Lehrerin, trotz Rollstuhl
04.10.2019 WaltenschwilWaltenschwil: Catherine Debrunner
Die Suche nahm viel Zeit in Anspruch. Ein 30-Prozent-Pensum und ein rollstuhlgängiges Schulhaus, das brauchte Catherine Debrunner. Die Thurgauerin lebt in der Nähe von Sursee und wurde in Waltenschwil fündig. «Eine tolle ...
Waltenschwil: Catherine Debrunner
Die Suche nahm viel Zeit in Anspruch. Ein 30-Prozent-Pensum und ein rollstuhlgängiges Schulhaus, das brauchte Catherine Debrunner. Die Thurgauerin lebt in der Nähe von Sursee und wurde in Waltenschwil fündig. «Eine tolle Schule.»
Frage um Frage, die Kinder löcherten sie sprichwörtlich. Eine Lehrerin im Rollstuhl, das passt für die Erstklässlerinnen und Erstklässler gar nicht ins Bild. «Nach wenigen Minuten aber war das schon normal», sagt Catherine Debrunner. Die 24-Jährige ist aufgrund einer Krankheit seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt. Dass ihr Alltag auch dank den Kindern ganz normal ist, hilft ihr. «Für die Schüler bin ich einfach Frau Debrunner, und nicht Frau Debrunner im Rollstuhl.» Das helfe, den Rollstuhl Tag für Tag anzunehmen und mit der Situation umzugehen. «Die Erwachsenen könnten sich davon ruhig eine Scheibe abschneiden.»
Aber Catherine Debrunner ist weit mehr als «nur» Lehrerin. Sie ist auch Spitzensportlerin. --ake
Spagat geht auch auf zwei Rädern
Catherine Debrunner ist Lehrerin und Spitzensportlerin – für sie die perfekte Mischung
Anfang November beginnen die Weltmeisterschaften in Dubai. Als eine der besten Rollstuhlleichtathletinnen hat Catherine Debrunner ihren Startplatz auf sicher. Gleichzeitig sind die Elterngespräche in der Schule geplant. Es ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sie ihren Alltag genau planen muss.
Annemarie Keusch
Ausgeflippte Exkursionen, in den Wald zum Beispiel, das schafft Catherine Debrunner nicht. Aber Schulreisen, das geht. «Es braucht einfach ganz viel Vorbereitung», sagt sie. Das fängt damit an, herauszufinden, welche Züge rollstuhlgängig sind, und hört damit auf, dass die Wanderwege nicht nur für die Erstklässler taugen, sondern auch für sie. Räbeliechtliumzug, Fasnachtsumzug, «alles kein Problem». Catherine Debrunner ist eigentlich eine Lehrerin wie jede andere, nur dass sie von Kindsbeinen an im Rollstuhl sitzt.
Als anders würde sie ihren Alltag deswegen nicht bezeichnen. «Ausser, dass es mehr Organisation braucht, ist alles gleich.» Durchhaltewillen zeigen, das müsse sie, wie andere Leute auch, vor allem, wie andere Spitzensportler. Der Sport ist seit ihrem achten Lebensjahr die grosse Leidenschaft der in der Nähe von Frauenfeld aufgewachsenen Catherine Debrunner. Sie spricht vom guten Gefühl nach dem Training, von Reisen in entfernte Länder, von Freundschaften, die unter Athletinnen und Athleten aller Nationen entstanden sind. «Dadurch bekam ich früh Freude an Fremdsprachen. Ich musste Englisch lernen, um kommunizieren zu können.»
Ein halbes Jahr als Profi
Achtmal wöchentlich trainiert Catherine Debrunner in Nottwil mit der Nationalmannschaft, verteilt auf sechs Tage. 400 Meter, 800 Meter und 1500 Meter sind ihre Paradedisziplinen. Das paralympische Diplom von Rio de Janeiro 2016 ist ihr bisher grösster internationaler Erfolg, auch eine Elite-WM-Silbermedaille gehört ihr. 17 Schweizer-Meister-Titel gehen auf ihr Konto, sie hält Schweizer Rekorde. Ein Highlight kam vor Kurzem dazu. Debrunner mass sich erstmals am Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich mit der Konkurrenz. «Die Atmosphäre war unglaublich. Vor so vielen Leuten zu fahren, das gibt Wertschätzung, das spornt an.»
Lehrerberuf gefiel auf Anhieb
Die Antworten der 24-Jährigen sind überlegt und klar. Interviews geben, ist für die Spitzensportlerin keine Neuheit. Ganz nüchtern sagt sie auch, dass es momentan unmöglich sei, vom Sport zu leben. Vor den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro war sie ein halbes Jahr als Profi unterwegs. «Das ging, weil ich noch bei den Eltern wohnte.»
Für die Ostschweizerin, die seit knapp einem Jahr in der Nähe von Sursee lebt, war immer klar, dass sie neben dem Sport auch eine berufliche Laufbahn einschlagen will. «Es ist eine spannende Kombination. Bei der Arbeit ist der Kopf gefragt, beim Sport der Körper», sagt sie. Wohin sie ihr beruflicher Weg führen soll, wusste sie lange nicht. «Im letzten Moment meldete ich mich für die pädagogische Maturitätsschule an.» Im Rahmen eines Praktikums lernte sie den Lehrerberuf kennen und blieb hängen. «Ich mag Kinder, liebe es, ihnen etwas beizubringen.» Es sei erfrischend, wie Kinderaugen die Welt sehen und mit welcher Begeisterung sie ans Werk gehen.
30 Prozent ist die Sportlerin in der Schule Waltenschwil tätig, jeweils am Montag ganztags und am Mittwochmorgen. «Die fixen Zeiten helfen beim Planen, trotzdem bin ich froh, dass ich gleichzeitig flexibel bin.» Hat sie beispielsweise Wettkämpfe, springt ihre Stellenpartnerin ein.
Klassenzimmer getauscht
Dass es die junge Frau nach Waltenschwil verschlagen würde, das hätte sie nicht gedacht. Lange Zeit suchte sie im Kanton Luzern nach einer passenden Stelle. Fündig wurde sie nicht. «30-Prozent-Stellen sind dünn gesät. Hinzu kommt die Rollstuhlgängigkeit.» Hilfe kam von Patricia Eachus-Keller. Die Waltenschwilerin ist in der Nationalmannschaft Teamkollegin von Debrunner. Die beiden kennen sich seit Jahren. Und Eachus’ Vater ist als Schulleiter tätig, zwar nicht in Waltenschwil, aber dennoch wusste er um das freie Pensum. Sie meldet sich per Mail, war am anderen Tag zum Gespräch eingeladen und hatte einen Tag später die Anstellung auf sicher.
Vor einem Jahr beendete Catherine Debrunner die pädagogische Ausbildung. Die Stelle in Waltenschwil ist ihre erste unbefristete. Sie schätzt speziell die Zusammenarbeit im Team. Damit Materialraum, Lehrerzimmer und Klassenzimmer für sie gut zugänglich sind, wurden extra die Klassenzimmer getauscht. «Das einzige Manko ist der Arbeitsweg von 40 Minuten», sagt sie.
WM in Dubai
Catherine Debrunner trifft sich gerne mit Freunden, nimmt sich Zeit zum Kochen und weilt in der Natur – eine ganz normale junge Frau. So fühlt sie sich auch. «Ein wenig durchgeknallt bin ich zwar, aber das sind alle Spitzensportler.» In den zwei Rollen fühlt sie sich wohl. «Die Tapetenwechsel tun gut und helfen, sich als Lehrerin und als Sportlerin weiterzuentwickeln», ist sie überzeugt.
Ein paar Tage fehlen wird Catherine Debrunner Anfang November. Dann vertritt sie die Schweiz an den Weltmeisterschaften in Dubai. «Zum Glück kann ich die für dann geplanten Elterngespräche unkompliziert verschieben», sagt sie und lächelt. Der Spagat zwischen Schulzimmer und Tartanbahn – für die Ostschweizerin ist dieser selbst im Rollstuhl möglich.



