Für ein Lächeln sorgen
04.06.2019 WohlenChristian Föhn leidet seit Geburt an einer Cerebralparese. Seine Mutter Rita Rieder kümmert sich liebevoll um ihn. Damit sie ab und zu auch Zeit für sich findet, dafür sorgt unter anderem der Entlastungsdienst.
Chregi ...
Christian Föhn leidet seit Geburt an einer Cerebralparese. Seine Mutter Rita Rieder kümmert sich liebevoll um ihn. Damit sie ab und zu auch Zeit für sich findet, dafür sorgt unter anderem der Entlastungsdienst.
Chregi Hansen
Rita Rieder ist in einem Alter, in welchem andere Menschen ihr Leben in vollen Zügen geniessen. Ihr Alltag dreht sich hingegen um eine einzige Person. Ihr Sohn Christian ist seit Geburt schwerstbehindert und rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Doch jammern mag sie nicht. «Wir haben es gut», sagt sie mit einem Strahlen im Gesicht, während sie ihm liebevoll den Pullover überzieht.
Doch ganz allein kann die Waltenschwilerin den Alltag nicht meistern. «Ich versuche zwar, Christian möglichst überall mitzunehmen. Aber immer geht das nicht», erzählt sie. Unterstützung erhält die Mutter zweimal pro Woche durch die Spitex. Aber ebenso wichtig ist der Entlastungsdienst Schweiz. Der gemeinnützige Verein hat sich zum Ziel gesetzt, denjenigen Familien zu helfen, welche physisch oder psychisch kranke und behinderte Kinder und Erwachsene zu Hause betreuen. «Der Entlastungsdienst geht weit über die Pflege hinaus. Er ermöglicht den Hauptbetreuenden, ihren eigenen Bedürfnissen nachkommen zu können», erklärt Christine Meier.
Chemie muss stimmen
Die Wohlerin ist Vermittlerin für die Bezirke Muri und Bremgarten. Ihr ist es ein grosses Anliegen, dass die Hilfe schnell und unkompliziert zu den Menschen kommt. «Wenn ich eine Anfrage erhalte, soll der Dienst in zwei bis drei Wochen ins Laufen kommen», erklärt sie. Noch wichtiger aber ist es, dass der Rahmen stimmt. «Die Angehörigen müssen die Gewissheit haben, dass die betreffende Person in guten Händen ist», sagt Meier. Heisst: Die Chemie zwischen der betreuten Person und den «Engeln» vom Entlastungsdienst muss stimmen. In jeder Beziehung.
So wie im Fall von Christian. Damit Mutter Rita ihre Schwester in der March besuchen kann, kümmert sich Doris Bründler um ihn. Obwohl die Familie kürzlich ins Freiamt gezogen ist, übernimmt die Glarnerin weiterhin den Entlastungsdienst. «Ich tue das wirklich gern», sagt sie, «und ich gehe jedes Mal mit einem guten Gefühl nach Hause.» Rund 300 Betreuungspersonen sind für den Dienst in den Kantonen Aargau und Solothurn im Einsatz. Und sorgen so dafür, dass belastete Familien zu ein paar unbeschwerten Stunden kommen.
Einfach wieder mal durchatmen
Besuch bei einem Einsatz des Entlastungsdienstes im Freiamt
Seit der Geburt vor 48 Jahren ist Rita Rieder für ihren schwerstbehinderten Sohn da. Heute aber kann sie für ein paar Stunden entspannen. Möglich macht dies der Einsatz von Doris Bründler vom Entlastungsdienst. Sie übernimmt für einen Tag die Verantwortung.
Chregi Hansen
Heute ist für Rita Rieder ein besonderer Tag. Denn heute fährt sie ganz allein in ihre alte Heimat und besucht ihre Schwester. Vielleicht nutzt sie die Zeit auch noch für einen gemütlichen Einkaufsbummel. Was für viele andere Frauen im Pensionsalter ganz normal ist, muss die Waltenschwilerin akribisch planen.
Der Grund dafür liegt im Moment noch im Pflegebett und beobachtet ganz genau, was um ihn herum läuft. Christian Föhn ist aufgrund seiner Behinderung rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Er leidet unter einer schweren Form der Cerebralparese. Artikulieren kann er sich nicht. Sich selber bewegen auch nicht. Doch heute Morgen strahlt er über das ganze Gesicht. Und drückt damit deutlich aus, wie sehr er sich über den Besuch freut. «Er liebt es, wenn etwas läuft», erklärt Mutter Rita.
Auch sie strahlt an diesem Vormittag. Bereits seit 6 Uhr morgens kümmert sich die alleinstehende Frau um ihren Sohn, hat ihn gewaschen, gepflegt, eingekleidet. War zwischendurch schnell mal mit dem Hund draussen. Doch bald schon kann sie die Verantwortung abgeben. Sie freut sich auf ein paar freie Stunden. «Christian ist der wichtigste Teil meines Lebens. Ich habe Mühe, wenn wir getrennt sind. Aber es ist schön, ihn an diesem Tag in guten Händen zu wissen», sagt sie.
Die glückliche Ausnahme
Und das wird ihr Sohn an diesem Tag sein. Denn ab jetzt übernimmt Doris Bründler das Kommando in der Wohnung. Die diplomierte Pflegefachfrau ist extra von Glarus ins Freiamt gekommen, um sich für einen Tag um den Sohn zu kümmern. «Eigentlich habe ich aufgrund meiner beruflichen Belastung keine Zeit mehr für Entlastungsdienste. Aber für ihn mache ich eine Ausnahme», sagt sie mit einem Lachen im Gesicht, während sie den 48-jährigen Christian routiniert mit einem mobilen Lifter vom Bett auf den Liegerollstuhl bringt. Sie muss den Tagesablauf und die Hilfsmittel genau kennen. Mutter Rita setzt in dieser Zeit schon einmal Kaffee auf in der Küche. «Dass jemand vom Entlastungsdienst nach einem solchen Umzug weiterhin für eine Person sorgt, ist eine Ausnahme», erklärt Vermittlerin Christine Meier. «Umso glücklicher sind wir natürlich darüber. Denn es ist unser Ziel, dass möglichst immer die gleiche Person für eine Familie zuständig ist.»
Professionelles Angebot
Erst seit Kurzem wohnen Rieders in Waltenschwil. Im Bünzpark haben sie eine Wohnung im Erdgeschoss gefunden, die ihren Bedürfnissen entspricht. Mit breiten Gängen und wenig Türen, damit das Manövrieren mit dem Liegerollstuhl einfach ist. Und mit problemlosem Zugang auf den Balkon mit Sicht ins Grüne. «Ich habe Christian möglichst immer in meiner Nähe. Und er schaut mir gerne zu, zum Beispiel beim Kochen. Christian kann zwar nicht sprechen, kommuniziert aber mit seiner Mimik», erzählt die Mutter. Auch beim «Käfele» vor Ritas Abreise zur Schwester ist er dabei, immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. «Jetzt musst du dann aber los, sonst lohnt es sich nicht mehr», mahnt Doris Bründler.
Bis zum Abend wird sie sich um Christian kümmern. Sie tut dies mit einer grossen Herzlichkeit. Auch das Kochen wird sie übernehmen, «obwohl ich das nicht so mag», wie sie lachend erzählt. Sie weiss, dass sie viel Verantwortung übernimmt, denn Christian braucht rund um die Uhr Betreuung. «Der Entlastungsdienst hier im Aargau ist besser organisiert als bei uns im Kanton Glarus. Er ist viel professioneller aufgezogen», hat die Glarnerin erkannt. «Hier wird nicht einfach eine Dienstleistung vermittelt, hier hat man grosses Interesse am Menschen.» Das hört Christine Meier gerne. Die Wohlerin ist eine von neun Vermittlerinnen für die Kantone Aargau und Solothurn. «Es muss einfach passen zwischen der Betreuungsperson, dem Betreuten und den Angehörigen», sagt sie. Die richtige Person für den richtigen Dienst zu finden, das ist nicht immer einfach. «Manchmal hat man auch Glück. Wie in diesem Fall.»
Beitrag zum sozialen Wohl der Familien
Der Entlastungsdienst unterstützt Angehörige und Menschen mit Beeinträchtigungen. Zum Einsatz kommt er bei der Betreuung von Kindern, Erwachsenen und Senioren mit einer Behinderung, psychischer oder körperlicher Einschränkung, Demenzerkrankung sowie zur Unterstützung nach einem Spital- oder Rehabilitationsaufenthalt. Mit seinem Angebot leistet er einen wichtigen Beitrag an das soziale Wohl von Familien und unterstützt die Hauptbetreuenden dabei, ihre persönlichen Bedürfnisse wahrzunehmen. Mal Zeit für sich zu nehmen. So wie Rita Rieder, die heute unbeschwert in die March SZ fahren kann. Und dabei ihren Sohn in guten Händen weiss.
«Diese Unterstützung ist für mich wichtig», sagt die Mutter. Nur kurze Zeit lebte Sohn Christian in einer Institution, nach schlechten Erfahrungen kümmert sich Rita Rieder wieder selber um ihn. Hilfe anzunehmen, war für sie nicht immer einfach, gibt sie zu. «Man muss sich dabei immer ein wenig entblössen», erklärt sie. Das bestätigt Meier. «Nicht allen fällt es leicht, zuzugeben, dass sie es nicht allein schaffen», weiss sie. Sie findet es darum wichtig, den Entlastungsdienst noch bekannter zu machen. «Wir haben viele gute Frauen und einige wenige Männer, die sich gerne für die Sache einsetzen», sagt sie. «Weil sie die Menschen mögen.» Mit ihrem Einsatz tragen sie dazu bei, dass die pflegenden Angehörigen nicht selber zum Pflegefall werden.
Inzwischen hat Doris Bründler das Kommando übernommen, dreht mit Christian einige Runden, hilft ihm bei seinem störenden Husten, flösst ihm Wasser ein. «Es liegt an mir, dass der Alltag für uns beide interessant ist», erklärt sie. «Ich will ihn doch nicht einfach vor den TV setzen. Das bringt ihm und mir nichts.» Mit ihrer fröhlichen und farbigen Art zaubert die Glarnerin immer wieder ein Lächeln auf das Gesicht des 48-Jährigen. «Er ist in den vergangenen Jahren zu einem guten Freund geworden. Denn er bringt mich dazu, mich selber zu zentrieren.»
Gefragter Dienst
In 764 Familien war der Entlastungsdienst Aargau-Solothurn letztes Jahr im Einsatz. 374 Mitarbeitende leisteten mehr als 15 000 Einsätze in der Betreuung. «Der Dienst richtet sich dabei nach den Wünschen der Angehörigen. Wir wollen, dass sie genau die Hilfe bekommen, die sie brauchen», sagt Meier. Das Wichtigste ist dabei das gegenseitige Vertrauen. Schliesslich gibt man nicht nur ein Familienmitglied in fremde Hände, oft überlässt man der Betreuungsperson gleich die Wohnung oder das Haus. «Es muss einfach für beide Seiten passen», weiss Meier. «Wenn das nicht der Fall ist, dann suchen wir nach einer neuen Person.» Der Entlastungsdienst biete ihr eine grosse Sicherheit, bestätigt auch Rita Rieder. «Ich sehe es Christian sofort an, ob er sich wohlfühlt.»
Gut verankert in den Regionen
Christine Meier kommt als Vermittlerin eine wichtige Funktion zu. Sie macht den Erstbesuch bei der Familie, sie sucht die passende Betreuungsperson aus. «Mein Ziel ist es, dass die Unterstützung spätestens nach zwei bis drei Wochen läuft», sagt sie. Darum sei es wichtig, dass die Vermittlerinnen lokal verankert und gut vernetzt sind. «Ich kenne das Freiamt, die Menschen hier und seine Institutionen, das hilft enorm», sagt die Wohlerin. Ihr ist es ein grosses Anliegen, dass es unter dem Strich für alle stimmt. Für die betroffene Person. Für die Mitarbeiter des Entlastungsdienstes. Besonders aber auch für die betreuenden Angehörigen.
«Menschen wie Rita beeindrucken mich. Sie kümmert sich fast rund um die Uhr um Christian. Und sie tut dies mit einem Strahlen im Gesicht», erklärt Christine Meier. Damit dieses Strahlen nicht verloren geht und auch die Angehörigen einmal «durchschnaufen» können, dafür setzt sie sich ein. «Es braucht manchmal gar nicht viel, um jemanden zu entlasten. Wir können da ganz verschiedene Angebote machen», erklärt sie. Vom Spaziergang bis zu einem ganzen Wochenende. Damit die Zuwendung für die Angehörigen nicht zur Überlastung wird. «Wir sind für sie da», sagt Meier zum Schluss.
Mehr Informationen zum Angebot gibt es im Internet unter www.entlastungsdienst. ch/aargau-solothurn.




