Wo das Leben lebenswert ist
03.08.2019 WohlenSommerserie «Freiämter im Ausland»: Jörg Meier hat in Wien sein Glück gefunden
Als junger Mann wollte er nach Thailand auswandern. Nun lebt der Wohler seit etwas mehr als drei Jahren in der Heimat seiner Frau. «In Wien wird es einem nie ...
Sommerserie «Freiämter im Ausland»: Jörg Meier hat in Wien sein Glück gefunden
Als junger Mann wollte er nach Thailand auswandern. Nun lebt der Wohler seit etwas mehr als drei Jahren in der Heimat seiner Frau. «In Wien wird es einem nie langweilig», sagt der 54-Jährige, der sich in der Ferne erst noch einen Traum erfüllen konnte.
Chregi Hansen
Nein, den 1. August, den Geburtstag der Schweiz, den feierte Jörg Meier vorgestern in seiner neuen Heimat nicht. Trotzdem bleibt es ein besonderes Datum für ihn. «Genau am 1. August habe ich meine neue Arbeitsstelle bei der EVN angetreten», erinnert er sich. Die EVN ist der grösste Energieversorger Niederösterreichs.
Nach Wien zog es ihn der Liebe wegen, seine neue Frau stammt aus dem Nachbarland. «Dass ich später zu ihr ziehen würde, war schon früher klar. Aber ich wollte warten, bis meine Kinder erwachsen und selbstständig genug waren», erzählt der zweifache Vater. Im März 2016 war es so weit, hat der Wohler seine Siebensachen am Rebebänkli gepackt und ist in die österreichische Hauptstadt gezogen. «Es war alles ganz einfach», sagt der Betriebsökonom und IT-Experte heute über seinen grossen Schritt. Den Grossteil seines Besitzes hat er verkauft oder verschenkt, das Haus verkauft. Vieles wurde auch entsorgt. «Ich habe nur wenige Sachen mit nach Wien genommen.»
Stadt der Zukunft
Den Schritt hat er nie bereut. Im Gegenteil. Jörg Meier ist überglücklich. Zusammen mit Annemarie – die beiden haben 2017 in Wien geheiratet – lebt er in einer wunderschönen 4-Zimmer-Maisonette-Wohnung der Seestadt Aspern mit Panorama-Blick. Bei der Seestadt handelt es sich um eines der grössten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Über einen Zeitraum von rund 20 Jahren soll ein neuer Stadtteil entstehen, in dem über 20 000 Menschen wohnen und ebenso viele arbeiten sollen. Ein künstlicher See bildet das Zentrum des neuen Stadtteils. «Den habe ich an vielen Tagen ganz alleine für mich, weil den Wienern das Wasser zu kalt ist», lacht Meier.
Die Seestadt Aspern wird immer wieder kritisiert, als Schlafstadt oder urbanes Getto bezeichnet. Tatsächlich ist vieles noch im Bau – derzeit läuft die zweite von insgesamt drei Entwicklungsetappen auf Hochtouren. «Aber man soll nicht alles glauben, was man so liest», sagt Meier, der fast täglich neue Bilder und Videos seiner neuen Umgebung veröffentlicht. «Das Leben hier in der Seestadt ist wunderbar. Hier entstehen ganz tolle Projekte. Und die Wohnungen sind noch bezahlbar. Ganz ehrlich: Eine solche Wohnung könnte ich mir in der Schweiz nicht leisten», so Meier, der als Service-Manager den operativen Betrieb für über 40 Applikationen innerhalb der energiewirtschaftlichen Planung organisiert. Und die Seestadt gilt in ganz vielen Bereichen als Vorzeigeprojekt. Perfekt angebunden, zukunftsweisend geplant, vielfältig und offen – eine ideale Kombination aus Urbanität und Entschleunigung.
Und überhaupt: Wien sei der beste Ort zum Leben. «Es ist wohl die lebenswerteste Stadt, wird dir hier nie langweilig: Die Stadt bietet viel Kultur, Musik, Wasser, viel Wald in und um die Stadt, und ein super ÖV-Netz zu bezahlbaren Preisen – ein Auto braucht man eigentlich nicht», schwärmt Meier. Und beim Ausbau der Seestadt Aspern haben die Bewohner viel Mitsprachemöglichkeiten. «Die Wiener Art gefällt mir. Hier steht nicht nur das Arbeiten im Vordergrund, man will auch das Leben geniessen», sagt Meier. Umgekehrt hätten die Österreicher ein sehr positives Bild der Schweiz. «Meine Nationalität ist sozusagen ein Vorteil», hat er gemerkt.
Als Radiomacher aktiv
Dass er Österreich so mag, liegt nicht nur an seiner Frau, auch seine Mutter stammt aus diesem Land. «Vermutlich bin ich im Innersten eher Österreicher als Schweizer.» Und hier in Wien konnte sich der bekennende Musikfan und frühere Fussballer («Ich habe mit Andy Hug in einem Team gespielt») einen Bubentraum erfüllen. Als «Jörg, der unabhängige Schweizer Seestadtreporter» hat er seinen eigenen Websender (https:// laut.fm/djgiorgio), produziert Sendungen mit Musik und Reportagen aus der Umgebung, arbeitete auch eine Zeit lang hobbymässig für einen Radiosender und hat schon mehrfach bei Anlässen als DJ aufgelegt. «Da bin ich in meinem Element», schwärmt er.
Rückkehr ausgeschlossen
Für ihn ist darum klar: In Wien hat er seine neue Heimat gefunden, eine Rückkehr schliesst er aus. Wobei, am Anfang sei er schon ab und zu überfordert gewesen, vor allem mental. «Wohlen hat rund 16 000 Einwohner, Wien knapp zwei Millionen. Die Unterschiede sind riesig», berichtet er. Inzwischen ist er aber angekommen in der Metropole. Und fühlt sich rundum wohl. «Ganz ehrlich, ich vermisse nichts aus der Schweiz», beteuert er. Auch wenn er schade findet, dass er das Schweizer Fernsehen nicht empfangen kann. Dank den sozialen Medien hält er aber Kontakt zu seiner alten Heimat, und ab und zu kann er auch Besucher empfangen, denen er die Seestadt zeigen kann.
Und was kann er anderen raten, die mit dem Gedanken spielen auszuwandern? Man soll sich gut vorbereiten und sich wirklich über alles informieren. Von der Kultur über die Sitten bis hin zu den finanziellen Themen wie zum Beispiel die Steuern. Und doch merke man erst, wenn man da ist, ob es klappt. «Der Kopf weiss alles, aber wie das Herz reagiert, das ist nicht planbar», sagt er. Davon müsse man sich überraschen lassen. Er hat es gewagt – und bisher keinen Tag bereut.
«Freiämter im Ausland»
In der Schweiz leben viele Personen, die aus dem Ausland zugewandert sind. Aber auch viele Schweizer zieht es dauerhaft in die Ferne. In dieser Serie stellen wir einige Freiämter vor, die den Sprung ins Unbekannte gewagt haben und nun im Ausland leben und dort ihr Glück suchen.
Bisher sind in dieser Sommerserie «Freiämter im Ausland» erschienen: Guido Honegger aus Bremgarten in Finnland (Ausgabe 56); Yasmine Henseler aus Rottenschwil in Schweden (57); Roger Kündig aus Sarmenstorf in Irland (58); Roger Karl Schärer aus Muri in Vietnam (59) und Markus Hartmann aus Anglikon in Französisch-Polynesien (60).



