Radfahrer, Wanderer und Winzer
06.09.2019 VillmergenAusgewandert: Coiffeurmeister Markus Renner zog es im Jahr 2005 von Villmergen nach Dubrovnik in Kroatien
Er lebt seit 14 Jahren in Kroatien. Dubrovnik wurde zu seiner neuen Heimat – vor allem wegen der Liebe. Markus Renner war zuvor ein bekannter Coiffeur in ...
Ausgewandert: Coiffeurmeister Markus Renner zog es im Jahr 2005 von Villmergen nach Dubrovnik in Kroatien
Er lebt seit 14 Jahren in Kroatien. Dubrovnik wurde zu seiner neuen Heimat – vor allem wegen der Liebe. Markus Renner war zuvor ein bekannter Coiffeur in Villmergen. Als er die Haarschere in Villmergen zusammenpackte und fortan Radtouren in Kroatien organisierte, staunten viele seiner Kollegen. Mittlerweile ist er auch noch Winzer.
Daniel Marti
In Kroatien fühlt er sich wohl. In Kroatien stimmt für ihn praktisch alles. Deshalb hat Markus Renner seinen einschneidenden Entscheid noch nie bereut. Mit seiner Helen ist der ehemalige Coiffeurmeister nach Dubrovnik ausgewandert. Mittlerweile ist er 71 Jahre alt. Eine lange Zeit verdiente er sich sein Geld mit der Organisation von Radtouren. Er führte seine Gäste gekonnt über die Strassen und durch die wunderschönen Landschaften von Kroatien, Bosnien und Montenegro. So lange die Kräfte reichten. Nun tritt er etwas kürzer.
Eines vorneweg: Eine Rückkehr in die Schweiz wird es kaum geben. «In Dubrovnik habe ich mich mit meiner Frau sehr gut eingelebt», betont Markus Renner. Der Freiämter spricht inzwischen auch etwas Kroatisch. Deshalb fühlt er sich in Dubrovnik wie zu Hause.
Erst in die Ferien, dann für immer nach Dubrovnik
Der Reihe nach. Fast 40 Jahre lang war Villmergen sein Lebensmittelpunkt. Von 1967 bis 2005 lebte er in Villmergen. Damals wurde ein kleiner Coiffeursalon im Gebäude der Post an der Bahnhofstrasse frei. «Meine Mutter führte zu dieser Zeit den Kiosk am Bahnhof und hat dies mitbekommen.» Schnell hat Renner dieses Gebäude gemietet. Er baute sich eine grosse Kundschaft auf und musste deswegen bald ein grösseres Lokal suchen. An der Dorfmattenstrasse war danach sein Coiffeursalon. «Dort durfte ich 25 Jahre lang viele Villmergerinnen und Villmerger verschönern», blickt er gerne zurück.
Aber Villmergen blieb eben nicht sein Mittelpunkt für die Ewigkeit. Da war eben noch Helen. Im Jahr 2001 hat er sie kennengelernt. Sie ist Kroatin und hat 35 Jahre in der Schweiz gearbeitet. «Wir gingen jedes Jahr nach Dubrovnik in die Ferien und so lernte ich dieses schöne Land näher kennen.» Die Renners wohnen mittlerweile fünf Gehminuten von der Altstadt von Dubrovnik entfernt – und geniessen eine herrliche Aussicht auf die Stadt und das Meer. 2005 haben sich die beiden entschlossen, nach Dubrovnik zu ziehen. «Diesen Wechsel haben natürlich viele Leute nicht verstanden», erklärt er. Denn viele Kunden mussten sich einen neuen Coiffeur suchen.
Acht Monate fast nur draussen
Dubrovnik liegt in Süddalmatien und ist darum der wärmste Teil von Kroatien. «Wir verbringen ab März bis Ende Oktober unsere Zeit draussen», nennt er einen der grossen Vorzüge. Schnee kennt man dort nicht, die Temperatur sinkt auch im Januar praktisch nie unter zehn Grad. «Und die Kroaten sind sehr hilfsbereite und freundliche Leute.»
Und die Altstadt von Dubrovnik, ehemals Ragusa, ist laut Renner wunderschön. Sie wurde 1991 durch den Krieg sehr stark beschädigt. Dank der Unesco wurde sie in kurzer Zeit renoviert. Dies haben viele Touristen gemerkt. «Inzwischen hat der Tourismus so stark zugenommen, vor allem wegen den Kreuzfahrtschiffen, dass die Stadt Dubrovnik gedenkt, die Besucherströme zu limitieren.»
Mit Radtouren eine Nische entdeckt
Markus Renner und seine Helen geniessen in Kroatien vor allem das Leben und ihr Hobby. 14 Jahre lang haben die beiden Radferien, Bike-Ferien und Wanderungen organisiert. Letztes Jahr war Schluss damit, beide möchten kürzertreten. «Allerdings», räumt er ein, «kann ich das Radfahren nicht lassen, darum gehe ich oft ins Hinterland zum Biken.» Mit den Rennradtouren fand Renner vor 14 Jahren einen echten Nischenplatz. «Das war damals in dieser Gegend neu. Die Leute traten jeweils auf die Strasse und winkten uns zu.»
Natürlich ist Markus Renner ein Radexperte geblieben. «Hier gibt es viele schöne Velo- und Bike-Touren. Die Gegend ist hügelig und abwechslungsreich.» Die schönsten Touren seien im Konavle-Tal. Da habe es fast keinen Verkehr «und man ist voll und ganz in der Natur». Ins Konavle-Tal zieht es ihn noch aus einem anderen Grund. Dort pflegt er ein paar Reben, «die viel Arbeit geben, bis der Wein in der Flasche ist». Der Radexperte ist also zum Winzer geworden. Was für eine Wandlung.
Villmerger Zeit vergisst er nie
Renner geniesst mit seiner Helen in Kroatien ein ausgefülltes Leben im Ruhestand. Daher ist es logisch, dass es ihn nur noch selten nach Villmergen zieht. Villmergen habe sich verändert, fügt er an. «Leider bin ich nicht mehr oft in Villmergen. Höchstens zweimal im Jahr.» Einmal kommt er zum Familien-Treff. Darüber hinaus besucht er seine zwei Kinder, die in Zürich und Baden leben.
Heimweh kennt er nicht. Aber eines weiss er ganz genau. «Die Schweiz ist wunderschön. Und die Zeit in Villmergen werde ich nie vergessen. Ich durfte viele nette Leute kennenlernen, die ich bis jetzt nicht vergessen habe.» Er denkt oft an die Zeit in Villmergen zurück. «Aber nun lebe ich hier in Dubrovnik und es gefällt mir sehr gut. Vor allem liebe ich das Meer und das schöne Wetter. Und hier hat es nie Nebel.»
Trotz aller Liebe zu Kroatien. Es gibt Schweizer Eigenheiten, die er ab und zu vermisst. «Die vier Jahreszeiten und die schönen gepflegten Alpen», sagt er sofort, «und nicht zu vergessen ist natürlich die feine Schoggi.» Und ja doch, auch der 1. August wird im Hause Renner gefeiert. Jedes Jahr im eigenen Schweizer Club. «Da kommen viele Schweizerinnen und Schweizer zusammen, es werden Bratwurst und Cervelats gegessen. Man könnte meinen, wir seien in der Schweiz.»
Kroatien verbessert sich laufend
Vergleiche zwischen der Schweiz und Kroatien will er gar nicht ziehen. «Denn etwas Besseres als die Schweiz gibt es nicht», betont Markus Renner. Der Krieg habe Kroatien halt stark zurückgeworfen (siehe separaten Artikel). «Seit Kroatien in der EU ist, ist vieles besser geworden. Leider gibt es noch viele Arbeitslose, hauptsächlich bei den Jungen.» Die Lebenskosten sind dagegen «nicht so hoch wie in der Schweiz. Demzufolge sind auch die Löhne sehr niedrig. Aber uns geht es hier gut. Die Lebensqualität hat sich in den letzten Jahren in Kroatien sehr stark verbessert.»
Die Narben des Krieges
Der Krieg in Dubrovnik fand im Jahr 1991 statt. Da wurde die Altstadt bis zu zwei Dritteln zerstört. «Bis vor fünf Jahren war beispielsweise die Seilbahn auf den Hausberg SRD nicht in Betrieb. Die Bergstation war total zerstört», erklärt Markus Renner. «Jetzt fährt wieder eine schöne grosse Seilbahn hinauf. Und wer hat sie gebaut?» fragt er nicht ohne Stolz, «Garaventa aus der Schweiz.»
In der Stadt sehe man jetzt nichts mehr vom Krieg. «Dank den Geldern von der Unesco ist alles wieder aufgebaut.» Und vertragen sich in Kroatien und Dubrovnik die verschiedenen Nationen wieder? Markus Renner: «Der Krieg hat natürlich bei der Bevölkerung grosse Narben hinterlassen. Das merkt man hie und da noch. Aber im Grossen und Ganzen geht es gut.» --dm



