Zuerst Schock – dann Wunder
09.08.2019 Bremgarten«Zeitzeugen»: Jules und Heinz Koch erinnern sich an den Bremgarter Kirchenbrand und den Wiederauf bau
Der 28. März 1984 hat sich regelrecht tief in die Annalen der Stadt Bremgarten eingebrannt: Ein Grossfeuer zerstörte die Stadtkirche. Jules Koch war ...
«Zeitzeugen»: Jules und Heinz Koch erinnern sich an den Bremgarter Kirchenbrand und den Wiederauf bau
Der 28. März 1984 hat sich regelrecht tief in die Annalen der Stadt Bremgarten eingebrannt: Ein Grossfeuer zerstörte die Stadtkirche. Jules Koch war damals als Feuerwehrmann im Einsatz, sein Bruder Heinz als Zuschauer vor Ort.
André Widmer
Am Tag vor dem Brand war Jules Koch noch in der Stadtkirche. Er gehörte der Finanzkommission der katholischen Kirchgemeinde an, wollte den Zwischenstand der umfangreichen Renovationsarbeiten, die damals in und an der Stadtkirche liefen, inspizieren. Jules Koch sah sie gut abgedeckt: die 30-Liter-Behälter mit Arbezol. Am Tag darauf sollte schliesslich das Arbezol – ein Behandlungsmittel gegen Holzwürmer – eine tragische Rolle spielen. Denn die behandelten Holzbalken in der Stadtkirche waren am 28. März 1984 mit dem Mittel regelrecht durchtränkt, die Luft in der Kirche geschwängert davon. Als ein Arbeiter mit einer Trennscheibe einen Nagel durchtrennte, passierte es: Der Funkenschlag entfachte das Feuer. Dieses breitete sich in Windeseile übers Dach aus. Der Arbeiter war nicht in der Lage, die ersten Flammen zu löschen. Das Unglück nahm seinen Lauf. «Das war wohl menschliches Versagen», mutmasst Jules’ Bruder Heinz Koch, der als Zuschauer bei der Kirche war.
Problem mit Wasserdruck
Nach dem ersten Alarm trafen um 13.50 Uhr die ersten Feuerwehrleute im Kirchenbezirk ein. Jules Koch, Mitglied der Stadtfeuerwehr, ereilte die Nachricht vom Kirchenbrand bei der Arbeit in der Region. «Ich sagte, du machst doch einen Witz», reagierte er gegenüber der Person, die ihn benachrichtigt hatte. Schnell eilte er nach Hause und holte seine Uniform. Als er auf dem Brandplatz eintraf, waren bereits gegen 15 Feuerwehrleute der Stadtfeuerwehr vor Ort. Er sah, wie die Kollegen von der Leiter her erfolglos versuchten, des Feuers Herr zu werden. Denn der Brandherd war im Kirchturm in beträchtlicher Höhe. Die Löschwassermenge war aber kaum ausreichend, denn die Höhe in etwa 30 Metern war ein Problem. «Es war kaum Druck vorhanden», erinnert sich Jules Koch. Er legte eine rund 80 Meter lange Leitung zur Reuss, um mit der Motorspritze zusätzlich Wasser zu liefern. Von dieser Hauptleitung aus wurden drei weitere Verteilleitungen abgezweigt. Die Bemühungen waren dennoch erfolglos. Erschwerend kam hinzu, dass der Kirchturm auch noch aufgrund der Renovation eingerüstet war.
Wohler kamen zu Hilfe
Hilfe gab es bald von der Wohler Feuerwehr, die mit einer weiteren Motorspritze und einem Tanklöschfahrzeug anrückte. Erst rund zwei Stunden nach Brandausbruch kam dann die Lenzburger Stützpunktfeuerwehr mit einer Drehleiter dazu. Rund 100 Feuerwehrleute standen im Einsatz. Um 16 Uhr schlug nochmals die Kirchenglocke, obwohl die reguläre Stromversorgung zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr funktionierte – es war noch eine Reservebatterie vorhanden. «Vier Uhr, das blieb mir», erinnert sich Jules Koch. Etwas später gab es einen lauten Knall – die Glocken donnerten zu Boden. Viele schmolzen; von den einst acht Glocken blieb nur eine grosse beschädigte übrig, die heute wie ein Mahnmal mit Gedenkplatte vor der Kirche steht. Die damals älteste Glocke weit und breit aus dem Jahr 1397 wurde indes vollständig zerstört. Der erst nach 16 Uhr aus Schindellegi eingetroffene Helikopter mit Löschvorrichtung kam viel zu spät. Jules Koch erinnert sich an den Brand fast so gut, wie wenn es gestern passiert wäre. «Es zog die Luft durch den Turm wie in einem Kamin. Ich habe gemeint, es ziehe mich fast selber rauf.»
«Eine Tragik, ein Drama»
Die Bremgarter Stadtkirche war verloren. Zeitzeuge Heinz Koch erinnert sich, dass die Flammen rund 30 Meter hoch waren. Die Asche breitete sich auf der Marktgasse aus. Immerhin griff das Feuer nicht auf die umliegenden Gebäude über. Die Nachbarhäuser wurden jedoch vorsorglich evakuiert. Für die ersten Aufräumarbeiten wurde ein Kran verwendet.
Glück im Unglück
Die Kirchgemeinde hatte aber auch Glück im Unglück. Denn aufgrund der Renovationsarbeiten waren viele wertvolle Gegenstände aus dem Gebäude entfernt worden. Auch eine wunderbar verzierte Holzkanzel wurde abmontiert, sie konnte wiederverwendet werden. Eine mehr als bemerkenswerte Begebenheit zudem, dass bei den Renovation und den Wiederaufbauarbeiten frühere Wandmalereien zum Vorschein kamen. Diese sind mehrere Jahrhunderte alt. Einige davon stammen sogar aus der vorreformatorischen Zeit. Heinz Koch: «Ich war schockiert. Schon ein Hausbrand ist etwas Schlimmes. Und dann hier eine Kirche, die den ganzen Bezirk prägt. Das ist eine Tragik, ein Drama.». Die Kirche sei ein Ort, der Beziehungen schaffe, verbinde, wo man alles erlebe: Erstkommunion, Hochzeit. «Die Kirche ist ein fast täglicher Begleiter. Und dann ist sie plötzlich zerstört», sagt Heinz Koch.
Enorme Herausforderung
Als der erste Schock, die erste Ohnmacht nach einigen Tagen verflogen war, war für die Bremgarter bald einmal klar, dass nur ein Wiederaufbau infrage kommt. Denn der Kirchenbezirk mit seinem Gebäudeensemble in der Unterstadt ist einzigartig im Kanton. Allerdings war der Wiederaufbau eine enorme Herausforderung. In die Renovationsarbeiten vor dem Brand waren bereits rund drei Millionen Franken investiert worden. Der Wiederaufbau selber kostete weitere 12 Mio. Franken, davon 1,5 Mio. Franken für die Restaurierung der wiederentdeckten Wandmalereien. Eine riesige Summe. Doch in der Stadt und der Umgebung spielte die Solidarität. Private Spender, Banken, Denkmalpflege, Beiträge aus dem Swisslos-Fonds trugen ebenso bei wie auch die Finanzierung von Glocken beispielsweise durch die Firma Utz oder die reformierten Kirchgemeinde. Ein Geste, die Heinz Koch, der heute quasi als historischer Kopf der Stadtkirche gilt, sehr berührte. Er und sein Bruder waren sogar dabei, als in Aarau eine der neuen Kirchenglocken gegossen wurde. Die noch ungedeckten fast vier Mio. Franken hatte die Kirchgemeinde selber zu decken. Sie erhob zusätzliche sieben Steuerprozente dafür. Während einigen Jahren zahlten die Bremgarter Katholiken total 25 Prozent Kirchensteuern. Die Gottesdienste wurden vorübergehend in der Kapuzinerkirche durchgeführt.
Am 6. Dezember 1987, dreieinhalb Jahre nach dem Grossbrand, weihte der damalige Weihbischof Joseph Gandolfi die wieder aufgebaute Bremgarter Stadtkirche feierlich ein. Der 6. Dezember darum, weil die Kirche St. Nikolaus gewidmet ist. Für Heinz Koch ist eines heute noch klar: «Es ist ein Wunder, dass alles wieder so hergestellt werden konnte.»



