Auf Mission für die Umwelt
19.07.2019 WohlenAbfalltaucher Schweiz: Zwei Wohler wirken mit
Vor einem halben Jahr ist Matthias Ardizzon aus Wohlen zum Präsidenten des Vereins «Abfalltaucher Schweiz» gewählt worden. Unterstützt wird er dabei unter anderem von seiner Lebenspartnerin Barbara Tanner, die ...
Abfalltaucher Schweiz: Zwei Wohler wirken mit
Vor einem halben Jahr ist Matthias Ardizzon aus Wohlen zum Präsidenten des Vereins «Abfalltaucher Schweiz» gewählt worden. Unterstützt wird er dabei unter anderem von seiner Lebenspartnerin Barbara Tanner, die sich als Aktuarin und Social-Media-Verantwortliche einsetzt. Zusammen mit dem Verein befreien sie Flüsse und Seen von Unrat. Vor dem KKL in Luzern bargen sie zum Beispiel rund 1,5 Tonnen Abfall. --red
Wo die Müllabfuhr nicht hinkommt
Das Präsidium der Abfalltaucher Schweiz ist jetzt in Wohler Hand
Sie sind beide leidenschaftliche Taucher. Und sie sorgen sich um unsere Umwelt. Darum holen sie das aus dem Wasser, was andere achtlos einfach hineinwerfen. «Es macht schon traurig, was man alles findet», sagen Matthias Ardizzon und Barbara Tanner.
Chregi Hansen
Kistenweise Flaschen, Velos, Handys, Ausweise, Kinderwagen, Velos, Pneus, ein alter Waschzuber, Farbkübel, Munition oder sogar ein 750er-Motorrad. Wenn die Abfalltaucher in den Schweizer Gewässern zu einem Clean-up-Day laden, dann füllen sich die bereitgestellten Mulden am Ende des Tages mit allerlei Müll. «Es ist erstaunlich und erschütternd, was die Leute alles ins Wasser werfen», sagt denn auch Matthias Ardizzon.
Der 46-Jährige, der heute mit seiner Partnerin Barbara Tanner in Wohlen lebt, ist seit Kurzem neuer Präsident der Abfalltaucher Schweiz. Auch Tanner engagiert sich im Vorstand als Aktuarin und Social-Media-Verantwortliche. Beide haben vor rund sieben Jahren ihre Leidenschaft fürs Tauchen entdeckt. «Wir haben in den Ferien einen Kurs gemacht und waren sofort Feuer und Flamme», erzählen sie. Inzwischen nimmt das Tauchen den grössten Teil ihre Freizeit ein. «Man kann unter Wasser einfach abschalten, schweben, den ganzen Stress loslassen», schwärmt Ardizzon. «Es ist eine völlig andere Welt, die man antrifft», ergänzt Barbara Tanner.
Sicherheit an erster Stelle
Tauchen ist ein beliebter Sport in der Schweiz. Viele fliegen dazu ans Meer – nach Bali, Ägypten, auf die Malediven oder an andere schöne Orte. Aber auch in den Schweizer Gewässern kann man viel entdecken. «Das Tauchen in einem See ist anders als im Meer, man sieht weniger weit», erklärt Tanner. Und im Winter kann es schon mal sehr kalt sein. Aber das stört Ardizzon nicht. Wichtig ist die richtige Ausrüstung. «Und an erster Stelle steht immer die Sicherheit», sagt der erfahrene Taucher, der sich auch mal bis in Tiefen von 40 Metern sinken lässt.
Für Berufschauffeur Ardizzon und die medizinische Praxisassistentin Tanner ist das Tauchen aber nicht nur Plausch. Bei den Abfalltauchern können sie ihr Hobby verbinden mit einer sinnvollen Tat. Die Abfalltaucher Schweiz setzen sich als gemeinnütziger Verein ein für die Natur und die kommenden Generationen. Über das Jahr verteilt führen sie Aktionen in Seen und Flüssen durch, um Müll aus den Gewässern zu bergen. «Wir tun das freiwillig und erhalten auch kein Geld dafür. Wir finanzieren uns über Spenden und Mitgliederbeiträge», erklärt Tanner.
Drei-Gang-Menü als Dank
Immerhin – die meisten Gemeinden übernehmen die Entsorgung des gefundenen Abfalls. «Aber es gab auch schon Fälle, bei denen dies nicht der Fall war», berichtet Ardizzon. In solchen Fällen ist dann auch schon mal sein Arbeitgeber eingesprungen. Der Vereinspräsident arbeitet beim Wohler Recyclingunternehmen Römer. «Ich bin also für das Thema Abfall sensibilisiert», lacht er. Oft werden die Abfalltaucher nach ihrer Aufräumaktion von lokalen Gastwirten gratis verpflegt. «Ein Hotelier in Vitznau hatte solche Freude an unserer Arbeit, dass er uns mit einem Drei-Gang-Menü verwöhnte.»
Bis zu 3 Tonnen Abfall werden rausgefischt
Der Verein kennt zwei unterschiedliche Arten von Tauchgängen. Pro Jahr werden etwa 25 Erkundungstauchgänge in kleinen Gruppen durchgeführt. Bei diesen wird kontrolliert, ob es an dieser Stelle eine grosse Aufräumaktion braucht oder ob man gleich sofort den schlimmsten Müll beseitigen kann. 12- bis 15-mal werden sogenannte Clean-ups organisiert. Zusammen mit befreundeten Tauchern wird dann tüchtig geborgen. «Bei einem Clean-up können auch mal bis zu 100 Leute im Einsatz sein. Da helfen dann oft auch die lokalen Tauchclubs mit», erklärt der Präsident. Bis zu 3 Tonnen Abfall werden an einem solchen Tag geborgen. «Was man findet, ist unterschiedlich. In Luzern sind es sehr viele Velos. In Zürich findet man jetzt viele E-Trottinetts», erzählt der erfahrene Taucher.
Als Team unterwegs
Die Sicherheit steht an jedem Einsatztag an oberster Stelle. «Wir tauchen immer in Teams. Und nach genau vorgegebenen Anweisungen», erklärt der Wohler, der meist die Leitung der Aktion hat. Und neben den Tauchern braucht es auch viele Helfer auf und am Wasser. Der Abfall wird in Netzen eingesammelt, die dann von Begleitbooten nach oben gezogen werden. Am Ufer sortieren weitere Helfer den Unrat und säubern gleichzeitig den Uferbereich. «Wir sind ein Team», betont denn auch der Einsatzleiter. «Einzelkämpfer können wir nicht gebrauchen.» Wer sich nicht an die Anweisungen halte, werde verwarnt oder gar von weiteren Aktionen ausgeschlossen. «Bisher gab es noch keinen einzigen Unfall», erzählt Tanner stolz.
Dabei sind solche Tauchgänge nicht ganz ungefährlich. «Wir sind nahe am Boden unterwegs. Da wird auch Dreck und Schlamm aufgewühlt», erklärt Ardizzon. Und der gefundene Abfall ist nicht immer harmlos. Man kann sich schneiden, und was sich in einem geschlossenen Fass befindet, ist auch nicht unbedingt ersichtlich. Notfalls lässt man es eher liegen und informiert die Behörden. Es braucht schon eine gewisse Erfahrung als Taucher, um gegen alle Schwierigkeiten gefeit zu sein. «Vor allem das Tarieren, also das Schweben auf einer bestimmten Höhe, sollte man beherrschen», weiss der Taucher. Und in Flüssen macht dann auch noch die Strömung zu schaffen. «Das ist dann manchmal schon harte Arbeit.» Aber auch Seen sind nicht ungefährlich, vor allem, wenn es einen intensiven Schifffahrtsbetrieb gibt wie zum Beispiel im Luzerner Seebecken. Da braucht es eine gute Planung.
Aufklären und Gespräch suchen
Ardizzon und Tanner sind begeisterte Abfalltaucher. Das Beseitigen des Mülls in den Gewässern ist aber nur ein Aspekt. Wichtig ist ihnen auch, die Menschen zu sensibilisieren. Zum Beispiel, wenn Zuschauer die Aktion verfolgen. «Wir suchen immer wieder das Gespräch. Viele staunen, was wir da alles herausholen. Und sie staunen, wenn sie hören, dass wir das freiwillig tun», berichtet Tanner, die meist über Wasser im Einsatz ist. Aber auch mit den Anliegern der Gewässer sucht man die Diskussion, etwa mit den Besitzern von Bootsstegen oder Seerestaurants. Nicht zuletzt halten Mitglieder des Vereins auch regelmässig Vorträge. «Viele wissen nicht, was sie anrichten, wenn sie Müll einfach ins Wasser schmeissen. Dabei ist das Wasser unser wertvollster Rohstoff», so der Präsident.
Das Abfalltauchen ist Ardizzon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er es auch bei privaten Ausflügen oder in den Ferien betreibt. Während sich Barbara Tanner an den Fischen erfreut und viele Fotos schiesst, sucht er oft den Meeresgrund ab und sammelt ein, was er findet. «Das ist vermutlich mein Forscher-Gen. Man hofft ja immer auf einen besonderen Schatz», lacht er. Beiden ist es aber in erster Linie ein grosses Anliegen, dass die Gewässer wieder sauberer werden. Dafür wollen sie sich einsetzen. Dazu nehmen sie grossen Aufwand auf sich. Und zahlen einen Grossteil ihrer Auslagen selber. «Wir Menschen müssen uns bewusster werden, was wir anrichten», sagen sie zum Schluss. Und freuen sich bereits jetzt auf den nächsten Einsatz.
Infos: abfalltaucher.ch






