«Wir müssen etwas tun»
17.08.2019 WohlenClaro-Vortragsabend im Chappelehof Wohlen: Murianer Familie im Sozialeinsatz in Marokko
Doris und Sascha Gull sprachen über ihre Auswanderung von Muri nach El Jadida in Marokko und über ihr soziales Netzwerk in der neuen Heimat. Rund 60 Freiämter wollten von ...
Claro-Vortragsabend im Chappelehof Wohlen: Murianer Familie im Sozialeinsatz in Marokko
Doris und Sascha Gull sprachen über ihre Auswanderung von Muri nach El Jadida in Marokko und über ihr soziales Netzwerk in der neuen Heimat. Rund 60 Freiämter wollten von ihren Erlebnissen und Erfahrungen etwas hören.
Bernadette Oswald
«Was braucht es für ein solches Projekt? In erster Linie sehr viel Mut und Vertrauen», sagte Sandra Roth vom Claro-Team bei ihrer Begrüssung. «Vor fünf Jahren stellten Doris und Sascha Gull ihr Sortiment an kunstvollen Handarbeiten aus Marokko im Laden vor. Es war sofort klar, das passt zu uns.» Im Claro-Laden in sind die Produkte aus dem orientalischen Raum erhältlich.
Auswanderung im Jahr 2013
«Wir arbeiteten beide im Treuhandwesen und haben uns bereits in der Schweiz sozial betätigt», erklärten die Aargauerin und der Basler. Immer mehr hätten sie dabei gemerkt, Geschäften sei zwar gut, aber der Schlaf nach einem Sozialeinsatz viel besser. Marokko kannte das Ehepaar bereits von zwei Aufenthalten, in denen sie viel Handlungsbedarf feststellten. Mit dem Resultat, dass die vierköpfige Familie 2013 von der Schweiz nach Marokko auswanderte
Faires Einkommen als Ziel
Im Gepäck hatten sie damals viele Ideen, Idealismus, Pioniergeist und die Vision, benachteiligten Familien eine Perspektive zu geben. Heute leben Gulls in einem eigenen Haus, und ihr Töchter Zoe (12) und Lia (10) werden zu Hause unterrichtet, weil das Schulsystem im Land sehr schlecht ist. In den vergangenen Jahren haben Doris und Sascha Gull ihr soziales Netzwerk «Personality» immer weiter aufgebaut. Damit ermöglichen sie vor allem Müttern das Erlernen von kunstvollem Handwerk, ein faires Einkommen und das Entfalten ihres eigenen Potenzials. «Wir können einfach nicht nur zuschauen, wir müssen etwas tun.»
Veränderung ist möglich
Am Claro-Vortragsabend sprachen Doris und Sascha Gull über ihr Engagement in Marokko
Bildung, Arbeit und Wertschätzung sind die Basis der sozialen Projekte, die das Murianer Ehepaar im orientalischen Land verwirklicht. 2013 zog die vierköpfige Familie von Muri in die Hafenstadt El Jadida.
Bernadette Oswald
«Viele Menschen in Marokko leben schicksalsergeben in Armut. Wir probieren, ihnen mit Ausbildung und Arbeit eine Perspektive zu geben. Wir wollen zeigen, dass jeder etwas verändern kann.» Das sei das Wertvolle an ihrer Arbeit, umschrieben die Referenten ihre Motivation. «Da möchten wir Einfluss nehmen, Schritt für Schritt.» Sie hätten unterdessen erfahren, dass sie im Kleinen etwas bewirken können.
Doris und Sascha Gull erzählten über ihr Leben im Land mit den vielen Facetten und über den Einstieg in soziale Projekte. Zuerst organisierten sie Möglichkeiten zum Lesen- und Schreibenlernen, denn viele Marokkaner sind Analphabeten. Das habe aber niemand interessiert.
Praktische Tätigkeiten gefragt
Anklang hätten dann ihre Angebote für praktische Tätigkeiten wie Nähen und Handarbeiten gefunden. «Wir geben den Leuten eine grundlegende Ausbildung. Das ist nicht nur ein Bastelkurs», stellte das Ehepaar klar. Beginnen die Frauen mit dem Produzieren, erhalten sie wenn nötig eine Nähmaschine zur Benützung. Von ihrem Lohn legen sie dann jeweils einen Teil zur Seite und bezahlen damit ihr Arbeitsgerät nach und nach ab, bis es ihnen gehört.
Jeden Tag Balance finden
Die Heimarbeiterinnen erhalten von den Projektleitern lokales Roh- und Arbeitsmaterial, wie etwa Recyclingstoffe oder PET-Flaschen und werden bei allen Prozessen eng begleitet. Unter dem Label «Personality» entstehen unter anderem Schmuck, Etuis, Smartphone-Hüllen, Schlüsselanhänger oder Lavendelsäckli. «Unser neuestes Produkt ist Bockshornklee, genannt Bio-Helba. Erstmals wagen wir uns damit in den Ess-Bereich.» Eine Kollegin habe Kontakte zu benachteiligten Bauernfamilien vermittelt, die den Klee anpflanzen, ernten und aussortieren. «Alle Leute in Marokko nehmen diese Pflanze ein, denn seit Jahrhunderten ist Bockshornklee in der Pflanzenheilkunde bekannt.» Die Säckchen zum Verpacken werden von «Personality»-Näherinnen hergestellt.
«Wir bezahlen den Frauen einen fairen Lohn. Das heisst etwa das Dreifache, was sie mit ihren Handarbeiten auf dem hiesigen Markt verdienen.» Das sei manchmal auch zweischneidig. «Hier müssen wir tagtäglich eine Balance finden, was nicht immer leicht ist.»
Eine weitere Perspektive von Doris und Sascha Gull ist die Errichtung eines Frauenhauses. «Ein solches Projekt liegt uns wirklich sehr am Herzen, denn es gibt sehr viel Leiden hier.» Ein künftiges Frauenhaus könnte auch Signalwirkung haben, denn in Marokko existiere so etwas nicht. «Wir hoffen, in eine solche Aufgabe hineinwachsen zu können.» Nach einer angeregten Diskussionsrunde genossen alle Teilnehmer die marokkanischen Leckereien aus der Kulturbeiz-Küche.
Im Claro-Laden erhältlich
Weitere Informationen sind unter der Website www.personality.vision zu finden. Die «Personality»-Produkte sind erhältlich im Claro-Weltladen Wohlen, Chilegässli 3.



