Alternative zum Siedlungsbrei
09.08.2019 Region Bremgarten«Was wurde aus»: Naturpark Reusstal
Die Idee flackerte ein Jahr lang. Zwischen Mitte 2001 und 2002 stiessen die Niederwiler Ulysses Witzig und Christoph Flory die Schaffung eines «Naturparks Reusstal» an. Das Projekt scheiterte früh am Widerstand ...
«Was wurde aus»: Naturpark Reusstal
Die Idee flackerte ein Jahr lang. Zwischen Mitte 2001 und 2002 stiessen die Niederwiler Ulysses Witzig und Christoph Flory die Schaffung eines «Naturparks Reusstal» an. Das Projekt scheiterte früh am Widerstand einzelner Regionalplanungs-Verbände.
Roger Wetli
Die Ausmasse des «Naturparks Reusstal» wären gigantisch gewesen. Vom Wasserschloss in Würenlingen hätte entlang der Reuss bis ins luzernische Ebikon auf einer Fläche von 225 Quadratkilometern ein neuer Park entstehen sollen. Involviert gewesen wären 80 Gemeinden, die Kantone Zürich, Zug, Luzern und Aargau. Kerngebiete wären neben dem Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat die Gewässerräume zwischen Bremgarten und Mellingen und südlich von Bremgarten geworden. Auch Muri, Bünzen und Waltenschwil wären mit dem Wagenrain einbezogen worden. Der Park hätte 67,3 Quadratkilometer des «Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler» (BLN) und 10,2 Quadratkilometer bereits bestehende Naturschutzfläche umfasst.
Vier Schwerpunkte
«Der Naturpark hätte damit nationale Bedeutung erlangt», ist Ulysses Witzig überzeugt. Er ist in Niederwil aufgewachsen und hatte das Konzept dazu im Ehrenamt verfasst. Christoph Flory, ebenfalls ursprünglich aus Niederwil, stellte die Kontakte zu den Regionalplanungsverbänden her. «Wir wollten eine Alternative zu Siedlungsbrei und Industrieflächen in dieser sensiblen, wunderbaren Landschaft bieten.» Das Konzept ähnelte demjenigen des Biosphären-Reservates Entlebuch.
Es beinhaltete vier Schwerpunkte: 1. Stärkung der regionalen Landwirtschaft mittels Label und Aufbau einer Wertschöpfungskette, die möglichst lange in der Region bleibt. 2. Auszeichnung der nachhaltigen Leistung der hiesigen Forstwirtschaft. 3. In-Wert-Setzung der Freizeitaktivitäten im Reusstal. 4. Förderung der lokalen Gastwirtschaft und von nachhaltigen kleinen- und mittleren Unternehmen (KMUs).
Viele verbringen zwar im Reusstal ihre Freizeit. Die Bevölkerung profitiert davon finanziell aber nur wenig», führt Witzig ein Beispiel aus und geht zusätzlich bei der Wertschöpfungskette in die Tiefe. «Wenn ein Bauer Weizen anbaut, dieser in der Region gemahlen und zu Brot verarbeitet und schliesslich hier verkauft wird, erhalten oder schaffen wir Arbeitsplätze und sparen uns lange Wege für den Transport.»
Die Idee eines «Naturparks Reusstal» war lose an eine Kampagne der Naturschutzorganisation Pro Natura angelehnt. «Diese wollte 100 Jahre nach der Gründung des ersten Schweizer Nationalparks einen zweiten schaffen», erinnert sich Ulysses Witzig, der heute Geschäftsführer eines Ökobüros ist.
Nie eine Projektträgerschaft gegründet
Ihre Idee stellten Flory und Witzig den Regionalplanungsverbänden vor. «Deren Begeisterungsgrad war sehr unterschiedlich», erinnert sich Witzig. «Jener des Bünztals fragte sich, ob er wirklich vom Projekt betroffen sei. Zug, Zürich und Luzern wollten kein Projekt, das noch zusätzliche Touristen ins Gebiet bringt. Zudem herrschte Skepsis über mögliche neue Einschränkungen im Gebiet.» Die Regionalplanungsverbände im Reusstal seien dagegen bis zum Schluss hinter der Idee gestanden.
«Der Geschäftsführer des Biosphären-Reservates Entlebuch zeigte die Chancen für die Region auf, leider vergebens», so Witzig. Er hatte zudem Kontakt mit dem Bundesamt für Umwelt «Bafu», das damals «Buwal» hiess. «Es verlangte für einen Naturpark eine Mindestfläche von 200 Quadratkilometern. Bei 225 Quadratkilometern Gesamtfläche wussten wir, dass das Projekt scheitert, sobald nur eine einzige Regionalplanungsorganisation von einer Mitwirkung absieht.»
Witzig liess von Kollegen weitere Konzepte über Mitmachmöglichkeiten, nachhaltige Landwirtschaft und Kommunikation erstellen. «Leider konnten wir die Bedenken nicht ausräumen, weshalb wir das Projekt wieder begruben.» Weil nie eine Projektträgerschaft zustande kam, gelangte der Naturpark Reusstal auch nicht an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später wurde nochmals ein Anlauf genommen, bei dem nochmals die Bereitschaft der Beteiligten abgeklärt wurde. «Auch dieser Versuch scheiterte, seither ist nichts mehr gelaufen.»
Chance verpasst
Ulysses Witzig hatte sehr viel Freizeit ins Projekt investiert und besitzt die Unterlagen des Konzepts noch heute. «Es war eine sehr spannende Arbeit, ein super Erlebnis und ich konnte viele Kontakte knüpfen», blickt er zurück. Spuren hinterlassen hat das Projekt im Reusstal keine. «Ich möchte die gemachten Erfahrungen nicht missen. Trotzdem bin ich enttäuscht. Ich finde es schade, dass uns diese Alternative zum Siedlungsbrei nicht gelungen ist.» Man habe es leider nicht gewagt, sich ohne rechtliche Einschränkungen eine neue Vision zu geben.

