Forenbrand und Seerosenmädchen
03.08.2019 Region Oberfreiamt«Zeitzeugen»: Martha und Josef Müller erzählen vom Torfabbau im Bünztal
Während der beiden Weltkriege wurde im Bünzer Fohrenmoos Torf gestochen. Daran erinnern sich die Geschwister Martha (geboren 1938) und Josef (1937) Müller aus ...
«Zeitzeugen»: Martha und Josef Müller erzählen vom Torfabbau im Bünztal
Während der beiden Weltkriege wurde im Bünzer Fohrenmoos Torf gestochen. Daran erinnern sich die Geschwister Martha (geboren 1938) und Josef (1937) Müller aus Bünzen noch gut.
Therry Landis
Der Torfabbau prägte in ihren Kinderjahren den Alltag, war allgegenwärtig. «Wir haben sonntags dort gespielt, sind in die Transportwaggons geklettert und haben versucht, sie herumzustossen», erinnert sich Josef Müller. An den schulfreien Nachmittagen mussten sie aber auch mit anpacken. «Du musstest doch jeweils helfen, den Torf abzustechen, Sepp», wirft dessen Schwester Martha ein. Dieser bestätigt und meint: «Ich sass auf dem Förderband und schnitt die Platten mit einem Draht zu. Der sah ein bisschen aus wie ein Käseschneider.» Die dadurch entstandenen Briketts wurden zum Trocknen auf den Boden gelegt und später von den Frauen und Kindern zu «Böckli» gestapelt, bevor sie zum Abtransport verpackt werden konnten.
«Wir Mädchen waren für die Getränke zuständig. Wir brachten Lindenblütentee mit Zitrone», erzählt die 80-Jährige. Die Korbflaschen und Fünfliterkrüge transportierten sie in Leiterwägeli. «Es war heiss, wir hatten Angst vor Schlangen und Fröschen. Einmal verfolgte uns sogar ein Schwan.» Den Weg zum Fohrenmoos wiesen ihnen drei markante Tannen, das blühende Heidekraut Erika sorgte für Farbtupfer entlang der Pfade. Für ihre Arbeit erhielten die Kinder 30 bis 50 Rappen pro Stunde, «je nach Alter». Das bedeutete für sie ein willkommenes Sackgeld.
Von Besenbüren her wurde ein Entwässerungskanal gebaut, der «Schwarzgraben», welcher schwarzes Torfwasser führte und hinter dem Dorf in die Bünz einmündet. «Zu unserer Jugendzeit gehörte auch der kleine Weiher im Hinterdorf, aus dem gestauten Weissenbach. Hier haben wir Buben im Sommer gebadet, im Winter konnten wir Schlittschuh laufen», kommt Josef Müller in den Sinn.
Vom Moos inspiriert
Zwei Männer liessen sich durch ihre Heimat poetisch inspirieren: Adolf Müller beschrieb die Reize des Fohrenmooses in seinem Gedicht «Das alte Bünzer Moos», Lehrer Josef Fischer dichtete sein «Torbelied». «Darauf sind wir Bünzer stolz», sind sich Müllers einig.
Am 30. April 1947, nach einem trockenen Frühling, loderte der «Forenbrand». Danach war Schluss mit dem Torfabbau im grossen Stil. Die Geschwister Müller erinnern sich noch gut an ein Fest mit Umzug in Wohlen: «Auf einem der Wagen wurde das Fohrenmoos, wie es nach seiner Kultivierung aussehen sollte, sehr aufwendig und naturgetreu nachgebaut. Auf einem anderen Anhänger durfte ein Mädchen als grosse Seerose mitfahren.» Komplett eingestellt wurde das Torfstechen im Juli 1979 aufgrund der strengeren Naturschutzverordnung.
Ab 1863 wurde im Bünztal Torf abgebaut. In kleinen Familienunternehmen wurde er mit speziellen Schaufeln abgestochen, zum Trocknen ausgelegt und schliesslich als Briketts verkauft. In den beiden Weltkriegen, als praktisch keine Kohle mehr zu kaufen war, der Energiebedarf jedoch stetig stieg, begann der maschinelle Torfabbau.
Während des Ersten Weltkrieges wurde im Aristauer Gebiet des Fohrenmooses sehr viel Torf abgebaut und in Muri in spezielle Brikettzüge verladen. Im Zweiten Weltkrieg wurde in Boswil zum einfacheren Verlad der Briketts eine Rampe aus Holz erstellt. Während dieser Zeit der intensivsten Ausbeute waren bis zu 1000 Leute beschäftigt. Bis zu zwölf Stunden täglich wurde auf den Feldern gearbeitet, die Stundenlöhne betrugen 80 Rappen bis 1.50 Franken. Nach dem Zweiten Weltkrieg schwand die Nachfrage nach Torfbriketts, der Abbau wurde ganz eingestellt. Aus dem ehemaligen Moos ist inzwischen fruchtbares Kulturland geworden.
Quelle sowie alte Fotos: «Die Entstehung des Fohrenmooses» von Robert Brun-Keusch sowie «Bünzen – Ein Blick zurück» von der Gemeinde Bünzen.
Serie «Zeitzeugen»
Es gibt Ereignisse in der Region, von denen die Leute nach Jahrzehnten noch erzählen. In der Serie «Zeitzeugen» blicken Menschen auf ein Ereignis zurück, bei dem sie hautnah dabei waren.
Bisher erschienen: Der Empfang für Abfahrtsweltmeister Urs Lehmann in Rudolfstetten im Februar 1993 (Ausgabe 55). Protest gegen den Abbruch des alten Gemeindehauses in Wohlen von 1979 (Ausgabe 56). Die Hochwasserkatastrophe in Muri von 1977 (Ausgabe 57). Der Sieg von Martin Burkard als jüngster Kandidat in der Quizsendung «Wer gwünnt?» 1973 (Ausgabe 59). Die Reusstalsanierung von 1972 bis 1982 (Ausgabe 60).
See, Moor, Torfabbau und Landwirtschaft
Geschichtliches zum Fohrenmoos
Noch im 18. Jahrhundert lag das Fohrenmoos zwischen Bünzen, Boswil, Aristau und Besenbüren unberührt da und wurde immer wieder von der Bünz überflutet.
1863 kauften die Gemeinden Boswil und Bünzen die Bünzer Mühle mit dem dazugehörigen Wasserrecht. Dadurch wurde der Weg frei, den Bachlauf tiefer zu legen und so das Moos zu entsumpfen.
Danach konnten rund 180 Hektaren Torflager ausgebeutet werden. Eine ebenso grosse Fläche feuchtes Wiesland wurde trockengelegt und in sehr ertragreiches Feld- und Mattenland umgewandelt. Ausserdem versprach man sich eine Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse in der Gegend. Das Auftreten von Malaria, Typhus und Ruhr wurde Sumpf und Moor zugeschrieben. Von 1863 bis 1879 wurde die erste Bünzkorrektion durchgeführt, wobei weite Teile des Mooses entsumpft und somit der Torfabbau ermöglicht wurde. Wegen des hohen Wasserspiegels war der Abbau jedoch nur zum Teil bis auf den Grund möglich, es entstanden immer mehr Sumpfflächen.
Die Bünz, der längste Bach im Aargau
Zwischen 1941 und 1956 wurde die Bünz zum zweiten Mal abgesenkt. Dies machte hohe und starke Ufermauern nötig. Mit der dritten Korrektur zwischen 2005 und 2007 wurde ein Teil der Bünz – mit 28 Kilometern Länge übrigens der längste Bach im Kanton Aargau – wieder renaturiert. Die letzte Eiszeit war für die topografische Gestaltung des Bünztals von grosser Bedeutung. Der Reussgletscher überdeckte das ganze Bünz- und Reusstal, nur die höher gelegenen Teile des Lindenbergs waren eisfrei. Auf seinem Rücken beförderte der Gletscher gewaltige Massen an Geröll und mächtigen Findlingen von den Alpen ins Flachland.
Der Bünzersee
Als sich der Gletscher zurückzog, lag er länger im Bereich des Fohrenmooses und schuf so den Bünzersee (14 000 bis 8000 v. Chr.). Dieser war etwa 2,2 Kilometer lang, 1,5 Kilometer breit und 4 Meter tief. Mit Beginn der Vorwärmezeit verlandete der Bünzersee. Es entstand ein unwirtliches Moor mit sumpfigen Schilf- und Seggenwiesen, das die Bünz in Schlingen durchfloss.



