Ahnenforscher – nur als Hobby
17.05.2019 WohlenWie Bruno Breitschmid dank Familienstammbaum eine Geschichte über 38 Jahre verfolgte
Arnold Breitschmid war ein Strohflechter, der vor 120 Jahren von Wohlen nach Deutschland auswanderte. Vor 38 Jahren begann die Spurensuche.
Daniel ...
Wie Bruno Breitschmid dank Familienstammbaum eine Geschichte über 38 Jahre verfolgte
Arnold Breitschmid war ein Strohflechter, der vor 120 Jahren von Wohlen nach Deutschland auswanderte. Vor 38 Jahren begann die Spurensuche.
Daniel Marti
«Hier laufen die Zweige der Verwandtschaft zusammen», sagt Bruno Breitschmid. Und zeigt dabei auf den alten, ein wenig zerknitterten Familienstammbaum. Den Punkt, den er anvisiert, ist datiert mit der Jahrzahl 1697. «Damals, am Ende des 17. Jahrhunderts, gab es Gemeinsamkeiten», erklärt er. Mit diesen Gemeinsamkeiten verbindet er zwei Familiengeschichten, die des August Breitschmid (geboren 1915), das ist sein Vater. Die zweite Lebensgeschichte betrifft Arnold Breitschmid (geboren 1854), der später nach Dresden ausgewandert ist. Und im September 1991 tauchte dann ein Ehepaar mit ihrem Trabi aus der ehemaligen DDR in Wohlen auf. Gertraute und Wolfgang Huth-Breitschmid suchten die Spuren des Arnold Breitschmid.
Und Bruno Breitschmid, der ehemalige Wohler Gemeinderat, konnte damals ein paar Tipps liefern. Er reiste den Huths im Februar 1992 hinterher nach Dresden. Danach verlor man sich aus den Augen. Nun, 38 Jahre später, kreuzen sich die Wege erneut: Bruno Breitschmid trifft den Sohn der Huths, Egbert Huth. Zufälle gibt es. «Ein solches Erlebnis ist einzigartig», sagt Bruno Breitschmid. Er sei doch kein Ahnenforscher, betont er und korrigiert postwendend. «Doch, ein wenig ist es mein Hobby.» Eines mit einer ganz speziellen Geschichte.
Spurensuche dank Zahnbürste
Die Story «Alles fing mit einer Zahnbürste an…» drehte sich 38 Jahre lang – dank Bruno Breitschmid
Die Geschichte ist speziell und findet ein Happy-End. Am Anfang stand 1991 die Reise eines Ehepaars aus der ehemaligen DDR nach Wohlen. Sie suchten ihre Vorfahren. Zur Drehscheibe wurde jedoch Bruno Breitschmid, der ehemalige Wohler Gemeinderat. Er konnte den beiden weiterhelfen – und stiess nun auf den Sohn der DDR-Fahrer. Eine Geschichte voller Zufälle.
Daniel Marti
Sie hatten viel Mut. Und sie hatten ein Ziel, die Fahrt von Dresden nach Wohlen. Von der Heimat in die Vergangenheit. Auf den Spuren ihrer Ahnen. Nur, diese Fahrt fand vor 38 Jahren statt – unter völlig anderen Umständen als heute. Die Autofahrt begann in der ehemaligen DDR, die nach dem Mauerfall (1989) ab Oktober 1990 nicht mehr existierte. Im September 1991 setzten sich dann Gertraute und Wolfgang Huth-Breitschmid in ihren Trabi, das war das Allzweckauto der Ostdeutschen. 800 Kilometer im hellblauen Trabant mit der Nummer YEH 5-27, ohne Komfort, ohne Navi.
Die Suche nach dem Grossvater – auf Umwegen nach Wohlen
Gertraute und Wolfgang Huth-Breitschmid wollten die Geschichte der Breitschmids in der Schweiz verfolgen und erforschen. Von einer Freundin bekamen die Eheleute damals einen wertvollen Tipp. Sie kaufte in München eine Zahnbürste der Marke «Breitschmid, Kriens». Diese «Breitschmid»-Zahnbürste verlieh ihnen neuen Elan, um die Familiengeschichte aufzugreifen. Gertraute wusste damals nur, dass sie einen Grossvater namens Arnold Breitschmid gehabt hat, der 1854 in Wohlen geboren wurde. Dieser Arnold Breitschmid war gelernter Strohflechter, der Ende des Jahrhunderts dann nach Deutschland ausgewandert ist. Danach steckten die Huths in der Ahnenforschung in der Sackgasse.
Selbst der Inhaber der Firma der Zahnbürstenfabrik in Kriens, Hans Breitschmid, konnte dem ehemaligen DDR-Ehepaar nicht weiterhelfen. Immerhin führte er sie nach Wohlen, ins Strohmuseum und ins Gemeindehaus. Die Spuren des Arnold Breitschmid konnten sie allerdings nicht aufgreifen. Ihre Geschichte und warum sie in Wohlen gestrandet sind, erzählten die Huths dieser Zeitung. «Alles fing mit einer Zahnbürste an…» heisst der Titel der Story vom Freitag, 6. September 1991.
Gertraute und Wolfgang Huth-Breitschmid setzten sich wieder in ihren hellblauen Trabi, fuhren für ein paar Tage in die Ferien ins Wallis und dann zurück nach Dresden. Praktisch zur gleichen Zeit klopfte Bruno Breitschmid an die Türen der Redaktion. In den Händen hielt er einen Familienstammbaum. Auf diesem konnte Arnold Breitschmid identifiziert werden, der gesuchte Grossvater von Gertraute und Wolfgang Huth-Breitschmid. Dieser war tatsächlich von Wohlen aus nach Sachsen ausgewandert und begründete dort eine neue Strohindustrie.
Auf der Durchreise und aus den Augen verloren
Übrigens, der Vater von Bruno Breitschmid, August Breitschmid (geboren 1915), ist auf dem gleichen Stammbaum verewigt. Bruno Breitschmid, das ist der ehemalige Wohler Gemeinderat, ist also verwandt mit den Eheleuten aus Dresden. Im späten 17. Jahrhundert nahmen die beiden Stränge getrennte Wege.
Und was machte Bruno Breitschmid bei erster Gelegenheit? Er fuhr zu den Eheleuten Huth-Breitschmid. Im Februar 1992 besuchte er das Ehepaar in deren Haus in Lockwitz, das ist der südliche Stadtteil von Dresden. «Diese Geschichte hat mich einfach interessiert», blickt Bruno Breitschmid zurück. Darum telefonierte er zuerst nach Dresden. Und im Februar 1992 war er auf Durchreise in der ehemaligen DDR. «Aus purer Neugier» habe er dort vorbeigeschaut. Und die Diskussionen waren spannend.
Aber danach brach der Kontakt zur Familie Huth ab. Es gab damals nur vereinzelt Handys oder Mailnachrichten steckten praktisch in den Kinderschuhen. «Natürlich», so Breitschmid, «ich hätte mal anrufen können. Aber ich habe das Ehepaar aus den Augen verloren.» Und man war stets freundlich auf Distanz. «Wir waren immer per Sie.»
Dann war Sendepause. Vergessen. Vorbei. 21 Jahre verstrichen. Dann reiste Bruno Breitschmid im April 2013 nach Dresden – und die Geschichte drehte sich wieder langsam. In Dresden lernte er zufällig im «El Cubanito» die Kuratorin des Fasanenschlösschens, Margitta Hensel, kennen. Sie berichtete von der Renovation ihrer Strohtapete. Zeitgleich mit dem neuen Strohmuseum in Wohlen wurde zufälligerweise in Moritzburg die Renovation der Strohtapete gefeiert. «Selbstverständlich besuchte ich im Herbst die Moritzburg und das Fasanenschlösschen», erinnert sich der Wohler Ortsbürger. «Margitta Hensel erwähnte, dass vielleicht eine Zusammenarbeit mit dem Strohmuseum in Wohlen erfolgen könnte.»
Per Mail nach zwei Jahrzehnten: «Das sind meine Eltern»
Und der Zufall drehte sich weiter. Breitschmid ist acht Tage später auf das «Hotel mit Hut» in Kreischa gestossen. In Kreischa wurde der «Hutpfad» eingeweiht. Initiant und Strohhutspezialist war ein gewisser Thomas Werner. Zwei Jahre später kreuzten sich erneut die Wege von Bruno Breitschmid und Thomas Werner – und zwar anlässlich der Vernissage der Sonderausstellung «von Stroh zu Gold» im Fasanenschlösschen. Und dieser Thomas Werner erwähnte dann am 1. März 2017 in einer Mailnachricht nach Wohlen, dass ein gewisser Egbert Huth ihn besuchte, dessen Mutter eine geborene Breitschmid der «Färber-Dynastie Breitschmid» war. Zwei Tage später meldete sich Egbert Huth direkt bei Bruno Breitschmid per Mail – wegen dieses Ehepaars Huth mit dem Trabi. Die Originalbotschaft: «Ich kenne die beiden sehr wohl – es sind meine Eltern Wolfgang und Gertraute Huth. Die sind damals mit ihrem Trabi bis in die Schweiz gefahren.»
Faszinierend und wunderbar
Für Bruno Breitschmid schloss sich der Kreis, den er längst vergessen hatte. Kürzlich reiste er wieder nach Dresden. Logisch: Es gab am 13. April ein Treffen in Rabenau mit der Familie Werner und der Familie Huth. «Wir trafen uns zu einer Dampfbahnfahrt», so Breitschmid. Natürlich war der Zeitungsartikel im «Wohler Anzeiger» vom 6. September 1991 sofort ein grosses Thema. Und Egbert Huth hatte den Zeitungsausschnitt sofort zur Hand. «Alles fing mit einer Zahnbürste an…» steht dort als Schlagzeile. «Unglaublich», staunt Bruno Breitschmid. «So endet vorläufig die Geschichte, die im September 1991 im ‹WA› ihren Anfang nahm.»
Der ehemalige Gemeinderat schwärmt nochmals rückblickend: «Es war damals so mutig, mit dem Trabi so weit zu fahren.» Das Ehepaar, das vor 38 Jahren nach Wohlen reiste, ist in der Zwischenzeit verstorben. Gertraute verstarb 2003, Wolfgang Huth-Breitschmid im Jahr 2014.
Dass er nun den Sohn der Huths gefunden und getroffen hat, ist für Bruno Breitschmid faszinierend und bereichernd. «So spielt das Leben. Und solche Zufälle schreibt nur das Leben.» Bruno Breitschmid verspricht sogleich, er werde den Kontakt bewahren: «Wir treffen uns wieder.»
Bezeichnend ist auch die Mailnachricht von Egbert Huth: Er bekomme einfach so einen Kontakt zu Bruno Breitschmid und er erhalte ein weiteres Bild von seinen Eltern, schreibt er. «Es erscheint wie ein Wunder.»





