Keine Lust auf Pension
21.06.2019 WohlenZu Besuch bei Maler Oskar Marti, Wohlen
Seit 60 Jahren ist Oskar Marti in seinem Beruf tätig. Und wenn es nach ihm geht, dürften es noch ein paar Jahre mehr werden.
Das blaue Logo, gebildet aus seinen Initialen, daneben «Oskar Marti, Wohlen. ...
Zu Besuch bei Maler Oskar Marti, Wohlen
Seit 60 Jahren ist Oskar Marti in seinem Beruf tätig. Und wenn es nach ihm geht, dürften es noch ein paar Jahre mehr werden.
Das blaue Logo, gebildet aus seinen Initialen, daneben «Oskar Marti, Wohlen. Malt und tapeziert». Dazu seine Telefonnummer. Davor steht der weisse Lieferwagen mit dem gleichen Logo. Mehr an Werbung ist nicht zu sehen, hier am schönen Einfamilienhaus an der Brunnmattstrasse 24 in Wohlen.
Geschäftsräume sucht man vergeblich. Was Marti benötigt, steht in der Garage. Was er nicht auf Lager hat, bestellt er vor Beginn seines Auftrages. Oskar Marti ist der Inbegriff eines Kleingewerblers. Und doch unterscheidet er sich von allen anderen. Denn der gebürtige Bettwiler, der seit vielen Jahren in Wohlen lebt, ist vermutlich der älteste Maler in der Region. In wenigen Wochen feiert er seinen 77. Geburtstag. Seit 60 Jahren ist er in seinem Beruf tätig. «Und das noch immer gerne», wie er betont.
Marti hat viel erlebt in seinen vielen Berufsjahren. Und er weiss viel zu erzählen. Der passionierte Schütze und Operettenliebhaber klettert trotz seines Alters immer noch problemlos auf dem Gerüst herum. Als er seinen 65. feierte, meinte sein Sohn beratend: «Hör ja nicht auf zu arbeiten, sonst geht es dir nicht gut.» Und er sollte recht behalten. «Für mich ist die Arbeit ein Jungbrunnen», sagt der Maler. --chh
Weil Aufhören kein Thema ist
Seltenes Berufsjubiläum: Oskar Marti arbeitet seit 60 Jahren als Maler
Im wenigen Wochen kann er seinen 77. Geburtstag feiern. Während andere gemütlich ihre Pension geniessen, geht Oskar Marti weiterhin jeden Tag zur Arbeit. «Ich mache weiter, bis ich nicht mehr aufs Gerüst klettern kann», lacht er.
Chregi Hansen
Eigentlich ist er per Zufall in seinem Beruf gelandet. Nach der Schule arbeitete Oskar Marti als Knecht auf einem Bauernhof. Er erinnert sich noch gut an die Zeit. «Einmal habe ich vergessen, beim Parkieren des Traktors die Bremse anzuziehen. Als ich zurück kam, war er weg. Mitsamt dem Güllenfass.» Beim Runterrollen touchierte der alte Hürlimann einen Baum, bevor er stehen blieb. Mit einem Freund hat er den Schaden repariert und überpinselt. «Der Bauer hat nie etwas gemerkt», lacht Marti.
35 Rappen pro Stunde
Und wer weiss: Vielleicht wäre er Knecht geblieben, wenn der Boswiler Maler Max Notter nicht händeringend nach einem Lehrling gesucht hätte. Denn Oskar war das jüngste von sieben Kindern, der Vater war früh verstorben, die Kinder mussten Geld verdienen. «Ich habe schon als Kind beim Bauern ausgeholfen, das kannte ich also», erklärt der gebürtige Bettwiler. Doch eben: Notter suchte einen jungen Burschen als Lehrling. Und sein Dienstkamerad, der Bettwiler Lehrer Leo Landös, erinnerte sich an den jungen Oskar. Er vereinbarte einen Schnuppertermin, noch am gleichen Tag unterschrieb er den Vertrag. «Dass die beiden sich kannten, war mein Glück», sagt Oskar Marti heute, 60 Jahre später.
Der Beruf als Maler, er war für ihn eine Leidenschaft. «Ganz ehrlich, ich habe mich noch keinen Tag auf der Arbeit gelangweilt», sagt er. Dabei hatte er es nicht immer leicht. 35 Rappen pro Stunde verdiente er am Anfang. Und weil Max Notter der Bruder des Wohler Bauunternehmers Otto Notter war, hatte der Maler viele Aufträge in Wohlen zu erledigen. «Zum Glück konnte ich am Mittag jeweils bei meiner Schwägerin Erna essen, sonst hätte ich mir das nicht leisten können», erzählt er. Zu jener Zeit wurde auch am Samstagvormittag gearbeitet, danach putzte Oskar Marti noch den Betrieb und das Firmenauto. Für einen Fünfliber Sackgeld, wie er noch immer weiss.
Innert sieben Minuten von Bettwil nach Boswil
Marti wohnte in Bettwil, den Weg nach Boswil legte er auf seinem Töffli quer durch den Wald und über Feldwege zurück. «Ich kannte jede Kurve und jede Welle und schaffte die Strecke in sieben Minuten», erzählt er stolz. Die Lehre dauerte dreieinhalb Jahre, damals lernte man noch gleich das Handwerk des Schriftenmalers. Den Lehrabschluss absolvierte er mit der Note von 1,6, damals war noch die 1 das Bestresultat. Anschliessend blieb er einige Jahre bei Max Notter. Zu jener Zeit wurden viele Fassaden mit Kalkfarben gestrichen. «Einmal haben wir die in einem alten Benzinfass angemischt. Als wir das Fass nach oben heben wollten, bin ich ausgerutscht und mit dem Kinn voll auf dem Fassrand gelandet. Ich habe so zwei Zähne verloren», erinnert sich Marti. Die Folge: Der passionierte Musikant musste von der Trompete auf das S-Horn umstellen. Der «Musig» Bettwil aber blieb er trotzdem über Jahrzehnte treu.
Später wechselte er von Max Notter zu Kurt Bolliger nach Wohlen. «Das war eine gute Zeit für mich. Bolliger hat mich sehr selbstständig arbeiten lassen.» Es folgte eine sehr kurze Stippvisite in Fislisbach. Marti glaubte, dass dies der richtige Ort sei und bezog dort sogar ein Häuschen. Aber nach nur einem Jahr hat er wieder gekündigt und wechselte zurück nach Wohlen. Beruflich wie privat. «Danach wollte ich selber ein Geschäft eröffnen. Aber ein Kollege erzählte mir am Stammtisch, dass die Firma Seriswiss einen Mitarbeiter für den Siebdruck suche. Mit meinem Wissen über Farben war ich für diese Arbeit bestens geeignet.» Einige Jahre blieb der Maler dort; als er merkte, dass es mit der Firma bergab ging, kündigte er rechtzeitig. Kurze Zeit später ging der Betrieb tatsächlich in Konkurs.
Vor 31 Jahren folgte dann der Schritt in die Selbstständigkeit. «Ich hatte wieder Sehnsucht nach meinem ursprünglichen Beruf», lacht Marti. Vereinfacht wurde dieser Schritt durch die Zusage von Bolliger, dass Marti bei ihm als Aushilfe arbeiten könne, wenn die Geschäfte nicht gleich von Anfang an laufen. «Das gab eine gewisse Sicherheit.» Sein Malergeschäft lief gut, zeitweise hatte er bis zu fünf Mitarbeiter. Gross Werbung machte er nie, ihm half die Mundpropaganda. Als Beweis der Qualität seiner Arbeit dienen die vielen Stammkunden. «Ich mache alles, von der Fassade bis zu den Fensterläden.» Und er war seiner Zeit voraus. Schon früh stieg er auf Farben ohne Lösungsmittel um. «Wir müssen unserer Umwelt Sorge tragen», sagt er denn auch.
Jeden Tag gerne zur Arbeit
Aber es gab auch schwierigere Zeiten. «Ich hatte sehr oft temporäre Angestellte. Doch beim Kalkulieren merkte ich, dass sie mich mehr kosten, als ich verdiene. Also musste ich mich von ihnen trennen und am nächsten Tag notgedrungen mehrere grössere Aufträge absagen», erzählt er. Seine Offerten erstellte er immer mit grosser Sorgfalt. Bis heute. «Ich habe nie einfach billig offeriert, um einen Auftrag zu erhalten.» Heute hat er noch eine Angestellte, die zu 40 Prozent bei ihm arbeitet. «Sie würde den Betrieb gerne übernehmen, wenn die Kinder gross sind. Also muss ich noch ein paar Jahre durchhalten», schmunzelt er.
Marti ist ein Handwerker alter Schule. Er arbeitete 100 Prozent als Maler, abends schrieb er Offerten und Rechnungen. Auch nach 60 Jahren geht er noch jeden Tag gerne arbeiten. «Aber ich bin nur noch 80 Prozent produktiv und nutze 20 Prozent für die Administration.» Natürlich blieb er auch vor Rückschlägen nicht verschont. Nach dem 3. WK wurde bei ihm ein schwerer Herzfehler festgestellt, der eine grosse Operation nötig machte. Und einmal fiel er fünf Meter von einer Leiter, brach sich den Arm und zertrümmerte sich die Kniescheibe. «Aber ich habe gemerkt, es geht auch ohne», lacht er heute darüber. So schnell es ging, kehrte er jeweils an die Arbeit zurück. «Für mich ist jeder Arbeitstag wie ein Sonntag. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, nicht mehr zu arbeiten.»
Musik, Schütze, Operette
Auch wenn der Beruf stets im Zentrum stand, hat er sich immer Zeit für Hobbys genommen. Er war viele Jahre Mitglied bei der Musikgesellschaft Bettwil, machte dort jeweils auch bei den Theaterstücken mit. Mit der Musik ist er heute noch verbunden, darum sponsert er auch das Jugendensemble «Crazy Hoppers».
Vor allem aber ist er ein leidenschaftlicher Schütze. Hat 56-mal am Feldschiessen teilgenommen und 51mal den Kranz geholt. Marti ist seit Jugendjahren Mitglied der Bettwiler Schützen. Wo er heute noch regelmässig trainiert. Und sich nachher im Restaurant Burehof mit seinen Kollegen austauscht. «Trotz des Umzugs nach Wohlen bin ich im Herzen immer ein Bettwiler geblieben», sagt er von sich. Weitere Hobbys sind das Kunstmalen «(Ich kann eben nicht nur Wände») und der Besuch von Operetten. Er mag gerne guten Wein und macht aus seinen Trauben seinen eigenen Grappa. Und nicht zuletzt liebt er Katzen.
Es gibt den Betrieb noch
Oskar Marti ist zufrieden mit sich und seinem Leben. Kürzlich ist er zum ersten Mal Grossvater geworden. «Ich arbeite, bis ich umfalle. Oder bis ich nicht mehr Autofahren kann», sagt er. 1964 hat er den Führerschein gemacht, einen Tag später fuhr er mit dem Auto nach Lausanne an die Expo. In seiner Garage steht neben den Farbkübeln ein 30 Jahre alter Ford. «Ein Oldtimer», lacht Marti. So wie er selber. Bei all seiner Freude an der Arbeit, so langsam spüre er das Alter. «Früher habe ich locker zehn Stunden pro Tag gearbeitet, heute reichen acht », schmunzelt er. Und wird dann wieder ernst: «Schreiben Sie unbedingt, dass es meinen Betrieb noch immer gibt. Viele meinen, ich hätte altershalber aufgehört.» Und ja, er nimmt auch weiterhin Aufträge an. Zumindest so lange, wie er noch aufs Gerüst klettern kann. «Momentan ist das noch gar kein Problem», sagt der 77-Jährige stolz. Bevor er das Material für den nächsten Auftrag bereitstellt.



