Der Favorit
04.10.2019 WohlenEine Umfrage vor wenigen Tagen zeigt ein sehr deutliches Bild. Bei der Ersatzwahl in den Aargauer Regierungsrat liegt der Wohler Jean-Pierre Gallati deutlich vor seinen vier Konkurrenten. Der SVP-Vertreter kommt auf 38 Prozent, die zweitplatziere Yvonne Feri gerade mal auf 21. Doch Gallati selber ...
Eine Umfrage vor wenigen Tagen zeigt ein sehr deutliches Bild. Bei der Ersatzwahl in den Aargauer Regierungsrat liegt der Wohler Jean-Pierre Gallati deutlich vor seinen vier Konkurrenten. Der SVP-Vertreter kommt auf 38 Prozent, die zweitplatziere Yvonne Feri gerade mal auf 21. Doch Gallati selber äussert sich vorsichtig. «Ich bin nicht siegessicher», sagt er im grossen Interview. Und: «In einem zweiten Wahlgang kommt es auf die Konstellation an. Und die kennen wir noch nicht.»
«Ich kann etwas bewirken»
Interview mit dem Wohler Jean-Pierre Gallati (SVP): Er ist der Favorit bei der bevorstehenden Regierungsratswahl
Das Freiamt hat sehr intakte Chancen, wieder im Regierungsrat vertreten zu sein. Jean-Pierre Gallati, SVP-Grossrat aus Wohlen, geht mit guten Erfolgsaussichten ins Rennen. Er sei überhaupt nicht siegessicher, gibt sich der 53-Jährige bescheiden. Aber er glaubt, dass er bestens ins frei werdende Gesundheitsdepartement passt.
Daniel Marti
Sie haben ein schönes Plakat kreiert, schön aargauerisch mit Blau und Schwarz.
Jean-Pierre Gallati: Danke. Ich wollte im Hintergrund bewusst die Farben des Aargauer Wappens zeigen. Es geht ja um eine wichtige Funktion im Kanton und um die Repräsentation des Aargaus.
«Gsondheit» steht gross auf dem Plakat. Warum genau?
Erstens möchte ich allen eine gute Gesundheit wünschen. Zweitens geht es bei der Regierungsratswahl um das Gesundheitsdepartement, dieses Departement ist für den Aargau sehr wichtig. Drittens habe ich einige Ideen, die ich in diesem Departement gerne umsetzen möchte.
Welche Ideen denn?
Im Kern geht es darum, die Kostenexplosion der letzten zehn Jahre zu stoppen und das Wachstum der Spitalkosten zu bremsen. Diese Kosten sollen nicht stärker ansteigen, als die Wirtschaft und die Bevölkerung wachsen. Ein wichtiges Ziel ist auch, die Aufsicht über die Ärzte im Kanton zu stärken. Konkret sind meine 17 Ideen ersichtlich auf: www.gallati. ag/ideen-dgs.
Ziemlich klein ist das SVP-Logo auf dem Plakat. Warum, sonst steht doch die SVP über allem?
Für das Logo hatte es wenig Platz. Ich wollte auf dem Plakat eine einzige Botschaft transportieren. Es geht bei dieser Wahl höchstens in zweiter Linie um die Parteien. Was heisst hier, die SVP steht über allem? Alle anderen Kandidaten haben ihr Partei-Logo ja auch klein dargestellt. Es wird die Person gewählt, nicht die Partei.
Sie sind der geborene Oppositionspolitiker. Warum der Wandel hin zum möglichen Regierungsrat?
Auf meinem Geburtsschein steht nichts von einem Oppositionspolitiker. Während meiner politischen Tätigkeit hier in Wohlen, von 2004 bis 2015, wurde ich durch die Umstände gezwungen, Oppositionspolitiker zu sein. Im Aargau und im Grossen Rat habe ich nicht das Gefühl, dass ich als Oppositionspolitiker auftrete. Im Aargau ist eher die SP in der Opposition als die SVP. Aber gewiss, ich bin im Grossen Rat nicht der Kopfnicker, der der Regierung immer zustimmt.
Gleichzeitig kandidieren Sie für den Nationalrat. Das passt eher zum oppositionsliebenden Politiker Gallati.
Es ist doch auf der ganzen Welt so: Wer in der Opposition ist, meint, er wisse es besser als diejenigen in der Regierung. Wer in der Schweiz in die Regierung gewählt wurde, nahm in den meisten Fällen zuvor Einsitz in einem Parlament. Jede Regierungspartei ist daher auch ein Stück in der Opposition.
Nehmen wir an, Sie werden zweimal gewählt. Warum dann Aarau und nicht Bundesbern?
Weil ich im Regierungsrat direkter die Möglichkeit hätte, etwas zu verändern. Vor allem im Gesundheitsdepartement. Der Kanton Aargau gibt jeden dritten Franken im Gesundheitswesen aus. Im Gesundheitsdepartement ist nun dieser Job frei, dort kann ich nicht alles verändern, aber doch etwas bewirken.
Zurück zum Anfang. Als FDP-Mitglied sind Sie erstmals bei einer Aktion gross in die Öffentlichkeit getreten. Sie unterstützten den CVPler Rainer Huber im Wahlkampf für den Regierungsrat. Warum haben Sie dies damals getan?
Weil ich Rainer Huber gut gekannt habe, vom Militär her und als Gemeindeammann von Berikon. Damals wollten wir auch ein Problem lösen: Ein Freiämter sollte im Regierungsrat vertreten sein. Heute hat dieser regionale Aspekt keine so grosse Bedeutung mehr.
Rainer Huber war der letzte Freiämter Regierungsrat, der vorletzte war Peter Wertli. Wie wichtig ist es jetzt, dass das Freiamt wieder einen Regierungsrat stellt?
Heute stammen zwei Regierungsräte aus der Region Baden/ Wettingen. Und eine weitere Kandidatur aus dieser Region kommt jetzt mit Yvonne Feri dazu. Diese Konzentration wäre doch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Die Berücksichtigung der Regionen spielt keine grosse Rolle mehr. Fragen Sie mich nicht warum.
Doch, welches sind die Gründe?
Ich kenne sie nicht. Beim Bundesrat ist es ja das Gleiche. Während über 150 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass zwei Bundesräte aus dem gleichen Kanton stammen. Eine ähnliche Veränderung hat sich auch bezüglich Religionszugehörigkeit der einzelnen Regierungsmitglieder ergeben.
Und wie kam Ihr persönlicher Wandel zustande, vom CVP-Unterstützer zum Rechtsaussen der SVP?
Es kommt eben weniger auf die Partei an als auf die Person: Im Jahr 2000 habe ich Rainer Huber als Person, nicht die CVP unterstützt. Zudem stehe ich nicht rechts aussen. Das Spektrum der SVP ist rechts, aber innerhalb der SVP ist meine Position ziemlich im Durchschnitt. Da stellt sich die Frage eines persönlichen Wandels überhaupt nicht.
Im Regierungsrat sollte die Parteipolitik eigentlich im Hintergrund bleiben. Sie standen bisher stets für eine konsequente SVP-Linie. Können Sie sich so anpassen?
Ich würde auch im Regierungsrat auf Menschen treffen, die anders denken als ich. Und ich wäre dort nicht die einzige Person, die das Gedankengut der eigenen Partei vertritt. Der Regierungsrat ist eine hochpolitische Behörde, denn alle Regierungsratsmitglieder sind hochpolitische Menschen und haben klare politische Vorstellungen und Ziele.
Und mit dem geltenden Kollegialitätsprinzip haben Sie kein Problem?
Nein, damit habe ich keine Probleme. Ich arbeite seit 30 Jahren in Gremien, die auf dem Kollegialitätsprinzip basieren, dies sind Vereinsvorstände, Stiftungsrat, Verwaltungsräte. Da gilt es auch hin und wieder, einen Mehrheitsentscheid nach aussen zu vertreten. Noch nie bin ich im Unfrieden aus einem solchen Gremium ausgeschieden.
Sie gelten als Experte im Gesundheitswesen, als dossiersicher in diesem Departement. Warum eigentlich, Sie sind ja erst seit 2017 in der massgeblichen Kommission? Wie wird man Gesundheits-Experte?
Ein Experte im Gesundheitswesen bin ich nicht. Ich wehre mich gegen diesen Begriff. Experten sind vielleicht Professoren, Berater oder Spitaldirektoren, die seit 20 Jahren in diesem Bereich tätig sind. Ich komme aus einem ganz anderen Beruf. Sicherheit und Festigkeit in den Dossiers – das würde ich unterschreiben.
Wie sind Sie denn zu dieser Bezeichnung gekommen?
Ich beschäftige mich schon länger mit dem Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen ist mein politisches und teilweise berufliches Betätigungsfeld. Seit acht Jahren bin ich in diesem Bereich tätig, aber eigentlich bin ich in dieses Thema reingerutscht. Als Folge davon wurde ich 2017 in die Kommission für Gesundheit und Sozialwesen gewählt.
Dann sind Sie auch prädestiniert, das Gesundheitsdepartement zu übernehmen?
Genau. Aber ich bin nicht der Einzige, der das kann. Ich fühle mich aber gut vorbereitet, dieses Departement zu führen.
Und wer noch aus dem Kreis der Kandidierenden?
Dr. Severin Lüscher von den Grünen ist ähnlich gut vorbereitet. Und auch Jeanine Glarner von der FDP.
Anderes Thema. Zu Ihrem Wohnort. Mögen Sie Wohlen überhaupt?
Ja. Ich wohne seit 18 Jahren freiwillig in Wohlen, ich zahle freiwillig Steuern in Wohlen, ich habe hier freiwillig ein Haus gekauft. Und ich darf sagen, dass ich mit allen Nachbarn gut auskomme. Würde es mir in Wohlen nicht gefallen, wäre ich schon längst weggezogen. Wie kommen Sie nur auf eine solche Frage?
Es wird Ihnen nachgesagt, dass Sie in Aarau oft gegen Wohlens Interessen stimmten, wie beispielsweise beim Finanz- und Lastenausgleich, bei der Einzonung von Gewerbeland ober bei der Umzonung des Landes beim Sportzentrum Niedermatten.
Seit vier Jahren politisiere ich nicht mehr im Dorf. Und früher habe ich in Wohlen nie gegen die Gemeinde politisiert, sondern nur gegen den Gemeinderat, das heisst gegen einzelne Vorlagen des Gemeinderates. Zu den genannten Themen: Den neuen Finanz- und Lastenausgleich habe ich aus prinzipiellen Gründen abgelehnt. Das neue System schafft einfach falsche Anreize. Wir waren auch gegen den Steuerfussabtausch von drei Prozent, das führte in rund 50 Prozent der Gemeinden zu einer faktischen Steuerfusserhöhung. Und bei der Einzonung von zusätzlichem Gewerbeland wäre ich heute noch skeptisch. In Wohlen hat es immer noch genügend Gewerbeland, was sogar die damalige Wohler Bauverwalterin in einem Interview mit dieser Zeitung bestätigte. Übrigens habe ich im Grossen Rat auch überrissene Einzonungen in den Gemeinden Meisterschwanden und Gontenschwil abgelehnt.
Bei einer Wahl müssen Sie Ihren geliebten Anwaltsjob aufgeben. Das wird Ihnen doch nicht leichtfallen?
Ich bin jetzt seit 25 Jahren im Anwaltsberuf, seit 21 Jahren selbstständig. Ich habe dabei das meiste, was möglich ist, erlebt. Darum bin ich optimistisch, dass mir der Wechsel vom Anwalt in die Aargauer Regierung gelingen wird. Aber ich habe natürlich weiterhin Freude an meinem Beruf.
Als Anwalt beherrscht man das Rollenspiel. Wie viele Rollen beherrschen Sie denn, je eine als Anwalt, Oppositionspolitiker, als künftiger Regierungsrat, Schiedsrichter im Fussball?
In meinem Beruf ist das so: Als Anwalt spielt man eine Rolle. Da geht es um die Vertretung von Interessen. In der Politik geht es um Überzeugung. Aber auch in der Politik gibt es unterschiedliche Rollen, ob im Parlament oder in der Exekutive. Aber jeder verkörpert doch verschiedene Rollen. Ich kann auch Velo fahren und Auto fahren, schon seit 34 Jahren bin ich lückenlos mit Führerschein unterwegs. Auch das sind doch Rollen, die man spielt. In meinem Beruf trage ich als Verwaltungsratspräsident auch die Verantwortung für über 300 Mitarbeiter und einen hohen zweistelligen Millionen-Umsatz, davon über 20 Prozent im Euro-Raum.
Werden Sie tatsächlich in den Regierungsrat gewählt, gibt es dort nur (fünf) Männer. Ist das noch zeitgemäss?
Alt-Regierungsrätin Susanne Hochuli hat die Frauenfrage beantwortet. Sie hat zwei Kandidierende ausgemacht, die fähig sind, das Gesundheitsdepartement zu übernehmen. Sie nannte Severin Lüscher und mich. Natürlich wäre es schön, wenn zwei oder drei Frauen im Regierungsrat vertreten wären. Aber in einem Jahr ist die Gesamterneuerungswahl, da können die Wähler Korrekturen anbringen.
Bei sechs Kandidierenden ist ein zweiter Wahlgang doch quasi programmiert. Wer ist Ihr härtester Gegner, Ihre härteste Gegnerin im zweiten Wahlgang?
Gegner? Ich habe keine Gegner, ich habe nur Freunde. Jetzt warten wir erst einmal den ersten Wahlgang ab.
Also, wie ist diese Ausgangslage gegenwärtig?
Ich habe mit niemandem Streit, wir alle sind höchstens Konkurrenten, aber keine Gegner. Das Verhältnis untereinander ist gut. Und zum möglichen Ausgang: ich bin ein schlechter Prophet.
Man hört viele Prognosen. Eine ist dominant: Nur eine starke Frau aus der Mitte kann Jean-Pierre Gallati im zweiten Wahlgang gefährlich werden. Was sagen Sie dazu?
Hat diese Frau schon einen Namen?
Nein. Das ist nur eine theoretische Möglichkeit.
Eben. Aber damit es klar ist: Ich bin nicht siegessicher. Ich weiss nicht, wie es rauskommen wird. Ich spekuliere auch nicht. Es ist immer möglich, dass jemand mehr Stimmen macht.
Aber Sie sind der Top-Favorit.
Warum denn?
Sie sind dossiersicher und haben die Wähleranteile der SVP.
Wähleranteile alleine reichen noch lange nicht, um gewählt zu werden. In einem zweiten Wahlgang kommt es auf die Konstellation an. Und die kennen wir noch nicht.
Wie sieht Ihr Tag am 20. Oktober aus? Als Nationalrats- und Regierungsratskandidat ist das ein doppelter Wahltag. Mit doppelter Feier?
Auch am 20. Oktober geht am Morgen die Sonne auf und am Abend geht sie wieder unter. Und eine Wahlfeier wird es nicht geben, dafür habe ich keine Zeit, zudem bin ich nicht der Typ für Wahlfeiern. Ich werde den Tag hauptsächlich in Aarau verbringen. Um 12 Uhr ist der erste Termin.
Wie lauten denn Ihre persönlichen Ziele für die Wahlen?
Bei den Nationalratswahlen habe ich kein Ziel. Bei den Regierungsratswahlen lautet das Ziel, gewählt zu werden.
Und wie wichtig sind Ihnen die Resultate im Freiamt?
Die sind genau gleich wichtig wie in den anderen Regionen des Kantons. Alle Gemeinden sind gleich wichtig. Es gibt ja kein Bezirksmehr, kein Gemeindemehr. Jede Stimme zählt gleich viel.



