kommt ein Verletzter hinzu. Samuel Häusermann hat sich im Spiel gegen Dagmersellen (25:26) die Bänder im Fuss gerissen und den Meniskus lädiert. Er fällt bis zu einem halben Jahr aus. Im Januar ist zudem Stefan Burgherr in der Rekrutenschule. Im diesjährigen Modus muss man besonders im Januar bereit sein, um nicht in Abstiegssorgen zu geraten. Und davor haben die Wohler sicherlich Respekt angesichts des schmalen Kaders.
«Wlady» hat Wohlen schon spielen sehen und schon einige Trainings mitgemacht. «Es ist eine gute Mannschaft mit vielen jungen und einheimischen Spielern, das gefällt mir.» Er beginnt von der Nationalliga B zu sprechen und dass dies mit diesem Team und etwas mehr Spielern möglich wäre. Der Moldawier aus Polen wirkt enorm motiviert und ehrgeizig. Kleiner nimmt den NLB-Traum mit Humor. «In dieser Saison sicher nicht. Ich bin aber beeindruckt von seinem Mut und seinem Streben nach mehr.»
NACHGEFRAGT
«Belastet die Kasse nicht»
Handball Wohlen verpf lichtet einen ausländischen Spieler. Vereinspräsident Martin Laubacher sieht in dem Transfer eine Chance. Mit der bisherigen Saison ist er allerdings nur mässig zufrieden – genauso wie mit dem neuen Modus in der 1. Liga.
Wohlen hat erst ein Spiel gewonnen, ist im Tabellenkeller. Es wirkt, als wäre die Luft draussen.
Martin Laubacher: Das ist so. Nun sind Trainer Daniel Lehmann, Co-Trainer Markus Meier und die Führungsspieler gefragt. Sie müssen den Karren aus dem Dreck ziehen und Verantwortung übernehmen. Sie müssen ihre Göttirolle gegenüber den Jungen wahrnehmen. Auf und neben dem Platz.
Wo steht das Team momentan?
Es steckt inmitten einer Entwicklung. Die jungen Spieler müssen noch mehr von den erfahrenen an das 1.-Liga-Niveau herangeführt werden. Nur sind aktuell die Routiniers teilweise noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das sind auch Gründe, warum wir in dieser Situation stecken. Wir sind allgemein zu unbeständig und es fehlt das nötige Glück.
Der neue Modus gibt zu reden. Nach der Vorrunde gehen zwei Teams in die Aufstiegsrunde, der Rest in die Abstiegsrunde und es beginnt bei null Punkten. Ihre Meinung dazu?
Das ist nicht prickelnd. Die Spannung ist schnell weg. Vorteil ist, dass man ohne Risiko in der Vorrunde allen Spielern Einsatzzeit geben kann.
Nun zum Transfer von Wladyslaw Makowiejew, der aus Polen zu Wohlen wechselt. Wie viel verdient er bei Handball Wohlen?
Ausser den Kosten für den internationalen Transfer und Ausrüstungsmaterial wird er die Kasse des Vereins nicht belasten. Wir haben ihm alles besorgt, was er braucht. Er verdient im Job seinen Lebensunterhalt und erhält eine Spesenentschädigung, welche durch ein externes Sponsoring organisiert wurde.
Was ist er für ein Typ?
Er wirkt auf mich sympathisch, zielstrebig und motiviert. Ich glaube, er passt prima ins Team.
Wieso holte man Makowiejew?
Mit den vielen Verletzten in der Mannschaft fehlt uns im Rückraum die Durchschlagskraft. Er bringt frischen Wind und wird dem Team guttun. --spr



