Chef von 4350 Mitarbeitern
25.10.2019 Region UnterfreiamtDas Schweizer Gesundheitswesen ist unter Druck. Die steigenden Kosten und die damit steigenden Prämien für die Krankenkassen sind für viele eine Belastung. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen ein Wirtschaftsfaktor geworden. Allein das Kantonsspital Aarau beschäftigt ...
Das Schweizer Gesundheitswesen ist unter Druck. Die steigenden Kosten und die damit steigenden Prämien für die Krankenkassen sind für viele eine Belastung. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen ein Wirtschaftsfaktor geworden. Allein das Kantonsspital Aarau beschäftigt über 4000 Mitarbeiter und ist damit nach dem Kanton der zweitgrösste Arbeitgeber im Aargau. Am Wirtschaftsapéro in Villmergen sprach CEO Robert Rhiner über das Spannungsfeld, in dem sich das KSA befindet. --red
Fast unmögliche Aufgabe
Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, referierte am Villmerger Wirtschaftsapéro
Bei der Auswahl der Referenten für den Wirtschaftsapéro gibt es eine klare Regel: Es darf kein Politiker sein. Bei den Ausführungen von Robert Rhiner wurde es aber zeitweise doch sehr politisch. Denn beim Thema Gesundheit reden Staat und der Kanton stark mit.
Chregi Hansen
Eigentlich ist es doch ganz einfach. Jeder Mensch wünscht sich eine optimale medizinische Versorgung – und zwar möglichst nahe an seinem Wohnort. Doch die Prämien für die Krankenkasse sollen trotzdem möglichst tief sein. Ähnlich geht es dem Kanton. Weil er einen Anteil an die medizinische Versorgung und auch an die Prämienverbilligung zahlen muss, wünscht er sich tiefe Kosten. Gleichzeitig ist er Besitzer der Kantonsspitäler und hofft auf einen Gewinn. Um damit die anstehenden Investitionen zu bezahlen.
Leiden unter Überkapazitäten
In diesem Spannungsfeld bewegt sich ganz besonders das Kantonsspital Aarau. Und dass dies nicht immer ganz einfach ist, das legte CEO Robert Rhiner in seinem Referat am Villmerger Wirtschaftsapéro dar. Denn im Gegensatz zu privaten Anbietern muss das KSA Aarau die ganze Palette an Leistungen erbringen – und das an sieben Tagen die Woche und 24 Stunden am Tag. «Wer rein wirtschaftlich denkt, würde nie eine Kinderklinik betreiben, wir in Aarau haben eine», so Rhiner.
Für den erfahrenen Mediziner ist klar, dass die Gesundheitspolitik selber etwas krank ist. Denn im Kanton Aargau gibt es Überkapazitäten bei den Spitälern. «Jede Region will ihr eigenes Spital behalten», sagte er. Dabei sei die heutige Medizin so komplex geworden, dass es eine bestimmte Zahl an Operationen braucht, um die Materie zu beherrschen. Dazu kommt auch der Fachkräftemangel. Auch hier werde mit ungleichen Spiessen gekämpft. «Wir bilden mehr Personen aus, als wir müssten, und erhalten dafür einen Bonus. Privatspitäler kümmern sich hingegen kaum um die Ausbildung und zahlen lieber den Malus», erklärt Rhiner.
Träumen von einem Neubau
Das Problem im Aargau habe auch mit der geschichtlichen Entwicklung zu tun. Viele der Spitäler wurden Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet. Sie sind in Liegenschaften, die nicht mehr den heutigen Anforderungen genügen. Darum sind fast alle Krankenhäuser ständig am Sanieren und Ausbauen. Ob das wirklich Sinn macht, dahinter setzt Rhiner ein Fragezeichen. So gab es durchaus schon Überlegungen, alle bestehenden Spitäler aufzuheben und einen zentralen Neubau mitten im Kanton zu bauen. Im Aargau mit seinen vielen Regionen war dies aber nicht machbar.
Besonders davon betroffen ist das Kantonsspital Aarau. «Unser Betrieb ist mittlerweile in 46 Gebäuden einquartiert – einige sind noch aus der Gründungszeit von 1887.» Unter solchen Voraussetzungen ist ein Betrieb viel aufwendiger als beispielsweise im Kantonsspital Baden, das 1978 eröffnet wurde und wo heute darum vieles automatisiert ist. Auch in Aarau träumt man darum von einem grossen Neubau, der mehr oder weniger alle bestehenden Gebäude ersetzt. Geschätzte Baukosten: 600 Millionen Franken. «Es ist nicht so, dass wir uns einen Neubau wünschen, damit wir es bequemer haben. Aber wir brauchen ihn, wenn wir weiter unserem Leistungsauftrag nachkommen wollen», betont der CEO.
Rhiner ist sich bewusst, dass sich die Gesundheitspolitik in einem Spannungsfeld bewege, in welchem ganz viele Interessen aufeinandertreffen. So könne ihm beispielsweise bis heute niemand erklären, warum die Krankenkassenprämien prozentual stärker ansteigen als die Gesundheitskosten. «Da frage ich mich sogar als Liberaler, ob eine Einheitskrankenkasse nicht die bessere Lösung wäre», so Rhiner. Zudem sei gerade der Bereich der Spitalmedizin stark reguliert, echter Markt gebe es kaum. Und auch ein echter Vergleich sei nur schwer möglich. «Der Patient kann die Qualität einer Operation kaum beurteilen. Er kann sich nur ein Bild davon machen, ob das Bett sauber und die Angestellten freundlich waren», sagte er.
Keine Zweiklassenmedizin
Trotz all dieser kritischen Punkte verfüge die Schweiz über eine qualitativ hohe medizinische Versorgung, ist der Leiter des Kantonsspitals überzeugt. Das beweisen auch Umfragen – 87 Prozent der Patienten äussern sich positiv. Und dass sich in der Schweiz eine Zweiklassengesellschaft wie in den USA entwickelt, das glaubt Rhiner nicht. «Das würden auch die Angestellten nicht mitmachen, die wollen jedem Patienten die beste Pflege zukommen lassen», ist er überzeugt. Nicht abreden kann Rhiner aber, dass die Schweiz über zuwenig ausgebildetes Personal verfügt, nicht zuletzt Ärzte. «So lange aber die Standortkantone der Universitäten für die Kosten aufkommen müssen, wird sich daran nichts ändern», so Rhiner. Das sei eben der Preis des Föderalismus.



