Barbaren kämpfen im Bünztal
01.10.2019 VillmergenZweite Austragung des Wikinger- und Mittelalterspektakels in Villmergen
Dort, wo normalerweise Motorräder ihre Runden drehen, kämpften an diesem Wochenende Wikinger gegen Ritter um die Krone Lothars. Dabei sollen sich die Ritter mit einem Trick einen Vorteil ...
Zweite Austragung des Wikinger- und Mittelalterspektakels in Villmergen
Dort, wo normalerweise Motorräder ihre Runden drehen, kämpften an diesem Wochenende Wikinger gegen Ritter um die Krone Lothars. Dabei sollen sich die Ritter mit einem Trick einen Vorteil verschafft haben.
Chantal Gisler
Der Kanonenschuss hallt durch das Bünztal. Die Ritter haben sich auf dem Hügel in einer Reihe aufgestellt. Ihre Rüstungen glänzen in der Herbstsonne. Sie sind bereit. Bereit, alles zu geben. Es geht um Ehre, um Stolz – und um die Krone Lothars. Die Wikinger haben sie stibitzt. Sie gilt es zurückzuholen. Koste es, was es wolle. Sie zünden die Kanone ein zweites Mal. Die Schlacht beginnt.
Mehrere Hundert Schaulustige haben sich am Rand des Feldes versammelt, um die Schlacht um die Krone mitzuverfolgen. Sie sehen, wie rund 50 Männer und Frauen aufeinander zurennen. Hören sie vor Anstrengung schreien. Sehen sie auf den Boden sinken. Währenddessen zischen Pfeile durch die Luft. Schnell und präzise. «Es ist so geil», ruft ein Wikinger seiner Familie zu. Er hat sich beim Rennen den Fuss verstaucht. Die Sanitäter werfen einen Blick darauf, verarzten ihn. Der Mann, in dicken Fellen umhüllt und mit Schweiss auf der Stirn, grinst über beide Ohren. «Ein richtiger Adrenalinkick!»
Ist eine Schlacht fair?
«Das ist so unfair», mault ein zweiter Wikinger. Er geht auf die Sanitäter zu und fuchtelt wild mit den Armen, sein Schwert in der Hand haltend. «Es sind immer die Gleichen. Sie stellen sich tot und wenn man an ihnen vorbei läuft, springen sie einem in den Nacken. Total unfair!» Aber ist eine Schlacht denn jemals fair? «Natürlich nicht», sagt er. Dann grinst er spitzbübisch: «Aber es war geil. Richtig geil!» Auch die Zuschauer sind begeistert. Als sich Ritter und Wikinger in einer Reihe aufstellen, gibts tosenden Applaus.
Doch wer hat die Schlacht vom Samstag gewonnen? Bei den Rittern heisst es einstimmig: Unentschieden. Die Wikinger beharren, dass sie «mit zwei Mann mehr» gewonnen haben. Im Heerlager wird gemunkelt, dass die Ritter die Wikinger mit einem simplen Trick abgelenkt haben.
Zwei Schlachten um eine Krone
Das «WUMS» zog über 3000 Besucher nach Hilfikon
Die Wikinger stehlen König Lothars Krone. Während sie ihren Sieg feiern, ahnen sie nicht, dass sie am Folgetag reingelegt werden. Die Schlacht ist eines von vielen Spektakeln am «WUMS».
Chantal Gisler
Gibt es einen Gewinner? Haben die Wikinger die Krone Lothars erbeutet? Diese Fragen sind nach der Schlacht noch offen – trotz mehreren Hundert Zuschauern. Vonseiten der Ritter heisst es: unentschieden. Das Lager der Wikinger bestreitet dies. Einer, der es wissen muss, ist der hässliche Hans. Er hat die Schlacht hautnah miterlebt. Sein Gesicht ist mit Blut und Dreck verschmiert. Doch der Bettler weiss so einiges, wenn man ihm nur gut zuhört: «Die Wikinger haben die Schlacht gewonnen. Zwei Mann hatten sie am Ende mehr», verkündet er. Der Bettler weiss auch, zu welchem Trick die Wikinger gegriffen haben: «Sie haben Schildmaiden am Rande des Feldes aufgestellt», flötet er. Und wem der Begriff nicht bekannt ist, erklärt der Bettler: «Bei den Wikingern ist es nicht ungewöhnlich, dass die Frauen mitkämpfen. Das hat die Ritter wohl ein wenig verwirrt.»
Doch nur einen kurzen Moment. «Die Wikinger haben die Gefahr erkannt und sind mit Berserkern in die Schlacht gerannt.» Die von Bären besessenen Kämpfer spüren keinen Schmerz. Sie gehen in die Schlacht, um dort zu sterben. Und möglichst viele Feinde in den Tod zu ziehen. «Das hat auch funktioniert.»
Eine dicke Kerbe in der Krone
Und so konnten die Wikinger die Krone Lothars am Samstag behalten. «Zur Feier des Tages haben wir eine dicke Kerbe in die Krone geritzt», verrät Kämpfer Höiu lachend. Mit seiner Frau Jera organisiert er das Spektakel bereits zum zweiten Mal. «Es war ein grosser Erfolg», erzählt Höiu, der bürgerlich Yves Hayoz heisst. Doch im Mittelalter gab es noch keine Nachnamen. Daher haben er und seine Frau Nadine sich eigene Namen verpasst. Und sie sind nicht die einzigen: Während allen drei Tagen konnten Besucher ins Mittelalter eintauchen. Viele Fans kamen mit Gewändern aus dem Mittelalter. Ein Ork erklärt: «Ich arbeite seit drei Jahren an meinem Kostüm.» Alles Handarbeit. Wie viele Stunden er dafür investiert hat, weiss er nicht. «Aber es macht mir Spass. Wenn ich einen neuen Stoff sehe, überlege ich mir, wie ich ihn in mein Kostüm integrieren könnte.» Sogar die Verpflegung war ganz nach mittelalterlichem Gusto: Es wurden nur Speisen angeboten, die es damals auch schon gab. «Wir möchten, dass es möglichst echt wirkt», sagte Höiu vor dem Anlass. Natürlich geht das nicht in allen Bereichen: «Die Bühne funktioniert ohne Elektronik nicht. Ausserdem müssen wir uns an Sicherheitsvorschriften halten, die es damals schlicht nicht gab.»
Roulette mit echten Mäusen
Das Programm ist ebenfalls mittelalterlich gestaltet: Die Besucher können einem Falkner zuschauen und sich erklären lassen, wie Met gesiedet wird. An einem Stand kann man Mäuse-Roulette spielen: Die Spieler setzen auf eine Zahl oder Farbe. Die Spieleleiterin lässt eine Maus auf das Feld. Die Zahlen sind auf einen Ring gezeichnet, der für jede Zahl eine Öffnung hat. Die Maus entscheidet, wer das Spiel gewinnt. Zwischendurch lassen es Mittelalterbands auf der Bühne krachen.
Doch auch am Sonntag ist die Schlacht zwischen den Wikingern und den Rittern das grosse Highlight. Die Ritter versuchen ein zweites Mal, die Krone zurückzuholen. Dieses Mal sollen sie mehr Glück haben: «Sie haben uns von hinten eingekreist und mit ihren Pfeilen in Schach gehalten», erzählt Wikinger Höiu. Zur grossen Überraschung aller Kämpfer ist dann auch noch die Unterstützung auf dem Pferd zur feindlichen Linie übergelaufen. «Wir waren völlig überrascht, wir wussten gar nichts davon. Plötzlich hat sie haltgemacht und die weisse Fahne geschwenkt. Dann hat sie sich von den Rittern bezahlen lassen und ist auf uns losgegangen.» Höiu lacht. «Wir hatten keine Chance, die Ritter haben klar gewonnen. Da kann man nichts machen.» Die Krone Lothars ist wieder in den Händen seiner Majestät. Höiu lacht: «Aber vielleicht nicht mehr lange.»









